AKTUELL: Organizemos la lucha !
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Während auf europäischen Universitäten und Forschungsanstalten mit dem Prätext der weltweiten Hungerbekämpfung vom Großkapital finanzierte Gentechnologie vorangetrieben wird, findet der wahre Kampf gegen Hunger und ländliche Armut an anderen Orten statt. In allen Regionen der Welt sind kleinbäuerliche, indigene und landlose Bewegungen dabei, unter einem Motto zu kämpfen: «terra, alimento, dignidade e vida!» 1 Vom 12. bis 19. Juni trafen viele dieser Bewegungen zusammen: die IV. Internationale Konferenz der Via Campesina in Itaici/São Paulo in Brasilien wurde zum Forum für Austausch, Motivation und Stärkung der Bewegungen, die in ihrer Vielzahl eine große, weltweite Bewegung bilden.


«And when we’re talking about gender, we’re talking about our gender: women.» Mit dieser einleitenden Feststellung wurde die grundlegende Idee der 2.Frauenversammlung der Via Campesina, zu der sich im Vorfeld der Konferenz 123 Frauen aus 40 Ländern trafen, auf den Punkt gebracht. Ziel war und bleibt es, Strategien zu entwickeln, die die gleichgewertete und gleichberechtigte Partizipation von Frauen und Mädchen sowohl in den verschiedenen Bewegungen als auch in den Strukturen der Organisation Via Campesina selbst sichern und die spezielle Rolle der Bäuerinnen und Landarbeiterinnen in den Mittelpunkt zu rücken.


«Geschlechtergerechtigkeit in allen Bereichen unserer Arbeit» formuliert auch die Schlussdeklaration der zeitgleich stattfindenden ersten Jugendkonferenz der Via Campesina als ein Ziel. Prinzipielle Forderung war hier die Partizipation der jungen Leute in Bewegungen und Schirmorganisationen und die Schaffung von Perspektiven in der Landwirtschaft für die jungen und alle kommenden Generationen.


Die Konferenz selbst setzte sich intensiv mit der Bedrohung der bäuerlichen Landwirtschaft durch den Neoliberalismus, der Stärkung von bäuerlichen Basisbewegungen und der Organisation von Landlosen auseinander - so wie, auf einer theoretischeren Ebene, mit den eigenen Strukturen. In Podiumsdiskussionen, Arbeitsgruppen nach Region (wo wir die ÖBV 2 auf den Sitzungen der Coordination Paysanne Européenne vertraten) oder Sprache, bei den Vorbereitungen zur morgendlichen «mística», einer szenischen Darstellung von Ausbeutung und Aufstand und zwischendurch bei Kaffee, Wein und abendlicher Musik fand ein weltweiter Austausch statt, der keinerlei Ähnlichkeiten mit den Anzugrunden in Cancún vorweisen kann. Bei diesen informellen Treffen knüpften wir erste Kontakte mit VertreterInnen der Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra).


Die Zwanzigjahrfeier der MST fand direkt im Anschluss an die Konferenz statt. Sie wurde mit místicas, viel Musik und feierlichen Reden begangen. Da wir unseren Rückflug für Ende August gebucht hatten, blieb uns reichlich Zeit, in die Arbeit der MST Einblick zu gewinnen, unsere Erfahrungen von der Konferenz durch die landwirtschaftliche und politische Praxis einer der bedeutendsten sozialen Bewegungen Lateinamerikas zu ergänzen. Mit der Adresse eines MST-Sekretariats in der Hand, machten wir uns auf die mehrtägige Reise nach Itamarajú im Süden Bahias. Mit einem kurzen Anruf von der Bushaltestelle «Rodoviaria Itamarajú» begann ein spannender mehrwöchiger Aufenthalt in den Landbesetzungen der MST: herzlich empfangen und zu reichhaltigem Bohnenschmaus eingeladen, halfen wir beim Maniokschälen, Kakaoernten und Bohnendreschen, erzählten auf den Dorfversammlungen vom fernen, exotischen Österreich, ließen die internationale Solidarität hochleben und sorgten mit unseren Capoeira-Versuchen für Unterhaltung. Dabei spitzten wir die Ohren und lauschten einer Vielzahl von Geschichten, die alle zusammen die Geschichte der MST ausmachen.


Brasilien verfügt über etwa 360 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Diese Fläche ist auf rund 4,8 Millionen EigentümerInnen aufgeteilt. 2,4 Millionen von ihnen haben weniger als je 10 ha in ihrer Hand: insgesamt 2,2% der Gesamtfläche. Ihnen gegenüber stehen 49.000 BesitzerInnen (1%) von jeweils über 1.000 ha Grundbesitz: 45% der Gesamtfläche. Die größte Besitzung erstreckt sich gar auf 3 Millionen ha, was der Größe Belgiens entspricht. Kurz um: Die Landverteilung im Brasilien ist durch extreme Ungleichheit gekennzeichnet.


Im Monats- oder gar Wochentakt finden Besetzungen von unproduktivem Land statt. Land, das in der Hand von GroßgrundbesitzerInnen, multinationalen Unternehmen oder gar des Staates brachliegt, zum Zweck der Bodenspekulation.


Sogar die Verfassung gibt den BesetzerInnen recht (wenn auch nur in der Theorie): Laut Artikel 5 muss bewirtschaftbares Land in Brasilien «soziale Funktion erfüllen», dem (Über)Leben dienen. Das von der MST besetzte Land dient der Subsistenzwirtschaft; es wird individuell und kollektiv bearbeitet; Häuser, eine Schule, ein Kulturzentrum werden errichtet: die «soziale Funktion» wird erfüllt. Doch auch Land, das nach dem Gesetz als produktiv (weil bewirtschaftet) gilt, kann für die MST das Gegenteil darstellen: «Für uns gilt Land als unproduktiv, wenn die Früchte nicht unserem Leben dienen. Von Eukalyptus können wir uns nicht ernähren», kommentiert Maesina, Koordinatorin des Gender-Sektors in der Region Extremo Sul de Bahia, die in Bahia so häufigen Eukalyptusplantagen der Multis. Vor dem Gesetz ist sie damit im Unrecht - so gilt es, Aktionen zu setzen, organisiert zu sein: Am 17. April diesen Jahres sammelten sich mehr als 3000 Menschen am Acampamento Lula da Silva wenige Kilometer westlich der touristischen Küstenstadt Porto Seguro, um 1,5 ha des benachbarten Landes, im Besitz des multinationalen Zelluloseunternehmens Veracruz, von der «Last des Eukalyptus» zu befreien. Die Bäume wurden in einer zweitägigen, zum Entsetzen des Unternehmens, von Medien und Öffentlichkeit genau beobachteten Aktion gefällt und zum Zeichen ihrer Wertlosigkeit für die brasilianische Bevölkerung verbrannt. «Wir wollten das Holz nicht einmal zum Bauen verwenden, wir wollten zeigen, dass diese Art der Produktion nutzlos ist», erklärt Maesina, die uns zum Acampamento Lula da Silva begleitet hat.


 Im gegenwärtigen Lateinamerika sind es die Regierungen Lula da Silva - in Brasilien -  und Chavez - in Venezuela - , deren Politik als neue Hoffnungsträgerin einer sozial gerechten Gesellschaft gilt. Hugo Chavez lenkt seit seinem Amtsantritt im Jahr 2001 die venezuelanische Regierung in einen scharfen Konfrontationskurs mit internationalen Finanzinstitutionen und der Regierung der Vereinigten Staaten Amerikas (Wiederverstaatlichung der Erdölindustrie, Landreform) und wurde dafür in einem von der rechten Opposition veranlassten Referendum vom 15.August im Amt bestätigt. Dem gegenüber wirkt die brasilianische Regierung unter Lula entgegen ihren anfänglich deklarierten Ansprüchen mutlos: zwar gebe es Ansätze einer Bildungsreform und die Zahl der polizeilichen Repressionen und Übergriffe von Privatmilizen der GroßgrundbesitzerInnen sei, abhängig auch von der jeweiligen Munizipalregierung, zurückgegangen; die Konzessionen an IWF und Weltbank aber bleiben bis auf weiteres bestehen, und die versprochene Agrarreform lässt auf sich warten.


Mehr Hohn als Hoffnung bedeutet da der Gewerkschaftsführer Lula, der uns mit MST-Kappe am Kopf von einem Poster des Movimento aus versichert: «Wäre ich nur einen Tag lang Präsident Brasiliens und könnte nur eine einzige Sache umsetzen, so wäre das die Landreform». Wobei die Landreform nicht einmal wie im südostafrikanischen Simbabwe die entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes bedeutet - im Gegenteil. In Gesprächen mit VertreterInnen der MST war  sogar die Rede davon, dass das Interesse einiger Latifundisten an der Besetzung ihres Landes nicht gering ist, da somit die Chance auf Verkauf über dem Marktpreis in erreichbare Nähe rückt. Dennoch bleibt die GegnerInnenschaft einer umfassenden Landreform aus mehrerlei Interesse bestehen: Bodenspekulation, Landnahme durch multinationale Konzerne, Klientelismus der besitzenden Klasse-Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse durch das Armhalten der Armen. Das schleppende Vorwärtsschreiten der Regierung Lula mag Strategie zur Konfliktvermeidung sein und weckt trotzdem Angst vor einer großen Enttäuschung der Hoffnungen auf eine progressive, sozial gerechte Gesellschaftsentwicklung. Diese Enttäuschung relativiert Maessina wiederum: «Als Lula gewählt wurde, übernahm er die Präsidentschaft, und nicht die gesamte wirtschaftliche Macht des Landes.» Es bleibt also nicht nur abzuwarten, sondern auch weiterzukämpfen: die wirtschaftliche Macht zu untergraben, die politische Freiheit zu erkämpfen, und den weltweiten Kampf für soziale Gerechtigkeit mitzutragen.


Dieter Behr


Wien


1. Motto der Via Campesina:


«Organisieren wir den Kampf: Land, Nahrung, Würde und Leben!»


2. Die ÖBV (Österreichische Bergbauern und Bergbauerinnen Vereinigung) ist die einzige österreichische Mitgliedsorganisation der Via Campesina.


 


Via Campesina


Die Via Campesina ist eine Schirmorganisation von kleinbäuerlichen, indigenen, landlosen und Landfrauen-Bewegungen aus über 80 Ländern Asiens, Afrikas, Europas und Amerikas. Sie ist der Zusammenschluss von Bewegungen mit dem Ziel des gestärkten solidarischen Kampfes und der gemeinsamen Strategienentwicklung. Die Prinzipien, die ihr zugrunde liegen, sind die von sozialer Gerechtigkeit in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Beziehungen. Die Via Campesina versteht sich auch als Teil der sozialen Bewegung, die die Opposition zu neoliberalen Institutionen wie der Weltbank, der Welthandelsorganisation und des Internationalen Währungsfonds bildet. 


Die Via Campesina wurde 1992 in Managua, Nicaragua von kleinbäuerlichen Organisationen Amerikas gegründet. 1993 fand die erste internationale Konferenz in Mons, Belgien statt, wo erste Richtlinien und Strategien zur weltweiten Organisation entwickelt wurden. Die zweite Konferenz fand 1996 in Tlaxacala, Mexiko statt, und stand im Schatten und im Zeichen des Massakers von Eldorado dos Carajás, Brasilien, der Ermordung von 21 LandarbeiterInnen durch die Militärpolizei. Als Gedenken und Mahnung wurde der 17.April zum Internationalen Tag des bäuerlichen Kampfes erklärt. Die dritte Konferenz fand im Jahr 2000 in Bangalore, Indien statt. Das Hauptaugenmerk war auf die Strategien gegen die Bedrohung der Landwirtschaft durch die Interessen des internationalen Kapitals gelegt.


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 121 (11/2004)

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