ADIEU: Nicky Busch (7. Dezember 1948 ? 23. Mai 2005)
ute

Nicholas Busch ist am 23. Mai 2005 gestorben. Sein Herz hörte auf zu schlagen, als er  durch den Wald bei Falun in Schweden mit dem Fahrrad fuhr, wo er mit seiner Familie


lebte.


Für uns von Longo maï und vom Europäischen Bürgerforum war Nicky mehr als ein Freund, er war ein Gefährte der ersten Stunden, ein Mitstreiter bei allen Kämpfen, ein geistreicher und humorvoller Publizist, Komponist und Musiker, mit dem wir viele schöne Zeiten verbracht haben.


Ich möchte hier versuchen, kurz einige Etappen seines Lebens festzuhalten, die unseren gemeinsamen Weg geprägt haben.


Nicky Busch wurde 1948 in den USA geboren, wohin sein Vater, der Geiger Adolf Busch, emigriert war. Nach dessen Tod übersiedelte seine Mutter Hedwig, eine Ärztin, in ihre Schweizer Heimat. Nicky studierte Jura und schloss sich der Studentenbewegung an, die in Basel nach den Ereignissen von Mai 68 entstanden war. Im liberalen Basler Klima konnte sich diese gut entfalten und zog auch viele Jugendliche außerhalb des universitären Milieus an: Lehrlinge, Schüler, junge Arbeiter. Durch die Verbindung mit der Wiener Gruppe Spartakus entstand die Lehrlingsbewegung Hydra. Nicky erzählte über diese Zeit:


«Die Hydra bestand etwa zu 80 Prozent aus Lehrlingen. Die anderen waren Studenten, die nun die Lehrlinge entdeckten. Sie waren sehr schockiert zu erfahren, wie es in den Betrieben zuging, da in der Schweiz die Schulen nach Klassen getrennt waren und es kaum zu Kontakten zwischen den verschiedenen sozialen Schichten kam.


In der Hydra organisierten sich die Lehrlinge. Sie arbeiteten mit traditionellen gewerkschaftlichen Methoden. Sie verfassten Berichte mit Zeugenaussagen von Lehrlingen über die schlechte Ausbildung, die Ausnutzung usw. In diesen Aktionen erlebten wir, dass durch konkrete Resultate ein Gefühl der Stärke und eine echte Bereitschaft zur Veränderung geschaffen werden kann.


Die Hydra war politisch links, radikaldemokratisch, sehr pragmatisch. Sie kritisierte die deutsche 68er-Bewegung wegen ihrer rhetorischen Höhenflüge und ihrer Abgrenzung gegen die Bevölkerung. Die ‚Betriebsberichte‘ waren verständlich, die Lehrlinge schrieben mit. Sie wollten linksliberale, bürgerliche Kreise gewinnen und hatten auch keine Scheu vor Kontakten mit konservativen Milieus.


Die Hydra wollte konkrete Beispiele aufzeigen, nicht theoretisieren.»1


 


Im Frühjahr 1973 begannen Hydra und Spartakus mit dem Aufbau von Longo maï. Die Brüder Nicky und Thomas Busch verkauften ein Haus, das sie in Basel besaßen, um in der Provence das Land für die erste Europäische Kooperative zu erwerben. Mit wenig Vorkenntnissen, aber dafür mit umso mehr Enthusiasmus stürzten sich Studenten und Lehrlinge in die landwirtschaftliche Arbeit. Nicky war ein begeisterter Traktorist und Geiger. Mit einigen Freundinnen und Freunden gründete er die «Kulturgruppe von Longo maï», später «Comedia Mundi» genannt, die Longo maï auf Schritt und Tritt mit selbstgeschriebenen und – vertonten Liedern und mit viel Musik begleitet hat.


Im Herbst 1973 fuhr Nicky mit einer Schweizer Delegation nach Chile. Im Rahmen der unter anderen von Longo maï ins Leben gerufenen «Freiplatzaktion für Chileflüchtlinge» gelang es, einigen Tausend Menschen, die vor der Pinochet-Diktatur fliehen mussten, die Ausreise zu ermöglichen und ihre Aufnahme in Schweizer und österreichischen Gemeinden zu organisieren.


In den darauf folgenden Jahren war Nicky an zahlreichen Solidaritätsaktionen beteiligt. Als Jurist setzte er sich ausführlich mit dem Abbau der Grundrechte in den europäischen Gesetzgebungen auseinander, die sich gegen revoltierte Jugendliche, politische AktivistInnen, ImmigrantInnen und Flüchtlinge richteten. Der Beginn der 1980er Jahre war durch den Militärputsch in der Türkei und, in der Folge, durch die Ankunft zahlloser türkischer und kurdischer Flüchtlinge in Westeuropa geprägt. Viele Länder – an ihrer Spitze Deutschland und die Schweiz – reagierten mit Einschränkungen des Asylrechts. Nicky redigierte zahlreiche Broschüren zu diesem Thema, die vom Europäischen Komitee zur Verteidigung der Flüchtlinge und Gastarbeiter, dem CEDRI, herausgegeben wurden.


1984 wurde der Oberstleutnant Otelo de Carvalho, der Hauptstratege der Nelkenrevolution, die Portugal von 48 Jahren Diktatur befreite, zusammen mit 72 Mitgliedern seiner Partei FUP verhaftet und der Gründung und Leitung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Der darauf folgende Prozess veranlasste Nicky, eine vergleichende Studie der antiterroristischen Gesetzgebung in Europa zu erstellen. Im Rahmen einer internationalen Aktion, an der sich zahlreiche JuristInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen aus Europa und den USA beteiligten, wurde der Prozess gegen Otelo als Farce entlarvt und eine breite Öffentlichkeit auf die Gefahren einer Gesetzgebung aufmerksam gemacht, mit Hilfe derer man Menschen auf Grund von Meinungsdelikten einsperren konnte, ohne ihnen eine konkrete Straftat nachzuweisen. Otelo wurde schließlich nach fünf Jahren Haft freigelassen.


Kurze Zeit später zog Nicky mit seiner Familie nach Schweden, die Heimat seiner Frau Karin. Er wollte «dort etwas machen und in Bewegung bringen helfen». Seiner Meinung nach ließen sich «selbst eisverkrustete Pinguine (mit viel Geduld) politisieren. Im übrigen gibt es auch schon einige aufgetaute Pinguine.»2


Nicky und Karin kümmerten sich viel um ausschaffungsbedrohte Flüchtlinge, meist Kurden: «Mühselige Kleinarbeit, aber ab und zu kann man Leute retten». Er schrieb über Schweden: «Eine eigentliche politische Auseinandersetzung zum Thema Flüchtlinge und Nord-Südkonflikt findet hier zurzeit noch kaum statt. 60 Jahre Sozialdemokraten haben die Menschen total demobilisiert, und obwohl sich auch hier die sozialen Gegensätze fast täglich verschärfen, wird es wohl noch lange dauern, bis sich Widerstand regt. Thomas Harlan hat Recht: ein Elefantenfriedhof».3


Während mehrerer Jahre gab Nicky die Rundbriefe der «Platform Fortress Europe?» heraus. Hier analysierte und denunzierte er unermüdlich die neue europäische Gesetzgebung und den Aufbau eines für «Ausländer» geschlossenen Europas, überwacht von immer perfekteren polizeilichen Kontrollsystemen. Er schrieb viel und hielt Vorträge, vor allem in Schweden: «Die Leute beginnen allmählich zu verstehen dass die europäische Harmonisierung nicht nur billigeres Bier mit sich bringt…»3


Im Rahmen eines Seminars zum Thema «Hannah Ahrendt und die Welt von heute» schrieb Nicky den Beitrag «Werden wir alle Staatenlose?», in dem er sich mit Ahrendts Analyse des Totalitarismus und seiner Ursprünge auseinandersetzte. Er sah in ihren Arbeiten «Elemente der Erklärung von pathologischen gesellschaftlichen Phänomenen, die man in den europäischen Nachkriegsdemokratien für endgültig überwunden hielt, welche aber heute in einer Zeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen plötzlich wieder sichtbar werden.»


Er schloss mit den Worten: «Eines ist sicher: Wenn wir uns auf eine Bestandsaufnahme scheinbar hoffnungsloser Zustände beschränken, riskieren wir, ein Gefühl der Ohnmacht derart zu verinnerlichen, dass letzten Endes unser Denken und Handeln vollständig gelähmt werden. Damit würden wir in gewissem Sinne die ‚Kontrolle der Seelen’ akzeptieren, auf welcher der postindustrielle Totalitarismus aufbaut. Gefragt ist gemeinsames Denken im Dienste des politischen Handelns…»4


 


Sein letzter Kampf galt dem Europäischen Verfassungsvertrag. Auf etwa 20 Seiten hat er dieses Projekt ausein-ander genommen, analysiert, erklärt. Zwei Wochen vor dem französischen Referendum beteiligte er sich per Telefon an einer Sendung des südfranzösischen Lokalsenders Radio Zinzine zu diesem Thema. Über das französische «Nein» vom 29. Mai hätte er sich bestimmt gefreut…


Plötzlich Stille, unfassbar, schwer zu verstehen. Nicky hat uns viele Texte hinterlassen und viel schöne Musik – Musik, die in seinem Leben, sehr zu seinem Bedauern, zu kurz gekommen war. Es bleiben seine Kinder, Ideen und Projekte, die Erinnerung an seine unermüdlichen Bemühungen, Verbindungen und Netzwerke zu knüpfen und sie aufrecht zu erhalten, die es fortzusetzen gilt. Und es bleibt seine feine Ironie, sein – trotz eines (verständlichen) politischen Pessimismus - nicht unterzukriegender Humor, auch in den schweren Stunden.


 


Trixie Graf


EBF, Longo maï


 



1. Interview mit Nicky, November 2002, in meiner Diplomarbeit über die Europäische Kooperative Longo maï, Universität von Aix-en-Provence, Juli 2003


2. Auszug aus einem Brief aus dem Jahr 1990


3. Auszug aus einem Brief aus dem Jahr 1991


4. Archipel Nr. 49 und 50, 1998


 


Humor: zu wissen, dass es, nachdem man tapfer gewesen ist, alles nicht so schlimm ist.


Humor: zu fühlen, dass es von oben reichlich unsinnig aussieht, was wir hier aufführen. Und dennoch zu seiner Sache stehn. Und abends um neun, wenn alles fertig ist, zu wissen: Es lohnt sich kaum – aber man muss ran.


Kurt Tucholsky


 


Man ist in Europa ein Mal Staatsbürger und zweiundzwanzig Mal Ausländer.


Wer weise ist, dreiundzwanzig Mal. Ja, aber das kann man nur,


wenn man in die Sparte «Nationalität» schreibt: «reich».


Kurt Tucholsky


 
 06.09.2005, eingestellt von ute
Thema im Archipel 129 (07/2005)
Tags: ADIEU
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

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