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ANDALUSIEN: Land gegen Krise1

Wie wir in der letzten Nummer des Archipel berichteten, haben am 4. März 500 Tagelöhner der Gewerkschaft SOC-SAT2 das 400 ha große Landgut Somonte in der Provinz Cordoba, die zur autonomen Region Andalusien gehört, besetzt. Diese Finca ist Teil einer Fläche von fast 20.000 ha Staatseigentum, das sich auf mehrere Ländereien in verschiedenen Provinzen aufteilt und das die Regierung beschlossen hat zu verkaufen. Mehr als 18.000 ha wurden bereits veräußert. Es bleiben nur ungefähr 1.200 ha, darunter die Finca Somonte, die am nächsten Tag versteigert werden sollte.
Ironie der Geschichte: Als die Sozialisten 1983 an der Macht waren, haben sie diese Latifundien mittels Enteignung und Entschädigung beschlagnahmt. Nun geben sie sie an Privatleute ab, im vorliegenden Fall an Spekulanten, auf der Jagd nach agroindustriellem Profit und europäischen Subventionen.
Am 26. April im Morgengrauen vertrieben Polizeieinheiten die BesetzerInnen der Finca, 30 Erwachsene und Kinder, die in verschiedenen provisorisch eingerichteten Schlafräumen schliefen. Der Überfall der Guardia Civil fand am gleichen Tag statt, an dem die PSOE und die Izquierda Unida (Vereinigte Linke) den Regierungspakt unterzeichneten.
Am Freitag, den 27. April, haben etwa hundert Aktivisten aus den Provinzen Cordoba und Sevilla den Hof in der Nacht wieder besetzt. Ermutigt durch die vielen solidarischen Reaktionen organisierte das Besetzer-Kollektiv am 1. Mai ein Fest auf dem Gelände. Hunderte Gewerkschafter, Mitglieder von Vereinen und Sympathisanten kamen auf den Hof, um den Tag der Arbeit zu feiern, der hier, weitab von ritualisierten Umzügen, seinen ursprünglichen Sinn wiederfand.
Eine Delegation des EBF begab sich auf die Finca, aus Solidarität mit dieser Initiative, die im aktuellen wirtschaftlichen Verfall noch einiges bewirken könnte, vor allem in Zusammenhang mit der Zerschlagung der europäischen Landwirtschaft. Sie entdeckte das tägliche Leben einiger vom System ausgestossener Menschen.
Am Ende eines Weges, der sich in Serpentinen durch ein Schachbrett von Getreidefeldern und steinigem Brachland zieht - das Land ist wegen der Dürre nur spärlich bewachsen - ein Weiler mit weiß-gekalkten Gebäuden, die uns in der Frühlingssonne blenden. Ringsherum, Richtung Palma del Rio, wie überall in dieser Glaziallandschaft mit Anschwemmungen und Moränen, endlose Pflanzungen von Zitrusfrüchten und Olivenbäumen, Manna des Überflusses der Großgrundbesitzer und agroindustrieller Firmen.
Über der Hofeinfahrt und auf einem Nebengebäude weht die Fahne des SOC. Zwei grüne, waagrechte Streifen umranden das Emblem der Gewerkschaft: rote Sonne und schwarze Sichel auf weißem Himmel. Zwei oder drei auf eine Mauer gesprühte Slogans drücken die Philosophie der Bewegung aus: „Tierra y Libertad“ ... „La Tierra a quien la trabaja“… „Revolución agraria“…
Ein Empfangskomitee erklärt uns, warum Monate der Krise sie dazu getrieben haben, eine neue Rebellion zu wagen. Diese Frauen und Männer, die meisten von jahrelangen gewerkschaftlichen Kämpfen geprägt, haben einen gemeinsamen Nenner: die sich verschärfende Armut. Manche unter ihnen haben bereits wieder Hunger kennengelernt. Hunger, im Jahr 2012, in Andalusien, das vor Reichtümern überquillt, ein schwer zu verstehender Anachronismus … und dennoch …
Zuleika aus Palma hat sich mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern auf der Finca niedergelassen. Sie hatten während Monaten verzweifelt nach Arbeit gesucht. Abwechselnd stehen sie im Morgengrauen auf, um ihre beiden „Erben“ zur Schule zu bringen. Alle schlafen auf Steinfußböden in mehreren Räumen, die mit Matratzen und Schlafsäcken ausgestattet sind. Das ist nicht sehr bequem, aber immer noch besser als von einem Schlafplatz bei Freunden zum nächsten zu ziehen… Marimar und ihr Mann Eugenio sind an der Reihe mit der Küche. „Wir essen bescheiden, aber wir werden satt; Freunde und Sympathisanten aus dem Tal bringen uns Gemüse und ein bisschen Fleisch. Man hat uns 40 Hühner geschenkt, wir haben einen Hühnerstall gebaut und wollen viel Geflügel halten“. Seit Monaten bezog Marimar schon kein Arbeitslosengeld mehr. Im letzten Halbjahr hatte Eugenio nur 30 Tage gearbeitet, mal hier, mal da. Also lief die Unterstützung durch das Programm PER (Plan für Arbeit am Land) aus, das bei 60 vertraglich nachgewiesenen Arbeitstagen im Jahr eine magere Beihilfe sichert. Sie waren mit der Miete mehrere Monate im Rückstand und wurden aus ihrer Wohnung in Posadas, einem kleinen benachbarten Marktflecken, hinausgeworfen - am Ende des Winters, auf die Straße, mit ihrem 16-jährigen Sohn …
Im Gemüsegarten säen Männer und Frauen Beete ein und hätscheln die ersten Keime der zukünftigen Ernten (Paprika, Karotten, Zwiebeln, Kartoffeln, Artischocken, Spargel, …) Antonio umhüllt die Tomatenpflanzen mit Zeitungspapier, denn der Frost könnte noch mal zurückkehren. Auch er schloss sich als ehemaliger Tagelöhner der Aktion des SOC an, geschieden, mit einer 10-jährigen Tochter. Nach dem Verlust des PER hat er versucht sich umzuschulen: Zuerst hat er auf den Baustellen zur Verkabelung der Telekommunikation gearbeitet, danach, in der Zeit des Baubooms, selbst eine kleine Ziegelei geschaffen. Mit dem Platzen der Immobilienblase musste er Konkurs anmelden. Sein letzter Auftrag war die Erweiterung des Friedhofs von Posadas! Danach die demütigenden Monate ohne jegliches Einkommen. „Ich lass mich nicht von hier vertreiben“, wiederholt er laut und deutlich mit einer typischen Redensart dieser Gegend: „ni con agua caliente ni con lejia“ („weder mit heißem Wasser noch mit Seife“).
Etwas weiter weg bereiten einige eine Pflanzung von Paprika de Piquillo vor. Unter ihnen Francisco. Er setzt eine Fahne am Rande einer Baumpflanzung von Jatrophas. Er erklärt uns, dass diese exotischen Büsche und das Feld mit silbernen Disteln, das ihren Garten umrahmt, Experimentierpflanzungen für die Herstellung von Biodiesel der andalusischen Regierung sind. Ein Plakat am Eingang des Geländes kündigt eine „Biologische Versuchsstation“ an.
Der 55-jährige Francisco, war schon bei den ersten Besetzungen des Landgutes El Humoso in der Gemeinde Marinaleda dabei: Der Großgrundbesitz mit 18.000 ha gehörte dem Herzog Infantado Iñigo de Arteaga, mit der Herzogin von Alba die größten Landbesitzer Andalusiens.
Nach zehn Jahren Besetzungen, Vertreibungen, Prozessen, Verhaftungen, Geldstrafen und juristischen Einsprüchen sind die Tagelöhner des SOC 1986 siegreich aus dem Kräfteringen mit der Regierung hervorgegangen, die die beiden Dinosaurier der „Reconquista“ und des Franco-Regimes beschützt hatte. „Kommt nach Marinaleda! Ihr werdet sehen, was man erreichen kann, wenn man mit dem Rücken an der Wand kämpft.“
Zu Mittag gibt es ein einfaches Essen. Man sitzt auf den Treppenstufen vor dem Haus oder um den großen Tisch im Gemeinschaftsraum. Draußen an der Feuerstelle mit dem Kessel stimmt Marco einen cante jondo3 an, den er selbst komponiert hat. Rauchige Stimme, Timbre Gitan, den Rythmus klatschen die ZuhörerInnen: „La tierra por quien la trabaja/los jornaleros del campo/que en Somonte puñan en alto/ que de parados estamos hartos/ y de injusticia y engaño…“4.
Die Leute zeigen uns ein Video, das sie in den ersten Tagen der Besetzung gedreht haben. Francisco, Bauer ohne Land, Domingo, Juan, Tagelöhner, Consuela, Susana, Langzeitarbeitslose, alle haben sie unter der gleichen chronischen Unsicherheit gelitten, haben die gleichen sorgenvollen Hürdenläufe hinter sich: nur wenige Tage Arbeit, Jagd auf miserable Jobs, Hungerlöhne und das Auslaufen des Arbeitslosengeldes. Manche sind weggegangen in den Norden für die Apfelernte oder nach Frankreich für die Kirschen- oder Weinernte. In dieser neuen Familie, wo alle Entscheidungen in den täglichen Versammlungen getroffen werden (die Haushaltsaufgaben, das Kochen, die Gartenarbeit, die Instandsetzung des Hofes, der Empfang der Besucher und sogar der Umgang mit Konflikten …), haben sie das Gefühl, ihre Einsamkeit zu vergessen und wieder Geschmack am richtigen Leben zu finden. Diese Frauen und Männer, die an dem Land hängen, das ihnen seit Jahrzehnten vorenthalten wird, wollen andere Träume leben als die Alpträume, die das System ihnen aufzwingt.
Aus Marinaleda sind Agraringenieure gekommen. Bei einem Rundgang erklären sie uns die Geologie der Landschaft. Die unterschiedlichen Böden der Finca würden eine spezifische Bearbeitung erfordern. Auf den 41 ha bewässerbarem Land möchten die BesetzerInnen Feldgemüse anbauen. In den Mulden der Verwerfungen, die auf den Kuppen Risse hervorrufen, begrenzen Büsche und Schilf ausgetrocknete Furchen. Sie weisen auf Grundwasservorkommen in tiefer liegenden Schichten hin. Dafür spricht auch der freigeschaufelte und instandgesetzte Brunnen unterhalb des Hofes. In den nächsten Versammlungen werden sie diskutieren, wie sie die ausgetrockneten Böden fruchtbar machen können, dass sie die Steine aus den Feldern sammeln und zum Schutz der Kulturen wieder Hecken anpflanzen werden. Für später träumen sie davon, dieses Land, das einer Wüste gleicht und wo man mit Mühe nur hier und da einen Baum am Horizont ausmachen kann, zu bewalden. Die Erweiterung des kleinen Olivenhains, der den Hof umgibt, ist auch geplant.
Die Kältewelle Mitte Februar hat zahlreiche Orangenplantagen im Tal des Guadalquivir schwer beschädigt. Die Früchte sind unbrauchbar geworden, weiß vom Frost übersäen sie die Felder oder verfaulen noch an den Bäumen hängend. Die Zerstörung von 100 Millionen Kilo Orangen bedeutet auch den Verlust von 215.000 Erntetagen und 90.000 in den Zulieferbetrieben. Der Preis für ein Kilo Tafelorangen sank auf 0,11 bis 0,18 Cent, der für „Industrie“-Orangen auf ca. 0,08 Cent. Eine derartige Katastrophe verschärft die missliche Lage der Tagelöhner, die durch die Mechanisierung der Handarbeit schon schwierig genug ist.
Diego Cañamero, der Generalsekretär des SOC, erklärt: „90 % der spanischen Baumwolle werden in Andalusien produziert. Hier gibt es keine einzige Textilfabrik. Alles wird nach Katalonien gebracht … 40.000 ha Orangen zwischen Doñana und den Ebenen von Cordoba und nicht eine einzige Fabrik, die Fruchtsaft herstellt … die Tomaten … alles wird nach Murcia transportiert. In Andalusien gibt es überhaupt keine verarbeitende Industrie.“ Diese „koloniale Situation“ zusammen mit den feudalen Strukturen motiviert den unbeugsamen Kampf, den die Gewerkschaft seit 1976 führt. „60 % der fruchtbarsten Böden Spaniens gehören 2.500 Familien, die weniger als 2 % der Bevölkerung ausmachen … 80 % der Subventionen (6.500 Millionen Euro) wurden an 20 % der Grundbesitzer und ihre Komplizen in der Agroindustrie vergeben“.
Das selbstverwaltete Projekt Somonte versteht sich in diesem Zusammenhang. „Diese Finca wird das neue Marinaleda“, versichert Lola Alvarez, „wir werden zeigen, dass wir vom Land leben können, wie sie es dort auch machen, in Marinaleda, wo alle Arbeit haben.“


Website: www.sindicatoandaluz.org
somontepalpueblo(at)gmail.com


1. Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines längeren Textes, der auf der Website des EBF zu finden ist.
2. Die Landarbeitergewerkschaft (SOC) ist Teil der Arbeitergewerkschaft Andalusiens (SAT), die 2007 gegründet wurde.
3. „Cante jondo“ bedeutet wörtlich „tiefes Lied“ und bezeichnet in der andalusischen Volksmusik eine gesungene Form des Flamenco.
4. „Das Land denen, die es bearbeiten  / den Landarbeitern / die ihre Fäuste erheben in Somonte / wir haben genug von der Arbeitslosigkeit / von der Ungerechtigkeit und vom Betrug …„"

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 205 (06/2012)

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