AIM: Ausbildung von jungen JournalistInnen
martin.admin (nicht überprüft)


Im November 1995 war das Friedensabkommen, das die bewaffneten Auseinandersetzungen in Bosnien beenden sollte, in der amerikanischen Stadt Dayton abgeschlossen worden. Nur einige Tage davor wurde ebenfalls ein Vertrag in Erdut unterzeichnet, einem kleinen Ort am Donauufer in Ostkroatien, an der Grenze zu Jugoslawien.


Was Dayton für den Frieden in Bosnien bedeutete, das war Erdut für Kroatien. Die kroatischen Militär- und Polizeioperationen, Flash im Mai und Storm Ende August 1995, hatten zur Befreiung des Westens von Slawonien, des Nordens von Dalmatien und den besetzten Gebieten im Inneren Kroatiens geführt. Das Abkommen von Erdut ermöglichte nun eine friedliche, nicht-militärische Übernahme von besetzten Gebieten im Osten Slawoniens, wo die grösste Stadt, Vukovar, während des Krieges beinahe zur Gänze zerstört worden war. Der Friedensprozess, offiziell benannt „Friedliche Reintegration von Ostslawonien in das politische System der Republik Kroatien", wurde von den Vereinten Nationen geleitet. Es war vielen Beobachtern zufolge der erfolgreichste Friedensprozess, der je von der UNO geleitet wurde.


Doch das tägliche Leben der Menschen - Kroaten, Serben, Ungarn, Ruthenen von Osijek, Vukovar, Ilok, Vinkovci, Erdut oder Beli Manstir - schlug leider nicht immer ganz so schnell die von den Politikern in Zagreb, Belgrad, New York oder Dayton ausgehandelten Wege ein.


Einer der wichtigsten Aspekte dieses Prozesses war die Reintegration der Medien und der Journalisten in die bestehende Medienlandschaft der Republik Kroatien. Der jahrelange blutige Krieg, menschliches Leid und Zerstörungen hatten verheerende Auswirkungen auf Medien und Journalisten. Vor allem die jungen, die während des Krieges in der damals sogenannten Krajina aufgewachsen und ethnische Serben waren, warteten mit Spannung auf ihre Integration in die Medienlandschaft und das politische Leben in Kroatien. Auf der anderen Seite warteten auch kroatische Journalisten von Osijek, Vinkovci und anderen Orten im Osten Kroatiens darauf, dass die normale Arbeit in den Medien der ehemals besetzten Städte Vukovar, Ilok, Baranja usw. wieder aufgenommen werden könne... mit der gleichen Ungewissheit und Spannung.


Von der Trennung zum Austausch von Adressen


Die Leute von AIM hatten die Probleme des Alltags im Reintegrationsprozess im Osten Kroatiens lange beobachtet, als sie ein damals sehr ungewisses Projekt starteten. Im Herbst 1996 beschlossen sie, eine Reihe von Ausbildungskursen durchzuführen, an denen vor allem junge kroatische und serbische Journalisten aus dieser Region teilnehmen sollten. Besonders in den traditionell multiethnischen Gebieten hatte der Krieg die schlimmsten Spuren hinterlassen, ganz besonders auch in den Medien.


Die ersten Kurse wurden in Osijek und Vukovar abwechselnd organisiert, mit jeweils zwanzig Teilnehmern (zehn Kroaten von Osijek und zehn Serben von Vukovar). Es war sehr spannend, bei den ersten Treffen zwischen diesen jungen Leuten dabei zu sein. Am Anfang sassen die Kroaten an einer Seite des grossen, ovalen Tisches und die Serben an der anderen, als ob sie unausgesprochene Befehle befolgten. In den ersten Stunden ging es sehr ruhig zu, ungewöhnlich für junge Leute und für junge Journalisten noch mehr. Obwohl vor dem Krieg in dieser Region ausschliesslich das lateinische Alphabet benützt wurde, schrieben die jungen Serben in den ersten Stunden der Workshops ostentativ kyrillische Buchstaben.


Ohne dass Organisatoren oder Moderatoren eingegriffen hätten, vergassen die jungen Journalisten nach einigen Treffen, dass sie auf für Serben oder Kroaten bestimmten Stühlen sitzen sollten. Sie setzten sich so, wie es ihrem persönlichen Interesse und dem ihrer Publikation am besten entsprach. Radiojournalisten sassen neben ihren Kollegen, Fernsehjournalisten und „Papiertiger" ebenfalls. Auch die eifrigsten Verfechter der kyrillischen Schreibweise gaben am Ende des Workshops zu, dass das lateinische Alphabet einfacher und leichter sei für die schriftliche Kommunikation. Schliesslich tauschten sie Telefonnummern und e-mail-Adressen aus, legten weitere Treffen fest und beschlossen eine Zusammenarbeit zwischen ihren Medien.


Am Ende des Jahres 1998, als der politische Teil des Friedensprozesses offiziell endete, hatten an die 100 junge Journalistinnen und Journalisten, nicht nur Serben und Kroaten, sondern auch Vertreter ethnischer Minderheiten, an AIM-Workshops teilgenommen.


Interregionale Journalistenworkshops


Nach einer Reihe von erfolgreichen Kursen in Ostkroatien startete AIM ein einzigartiges Medien- und Bildungsprojekt für Südosteuropa. Die Entwicklung der Lebens- und Arbeitsbedingungen nach dem Krieg im Osten Kroatiens, im Nordosten Bosniens und in der Vojvodina (Serbien) ermöglichte den Einwohnern dieser Regionen eine bessere Kommunikation und Kontakte. Vor dem Krieg gab es eine traditionelle wirtschaftliche und kulturelle Kooperation zwischen diesen Regionen, repräsentiert durch Städte wie Osijek und Vukovar in Kroatien, Subotica und Novi Sad in Serbien sowie Tuzla und Brcko in Bosnien-Herzegowina. Dies war ebenfalls eine gute Grundlage für journalistische Zusammenarbeit.


Als die Idee solcher interregionalen Journalistenworkshops aufkam, hegten wir keine falschen Hoffnungen, dass die Teilnehmer nun von einem Tag auf den anderen die stark undemokratischen und intoleranten Strukturen in ihren Medien beeinflussen könnten. Wir glaubten hingegen, dass sie wichtige Elemente anlässlich zukünftiger demokratischer Initiativen in ihrer Umgebung sein würden.


Wir erarbeiteten in diesem Sinn ein Programm für die Workshops, Teilnehmer und Ausbilder vertraten gleichermassen die drei Regionen. Die Kursleiter waren bekannte Journalisten und Wissenschaftler von Osijek und Zagreb, Novi Sad und Belgrad, Tuzla und Sarajevo.


Für alle Teilnehmer war der erste interregionale Journalistenworkshop die erste Gelegenheit, Kollegen aus Regionen kennenzulernen, die durch den Krieg voneinander abgeschnitten worden waren. Doch sehr rasch stellte sich eine tolerante Stimmung ein. Es kam nicht nur zu einer konkreten, professionellen Zusammenarbeit zwischen den Journalisten, sondern auch zwischen den Redaktionskomitees, die einander Artikel zusandten, die in anderen Regionen publiziert werden konnten.


Interregionale und interuniversitäre Kooperation


Die Zusammenarbeit zwischen den Redaktionskomitees ist der beste Beweis für die Nützlichkeit dieses Projekts. Die Kooperation hat sich ausgeweitet auf Universitätsprofessoren von Tuzla, Zagreb, Osijek und Novi Sad, die sich anlässlich dieser Kurse begegnet waren. Es kam zu einem Austausch zwischen den Universitäten der drei Staaten.


Diese Entwicklungen zeigen bestens die Bedeutung dieses Projekts. Die Erfahrungen in bezug auf Organisation und Initiativen der Mitglieder des Netzwerks AIM, die Unterstützung durch Sponsoren wie der Europarat und das schwedische Helsinki-Komitee haben ein echtes interregionales Projekt im Bereich der Medien ermöglicht.


Obwohl die Idee des Projekts und die ersten Treffen stattgefunden haben, als die Unterzeichner des Vertrags von Dayton – Tudjman und Milosevic – noch an der Macht waren, hat der interregionale Journalisten-Workshop den Visumszwang und den Mangel an Verständnis überlebt. Die etwa 80 Journalisten, die an den verschiedenen Kursen teilgenommen haben, tauschen nun Artikel aus, die in den verschiedenen Regionen publiziert werden. AIM wird alles tun, um ihnen zu helfen, zum Beispiel durch die Schaffung einer Homepage, eine Art „Medien ohne Grenzen", auf der junge Journalisten ihre Artikel einem Publikum ausserhalb ihrer Ursprungsregion zugänglich machen können.


Svetosar Sarkanjac*


Journalist, Osijek


*Leiter der Bildungsprogramme von AIM in Ostslawonien und der interregionalen Journalistenworkshops

verfasst von Svetosar Sarkanjac, Journalist, Osijek,  10.12.2002, eingestellt von martin.admin
Thema im Archipel 100 (12/2002)
Tags: AIM
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