ARCHIPEL AKTUELL: Die Landwirtschaft in Polen und der EU-Beitritt
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Polen war immer ein landwirtschaftliches Land. In der Zeit der Renaissance entstand durch die Vereinigung der Länder, die heute zu Polen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine gehören, ein Staat, den seine Einwohner den „Kornspeicher Europas" nannten. Über den Danziger Hafen wurde hauptsächlich Getreide, Holz, Honig, Fell und Leder exportiert.

Im Gegensatz zum Westen, wo das Bürgertum überwog, brachte das damalige Polen auch eine ländliche Kultur hervor, die durch den Landadel – die Schlachta – repräsentiert wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts bricht dieser Staat zusammen und sein Land wird von den Nachbarmächten eingenommen. Während der Besatzung entstehen in der Bevölkerung viele gesellschaftliche Initiativen. Neben sozialistischen und Befreiungsbewegungen gibt es auch die Bauernbewegung. Die Ideen der Bauernbewegung sind dominiert durch Agrarismus, Genossenschaftswesen und Kooperationssystem. Wichtigster Theoretiker jener Zeit ist Edward Abramowski, der heute Vater der Solidarnosc genannt wird und zu dem sich auch die polnischen Anarchisten bekennen.

Um die Jahrhundertwende entsteht eine Vielzahl von Agrargenossenschaften und unabhängigen Schulen auf dem Land. Es erscheinen Zeitschriften. Bis zum zweiten Weltkrieg herrscht die allgemeine Ansicht, dass die Menschen auf dem Land eine Gemeinschaft bilden, die auf Nachbarschaftshilfe, Tauschhandel ihrer Erzeugnisse ohne Geld und Achtung der Natur beruhen sollte. Nach dem zweiten Weltkrieg kommen die Zeiten der Zwangskollektivierung und Verstaatlichung – das heißt, die Partei will allen Boden und alle Betriebe beherrschen. Daraus gehen zahlreiche gesellschaftliche Proteste hervor, die in Polen ungefähr alle zehn Jahre Spitzen verzeichnen: 1946, 1956, 1968 bis 1971, 1980 bis 1981, 1989. Die stärkste Blüte erlebt das ländliche Leben zur Zeit der Solidarnosc in den Jahren 1980 – 1981. Es entsteht die Solidarnosc der Einzel / Privatbauern, die versucht, zum Agrarismus und zum Genossenschaftswesen zurückzukehren.

Nach 1989, als es zu einer Verständigung zwischen den Kommunisten und einem Teil der Opposition kommt, beginnt die Zeit des Kapitalismus (Walesa ist dafür bis heute in Polen unbeliebt). Alle Werften, Bergwerke und anderen Betriebe werden, genau wie die staatlichen Agrarbetriebe (vergleichbar mit Kolchosen), privatisiert; und die Gesellschaft bekommt davon nichts.

Die neunziger Jahre sind Jahre der gesellschaftlichen Apathie. Wenn es zu öffentlichen Auftritten und Protesten kommt, dann geht es um Geld, das alle von der Regierung wollen. Niemand kämpft mehr um Selbstverwaltung in Stadt und Land oder wenigstens um die Befreiung der Bauern von Steuern, so dass sie wirtschaftlich unabhängig sein und ohne den Staat leben können.

Charakterisierung der polnischen Landwirtschaft
In der jetzigen Situation zeichnet sich die polnische Landwirtschaft aus durch:

  • eine hohe Beschäftigungsrate auf dem Land (ca. 25 Prozent);
  • eine große Anzahl (ca. 2,1 Millionen) kleiner Familienbetriebe (mit einer durchschnittlichen Fläche von 8,5 ha), das sind 80 Prozent aller Betriebe;
  • eines der niedrigsten Nutzungsniveaus von Agrarchemie in Europa (infolge der Wirtschaftskrise);
  • eine große Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren (sowohl angebaut/gezüchtet als auch wildlebend in der ländlichen Umgebung);
  • kurze Distanzen zwischen Produzent und Konsument.

Das bedeutet: die Landwirtschaft ist Haupteinkommensquelle etwa der Hälfte der polnischen Bevölkerung. Sie hat lokalen Charakter, was den Transport von Nahrungsmitteln über weite Distanzen überflüssig macht (geringerer Verbrauch von Konservierungsmitteln und Kraftstoff).

Man muss hinzufügen, dass die Mehrheit der Menschen, die in Städten leben, dort seit zwei bis drei Generationen ansässig ist und ein großer Teil ihrer Familie auf dem Land lebt. Viele Leute haben also Zugang zu Grundnahrungsmitteln zu niedrigen Preisen oder sogar kostenlos. Außerdem liefert der Wald Pilze, Kräuter und Waldfrüchte.

Ökologische Landwirtschaft in Polen
In dieser Situation hat Polen große Möglichkeiten im Bereich der ökologischen Herstellung von Lebensmitteln. Doch was bedeutet eigentlich „ökologisch"? Die internationalen Prinzipien für ökologischen Landbau kann man folgendermaßen zusammenfassen: Tier- und Pflanzenproduktion finden auf nicht verseuchten Flächen statt, ohne Agrar- und Veterinärchemie – nur die obligatorischen Impfungen sind zugelassen; die Lebensmittel sind frei von genmanipulierten Organismen; die Produktqualität wird durch eine von den Produzenten unabhängige Stelle kontrolliert. Die ersten Organisationen von Ökobauern entstanden am Ende der achtziger Jahre. Sie sind jedoch schwach und haben nur geringen Einfluss auf die Staatspolitik. Momentan gibt es in Polen ca. 180 Biobetriebe. Die Situation verbessert sich jedoch: seit einigen Jahren subventioniert das Landwirtschaftsministerium die Gründung und Führung ökologischer Betriebe. Vor kurzem wurde auch ein Gesetz zum ökologischen Landbau verabschiedet, es ist jedoch kläglich, zum Beispiel reguliert es nicht den Handel mit nicht pasteurisierter Milch. Außerdem gibt es in Polen kaum eine Kontrolle genetisch veränderter Organismen, was bekanntermaßen viele negative Folgen haben kann.

Die Verhandlungen zwischen Polen und der EU
Bei den Verhandlungen mit der EU wäre es die vernünftigste Lösung, auf die Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft zu setzen. Dies würde auch den Reformen entsprechen, die derzeit in den EU-Ländern vor sich gehen. Deutschland will beispielsweise den Flächenanteil der Bio-Betriebe von vier Prozent auf 20 Prozent erhöhen. In Polen besteht die EU jedoch leider auf hochspezialisierte Großbetriebe. Mit dem Eintritt Polens in die EU müssen schätzungsweise 1,3 Millionen Betriebe geschlossen werden. Wenn die kleinen Betriebe Hoffnung haben können, dann nur bei einer Fläche von ein paar Dutzend Hektar – bei einer derzeitigen Durchschnittsfläche von 8,5 ha. Die polnische Regierung und die EU-Kommission streiten sich lediglich darüber, wieviel Geld zu diesem Ziel zur Verfügung gestellt werden soll.
Momentan liegt im Sejm ein Gesetzesentwurf zur staatlichen Agrarstruktur vor. In dem Entwurf werden zwei neue Begriffe eingeführt: die minimale und die maximale Betriebsfläche. Abhängig von der Wojewodschaft werden diese Größen 10 bis 100, 15 bis 200 und 20 bis 300 ha betragen. Kleine Betriebe verlieren damit die Existenzberechtigung. Wenn sich die „europäische" Option durchsetzt, müssen wir:

  • chemische und schlecht schmeckende Produkte essen (die billiger sein werden, weil sie subventioniert sind);
  • ca. 1,3 Millionen Kleinbetriebe auflösen und dafür ca. 800.000 „Eurokolchosen" schaffen;
  • uns mit einigen Millionen weiteren Arbeitslosen auf dem Land auseinandersetzen (derzeit beträgt die Arbeitslosigkeit in Polen ca. 18 Prozent);
  • uns von der Imkerei, dem Heilpflanzenanbau und dem Kartoffelanbau verabschieden (die Europäische Union hat angekündigt, dass diese nicht subventioniert werden; Polen ist einer der größten Produzenten von Honig, Kräutern und Kartoffeln in Europa);
  • uns mit dem Aussterben weiterer Tier- und Pflanzenarten abfinden, da die Artenvielfalt der Monokultur weichen wird.

EU-Agrarpolitik
Um diesen Prozess zu verstehen, müssen wir die Landwirtschaft der EU genauer unter die Lupe nehmen. Die Funktionsweise der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik kann man folgendermaßen zusammenfassen:

  • bevorzugt werden große Landwirtschaftsbetriebe;
  • es existiert eine weitgehende Spezialisierung der Produktion;
  • die Agrarproduktion ist subventioniert.

Zu den Folgen der Gemeinsamen Agrarpolitik gehört:

  • das Verschwinden von jährlich 500.000 Landwirtschaftsbetrieben in der EU, die von immer größeren, geradezu gigantischen Betrieben absorbiert werden;
  • die Spezialisierung der Produktion, die darauf beruht, dass die Spanier für Oliven und Tomaten, die Holländer und Schweden für Milchprodukte und die Deutschen für Möhren zuständig sind, was zu zahlreichen Reibereien und Konflikten führt (bei den Italienern wachsen genau so gute Tomaten, die Franzosen wollen auch Subventionen für Milch usw.);
  • der Transport von konservierten Nahrungsmitteln über sehr große Entfernungen unerläßlich wird;
  • die Lebensmittel selbst subventioniert (und somit billiger) sind und „reich" an Kunstdünger und Spritzmitteln (die für die Subventionen gekauft wurden), was sich im Geschmack und der Gesundheit der Menschen ebenso niederschlägt, wie auf den Zustand des Bodens;
  • die Tierproduktion auf artenfremder, industrieller Haltung basiert, deren Folgen Dioxin in Hühnern, Maul- und Klauenseuche und BSE sind.

Alternativen für die polnische Landwirtschaft – Beispiele für Europa
Wenn Polen auf die ökologische Landwirtschaft setzt, könnte es durchaus die Agrarmärkte einiger der 15 Unionsländer destabilisieren, da es zu einem wichtigen Produzenten billiger und gesunder Lebensmittel würde (in der EU sind ökologische Produkte zwei- bis dreimal teurer; in Polen gilt das Prinzip, dass der Ladenpreis des konventionellen Produkts gleich dem Großhandelspreis des ökologischen Produktes ist; von einem großen Preisunterschied kann also keine Rede sein).
Dies ist jedoch nicht das Ziel der polnischen Politik. Auch die EU strebt nicht in diese Richtung. Momentan wird viel über eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik gesprochen, was allerdings noch Jahre dauern wird. Wenn die Reformen in Richtung Ökologisierung der Landwirtschaft gehen sollen, dann stellen wir uns doch die Frage: Lohnt es sich, Polen seiner guten Voraussetzungen zu berauben? In Polen produziert die Mehrheit der Bauern Lebensmittel auf ökologischer Grundlage, sie besitzen aber kein entsprechendes Attest, keine obligatorischen Bodenuntersuchungen und vor allem kein Wissen über die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Für viele Menschen könnte die Arbeit im ökologischen Landbau die Rettung vor Arbeitslosigkeit sein. Eine saubere Umwelt und eine große Anzahl ökologischer Familienbetriebe gäben der Entwicklung des Agrotourismus eine Chance, der einen weiteren Ausweg für die polnischen Bauern darstellen kann. Ebenso lohnt es sich, zu den alten Prinzipien des Agrarismus zurückzukehren: kleine Agrargenossenschaften zu gründen, nachbarschaftliche Kontakte auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe – und nicht von Konkurrenz – aufzubauen, lokale Kooperativen zu bilden, die ihre nächste Umgebung ernähren können. Die Frage, welche Entwicklung sich durchsetzen wird, bleibt offen.

Marcin Wawrzyn

Aus: Telegraph, Nr. 106

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 098 (10/2002)

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