ANDALUSIEN: Das rote Goldfieber
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Die Delegation * des Europäischen Bürgerforums hat, als sie im März in Andalusien war, zuerst Almeria besucht 1 und danach Huelva, das Zentrum der Erdbeerproduktion. Dort verbrachte sie einige Tage in Begleitung von Vertretern der SOC (Sindicato de Obreros del Campo), hat die Arbeits- und Wohnbedingungen angesehen und mit den Betroffenen, den Saisonarbeitern und den Unternehmern gesprochen.


Die Anbaugebiete der Provinzen Almeria und Huelva sind durch eine 400 km lange Straße verbunden, gesäumt von Monokulturen, Tourismuszentren und unendlichen Getreidefeldern, Zitrus- und Olivenplantagen. Der größte Reichtum Andalusiens ist seine Landwirtschaftsproduk-tion. 90 Prozent von denen, die diesen Reichtum erzeugen, sind spanische und ausländische Saisonarbeiterinnen.


Der erste Eindruck von der Erdbeerregion ist weniger erschreckend als der von Almeria, wo die Gewächshäuser riesige Plastikhallen sind und den ganzen Raum zwischen Meer und Gebirge zudecken. In Huelva sind die Gewächshäuser normale Tunnel, die nicht bis zum Atlantikufer reichen. Dazwischen wachsen noch Wälder, die ehemals diese sandige Gegend bedeckten. Sehr schnell aber wird einem klar, dass die Wolken am Horizont keinen Regen bringen, sondern aus den chemischen Fabriken aufsteigen, die in der Stadt Huelva Dünger und «Pflanzenschutzmittel» erzeugen. In Bezug auf Umweltverschmutzung nimmt Huelva eine Spitzenposition in Spanien ein. Hier kommt die Sonne niemals ganz durch. Ganz in der Nähe befindet sich ein Naturschutzgebiet, das aber kaum geschützt wird, obwohl es von entscheidender Bedeutung für die Zugvögel ist, welche die Meerenge von Gibraltar überqueren.


Der Zyklus des roten Goldes


In Huelva wie in Almeria sind die Landwirte nicht Großgrundbesitzer wie sonst in Andalusien, sondern ehemalige Kleinbauern und Tagelöhner, die sich in den 1970er Jahren dort angesiedelt haben. Die «Landeroberung» hat mit der Besetzung und dem Roden des öffentlichen Waldes angefangen, ohne dass irgendjemand versucht hat, dies zu verhindern. Eine Düngemittelfirma hat als erste Erdbeeren angepflanzt und dabei kalifornische Methoden angewandt. Fast sofort hat sich dies als lukratives Geschäft erwiesen, und andere sind dem Beispiel gefolgt. Dank der Technisierung der Anbau- und Bewässerungsmethoden, dem massiven Einsatz einer Vielfalt von chemischen Produkten und dem Überschuss an billigen Arbeitskräften stieg die Produktion von 6500 Tonnen Ende der 1970er Jahre auf fast 350.000 Tonnen im Jahr 2004.


Die Produktion ist seit einigen Jahren stabil, die Anzahl der Hektar – heute etwa 7000 – sinkt aber (um 30 Prozent in fünf Jahren), ebenso die Anzahl der Landwirte. Der Grund dafür ist, dass für jede Etappe dieses Anbaus viel Geld nötig ist: 30 Prozent der Erdbeeren wachsen unter gewöhnlichen Tunnels, die restlichen 70 Prozent unter «Mikro-Tunnels». Schwarzes Plastik bedeckt den Boden. Dieses wird jedes Jahr ausgewechselt, die Tunnels können zwei bis drei Jahre halten. Das jährliche Gesamtgewicht dieser Abfälle beträgt etwa 15.000 Tonnen, nur ein Teil davon wird wirklich entsorgt. Um Krankheiten und Parasiten zu vermeiden, wird der Boden mit einem Mittel desinfisziert, das seit 2005 von der EU verboten ist. Für die Regionen Almeria und Huelva wurde aber eine Ausnahme gemacht, weil bisher kein so effizientes und weniger schädliches Mittel erfunden wurde.


Die Pflanzen stammen alle aus der Davis-Universität in Kalifornien, die auch Patentgebühren erhebt. Sie werden ein erstes Mal in der Region von Segovia eingepflanzt, wo das kühle Klima sie resistent macht, und im Oktober nach Huelva verpflanzt, 70.000 Pflanzen pro Hektar. Jede davon wird etwa 800 bis 900g Erdbeeren geben. Sie müssen regelmäßig gegen ihre zwei Todfeinde, die rote Spinne und «Threts» behandelt werden, einmal alle 14 Tage mit «traditionellen», heute aber verbotenen Mitteln, oder zwei bis dreimal die Woche mit zugelassenen Mitteln.


Hier darf eine Studie erwähnt werden, die Ende März 2005 in Deutschland veröffentlicht wurde 2. Gete-stete Früherdbeeren aus Spanien und Marokko, die in sieben deutschen Supermarktketten verkauft wurden, enthielten zu 93 Prozent Rückstände von bis zu fünf verschiedenen Pflanzenschutzmitteln. Der Anteil des pestizidfrei verkauften Obstes sinkt von Jahr zu Jahr.


Normalerweise dauert die Ernte von Februar bis Ende Mai. Die Pflanzen werden dann ausgerissen, wenn sie am meisten produzieren, weil der einzige Vorzug der «Erdbeere aus Huelva» ist, dass sie früher als alle anderen auf dem Markt ist. Der Verkauf innerhalb von Spanien beträgt weniger als ein Drittel der Gesamtproduktion. Deutschland ist der größte Abnehmer, darauf folgen Großbritannien, Frankreich und Italien. Der Handel wird über Zwischenhändler abgewickelt, welche die Ware in 70 bis 80 Prozent der Fälle an Großketten verkaufen. Der Landwirt hat dabei gar nichts zu sagen. Die Abnehmer bestimmen den Preis. Zu Beginn der Saison können sie bis 3,50€ pro Kilo zahlen und am Ende nur noch 0,50€. Die Erdbeeren sind eine heikle Ware, und ist der Abnehmer nicht zufrieden, kann es passieren, dass er gar nichts zahlt. In der Obst- und Gemüsekette macht derjenige am meisten Profit, der am weitesten von der Produktion entfernt ist.


Die vielen Besitzer von zwei bis drei Hektaren sind oft sehr verschuldet. Ihr finanzielles Gleichgewicht ist so anfällig, dass sie meistens nur ein einziges schlechtes Jahr überstehen können. Viele müssen aufgeben. Nur die, die schon groß sind, wachsen weiter. Sie sind es auch, die hinter der einzigen wirklichen Konkurrenz für die «Erdbeere aus Huelva» stehen – die Erdbeere aus Marokko. Dort ist die Sonne noch wärmer und die Arbeitskraft noch billiger. Die großen Unternehmer aus Huelva siedeln sich dort an und produzieren Erdbeeren zur Hälfte der Kosten. 90 Prozent der marokkanischen Erdbeeren sind spanisch und werden oft als solche verkauft, über dieselben Kanäle. In Huelva fördern die gleichen Unternehmer die Diversität: Auf Hunderten von Hektaren blühen jetzt Pfirsiche, Himbeeren und anderes Kleinobst. Auch das erfordert große Investitionen.


Arbeitsmarkt oder Schlachtfeld?


Es kostet 0,80€, um ein Kilo Erdbeeren zu produzieren. Davon sind bis 70 Prozent Lohnkosten. Dies ist der einzige Posten des Budgets, bei dem der Unternehmer einen gewissen Spielraum hat. Unter solchen Umständen verwandelt sich der Arbeitsmarkt schnell in ein Schlachtfeld, auf dem alle Methoden, von denen man annimmt, dass sie die Kosten senken werden, zum Einsatz kommen. Das älteste und wirksamste Mittel ist, einen Überschuss an Arbeitskräften zu schaffen.


In Almeria ist der Boom des Sommergemüses in Winterzeiten vor allem durch die ausländischen Arbeiter möglich geworden. Die Erdbeeren hingegen wurden während Jahren von spanischen Tagelöhnern geerntet. Jede Provinz verhandelt die Kollektivverträge separat aus. In den beiden Provinzen Almeria und Huelva sind die Arbeitsbedingungen die schlimmsten, die Löhne die niedrigsten, und dort werden die Kollektivverträge am wenigsten eingehalten. Die Arbeit in den Erdbeerplantagen ist gänzlich saisonbedingt, und die Mehrheit der Arbeiter kommt nur für die Ernte. Dies erschwert jegliche gewerkschaftliche Organisation.


Diejenigen von den spanischen Tagelöhnern, die eine Wahl treffen können, ziehen daher andere Ernten vor oder arbeiten auf dem Bau. Seit etwa zehn Jahren haben Afrikaner und andere Ausländer ihren Platz eingenommen. Anfänglich sind diese Ausländer, ob «legal» oder «illegal», eher verwirrt und relativ leicht auszubeuten, mit der Zeit werden sie aber unbequemer und stellen Forderungen. Im Jahr 2001, nach langen und harten Kämpfen, vor allem von den Marokkanern, erhielten mehrere Tausend von ihnen eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Dann plötzlich, im Neujahr 2002, brauchten die Unternehmer sie nicht mehr – sie hatten 7000 Frauen aus Polen und Rumänien mit «Ursprungsverträgen» kommen lassen. Männer aus dem Süden standen auf einmal unter unbeschreiblichen Bedingungen ohne alles da: Arbeit, Wohnung, Geld, Lebensmittel. (Siehe Archipel Nr. 96, Juli 2002.)


Seither ist diese Organisation zur Regel geworden: Auf der einen Seite die spanischen Tagelöhner und mehr und mehr Frauen aus Ost-Europa mit «Ursprungsverträgen», auf der anderen die Reservearmee, vor allem Männer aus dem Süden mit oder ohne gültige Papiere. Sie hausen in Chabolas, zusammengestückelte Unterkünfte aus Plastik und anderen Abfällen. In Perioden mit wenig Arbeit geschieht es oft, dass Wächter und Polizei die Unterkünfte niederreißen und die Bewohner in den Wald jagen, damit niemand sie sieht. Auf dem Höhepunkt der Saison wird es toleriert, dass sie sich in der Nähe der Höfe wieder niederlassen. Die Unternehmer holen sie zur Arbeit für eine lächerliche Summe, wenn es viel zu ernten gibt, am Abend, an Sonntagen oder ganz einfach, wenn sie den anderen klar machen wollen, dass es immer noch eine Reserve gibt, die bereit ist zu arbeiten – egal zu welcher Zeit und zu welchem Preis.


Die Ursprungsverträge


Die Erdbeerpflücker werden von Jahr zu Jahr zahlreicher, heuer nimmt man an, dass sie 70.000 sind. Die Anzahl der Frauen mit Ursprungsverträgen steigt auch, von 7.000 in 2002 auf 22.000 in 2005. Als Grundlage dieser Verträge dienen bilaterale Abkommen, die Spanien mit sieben Ländern, darunter Marokko, Polen, Rumänien und Bulgarien, abgeschlossen hat. Sie ähneln sehr den schweizerischen Saisonarbeiterverträgen, die heute abgeschafft sind, und den französischen «OMI-Verträgen», die häufig zur Anwendung kommen. (Siehe die Broschüre des EBF, «Bittere Ernte», Basel 2004.) Die Saisonarbeiterin unterschreibt den Vertrag, auf Spanisch geschrieben, in ihrem Ursprungsland, für eine Dauer von zwei bis neun Monaten. Der Unternehmer verpflichtet sich, die Reise zu zahlen und die Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Meistens sind die Wohnquartiere bescheidene Zimmer, um einen Innenhof angelegt, wo mehrere Frauen in einem Zimmer zusammenrücken müssen. Kollektive Duschen, Waschmaschinen und Kücheneinrichtung gehören zur Ausrüstung. Dafür muss jede 10 Prozent ihres mageren Lohnes von 31,14€ pro Arbeitstag von sechseinhalb Stunden abgeben.


Die Vertreter der SOC meinen, dass kein einziger Unternehmer die Kollektivverträge voll respektiert. Die Frauen, die es wagen, sich an die Gewerkschaft zu wenden, bringen zahlreiche Klagen vor: über Chefs, die ihre Pässe und Rückfahrkarten beschlagnahmen, die die Zimmerschlüssel bei sich behalten und in den Zimmern ein- und ausgehen, die «Polizeistunde» festlegen und Besuche auf den Zimmern verbieten, die sich aufführen, als ob sie Inhaber eines Harems wären. Die Arbeit ist hart, nicht alle schaffen es, die (illegal) vorgeschriebenen 40 Kisten von 4-5kg Erdbeeren pro Tag zu ernten. Viele arbeiten aber auch nicht jeden Tag, weil der Chef ständig auswählt, wer arbeiten «darf». Dies schafft ein Klima der Unsicherheit und provoziert Feindschaften unter den Frauen, weil einige versuchen, dem Chef genehm zu sein, um so oft wie möglich «arbeiten zu dürfen». Sie werden nur für geschaffte Arbeit entlohnt, müssen aber monatlich 60€ für Rente und Arbeitslosigkeit abgeben, obwohl sie nie davon profitieren werden. Einige zahlen nicht, ganz einfach deswegen, weil sie nicht wissen, dass sie es müssen, aber eines Tages kommt die Rechnung. Sie kann ganz schön gesalzen ausfallen, vor allem für diejenigen, die sich für neun Monate verpflichtet haben (von den Pflanzungen bis zum Ausreißen der Pflanzen) und nur die Hälfte oder weniger von der Zeit gearbeitet haben. Möglichkeiten, anderswo (legale) Arbeit zu suchen, gibt es nicht. Manchmal sind sie ärmer bei der Rückfahrt als bei der Ankunft. Deswegen versuchen viele, sich im informellen Sektor durchzuschlagen, und bleiben in Spanien. Das Leben setzt sich durch. Trotz allen Anstrengungen, um Kontakte zwischen den spanischen Männern und den ost-europäischen Frauen zu verhindern, nimmt die Anzahl der gemischten Ehen zu.


Die Legalität, vor allem die Legalität


Die Erdbeerfelder erwekken den Eindruck eines riesigen Experimentierfelds, wo moderne Methoden der Arbeitsorganisation ausprobiert werden und wo die einen die anderen durch ein ständiges Hin und Her ersetzen: Die Ausländer ersetzen die «Eingeborenen», die «Illegalen» die «Legalen», die Frauen die Männer, die «Legalen» die «Illegalen», und neue Varianten werden noch dazukommen. Die «Ursprungsverträge» werden als ein Mittel gegen die Schattenwirtschaft und die «illegale» Arbeit dargestellt. Sie sind keineswegs eine spanische Erfindung, ähnliche Verträge gibt es unter anderen Namen in vielen europäischen Ländern. Die Vorteile sind auffallend: Der Unterzeichner eines solchen Vertrages hat fast gleich wenig Rechte wie ein «Illegaler», dazu kommen einige Verpflichtungen, vor allem an die Staatskasse. Dies ist der Preis der Legalität. Oft sind die Verträge aber der erste Schritt in die «Illegalität». Um dies zu verhindern, reicht es nicht, wie es in Huelva der Fall ist, Frauen auszuwählen, die Mann und Kinder zu Hause haben, im Gegenteil: Besonders sie müssen Geld mit nach Hause bringen.


Für die Saison 2005 haben mehr als 800 Frauen aus Marokko Ursprungsverträge unterschrieben. Die marokkanische Presse ist beunruhigt: Wie werden sie sich verhalten? Werden sie nach Hause zurückkehren? Werden sie verstehen, dass der Ruf Marokkos als Lieferant von Arbeitskräften auf dem Spiel steht? Um diesen Ruf zu schützen, «muss Marokko alles tun, um die illegale Immigration zu verhindern» 3. So wie es die Europäische Union auch tut. Im April 2005 hat sie 9.600 Millionen Euros des Budgets 2007-2012 für den «Kampf gegen den Terrorismus und für die Sicherheit» bewilligt. Der größte Posten? Der «Kampf gegen die illegale Immigration» – fast 6 Milliarden Euros. Die marokkanischen Männer stehen hier hoch oben auf der Liste, in dem einen Fall wie im anderen.


Sissel Brodal


EBF


3. Maroc Hebdo, 2.1.2005


 


* An der Delegation nahmen teil:


Ryszard Strycharczuk, D-Berlin;


Sandra Blessin, Agrarreferentin bei der BUKO Agrar Koordination,


D-Hamburg;


Heidemarie Rest-Hinterseer, Nationalratsabgeordnete «Die Grünen», ÖBV (Österreichische Bergbauern- und BergbäuerinnenVereinigung),


A-Dorfgastein;


Abdeselam Mahmoudi, Politikwissenschafter, Übersetzer, Asylkoordination Österreich, A-Graz;


Kathi Hahn, EBF Oesterreich, Longo maï, A-Eisenkappel/Zelezna Kapla;


Urs Sekinger, Koordinator Solifonds, Präsident VPOD-NGO, Mandaté par UNIA, CH-Zürich;


Raymond Gétaz, Forum Civique


Européen, CH-Undervelier;


Sissel Brodal, CEDRI, Comité


Européen pour la Défense des Réfugiés et des Immigrés, N-Fjerdingby


1. siehe Archipel Nr. 126


2. Pressemitteilung der «Grünen Liga» 2, 24.3.2005


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 127 (05/2005)

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