ÖSTERREICH: Klimaschutz - Kyoto für Kojoten
ute

«Halte unser Klima rein, kauf Produkte unserer Bauern ein.» Mit diesem Slogan wird von der Hagelversicherung und dem Lebensministerium Werbung für Produkte aus der Region gemacht. Kurze Transportwege brauchen weniger Sprit und schützen daher unser Klima. So die simple Logik, die wir tagtäglich hören dürfen.



Wenn die Leute dann noch mit Biosprit zum Einkaufen fahren, wäre das Klima geschützt. So sagt man. Stolz wird auch auf die neue Kraftstoffverordnung verwiesen, wonach ab 1.Oktober 2005 2 Prozent und bis 2010 5,75 Prozent Biosprit den Treibstoffen beigemischt werden muss. Schenkt man der offiziellen Werbung Glauben, fahren die ÖsterreicherInnen nun mit Biosprit aus heimischer Produktion und schützen damit das Weltklima. Leider ist dem nicht so. Denn die Klimaschutz-Werbung unterschlägt, dass ein Großteil der Biotreibstoffe am globalen Markt eingekauft wird. Dem nicht genug: So wurde 2004 90 Prozent der österreichischen Biodieselproduktion ins Ausland verkauft. Aber selbst wenn nach den derzeitigen Gegebenheiten von Anbau, Produktion und Transport der Biosprit aus regionalen Wirtschaftkreisläufen stammt, ist die Ökobilanz von Biosprit keinesfalls CO2-neutral. Da Biosprit nie aus biologischem Anbau stammt, werden beim Anbau Düngemittel und Pestizide benötigt. Deren Produktion ist natürlich sehr energieintensiv. Wie schlecht ist erst die Ökobilanz, wenn Österreich Biodiesel aus einem Land wie China importiert? Wem diese Frage absurd erscheinen mag, dem sei gesagt, dass erst im Frühjahr eine Wirtschaftsdelegation unter der Führung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in China 250.000 Tonnen Biodiesel eingekauft hat! Auch unser Lebensminister Josef Pröll war in Sachen Biosprit bereits in Brasilien unterwegs.


Biosprit aus armen Ländern


Die Nachfrage nach Biosprit wird weltweit zur Produktionssteigerung von Agrarprodukten für Biokraftstoffe führen. Biosprit, hergestellt aus Zuckerrohr, Soja oder Palmöl, angebaut auf den Monokultur-Plantagen der armen Länder, wird immer billiger sein als die Produktion von heimischen Kleinbauern. In Malaysia setzt man z.B. auf die Ölpalmenproduktion auf Kosten des Regenwaldes, der Kleinbauern, der Nahrungsmittelversorgung und der Ökologie. Stellt man einem Konzern wie Nestlé die Frage: «Woher kommen die Rohstoffe wie z.B. Palmöl?», gibt es die lapidare Antwort: «…dass es sich bei Pflanzenöl um eine Ware handelt, die nicht nach ihrem Ursprungsland eingekauft wird, sondern an der Börse!» Der Rohstoffeinkauf erfolgt somit auf dem virtuellen Marktplatz Börse, abgehoben von den negativen Auswirkungen des Einsatzes der Agrochemie auf die Natur und die Gesundheit der PlantagenarbeiterInnen. Es kann doch nicht sein, dass wir außerhalb Europas die Ökosysteme zerstören, damit wir bei uns so tun können als seien wir Klimaschützer? Nachwachsende Rohstoffe sind langfristig nur dann ökologisch vertretbar, wenn sie innerhalb der biologischen Landwirtschaft sinnvoll integriert werden. Aufgrund des Verzichtes der Anwendung von chemischen Dünge- und Spritzmitteln sowie des Verzichtes des Einsatzes von importierten Futtermitteln produzieren sie pro Hektar um zwei Drittel weniger CO2 als konventioneller Landbau.


Vielfalt im Anbau


Angebaut werden sollten Rohstoffpflanzen, die die Vielfalt des Anbausystems verbessern und sich im Zuge der Fruchtfolge positiv auf die Nahrungsmittelproduktion auswirken. Anstelle des großflächigen Anbaus einer einzigen Pflanzenart, wie zum Beispiel Raps, sollten prinzipiell nur Pflanzen zum Zug kommen, die ohne Düngemittel und Gifte auskommen. Die Palette reicht hier von Sonnenblumen, Flachs, Heil- und Gewürzpflanzen bis hin zu den verschiedenen Holzarten. Nachwachsende Rohstoffe müssen denselben ökologischen Kriterien wie Nahrungsmittel entsprechen. Weniger strenge Kriterien bei Saatgutwahl, Gentechnik, Fruchtfolge, Düngung und Pflanzenschutz sind nicht gerechtfertigt. Nicht außer Acht zu lassen ist dabei, dass Bioenergiegewinnung in Nutzungskonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht. Schon jetzt kauft der reiche Teil der Menschheit die Futtermittel zur Fleischerzeugung am Weltmarkt. So vertilgen Österreichs Masttiere jährlich über 600.000 Tonnen Import-Soja. Über die Hälfte davon ist übrigens Gentech-Soja. Diese Situation ist auf Energiepflanzen übertragbar. In Zukunft wird es daher nicht ausreichen nur zu fordern, dass Energiepflanzen nicht den Nahrungsmittelanbau verdrängen dürfen. Sollte der Energiepflanzenanbau für den Landwirt lukrativer werden als der Nahrungsmittelanbau - was bei weiteren deutlichen Preissteigerungen für fossile Energieträger nicht auszuschließen ist - wird der Anbau von Energiepflanzen weiterhin ansteigen. Die notwendige Folge davon wäre, dass Regierungen regulierend eingreifen und gegebenen-falls den Anbau von Energiepflanzen einschränken.


Gentechnik - ein Holzweg


Aber trotz der bereits vorhin erwähnten mannigfaltigen Vorteile der Biolandwirtschaft, setzt die Agrarlobby derzeit lieber auf eine weitere Intensivierung der HiTech-Landwirtschaft. Unbekümmert machen die Repräsentanten der agrarischen Forschung der Gentechnik den Hof. So erklärt uns Univ. Prof. Dr. Peter Ruckenbauer von der IFA Tulln im AgrarJournal «Unser Land»: «Unter Annahme, dass in der EU 50 Prozent der Anbauflächen von Mais, Raps und Zuckerrüben mit transgenen1 Sorten bestellt würden, könnten 14,5 Millionen Kilogramm Pestizide und Fungizide eingespart werden. Darüber hinaus würde die Vermeidung der bisher notwendigen mehrfachen Feldspritzungen durch die Landwirte auf einer Fläche von 7,5 Millionen Hektar auch Einsparungen von 20,5 Millionen Liter Diesel bringen…» Anstatt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und alle Gifte sowie chemischen Düngemittel aus der Landwirtschaft zu verbannen, setzt man voll auf die Gentechnik. Gegenwärtig bekommt die Wissenschaft zur agrarischen Gentechnik 1000mal mehr Forschungsgelder als die Biolandwirtschaft. Kein Wunder, denn nach Meinung der Gentech-Konzerne werden Pflanzen in Zukunft die Quelle für Brennstoffe sein. In diesem Sinne ist Biosprit das optimale Einfallstor für die Gentechnik: Probleme mit der Gesundheit sind bei einem Motor auszuschließen. Und laut Kyoto-Protokoll ist der Anbau von Gentechpflanzen für den Klimaschutz ausdrücklich erlaubt! Es wird mit einer simplen Logik argumentiert: «Mit dem Einsatz gentechnisch veränderter Bäume, die durch schnelleres Wachstum mehr CO2 speichern, können die Klimaschutzziele schneller erreicht werden.» Der Anbau von riesigen Plantagen mit Gentech-Monokulturen wird sogar als «Entwicklungshilfe» abschreibbar sein. Zusätzlich darf das in den Gentech-Monokulturen gespeicherte CO2 im eigenen Land als CO2-Einsparung eingerechnet werden. Wird Bioenergie nur als zusätzliche Energiequelle für einen weiterhin steigenden Energiebedarf gesehen, entstehen neue Probleme, ohne die anstehenden Probleme des Klimawandels lösen oder auch nur verringern zu können. Insbesondere bei Kraftstoffen ist der effektivste Klimaschutz durch Vermeidung, Verlagerung und Effizienzsteigerungen zu erreichen. Eine alte chinesischen Weisheit aus der Zeit vor Erfindung des Automobils besagt: «Solange wir nicht abweichen vom Weg, auf dem wir gehen, kommen wir dort an, wo der Weg hinführt!»


Christian Salmhofer*


Villach


 


*Klimabündnis Koordinationsstelle Kärnten, Mag. Christian Salmhofer, Rathausgasse 2 / A-9500 VILLACH, e-mail: kaernten@klimabuendnis.at, homepage:


 


www.klimabuendnis.at


 


1. Euphemistische Umschreibung von Gentechnik




 


 

verfasst von Christian Salmhofer* (Villach),  20.03.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 136 (03/2006)
Tags: Österreich
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 136 (03/2006)

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