ANDALUSIEN: Welche «Normalisierung»in Almeria?
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Seit den pogromartigen, rassistischen Ausschreitungen gegen marokkanische Landarbeiter vom Februar 2000 in der Region von Almeria, verfolgen wir die Situation in dieser Provinz Andalusiens fortwährend. Vom 5. bis zum 12. März diesen Jahres war eine vom Europäischen BürgerInnenforum organisierte, internationale Delegation mit acht Personen aus Deutschland, Österreich, Norwegen und der Schweiz vor Ort, um die aktuelle Situation in diesem riesigen Anbaugebiet von Frühgemüse unter Plastikplanen zu erkunden.


 


Eines ihrer Ziele war es, den vom 7. Februar bis zum 7. Mai stattfindenden Prozess der Regularisierung von papierlosen ImmigrantInnen, den die offiziellen Stellen als «außergewöhnliche Normalisierung» bezeichnen, zu beobachten. Als wir gerade dabei waren, die Delegation zusammen zu stellen, informierten uns die FreundInnen von der andalusischen Landarbeitergewerkschaft SOC (Syndicato de Obreros del Campo) über den Mord durch fünf spanische Jugendliche an dem Marokkaner Azzouz Hosni, einem Mitglied der Gewerkschaft, in der Stadt El Ejido *.


Das Demonstrations-verbot von El Ejido


Einen Tag nach der Ankunft unserer Delegation, am Sonntag, dem 6. März, sollte in El Ejido eine Demonstration stattfinden. Das SOC und verschiedene Organisationen von ImmigrantInnen in El Ejido wollten Azzouz Hosni die letzte Ehre erweisen. Gleichzeitig hätte diese Besammlung dazu dienen sollen, die häufigen Übergriffe gegen MigrantInnen in der Region, die fast immer straffrei bleiben, anzuprangern. Doch dazu sollte es nicht kommen. Der rechtsextreme Bürgermeister von El Ejido, Mitglied des Partido Popular, ist der gleiche reiche Unternehmer, der bereits während der rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000 eine verhängnisvolle Rolle gespielt hatte. Er erklärte kurzerhand, dass er den von den OrganisatorInnen geplanten Weg für die Demonstration nicht akzeptieren könne. Stattdessen schlug er einen Parcours vor, der jegliche öffentliche Aufmerksamkeit ausgeschlossen hätte. Der Delegierte der spanischen Zentralregierung in Almeria (Subdelegado del Gobierno en Almeria), ein Sozialist, unterstützte seinen politischen Gegner in El Ejido unter dem Vorwand, dass auf dem Platz, auf dem sich die DemonstrantInnen versammeln wollten, Bauarbeiten im Gange seien. Und tatsächlich war an dieser Stelle wenige Tage vor dem vorgesehenen Datum der Demonstration ein kleines Loch gegraben worden. Das SOC und die anderen Organisationen sagten daraufhin die Demonstration ab und verbreiteten diese Neuigkeit auf Flugblättern und Plakaten.


Jetzt machten sie sich an diesem Sonntag auf, um zusätzlich so viele ImmigrantInnen wie möglich persönlich über die Annullierung der Kundgebung zu informieren und um die Gemüter zu beruhigen. Denn das Festhalten an einer Demonstration, die als illegal erklärt worden war, hätte für die zahlreichen TeilnehmerInnen ohne Papiere ein zu großes Risiko dargestellt. Noch im Januar hatte das SOC einige tausend Menschen für eine große Kundgebung zusammengebracht, die ohne jegliche Zwischenfälle verlaufen war. Doch diese hatte in der Provinzhauptstadt Almeria stattgefunden, wo der Bürgermeister zwar auch Mitglied des Partido Popular ist, sich aber vernünftiger verhält als sein extremistischer Kollege von El Ejido.


Der Sonntag ist auch der Tag, an dem sich die ausländischen ArbeiterInnen in die Stadt begeben, um nach Hause zu telefonieren. Sie sind dann zahlreich auf den Straßen und in den Cafés vertreten. In dieser Zeit dreht die Polizei per Auto oder hoch zu Ross ihre Runden. Seit dem Beginn der Regularisierung haben sich die Kontrollen verstärkt. Dieses Vorgehen trägt nicht gerade zur Beruhigung der Lage bei. Wer ohne gültige Papiere aufgegriffen wird, riskiert die Abschiebung und verspielt jede Chance, einmal legalisiert zu werden.


Der Mord an Azzouz Hosni war am 13. Februar im Stadtzentrum von El Ejido geschehen, als er ein Café verließ, das ausschließlich von ImmigrantInnen besucht wird. In dieser Kaffeestube machen wir Rast. Die Atmosphäre im Raum ist angespannt. Doch die Leute im Café wollen über das Geschehene mit uns reden. Sie erzählen, dass die Täter dank der Aussagen einiger Zeugen identifiziert werden konnten. Einer der Täter habe inzwischen gestanden und sei im Gefängnis. Doch die Informationen sind nicht sehr präzis. Es gibt Gerüchte über weitere Übergriffe.


Normalerweise haben alle Angst, vor allem diejenigen, die keine Papiere haben, um Klage einzureichen oder als Zeugen aufzutreten. Als ein junger Immigrant dies doch wagte, wurde er abgeschoben, obwohl ihm die Behörden vorher zugesichert hatten, dass dies nicht passieren würde.


Das Untersuchungs-geheimnis


Als wir im Laufe unseres Aufenthaltes beim Delegierten der Zentralregierung in Almeria empfangen werden, versichert er uns, dass die Bürgerinnen und Bürger von El Ejido keine Rassisten seien. Der Mord an Azzouz Hosni sei keine rassistische Tat. Der Täter habe dies selber bestätigt. Leider kann uns der Regierungsdelegierte das wirkliche Motiv des Verbrechens nicht mitteilen: Die Untersuchung sei geheim. Er ist etwas verlegen, weil täglich Briefe und Faxe aus dem Ausland bei ihm eintreffen, die verlangen, dass der Mord an Azzouz Hosni rückhaltlos aufgeklärt wird. Die Untersuchung des Falls werde ernsthaft betrieben, versichert er uns, er selbst trage die Verantwortung dafür. Die internationalen Medien hätten dem Ruf von El Ejido sehr geschadet, ihm gehe es darum, diesen wieder zu verbessern. Er betont, das Hauptproblem in der Region sei die hohe Anzahl von illegalen Einwanderern: «Das vom Partido Popular ausgearbeitete Ausländergesetz hat nicht genügt, die Einwanderungsflut einzudämmen. Unsere jetzige Regierung hat sich vorgenommen, die Lage zu verbessern und die 'Normalisierung' ist der erste Schritt in diese Richtung.»


Die mutigen HelferInnen


Wir treffen Mercedes Fornieles von der Organisation der progressiven Frauen (Mujeres Progresistas) in El Ejido, welche die Marokkaner während der rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000 mutig verteidigt hatte. Keine der sechs Frauen, die damals in ihrem Büro arbeiteten, sind in der Stadt geblieben. Das fremdenfeindliche Klima, die täglichen Drohungen und auch Sabotageakte an ihren Autos haben sie zur Erschöpfung gebracht. Mercedes verwaltet jetzt einen Campingplatz in den umliegenden Bergen. Sie kommt zwei bis drei Tage im Monat in die Stadt, um den Kontakt mit den Leuten zu halten. Bei ihrer Ankunft wird sie jeweils sofort um Hilfe angefragt. Als wir zusammen am Essen waren, ruft sie ein Mann an, um Mercedes zu fragen, ob sie ihn zur Einreichung einer Klage zum Polizeirevier begleiten könne. Die Polizei hatte einen Marokkaner misshandelt.


In der Provinzhauptstadt Almeria teilt die andalusische Landarbeitergewerkschaft SOC ein Bürolokal mit anderen kleineren Organisationen. An diesem Ort treffen sich immer viele Leute, die diskutieren und organisieren oder Hilfe und Rat suchen. Durch eine internationale Unterstützungskampagne des Europäischen BürgerInnenforums konnte das SOC den Kauf eines zweiten Lokals, dieses Mal im Stadtzentrum von El Ejido, in Angriff nehmen. In der ersten Zeit geht es darum, eine tägliche Präsenz für die dringendsten Probleme der LandarbeiterInnen zu garantieren. Später werden zusätzlich Telefonkabinen und eine Cafeteria als Treffpunkt eingerichtet, die auch etwas Geld einbringen sollen. Das SOC hat mächtige Gegner in der Region: den Bürgermeister von El Ejido, die Unternehmerschaft, den Großteil der politischen Elite und die rassistischen Banden. Deshalb ist die internationale Unterstützung für die Arbeit des SOC und für die Immi-grantInnen so wichtig, zu welcher die Verbreitung von Informationen in anderen Ländern über die Situation in El Ejido gehört, aber auch sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen und sich bereit zu halten, im Notfall auf verschiedenen Ebenen zu intervenieren.


Das tägliche Leben


Gabriel und Abdelkader, zwei Vertreter des SOC für die Region von Almeria, nehmen uns mit, um die chabolas zu besuchen. Dabei handelt es sich um improvisierte Siedlungen der Immigranten in den Zonen der Gewächshäuser. Sie bestehen aus baufälligen Hütten, welche die Bewohner aus Plastikresten und anderem Abfallgut zusammengebastelt haben. Die Bewohner der ersten chabola, etwa fünfzehn Männer aus Marokko, empfangen uns herzlich. Sie zeigen uns ihren Brotbackofen und ihr Badehäuschen. Beides haben sie mit notdürftigem Material gebaut. Sie sind gerade dabei, ein Feuer zu entfachen, um sich zu waschen. Es gibt keinen Baum weit und breit. Für ihr Feuer sammeln sie alte Pfähle und anderes Abfallholz in der Umgebung. Einige der Einwanderer haben in ihrer Heimat ein Hochschulstudium abgeschlossen, andere, vor allem die jungen, reden kaum eine andere Sprache als ihren lokalen Dialekt. Es ist sehr schwierig, Spanisch zu lernen, so lange man arbeitslos ist. Nur bei der Arbeit kommt man in Kontakt mit Spaniern.


Der letzte Winter war aussergewöhnlich lang und kalt. 15.000 Unternehmer, die Gemüse unter Plastik anbauen, machten in den Straßen von Almeria lautstark kund, dass sie 20 Prozent der Ernte verloren hätten. Dabei erwähnten sie natürlich nicht, dass sie diesmal den ganzen großen Rest zu sehr guten Preisen verkauft hatten. Das Versprechen von staatlicher Seite, die Verluste durch Subventionen auszugleichen, ließ nicht lange auf sich warten. In dieser Periode fanden viele der ImmigrantInnen wenig Arbeit und konnten nur dank der Solidarität untereinander leidlich überleben.


Zum jetzigen Zeitpunkt lassen die Unternehmer die Tomatenpflanzen und die der anderen Gemüsesorten in den Plastiktunnels ausreißen. Überall gibt es große Haufen dieser ausgedienten Pflanzen zwischen den Tunnels, durchmischt mit Plastikschnüren. Jetzt geht es daran, die Melonen zu setzen. Mit intensiver Düngung und Behandlung sind sie in zwei Monaten reif. Während dieser Periode braucht es nur sehr wenige Arbeitskräfte. Nach der Melonenernte wird eine längere Pause bis zum Herbst eingelegt; dann geht es mit dem Anbau von Tomaten und Paprika wieder los.


Um in den Genuss der Regularisierung zu kommen, muss der Immigrant oder die Immigrantin einen Arbeitsvertrag von mindestens drei Monaten vorweisen können. Doch welcher Unternehmer ist bereit, einen solchen auszustellen, wenn er gerade gar niemanden in seinem Gewächshaus braucht? Ein einziger Bewohner der chabola meint, eine Aufenthaltsbewilligung bekommen zu können. Er ist seit drei Jahren hier und arbeitet seit langem für den gleichen Chef, der ihn – nach Meinung des Arbeiters – korrekt behandelt. Der Unternehmer bezahlt ihm 30 Euros für einen Achtstundentag. Der für die Provinz Almeria festgesetzte Tariflohn beträgt 37,20 Euros, aber den hat hier nie jemand bekommen.


Jeder der Bewohner hat eine dramatische Geschichte zu berichten. Wie unzählige andere haben sie das Meer in kleinen offenen Booten, den pateras, überquert. Der Großteil hat es mehrere Male versucht, bevor die Überfahrt gelang. Einer von ihnen erzählt uns von seinem «schönen Abenteuer» und von seinen Hoffnungen, als er aufbrach. In Marokko hatte er zu oft seinen Mund aufgemacht, so dass ihm alle sagten, er solle lieber aufpassen. Vor allem deshalb sei er weggegangen. Sie waren 32 Personen in der patera, davon vier Frauen. Die Fahrt dauerte vierzehn Stunden, das Meer war ruhig und glatt. Gegen Ende ihrer Reise hatte sich ihnen ein Hubschrauber genähert. Sie versteckten sich hastig unter einer Plane im Boot und dachten, jetzt sei alles verloren. Doch der Hubschrauber drehte ab. Sie landeten unversehrt am Strand, rannten in ein nahe gelegenes Wäldchen und schliefen erschöpft zwölf Stunden lang.


Die Ältesten in der Siedlung sind sich einig: Das Schlimmste sei nicht «all das» – dabei zeigen sie auf die Landschaft aus Plastik und Abfall – sondern «das Schlimmste ist die Veränderung in unserem Inneren. Zuvor waren die Großzügigkeit und das Teilen untereinander selbstverständlich. Hier wird man egoistisch und überlegt zuerst lange, bis man dem anderen hilft. Man kalkuliert alles. Und es ist unmöglich, an eine Zukunft zu denken. Natürlich hätte jeder gerne Frau und Kinder, doch was könnte ich ihnen bieten? Manchmal lernt einer sogar eine spanische Frau kennen. Doch eine nähere Beziehung kommt nicht in Frage, weil sofort der Verdacht entsteht: Der will ja nur Papiere. Alles ist verfälscht – von Anfang an.»


In der nächsten Siedlung, die wir besuchen, lebt eine große Anzahl von sehr jungen Marokkanern, von denen keiner Französisch oder Spanisch spricht. Wir werden kühl empfangen, fast feindlich. Es seien bei ihnen schon viele JournalistInnen vorbeigekommen: «Sie stellen Fragen, sie filmen, aber für uns ändert sich nichts. In Marokko hat man uns im Fernsehen gesehen. Niemand hat verstanden, was wir hier machen.» Ein paar Bewohner sind dabei, ein Auto zu reparieren; andere bereiten sich darauf vor auszugehen. Es sind schöne Männer. Sie haben sich unter einer Plastikplane eine Dusche installiert; die Sonne erzeugt das warme Wasser. Die Gesellschaft zwischen den Gemüsetunnels von El Ejido ist eine Männergesellschaft. Überall verstreut existieren «Clubs für Immigranten», in denen auch papierlose Frauen – Afrikanerinnen, Russinnen, Rumäninnen und andere – zu treffen sind.


In den Gemeinden rund um El Ejido stellen die Marokkaner nicht die Mehrheit der ausländischen Bevölkerung. Es sollen rund hundert verschiedene Nationalitäten vertreten sein. Die Bürgermeister dieser Gemeinden, die alle politisch konservativ ausgerichtet sind, machen immerhin kleine Anstrengungen vor allem im Bereich der Unterbringung der Einwandere, so dass bei ihnen nicht dieselbe Situation eintritt wie in El Ejido. Die meisten Zugewanderten leben in Wohnungen, oft in großer Zahl in einem kleinen Appartement. Jede und jeder muss dann eine Miete bezahlen, was schwierig ist, wenn man nicht jeden Tag Arbeit findet. Ein Senegalese erzählt uns, er arbeite für eine Genossenschaft von fünf Unternehmern mit 15 Arbeitern aus Senegal und 40 RumänInnen, darunter einige, die mit ihren Kindern da seien. Die beiden Nationalitäten verstehen sich hier gut untereinander. Keiner unserer Gesprächspartner kann das Gerücht bestätigen, dass die AfrikanerInnen nach und nach durch Arbeitskräfte aus Osteuropa ersetzt werden. «In Wirklichkeit», sagt man uns, «vertragen die Europäer die Hitze in den Plastiktunnels nicht. Die Unternehmer mögen die Marokkaner zwar nicht, aber sie können nicht auf sie verzichten.»


Die «Normalisierung»


Während der letzten Jahre gab es mehrere größere Schübe von Legalisierungen papierloser ImmigrantInnen in Spanien. Die Bedingungen waren nicht leicht zu erfüllen, aber zumindest hatte der Ausländer oder die Ausländerin das Recht, den Antrag persönlich zu stellen. Bei der jetzigen Regularisierung soll dies der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin tun. Die Bedingungen sind so restriktiv, dass - sehr optimistisch gerechnet - höchstens 10 bis 30 Prozent der ImmigrantInnen in der Provinz Almeria eine Chance haben, eine Aufenthaltsbewilligung zu erlangen. Es braucht einen Arbeitsvertrag von sechs Monaten in den meisten Sektoren, einen für drei Monate in der Landwirtschaft. Dazu darf der Immigrant oder die Immigrantin keinen Eintrag im Strafregi-ster haben – weder im Ursprungsland noch in Spanien. Außerdem muss er oder sie während sechs Monaten auf der Gemeinde registriert sein. Dies ist der umstrittenste Punkt. Nur sehr wenige Eingewanderte melden sich bei der Gemeinde an, weil sie Angst vor der Abschiebung haben oder weil sie entweder in den chabolas oder in völlig überbelegten Zimmern leben. Die Gemeinde gestattet das Wohnen in den chabolas offiziell nicht und akzeptiert in einem überbelegten Appartement nur vier von vielleicht zwölf BewohnerInnen. Die Landarbeitergewerkschaft SOC ist nicht die einzige Organisation, die von den Behörden fordert, dass auch andere Nachweise über den bisherigen Aufenthalt der Papierlosen in Spanien für die Legalisierung akzeptiert werden sollen wie z.B. die «Sanitätskarte». Jeder Ausländer und jede Ausländerin hat ein Recht auf diese Karte, die u.a. das Rote Kreuz ausstellt und die den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung eröffnet. Bis jetzt stellen sich die Behörden jedoch stur. Inzwi-schen blüht der Schwarzhandel mit Dokumenten, und die Preise steigen.


Hat jemand die Aufenthaltsbewilligung bekommen, muss er/sie innerhalb von 30 Tagen bei der Sozialversicherung eingeschrieben werden. Auch dies ist die Aufgabe des Arbeitgebers. Er kommt dabei eher billig davon: Während der/die Angestellte 60 Euros pro Monat als fixe Summe bezahlen muss, zahlt der Arbeitgeber lediglich für die Tage, an denen gearbeitet wird. Der Arbeitgeber kann aber leicht zwei Arbeitstage offiziell für die Versicherung deklarieren, und den Angestellten trotzdem 30 Tage im Monat arbeiten lassen. Bis Mitte März sind offenbar 4.000 Anträge für eine Regularisierung in der Provinz Almeria gestellt worden. Die Behörden gehen davon aus, dass diese Zahl gegen Ende der festgesetzten Frist ansteigen wird, und sie rechnen damit, dass 12 bis 15.000 Menschen legalisiert werden.


Doch was wird mit allen anderen geschehen, den rund 15 bis 25.000 ImmigrantInnen, welche die gestellten Bedingungen nicht erfüllen? Der Delegierte der Zentralregierung in Almeria gibt uns Antwort: Erstens seien diese Zahlen wahrscheinlich weit übertrieben, meint er. Zweitens seien spezielle Brigaden von Arbeitsinspektoren bereits in der Ausbildung. Bis jetzt hätte es nur sechs Inspektoren gegeben, von denen jeder einzeln das Labyrinth der 30.000 Hektaren Plastiktunnels durchquerte. Ab dem 8. Mai, d.h. einen Tag nach dem offiziellen Ende der «Normalisierung», soll sich das alles ändern. Die Unternehmer wollten auch saubere Verhältnisse, sagt er, und sie müssten künftig mit Bußen bis 60.000 Euros rechnen, wenn sie Leute ohne Arbeitsvertrag beschäftigen.


Die wirtschaftliche Bedeutung der Gemüseproduktion unter Plastik hat bisher das Schweigen über die unakzeptablen Arbeits - und Lebensbedingungen für die LandarbeiterInnen in der Region zementiert. Deshalb ist es wenig glaubhaft, dass plötzlich ein Kreuzzug gegen alle Unternehmer, die von dieser Situation profitieren, stattfinden sollte. Viel wahrscheinlicher ist der Aufbau einer harten Repression gegen die Einwanderung mittelloser ImmigrantInnen, welche tagtäglich von der gegenüberliegenden Küste des Mittelmeeres mit den pateras in Richtung Spanien aufbrechen und das Wirtschaftswunder von Almeria erst ermöglichen. Doch jeder weiß: Die Einwanderung lässt sich kaum aufhalten. Stärkere Einschüchterungsmethoden treiben die ImmigrantInnen nur noch mehr in die Illegalität. Sie bilden dann eine gefügige Reservearmee von rechtlosen Arbeitskräften, ohne die das Wirtschaftsmodell von Almeria nicht existieren könnte.



 
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 126 (04/2005)

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