AKTUELL: Brennt Paris?
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Claire Fontaine ist eine Gemeinschaft von Künstlern, die 2004 gegründet wurde. Sie verwenden Neonlicht, Video, Skulptur, Malerei und Schrift als Ausdrucksformen. Der folgende Text, der die Unruhen in den französischen Vorstädten vom November 2005 ins Gedächtnis ruft, war Teil einer Ausstellung in der Region von Paris.


 


Liebe R,


Ich kann nicht sagen, ob es in vergangenen Epochen Städte gab, die nicht von den Barbaren, sondern von ihren eigenen Bewohnern angezündet wurden. Aber ich kann dich beruhigen: hier gibt es kein Brände, keine umgekippten Autos, keine eingeschlagenen Schaufenster und erst recht keine Barrikaden. Also nichts Neues, ausser einer drückenden, entsetzlichen Stille.


An den Strassenecken bleiben alle stumm, und die Gesten sind Ausdruck allgemeinen Schweigens. Was da schweigt, ist jedoch anders als das, was ohne Worte in den verkohlten Resten spricht, wovon der Wind uns den Geruch herüberweht.


Im Unausgesprochenen liegt die Schande. Die Schande dessen, der denkt, dass es immer die Ausländer sind, welche mit Taschen voller Unglück ankommen. Schändlich ist auch die Vorstellung, dass der Aufstand von den Einwanderern ausgeht, die wie alle anderen Epidemien über die schlecht bewachte Grenze kommen. Die Leute wiederholen wieder und wieder das Gleiche: das, was geschieht, geschieht woanders. An einem fernen Ort, der unerreichbar ist. Jenseits der Randbezirke und der grossen Bauten mit den von leuchtenden Buchstaben bedeckten Dächern. Noch hinter den Nationalstrassen, wo die Metropole ganz in Vergessenheit gerät. Weiter weg als der letzte Regionalbahnhof, den man sich vorstellen kann. Dort, wo in einer Szenerie voll Beton den rechteckigen Gebäuden nicht anzusehen ist, ob es Wohnhäuser, Schulen oder Kasernen sind. Dort, wo alles einem gewaltigen Krankenhaus für Unheilbare ähnelt. Nur dort, so sagen sie, passiert es.


Aber da ist etwas, das während der Reise an den Fenstern der Züge und Autos zu schnell vorbeirauscht, etwas, das mehr ist, als eine Landschaft, mehr als eine Masse von Objekten, die die Fahrt verwischt. Es ist eine Frage. Eine Frage nach den Kriterien, welche die Realität und ihre Wahrnehmung bestimmen, und auch eine Frage nach der Fabrik, wo dieses Woanders und dieses Bei-Mir-Zu-Hause hergestellt wird. Ich habe den Eindruck, dass dieses Woanders, das wir so schlecht kennen, mitten unter uns Platz nimmt, sobald es zu brennen anfängt, so dass man sagen könnte, es brennt auch hier, doch so wie eine infizierte Wunde, es pulsiert, aber schwach, kaum fühlbar.


Die Nächte sind ruhig seit der Ausgangssperre; nur die Schlaflosigkeit hat begonnen, sie auszufüllen. Wahrscheinlich sagen sich die vom Schlaf Vergessenen, dass das Leid eine neue Stufe erreicht haben muss, wenn so viele Leute die Verwüstungen einer offensichtlich demütigenden Normalität vorziehen. Und dass selbst die wachsamen Polizisten uns davor nicht schützen können. Dabei laufen wir Gefahr, an unseren eigenen Ängsten zu sterben. Doch es hat auch ein kleiner Sprung stattgefunden, und nichts ist mehr ganz wie zuvor.


Vielleicht weil die Täter plötzlich Wesen aus Fleisch und Blut geworden sind, mit denen wir jederzeit in Berührung kommen können. Aber auch, weil die Gründe für den Hass, die wir als ungerecht oder unverständlich deklarieren, uns doch in Wirklichkeit sehr vertraut sind. Ich weiss es nicht, und ich kann es auch nicht mit Gewissheit beurteilen.


Überall wird ständig wiederholt, dass Gewalttätigkeit nichts bringt, dass Gewalt keinen Sinn hat. Vor den Ausschreitungen herrschte möglicherweise nicht dieses Schweigen, aber es gab auch keine Worte für diejenigen, die vom Schicksal allein gelassen und an den Stadträndern zusammengepfercht wurden. Die nächtlichen Feuer haben eine neue Landschaft erhellt, sie haben eine Realität aufblitzen lassen, die nackt und wehrlos ist, haben eine aufkommende Möglichkeit in vorübergehendes Licht getaucht, aber welche? Und immerhin haben sich einige Zungen gelöst, so sagst du mir. Nun, du hast recht, ich lese und höre immer wieder Abgeordnete, Lehrer, Soziologen und Rapper, die sagen, dass das nicht geht, dass sich etwas ändern muss, dass es endlich aufhören muss, dass es so nicht weitergeht. Die Linken reden über die Gründe der Revolte, die Rechten von deren Auswirkungen. Aber was ich bei beiden heraushöre und was mir Angst macht, ist das Schweigen.


Irgendwo habe ich die Geschichte eines Philosophen gelesen, der sein Leben in der Irrenanstalt beendete, weil ihm klar wurde, dass seine Werke eine Ansammlung von Briefen waren, die er an die kommunistischen Proletarier gerichtet hatte, die diese aber niemals lesen würden. Ausschliesslich Intellektuelle lasen seine Bücher, und ihre einzige Wirkung waren deren Kommentare. Er musste doch in sich ein Schweigen verspüren, dem jetzigen sehr ähnlich, wie ein gewaltiger Einwand gegen das, was wir als unsere Gegenwart erleben. Sein Körper musste erfüllt gewesen sein von Leuten, die niemals sprechen. Leute, die nichts zu berichten haben von ihrem Leben ohne einen Funken Bildung, am Rande des Gesetzes, die sprachlos ausgeliefert sind und über die keine Erklärungen abgegeben werden. Seine Bücher mussten ihn doch plötzlich erkennen lassen, welche Ähnlichkeit besteht mit Aussagen von Zeitungen, Magazinen und Gerichten, die sich ausnahmslos gegen die Armen verschworen haben und die nichts anderes im Sinn haben, als die Welt ihren Händen zu entziehen. Er musste sich doch sagen, dass, wenn das Denken nirgendwo anders als zwischen Buchseiten auf das Leben trifft, die Zahl der Toten und die Höhe der Schäden, die nach jedem Aufruhr heruntergebetet werden, nichts bedeuten. Sie werden nichts sein im Vergleich mit der Not der Jahre, die uns erwartet, und nichts sein aus der Perspektive eines uns täglich begleitenden Gedankens: dass das, was zwischen unseren Körpern zirkuliert, jederzeit in klingende Münze umgerechnet werden kann. Es sei denn, etwas Aussergewöhnliches passiert.


Ich weiss nicht, was du unter Politik verstehst, ich denke, dass sie einen Grad von Intensität in den Gefühlsregungen meint, deren Allgemeingültigkeit nur in Gemeinschaft möglich ist. Natürlich spielen dabei viele Dinge eine Rolle; Institutionen und Wissen sind von Bedeutung, sie ist nicht nur auf pure Begegnungen beschränkt, ich selber glaube auch nicht an die spontane Ausbreitung von neuen Beziehungen unter den Menschen. Übrigens glaube ich deswegen auch nicht an den bewaffneten Kampf: Er will lyrisch und grandios sein, ist es ja manchmal auch, aber niemand wird durch ihn befreit. (…)


Es ist Tatsache, dass sie uns in Wohnungen, Arbeitsverhältnisse, Autos und zu Wünschen zwingen, die es uns sehr schwer machen zu lieben. Schon das Lieben von zwei, drei oder fünf Personen, einer sogenannten Familie, ist eine ermüdende Tätigkeit, wenn daraus eine nationale Pflicht wird, an die uns der Staat meint, fortwährend erinnern zu müssen. Was die Pflicht zu hassen betrifft, so muss diese nicht eingeführt werden. Selbst Unbekannten gegenüber wird sie gern erfüllt, und genügend Hüter der öffentlichen Ordnung, die während dieser Tage die Strassen bevölkern, haben aus dieser Fähigkeit die Essenz ihrer Berufs gemacht. Doch was die Leute am meisten schockiert, das ist der Hass, der auf die Dinge gerichtet ist: sehr bald werden Hunderte von lebendigen Leibern die Kerker füllen, weil sie Gegenständen Schaden zugefügt haben. Heutzutage sind die Gegenstände unsere besten Freunde, unsere grösste Liebe gehört ihnen, sie sind es, die wir endlos begehren. Und du, als Künstler, wirst mir nicht das Gegenteil beweisen können. Kurzum, du fragst mich, wie man sich hier fühlt. Man fühlt sich ungefähr so wie anderswo, umgeben von einer böswilligen Aufmerksamkeit, zu unnützen Verrichtungen genötigt, begierig zu verändern, ohne zu wissen wie. Man fühlt sich allein.


 


Claire Fontaine,


im November 2005


 


 


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 145 (01/2007)

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