AKTUELL: Die Elfenbeinküste, ein Schulbeispiel 1.Teil
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In der Art, in der in Frankreich die Krise der Elfenbeinküste ausschweifend kommentiert – aber nicht wirklich analysiert wird - kommt wieder einmal die Kraft eines geschichtlichen Revisionismus zum Ausdruck, der den Afrikanern allein die Verantwortung für ihr Unglück zuschreibt. Nicolas Furet, von Radio Zinzine versucht mit diesem Text, den wir in drei Teilen veröffentlichen werden, aufzuzeigen, dass die Situation in der Elfenbeinküste in verschiedener Hinsicht sehr bezeichnend ist.


 


Bezeichnend in Bezug auf ihre Kolonialgeschichte, den Neokolonialismus, die Pseudo-Unabhängigkeit und die neue Weltordnung made in IWF, WB, WTO 1, bezeichnend auch für die Beziehungen zwischen «Ex-Wilden» und «Ex-Kolonialherren», die geprägt sind von Gewalt, Manipulationen und der Art, die Bevölkerung wie Kinder zu behandeln.


Bezeichnend auch für die allgemein herrschende politische Konfusion, sowohl bei den untereinander rivalisierenden Stämmen der Elfenbeinküste, als auch bei den neo-gaullistischen Baronen oder den kleinen sozialistischen Marquis der «France-Afrique» 2.


Stephen Smith, ehemaliger Redakteur der Berliner «Tageszeitung», liefert in seinem vor kurzem erschienenen Buch «Negrologie» eine Sammlung von vorgefertigten Ideen, die ein in den Industriestaaten eventuell aufkommendes schlechtes Gewissen beruhigen sollen. Das Buch hätte auch «Die Abenteuer von Banania und Bambula» heißen können, aber der Autor ist nicht Hergé, sondern heute ein Journalist von Le Monde, und er fand diesen Titel anschaulicher.


Sein den Völkern gegenüber herablassendes und rassistisches Buch wurde leider ein Bestseller, prämiert vom französischen Fernsehen und begrüßt von den großen Denkern unserer medien-politischen Intelligentsia, für die «Erinnerungspflicht» eine Selbstverständlichkeit ist, wenn es um die Verbrechen von Stalin und Hitler geht. Aber dies gilt offensichtlich nicht für die Geschichte Afrikas. Warum eigentlich?


Die lange Geschicht der Kolonisation


Warum ist dieses Land, das lange Zeit als Schaufenster Frankreichs in Westafrika galt, plötzlich in Chaos und Bürgerkrieg versunken? Sehr wahrscheinlich, weil es nichts Plötzliches in dieser Geschichte gibt außer für einige Tausend Franzosen - halb Kolonialherren, halb Entwicklungshelfer - welche die «sechsundfünfzigste Ethnie» des Landes darstellten, und im besten Fall von einem etwas überheblichen Paternalismus geleitet waren.


Ein Rückblick auf die lange Kolonialgeschichte ist wichtig, um die Gründe und Ursachen aufzuzählen, die meistens weder mysteriös noch unverständlich sind und die heute zur Auflösung der Elfenbeinküste, gestern Ruandas und Kongo-Zaires durch Brudermorde geführt haben.


Erinnern wir uns, dass die Kolonialmächte, zusammengeführt von Bismarck und dem belgischen König Leopold II, an der Konferenz von Berlin 1885 vorschlugen, Afrika wie einen großen Kuchen untereinander aufzuteilen, um zu verhindern, dass sich die «zivilisierten Völker» wegen Negerstämmen bekriegten - nachdem sie die afrikanischen Völker schon hinreichend massakriert und deportiert hatten. Das Resultat waren Länder, deren Grenzen oft mit dem Lineal gezogen wurden, vollkommen gleichgültig gegenüber den Realitäten der Menschengruppen, die sie bevölkerten. An vielen Orten fand sich die willkürlich auseinander gerissene Bevölkerung in zwei oder drei verschiedenen Staaten wieder.


Die Elfenbeinküste wurde 1889 französisches Protektorat, auch sie entging den Linealen der Geometer nicht. Vor allem im Norden wurden Angehörige derselben Stämme plötzlich Nachbarn verschiedener Länder. Vor diesem Hintergrund wurde später der ethnizistische und ausländerfeindliche Diskurs über das Konzept «Zugehörigkeit zur Elfenbeinküste» noch explosiver und drohte, sich auf die ganze Region auszubreiten.


Kommen wir zu unserem geschichtlichen Abriss zurück. Worin bestand die Kolonisation? Natürlich in der Bereicherung der privaten Gesellschaften und der Kolonialmächte durch den Dreieckshandel und die zügellose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. So ein «Zivilisierungsunternehmen» brauchte natürlich einen starken, ja despotischen politischen, militärischen und bürokratischen Rahmen, denn kein Volk kann Enteignungen und Erniedrigungen einfach hinnehmen, ohne sich aufzulehnen. In Frankreich wurde das « Strafgesetzbuch für Eingeborene» verfasst. Im Vergleich dazu scheinen Gefängnisordnungen wie ein Wunder der Menschlichkeit und der Emanzipation. Wie sagte noch Jules Ferry mit Kraft und Überzeugung in der Nationalversammlung am Ende des 19. Jahrhundert: Es ist die Pflicht der Republik, sich zu opfern, um «minderwertigen Rassen», d.h. den Negern Afrikas, zu helfen, uns ähnlich zu werden. In diesem edlen Sinn durften sie die Freuden und die Sternstunden unserer beiden Weltkriege und einige koloniale Abenteuer mit uns teilen.


Die Stunde der Unabhängigkeit


Nichts zu machen - unter dem Druck der weltweiten geopolitischen Neugestaltung schlägt die Stunde der «Unabhängigkeit», obwohl die armen Völker es eigentlich noch nicht geschafft haben, sich auf unsere vortreffliche moralische, demokratische und technische Ebene zu erheben. Die Kolonialherren konnten nicht anders, als die Geschäfte des Landes nun ihren Schützlingen zu übergeben. Die sie mit Kraft und Überzeugung beschützen werden. An der Elfenbeinküste ist es Houphouët Boigny «der Weise», «der Alte», der 1958 von einem gewissen François Mitterrand, dem damaligen Staatssekretär für Übersee, dem Rassemblement Democratique Africain (eine Sammelbewegung) als Chef aufgezwungen wurde.


In Le Monde diplomatique von April 2003 erklärt der Journalist aus der Elfenbeinküste, Bernard Doza, die Vorgehensweise während der Machtübergabe: «Es war ein französischer Jurist, der in einem Büro der Nationalversammlung in Paris die zukünftige Verfassung der Elfenbeinküste schrieb und dem «Premierminister» F. Houphouët dem Premierminister vorlas. Diese Verfassung sollte als Rahmen für die «Beschlagnahmung» der Unabhängigkeit dienen. Der am 3. August 1960 zum Präsidenten geweihte Houphouët-Boigny ließ dieses durch und durch kolonialistische Gesetz von der Generalversammlung der Einheitspartei durch Zuruf verabschieden (...) Frankreich kontrollierte strengstens den Geldverkehr und die Wirtschaft des Landes. Ein Investitionsgesetz im Kolonialstil, das den französischen Firmen erlaubte, die Gewinne ohne Steuern und Abgaben nach Frankreich auszuführen, ermöglichte diesen einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung auf (…). Dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Elfenbeinküste Auslandsschulden in der Höhe von 17 Milliarden Dollar hat». 


Nach der Kolonialverwaltung, deren «Hauptverdienst» die Unterwerfung und Verdummung der Bevölkerung war - Bürgerrechte, sonst der Stolz der glorreichen französischen Republik, waren nie vorhanden - kam die Epoche der Pseudounabhängigkeiten und des «Foccardismus» 3 im Schatten von General De Gaulle. Dies war die Zeit der «30 Ruhmreichen» oder Keynes kapitalistischer Ökonomie, die Frieden, Wachstum und Glück für die Ewigkeit versprach. Und es stimmt, wenn die Reichen noch reicher wurden, wurden die Armen etwas weniger arm, auch an der Elfenbeinküste. Unter dem wohlwollenden Auge des weißen Bruders erlebte die Wirtschaft eine Glanzzeit, vor allem auf Grund des Exports von Kaffe und Kakao. Dafür musste viel Wald gerodet werden, brauchte es viele Tagelöhner aus den Nachbarländern, ein Teil von ihnen ließ sich ohne Probleme in diesem reichen Land nieder.


Aber die 1970er Jahre läuteten eine neue Etappe der kapitalistischen Entwicklung ein: Druck der multinationalen Konzerne, die immer mächtiger und autonomer wurden, massiver Andrang von Erdöl-Dollars in den großen Banken und Finanzplätzen auf Grund einer enormen Erhöhung des Erdölpreises, Revolution in der Informatikbranche, die einseitige Entscheidung der Amerikaner, die Verträge von Bretton-Wood zu brechen, indem sie den Indexwert des Dollars mit dem des Goldes austauschten. Wahrscheinlich kommen auch noch uneingestandene politische Überlegungen, die in Think tanks oder im geschlossenen Kreis der «Trilaterale» diskutiert wurden, dazu. Diese wurde von Jimmy Carter ins Leben gerufen, da große strategische Fragen zu wichtig sind, um sie in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Dort ist es besser, allen einzuhämmern, es gäbe keine Alternative. Die Verdummung der Massen ist immer ein wesentlicher Schlüssel zur Macht.


Rien ne va plus beim Roulette des Weltcasinos


Aber kommen wir zurück zu unserer «Erinnerungspflicht» und zur Elfenbeinküste. In den 1980er Jahren stockte das weltweite Kursroulette der Rohstoffe. Natürlich nur für die Produzenten. Die Kaffee- und Kakaopreise hörten nicht auf zu fallen, die Produzenten waren gezwungen, für denselben Preis mehr zu produzieren. Dadurch fiel der Kurs noch mehr. Ein weiteres Problem stellte sich: Die Zusätze wie Dünger, Pestizide, Herbizide und andere Errungenschaften der «grünen Revolution» stiegen im Kurs. Die «freie Marktwirtschaft» ist wirklich schlecht gemacht für die Rohstoffproduzenten. Dazu kommt, dass die Weltbank verschiedene «Entwicklungsprojekte» weltweit finanziert und sie so untereinander in Konkurrenz stellt; die Überproduktion ist voraussehbar, bietet aber gute Vorwände zur Rationalisierung und Kapitalkonzentration. Für die sogenannten «Entwicklungsländer» ist das eine Katastrophe. Der Schuldenberg wächst unaufhörlich und führt unweigerlich zu einem Strukturanpassungsplan des IWF und seiner Experten. Man muss den Spielraum der Nationalstaaten vor allem in Bezug auf Umweltschutz einschränken, damit die multinationalen Konzerne ungestört walten können. Dies ist ein unumgängliches Dogma dieser «Wirtschafts-Inquisitoren», in deren Augen die Theorie von Keynes kryptokommunistische Ketzerei ist.


Ende der 1980er Jahre versuchte Houphouët, die Spekulanten in die Knie zu zwingen, in dem er die nationale Kakaoernte blockiert, damit die Preise wieder steigen. Er verlor diese Kraftprobe und musste seine Vorräte zu lächerlichen Preisen verkaufen.


Diese Wirtschaftskrise erschütterte die Elfenbeinküste nachhaltig durch einen rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Armut. In Abidjan, einer Stadt von 3-4 Millionen Einwohnern, soll es heute eine Arbeitslosenquote von 40 Prozent geben. Unter diesen Bedingungen war es nicht schwierig, die tapferen «Patrioten» zusammenzuschweißen und zu organisieren, und Gbagbo 4 ist politisch nicht dumm.


Die soziale Misere führte dazu, dass ehemalige nun «wegrationalisierte» Beamte und entlassene Lohnempänger in ihre Dörfer zurückkehrten. Doch dort stießen sie auf Schwierigkeiten: Das ihren Vorfahren gehörende Land, das sie zurückgelassen hatten, wurde seit langem von Bewohnern der Elfenbeinküste oder von Menschen aus den Nachbarländern bearbeitet. Die Spannung stieg, sowohl auf dem Land als in den Städten. Wenn der Reichtum schrumpft, verschärft sich der Kampf um die Verteilung der Krumen. Houphouët-Boigny schaffte es dennoch, die Einheit der Elfenbeinküste zu bewahren. Als Musterschüler führte er 1990 sogar ein Vielparteiensystem ein, um seinem früheren Paten François Mitterrand eine Freude zu machen.


 


Unterdessen in Frankreich


Hier hat sich die Konstellation rund um die panafrikanischen Akteure durch das Ende des Machtmonopols der rechten Parteien in Frankreich stark verändert. Schon Giscard d’Estaings Epoche 5 hatte das Wesen der französisch-afrikanischen Netzwerke verändert, die sich zum Teil Foccards Rührstab unter de Gaulles alleinigem Einfluss entzogen. Glanzvolle Zeit der «Spürflugzeuge» und der Diamanten Bokassas 6. Mit dem Einzug Mitterands ins Elysée werden die Verflechtungen der zahlreichen französisch-afrikanischen Netzwerke zu einem wahren Kopfzerbrechen für die an hinterhältige aber einfach identifizierbare Taten gewöhnten Beobachter. Fest steht, dass die französische Außenpolitik an Übersehbarkeit verliert. In der heutigen Krise der Elfenbeinküste muss man daher zumindest wissen, dass die «traditionellen Gefolgsleute» Chiracs Konan Bédié 7 unterstützten, während das Unternehmen Bouygues, Innenminister Sarkozy und der Sozialist Fabius, Ouattara 8 förderten. Die linke «Françafrique» unterstützte Gbago.


François-Xavier Vershave, einer der umsichtigsten Beobachter der «Françafrique», erklärt in einem Gespräch mit der Wochenzeitung «Politis»: «Als Chirac 2002 an die Macht kam, hatte er nichts dagegen, Laurent Gbagbo zu schaden. Die rechte Françafrique wusste von der Rebellion und spielte doppelt. Manche Netzwerke haben die Rebellen materiell unterstützt, andere haben Laurent Gbagbo Söldner geschickt. Die Ergebnisse dieser Unterstützung lassen sich am Verlauf der Frontlinien ablesen. Es gibt mehrere Franç-afriques, aber sie haben gemeinsame Interessen. Ihre Streitigkeiten schließen gemeinsame Abkommen zwischen Eingeweihten nicht aus.»


Nicolas Furet


Radio Zinzine



4. Laurent Gbagbo, historischer Gegner von Houphouët, gefangen genommen 1992, von armer Abstammung, aus dem westlichen Bété.


5. Präsident der französischen Republik von 1974 bis 1981.


6. Ein Diamantengeschenk des Diktators Bokassa an den französischen Präsidenten Giscard d’Estaing und eine groteske Betrugsgeschichte mit «Aufklärungsflugzeugen», die angeblich Erdölvorkommen «riechen» konnten, in Wahrheit aber mehr als Deckmantel für Veruntreuung von Geldern diente: Diese beiden Skandale ließen erstmals den Umfang und den zutiefst maffiösen Charakter der französisch-afrikanischen Beziehungen erahnen.


7. Konan Bédié, Baoulé aus dem Zentrum des Landes, «natürlicher Thronfolger» von Houphouët, demokratische Partei der Elfenbeinküste (PDCI).


8. Ouattara, ursprünglich aus dem Norden, ultraliberaler Technokrat, ehemaliger stellvertretender Direktor des IWF und Premierminister unter Houphouët, Gründer des «Rassemblement Républicain» (Republikanische Sammlungsbewegung).


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 123 (01/2005)

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