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Agrarfreihandel - überleben dank Bio?

Landwirtschaft nährt uns. Punkt. Wenn jedes Land seinen Nahrungsbedarf weitgehend selber decken würde und wenn die landwirtschaftlichen Produkte zum wahren Preis verkauft würden, könnte ich hier mit Schreiben bereits wieder aufhören.

Leider ist es ganz anders gekommen. Das Verhältnis zwischen der Landwirtschaft und der Gesellschaft ist kein geschlossener Kreislauf. Die Landwirtschaft, der erste Sektor, geriet immer mehr unter den Druck des zweiten (Industrie) und dann vor allem des dritten Sektors (Handel, Finanz und Dienstleistung). In der kapitalistischen Wirtschaft wird dort produziert, wo’s am billigsten ist, und dort verkauft, wo der höchste Erlös winkt. Dieser komparative Kostenvorteil gehört in den relativ ortsunabhängigen zweiten und dritten Sektoren längst zum Profitmanagement.

Der Landwirtschaft hingegen ist solches Denken grundsätzlich fremd. Sie ist an vorhandene Flächen gebunden und will in der Region vermarkten. Zwangsläufig steht sie aber im Geldaustausch mit den bodenunabhängigen Sektoren, hinter deren Profitraten sie immer weiter zurückbleibt. So musste ein stetig wachsender Teil des landwirtschaftlichen Ertrags für Kredite und Maschinen ausgegeben werden. Gleichzeitig stieg der Zwang zu noch mehr Mechanisierung und zu noch mehr Krediten, um mit der ständig zunehmenden Produktivität der andern Sektoren halbwegs Schritt halten zu können. Ein Teufelskreis.

Wir könnten nun sagen: Stop! Das echte Mass an Produktivität und Gewinn ist an Boden und menschliche Arbeit gebunden, was darüber hinauswächst, ist nicht nachhaltig. Ja, klar. Bloss hält sich niemand daran.

Mit den Widersprüchen von Industrialisierung und Kapitalismus wurde die Landwirtschaft auseinandergebrochen. Im grossen Stil vollzog sich dieser Bruch erstmals mit der Kolonialisierung: mit der Herstellung von Kalorien in Plantagen des Weltsüdens für den Konsum im Weltnorden – die Wurzel für das, was heute beschönigend Agrarfreihandel heisst.

Tomaten aus Südspanien, unter Plastik und prekären Bedingungen produziert von Lohnsklaven aus Nord-afrika und Südamerika für ganz Europa. Crevetten aus Holland, geschält von Frauen in Marokko und im Angebot quer durch die Länder im Norden. Schweine aus belgischen Tierfabriken, lebend nach Italien gekarrt, wo sie zu Parmaschinken mutieren. Überschüssige Produkte der hochsubventionerten Landwirtschaften in Europa und Nordamerika, zu Billigstpreisen nach Afrika und Lateinamerika verschifft, wo sie den lokalen Bauern den Markt wegnehmen. Et cetera. We feed the World, wie der treffende Titel des noch immer sehenswerten Films * heisst.

Grenzenlos

Nun soll dieser Handel noch freier werden, heisst: noch grenzenloser. Nur eine Landwirtschaft, welche sich ganz und gar den Verwertungsbedürfnissen von Finanz und Industrie unterwirft, soll künftig überleben. In der aktuellen Verhandlungsrunde der Welthandelsorganisation (WTO) ist der Abbau von nationalen Schutzmassnahmen und Beihilfen für die Landwirtschaft ein zentrales Dossier. Die Einigung hierüber ist blockiert, kommt sie aber einst zustande, wird es für die Landwirtschaft in dicht besiedelten und wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern Westeuropas und Südostasiens sehr eng. Weil die Schweiz jeden zweiten Franken mit Exporten verdient, ist ihre führende Klasse bereit, die  Landwirtschaft zu opfern. Der Ex-Achtundsechziger und heutige Chef des rechtsliberalen Think-Tanks Avenir Suisse hat offen gesagt, wie in diesen Kreisen gedacht wird: Die Schweiz braucht keine Landwirtschaft, wir können unser Essen importieren! Tatsächlich gehört die Schweiz landwirtschaftlich schon lange zu den globalisiertesten Ländern; sie führt rund ein Drittel der konsumierten Kalorien ein.

Aktuellere Gefahr droht vom Freihandelsabkommen Landwirtschaft (FHAL), über welches die EU und die Schweiz seit November verhandeln. Der Schweizer Bauernverband meldet schon heute sein Nein zum befürchteten Ergebnis an: Die Nahrungsmittelpreise in der Schweiz, wo die Haushalte schon heute nur noch etwa zehn Prozent ihres Einkommens fürs Essen ausgeben, weniger als sonst wo, werden noch etwas weiter sinken – aber die Schweizer Landwirtschaft wird die Hälfte ihres heute schon schmalen Einkommens verlieren und damit wohl die Hälfte ihrer heute noch rund 60‘000 Höfe.

Die Agraropposition rund um Bio- und IP-Bauern sieht die Zukunft rosiger. Sie ist bereit, die EU-Kröte zu schlucken, falls die Schweizer Agrarpolitik eine Qualitätsstrategie wählt. Mit guten Produkten sollen die einheimischen Konsument/innen bei der Stange gehalten und dank Grenzöffnung gleichzeitig Absatzmärkte im umliegenden Ausland erobert werden.

 Illusionen

An der Basis der Ökobauernverbände kommt die optimistische Haltung der Führung nur bedingt an. Skeptische Stimmen warnen davor, der erhoffte Export von relativ teuren Schweizer Produkten könnte sich als Illusion entpuppen. So kann der Biopionier Werner Scheidegger, einst Geschäftsleiter der Biofarm, zwar verstehen, dass man mit einer Qualitätsstrategie Einfluss nehmen wolle, aber er setze keine Hoffnung in sie. Denn die Stossrichtung sei längst bekannt: mehr Wettbewerb und tiefere Preise, wie es der Wirtschaftsdachverband fordere und der Bund umsetze. Dagegen sei die «Landwirtschaft eine quantité négligeable, zumindest solange es noch genug zu essen gibt».

Eine Qualitätsstrategie könnte ein kluger Schachzug sein, wenn sie in eine langfristige Sicht eingebettet ist, welche regionale Kreisläufe und wahre Preise schaffen will. Weil die Landwirtschaft längst nicht mehr von ihren Produkten leben kann, wird sie seit Jahrzehnten aus Steuergeldern subventioniert und dirigiert. In den 1980er Jahren wurden in der Schweiz die plumpen Produktionssubventionen durch ein feineres System von Direktzahlungen abgelöst, ein Modell, welches die EU und andere Länder übernahmen. Mit diesen Zahlungen werden sogenannte multifunktionale Leistungen der Landwirtschaft abgegolten, zum Beispiel Landschaftspflege, Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit oder Besiedelung des ländlichen Raums – alles Leistungen, welche ein Bauernhof ohnehin erbringen würde, wenn er den wahren Preis für seine Produkte erhielte. Mit dem Argument der «Multifunktionalität» konnte die Schweiz ihre hohen Zahlungen bisher an den Bestimmungen der WTO zum Abbau der Stützungsmassnahmen vorbei retten.

Direktzahlungen sind allerdings ein politisch bestimmter Preis. Wenn die wirtschaftliche Stimmung kippt, werden sie gesenkt – soeben geschehen in der EU. Die Bauern verdienen dann noch weniger. Es sei denn, die Preise für Energie und Transporte stiegen derart, dass lokale Produkte billiger werden als importierte. Beides war vorauszusehen: Dass die Direktzahlungen einst dezimiert würden, und: dass dies geschehen werde, bevor die Energiepreise drastisch genug steigen.

Um diese Durststrecke durchzustehen, hatte ich vor acht Jahren in der landwirtschaftlichen Presse eine Qualitätsstrategie vorgeschlagen: Die ganze Schweizer Landwirtschaft mittels Direktzahlungen auf ein hohes Qualitätsniveau zu bringen und dank der guten «Marke Schweiz» Absatzmärkte in den benachbarten urbanen Ballungsräumen zu erobern, um die Betriebe zu erhalten, damit sie noch existieren, wenn wir uns Importe nicht mehr leisten können.

Heute halte ich nichts mehr von dieser Strategie. Vor allem darum nicht, weil die Marke Schweiz inzwischen stark beschädigt worden ist – von jenen Kreisen, welche glauben, unser Essen sei beliebig im Ausland produzierbar. Nachdem sie international beachtete Symbolträger wie eine Airline oder Grossbanken an die Wand gefahren haben, hat ein Schweizer Biokäse für die Münchner Prokuristengattin nicht mehr Charme als der billigere Biokäse aus dem Allgäu. Aus der Traum. Höchste Zeit, sich die Augen zu reiben, die Ärmel hochzukrempeln und sich darum zu kümmern, woher das Essen von morgen kommt. Von Bauernhöfen in der Nachbarschaft, mit denen wir zusammenarbeiten. bolo bolo! oder auf neuhelvetisch:

  

http://www.neustartschweiz.ch./

 

Für mehr Informationen:

 

http://www.kleinbauern.ch/02ba799b2f075d803.html

verfasst von Heinzpeter Studer, fairfisch, Schweiz,  28.02.2009, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 167 (01/2009)

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