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ÖSTERREICH: Flüchtlinge im Dorf

Wie wir konkret Fremdenhass entgegentreten können. Ein Stimmungsbild aus der südlichsten Gemeinde Österreichs, in der 5 Prozent der Bevölkerung Asylsuchende sind.
Im Dezember 2013 kamen 30 Asylbewerber aus Afghanistan in das Bergdorf Eisenkappel-Vellach im Bundesland Kärnten. Sie wurden in einem Haus an der Pass-Strasse, die über den Seebergsattel nach Slowenien führt, 8 km vom Ortskern entfernt, untergebracht. Der Tierarzt hatte das dreigeschossige Haus zu diesem Zweck umgebaut und renoviert. In jedem Stockwerk gibt es Zimmer, eine Gemeinschaftsküche und einen Aufenthaltsraum mit Tischen und Fernseher. Mit einigen Freund_innen machten wir uns auf, um die neuen Einwohner willkommen zu heissen und um nachzufragen, ob sie etwas bräuchten. Der Bürgermeister schloss sich unserem kleinen Trupp an. Er hatte zu Beginn seiner Amtsperiode vor 6 Jahren vorgeschlagen, in der Gemeinde ein Erstaufnahmezentrum für Asyl-werber_innen einzurichten, und dafür einen Sturm der Entrüstung von Gewerbetreibenden, Parteien und der Leitung des Kurbades im Ort geerntet. Seither hielt er sich in dieser Frage eher zurück. Dann standen wir den 30 jungen, dunkelhäutigen Männern gegenüber. Einige sprachen Englisch und halfen bei der Übersetzung. Der Winter stand vor der Tür. Warme Jacken hätten sie schon bekommen. Sie wollten Deutsch lernen, Sport treiben und suchten Lammfleisch, welches sie im Supermarkt nicht finden konnten. Den Deutschunterricht haben einige Frauen ehrenamtlich übernommen, mit Sport war es schwieriger im Winter in diesem schmalen, abgelegenen Tal. Vom nächsten Schlachttag brachten wir von Longo maï Lammfleisch vorbei. Der Pfarrer lud die Neuen zum Pfarrcafé nach der Messe in den Pfarrsaal ein. Im Frühjahr wurden auf einer grossen Wiese an der Strasse Richtung Dorf Fussballtore aufgestellt und Fahrräder für die Asylwerber besorgt.
Fremdenfeindliche
Stimmungsmache
Später eröffnete der Tierarzt ein zweites und im September 2014 ein drittes Flüchtlingshaus. Die rechtsnationalistische FPÖ sammelte Unterschriften gegen die Asylwerber_innen - Heime. Eisenkappel habe schon genug Asylanten, hiess es. Sie gingen von Haus zu Haus. Wir wollten dieser fremdenfeindlichen Stimmungsmache etwas entgegensetzen, trafen uns mit einigen Gleichgesinnten und organisierten ein Willkommensfest für die 25 Frauen aus 14 Ländern, die in das dritte Flüchtlingshaus am Ortseingang des Dorfes, das frühere Gasthaus «Vellachtaler Hof», eingezogen waren. Offenbar dachten noch andere wie wir und hatten schon Kontakt aufgenommen. Wir sammelten etwas Geld in den Eisenkappler Vereinen, die mitmachen wollten, und gingen mit den Frauen aus Nigeria, Somalia, Eritrea, Syrien und Kasachstan Zutaten für das Festessen einkaufen. Der Kinderchor sang zur Begrüssung, wir brachten Kleider, Schuhe und Spiele, die Frauen boten die Spezialitäten aus ihrer Heimat an. Wir hatten dieses kleine Willkommensfest nicht an die grosse Glocke gehängt, denn wir wollten nicht, dass die Ausländerfeinde davon Wind bekämen. Viele Frauen hatten auf der Flucht Schlimmes erlebt. Nach Begrüssungsworten auf Deutsch, Slowenisch, Englisch und Französisch ergriffen Frauen aus Somalia und Nigeria das Mikrofon, um zu singen, dann sang der Bürgermeister und zum Schluss sangen alle gemeinsam. Am Abend sassen wir um die Feuerschüssel und stellten vorsichtig Fragen.
Am 25. Oktober organisierte der slowenische Kulturverein Zarja wie jedes Jahr am Tag vor dem österreichischen Nationalfeiertag im Pfarrsaal den Abend «Dober veèer sosed / Guten Abend Nachbar», der der Verständigung zwischen den Volksgruppen, in Kärnten deutsch- und slowenischsprachige, dienen soll. Nun waren viele andere Volksgruppen in unser Dorf gekommen. Wir fanden einige Asylsuchende, die bereit waren, auf der Bühne über ihr Land und ihre Flucht zu erzählen. Nach jedem Namen, der genannt wurde, um sie vorzustellen, applaudierte das Publikum, wie wenn Fernseh- oder Fussballstars die Bühne betreten würden. Die Leute waren von den Berichten erschüttert.
Das Flüchtlingsreferat der Landesregierung lud kurze Zeit später zu einer Informationsveranstaltung ein. Der Betreuer der Eisenkappler Asylsuchenden, eine Freiwillige, die Deutsch unterrichtet, und die Beauftragte des Flüchtlingsreferates sassen am Podium. Die Stimmung war angespannt, denn die FPÖ sammelte noch immer Unterschriften. Die Flüchtlingsbeauftragte erklärte ruhig und ausführlich die Rechte der Asylsuchenden in Österreich: Das Asylverfahren ist Bundessache. Der Bund verteilt die Asylbewerber_innen nach einer Quote auf die Bundesländer. Privatpersonen, die öffentliche Hand, die Kirche u.a. bieten dem jeweiligen Flüchtlingsreferat Quartiere an. Dieses prüft die Angebote sehr genau auf ihre Eignung, denn es hat in der Vergangenheit einige Skandale wegen desolater Unterkünfte gegeben, und bringt die Asylsuchenden dort unter. Die Gemeinde hat kein Mitspracherecht, kann den Zuzug aber verhindern, indem sie etwa keine Baugenehmigung erteilt oder diese verzögert. Die Asyl-werber_innen bekommen eine Grundversorgung vom österreichischen Staat. Diese umfasst Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung. Sind die Schutzsuchenden in Selbstversorgerhäusern mit eigener Küche untergebracht, bekommen sie  180€ im Monat für Lebensmittel und persönliche Bedürfnisse, kaufen ein und kochen selbst. Sind sie in Pensionen untergebracht, bekommen sie 40€ Taschengeld im Monat und es wird für sie gekocht. In diesem Fall erhält der Betreiber 19€ pro Tag und Flüchtling für Unterbringung, Essen und Betreuung. Das ist manchmal eine Alternative für Gasthäuser und Pensionen, die sich wirtschaftlich nicht halten können. In Eisenkappel wurde erstmalig ein Haus nur für Frauen eingerichtet, weil sie unter den Flüchtlingen eine kleine Minderheit darstellen, auf der Flucht häufig vergewaltigt oder missbraucht wurden und deshalb besonderen Schutz benötigen. Für Familien und Paare gibt es eigene Häuser.
Bei der anschliessenden Diskussion gab es viele positive Wortmeldungen zugunsten der Flüchtlinge. Vom Oberförster im Ruhestand, von der 75-jährigen Hebamme bis hin zu katholischen Frauen und linken Aktivist_innen fanden alle, dass wir den Flüchtlingen helfen müssen und hatten das auch schon getan.
Die Flüchtlingsgegner_innen wiederholten mehrfach, wir hätten schon zu viele aufgenommen und die Info-Veranstaltung sei schlecht angekündigt, andere Argumente hatten sie offenbar nicht.
Die Musik hat sich geändert
In Eisenkappel-Vellach hat der Betreiber der drei Flüchtlingshäuser einen Betreuer und eine Betreuerin angestellt, um die Asylwerber_innen bei Arztbesuchen, Behördengängen und allem Notwendigen zu unterstützen. Parallel zur schmalen kurvenreichen Strasse wurde für die Frauen im Vellachtaler Hof ein eigener Weg gebaut, damit sie zu Fuss sicher in den 2 km entfernten Ort gelangen können. Freiwillige unterrichten ehrenamtlich Deutsch, nehmen die Flüchtlinge zum Einkaufen und auf Ausflüge mit. Frauen aus Somalia gestalten das Kinderprogramm beim bäuerlichen Dorffest. Bei manchen Festen hat sich die Musik geändert: Wir tanzen nun auch nach arabischen Klängen. Die FPÖ hat irgendwann ihre Unterschriftensammlung eingestellt, ohne das Ergebnis bekannt zu geben.
Inzwischen leben in Eisenkappel 115 Flüchtlinge in drei Häusern. Bei 2300 Einwohner_innen sind das 5 % der Bevölkerung, weit mehr als die derzeit in Österreich diskutierte Quote von 1,5%. Von den ehemals Murrenden ist nicht mehr viel zu hören. Bei den Gemeinderatswahlen im März 2015 versuchte die FPÖ wieder Fremdenhass zu schüren und die Asylfrage zum Thema zu machen. Sie hatte damit keinen Erfolg, denn von den vier Mandaten im Gemeinderat blieb ihr nach der Wahl nur eines. Die slowenische Liste hingegen, die sich immer für die Flüchtlinge eingesetzt hatte, konnte ihre Mandate von vier auf acht verdoppeln.
Das alles geschah lange bevor die grosse Welle der Hilfsbereitschaft Österreich bewegte, und die Medien auch darüber berichteten. Ich vermute, es geschah an vielen Orten gleichzeitig, fast im Stillen, ganz normal. Die schweigende Mehrheit hatte sich schon lange in Bewegung gesetzt, um zu helfen. Für uns war es, im Nachhinein betrachtet, gar nicht so schwierig, die Stimmung im Dorf umzudrehen.


verfasst von Heike Schiebeck, Longo maï,  15.10.2015, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 241 (10/2015)

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