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ÖSTERREICH: Connecting people

Im folgenden Artikel stellen wir Connecting people* vor, ein Patenschaft-Projekt mit jungen Flüchtlingen. Zurzeit erleben wir, was eine aktive Zivilgesellschaft auf die Beine stellen kann. Hunderte freiwillige Helfer_innen begleiten und versorgen flüchtende Menschen auf ihrem Weg in eine andere Zukunft.
Dagegen übt sich das österreichische Innenministerium weiter konsequent in Realitätsverweigerung. Die Unfähigkeit, Krisensituationen zu managen, und der Unwille, mit der Zivilgesellschaft zusammen zu arbeiten, tritt immer wieder deutlich zu Tage. Aber die Menschen, darunter viele unbegleitete Minderjährige, kommen zu uns um – jedenfalls vorläufig – zu bleiben. Ihre Gründe sind so dringend, dass sie weder Zäune noch Gesetze aufhalten. Und während weiter Geld in Abschottungsmassnahmen fliesst und über Verteilungsquoten in Europa debattiert wird, stellen sich manche lieber auf ein Zusammenleben mit den «Neuen» in unserer Gesellschaft ein. In diese Richtung geht connecting people, ein Projekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Es besteht seit 2001. Es gibt 22 Patengruppen und zwei neue sind im Entstehen. Die zukünftigen Patinnen und Paten, die sich alle ehrenamtlich engagieren, werden in einer Vorbereitungsphase informiert und geschult, um anschliessend einen minderjährigen Flüchtling bei der Bewältigung seines schwierigen Alltags zu unterstützen. Im Rahmen dieser Schulung werden rechtliche Grundlagen vermittelt sowie eine Vorstellung vom Ablauf eines Asylverfahrens. Des Weiteren wird über die Bildungsangebote und -möglichkeiten für geflüchtete Jugendliche informiert und die Unterbringungseinrichtungen werden vorgestellt. Ein Themenabend zum Umgang mit traumatisierten Personen gehört genauso zur Vorbereitung wie der Erfahrungsaustausch mit bereits länger aktiven Patinnen und Paten. Die anschliessenden Gruppentreffen fördern das Kennenlernen innerhalb der Projektgruppe, die meistens zwölf Personen umfasst.
Persönliche Beziehung
Bei der Grundidee geht es darum, über eine konstante persönliche Beziehung zwischen den Jugendlichen und den Patinnen und Paten ein tragfähiges soziales Netz zu entwickeln und für alle Beteiligten bereichernde Erfahrungen und eine Erweiterung des Horizonts zu generieren. Die Partner_innen sind in der Regel Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, die in Wohngemeinschaften untergebracht sind. Kirchliche, gemeinnützige oder soziale Organisationen stellen, ausser dem Wohnraum, auch die Betreuer_in-nen zur Verfügung. Die Jugendlichen unterstehen rechtlich dem Jugendamt. Für die meisten unbegleiteten Jugendlichen bedeutet so eine Unterbringung die erste angemessene «Bleibe» nach der Flucht. Sie mussten oft monatelang in einem Erstverteilungszentrum warten oder mehrere Transfers zwischen unterschiedlichen Verteilungszentren quer durch Österreich durchmachen.
Kontrast zu anderen Jugendlichen
Der Unterschied zu gleichaltrigen Österreicher_innen, die ihre Identität in wechselnden «Peer-Groups» austesten, ihren PC «crashen», am Fahrrad oder Moped schrauben... , kurz in bekannten Systemen ihre Persönlichkeit entwickeln, kann grösser nicht sein. Die Situation geflüchteter Jugend-licher ist geprägt von langem Warten,  erzwungener Untätigkeit, von Ungewissheit über den Verbleib der Eltern und Geschwister, Unsicherheit über behördliche Entscheide und fallweise Schulunterricht, von dem sie wenig profitieren können.
Das Asylverfahren kann durch jeden kleinen Fehltritt, der den Heimischen als «Jugendsünde» verziehen wird, negativ beeinflusst werden. Für das «Interview» vor der Behörde haben zwar alle Asylsuchenden eine Rechtsberatung und werden auch bestmöglich vorbereitet; dennoch bedeutet das Verfahren für die Betroffenen einen permanenten Stress und eine latente Bedrohung. Angesichts dieser Lebensumstände erklärt sich die Bedeutung von persönlichen Beziehungen von selbst. Ein Erwachsener, der sich Zeit nimmt, Aufmerksamkeit schenkt, zuhört und den Jugendlichen so etwas wie «Normalität» vermittelt, hat bereits die wesentlichen erforderlichen Beziehungskompetenzen einer Patin oder eines Paten. Es gibt keine «Lernziele», keinen «Erfolgsdruck». In der Beziehung soll es nicht ums Erziehen sondern ums Begleiten gehen. Durch regelmässige Treffen für ein paar Stunden in der Woche lernt man sich kennen und lässt langsam Vertrauen entstehen. Die mit der Zeit wachsende Selbstsicherheit ermöglicht den jugendlichen Partner_innen, zunehmend auf ihre eigenen Ressourcen zurück zu greifen und ihr Leben in der neuen Umgebung zu gestalten.
«Integrationswille»
Stellen sich da nicht die gleichen Fragen wie bei unseren Kindern, Schüler_innen oder jugendlichen Bekannten? Ja klar und auch nein. Viele dieser jungen Menschen haben für uns Unvorstellbares gesehen und erlebt. Sie haben ihr früheres Leben noch nicht abschliessen können – das sind schwierige Voraussetzungen für einen Neuanfang. Daher sind manche ihrer Reaktionen zuerst befremdend, unverständlich, oder es gibt gar keine Reaktionen. Für die Patinnen und Paten ist es wichtig, ihre Erfahrungen in der Gruppe austauschen zu können, sich gegenseitig zu berichten und zu beraten. Durch den niederschwelligen Zugang sind die Patengruppen meist bunt gemischt: Student_innen, Ehepaare, Alleinstehende, Pensionist_innen – jede_r bringt seine/ihre spezifische Sicht ein. Sehr oft bemerkt man bei solchen Gesprächsrunden, wie widersinnig die gängige Forderung an Asylsuchende und Migrant_innen ist, «ihren Integrationswillen» unter Beweis zu stellen. Die gesellschaftlichen Barrieren, von denen jede_r weiss, bekommen auch die Pat_innen sehr schnell zu spüren. Doch es zahlt sich aus, Menschen Lebensmöglichkeiten zu bieten. Kilian Kleinschmidt, Katastrophenhelfer und UNHCR-Sonderbeauftragter, rechnete bei der Ars Electronica in Linz am Beispiel Somalias vor, dass im Exil lebende Menschen einen 20 mal höheren Beitrag (434,56 Mrd€) zur Finanzierung ihres Ursprungslandes leisten als die weltweite humanitäre Hilfe beträgt (21,29 Mrd€).
Connecting people bietet einen verlässlichen Rahmen für alle engagierten Patinnen und Paten. Es gibt bei Bedarf professionelle Hilfe und auch Einzelcoaching, um niemanden mit den aufkommenden Problemen allein zu lassen. Gemeinsames Kochen, Feste und Veranstaltungen bestätigen immer wieder, dass es sich lohnt und noch dazu viel Spass macht, an einer offenen Gesellschaft zu arbeiten.

Mehr Informationen unter:
http://www.asyl.at/projekte/cp.htm
* Connecting People wurde 2011 mit dem Staatspreis in der Erwachsenenbildung für die Schulung ehrenamtlicher Helfer_innen ausgezeichnet.

verfasst von Gabi Peissl, Patin,  15.10.2015, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 241 (10/2015)

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