BALKAN Surdulica, Reise ins Land der Trompeten
ute


Jedes Jahr im August versammeln sich Zehntausende Menschen zum großen Blaskapellen-Wettbewerb in Guca in Zentralserbien. Doch vorher findet der regionale Wettbewerb in der kleinen Stadt Surdulica im Süden des Landes statt. Diese Region grenzt im Osten an Bulgarien, im Westen an den Kosovo und im Süden an Makedonien. Hier lebt eine der größten Roma-Gemeinschaften Serbiens, und hier findet man auch die besten Blaskapellen weit und breit.


Dieses Jahr nahmen zum ersten Mal ausländische Gruppen am Festival von Surdulica teil. Ein langjähriger Freund, Milo Petrovic, Koordinator von Gemeinden Gemeinsam Schweiz (siehe Kasten) hatte uns eingeladen, und so fuhren 16 Personen, davon ein Teil der Musikgruppe Comedia Mundi sowie Mitglieder des EBF und der Europäischen Kooperative Longo maï nach Südserbien, um die Region, ihre Einwohner und ihre Musik kennenzulernen.


Wir verbrachten fünf Tage in Surdulica mit viel Musik und verschiedensten Begegnungen, ein Mikrofon in der Tasche, allzeit bereit aufzunehmen 1.


"Hier kommt man mit einer Blaskapelle auf die Welt, man heiratet und stirbt mit einer Blaskapelle"

, sagt uns Stojan Krstic. Vater und Sohn sind Trompeter, die Mitglieder einer Blaskapelle stammen meist aus derselben Familie. Die Melodien werden von Ohr zu Ohr weitergegeben.


Der Ursprung der Blaskapellen


Die ersten Blaskapellen tauchten in Serbien während des Ersten Weltkriegs auf. Doch der Anführer des zweiten serbischen Aufstands gegen die Türken, Milos, hatte schon im 19. Jahrhundert Musikgruppen aus Tschechien engagiert, um sich von der türkischen Musik abzuheben. Diese Orchester spielten am Hof des Königs in Kragujevac, später in Belgrad und waren dem Volk fast unbekannt.


Doch die Trompete bahnte sich ihren Weg nach Serbien. Die Roma dieser Region spielten bis dahin auf traditionellen türkischen Instrumenten wie zum Beipiel dem Surle, einem Blasinstrument, dem man keine lauten Töne entlocken konnte. Die Trompeten aus Tschechien verliehen ihrer Musik eine neue Kraft.


Die ersten Bläserensembles waren Militärkapellen, zusammengesetzt aus Männern, die aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten. Milena Sesic, Rektorin der Kunstakademie von Belgrad, erklärte uns, dass die Musik, die heute von den Blaskapellen gespielt wird, keine eigene Tradition habe, sondern eine kuriose Mischung sei aus Militärmusik, Zigeunerweisen, serbischer Folklore und sogar Popmusik. Musikwissenschaftler rauften sich die Haare, wenn sie die Ursprünge dieser Musik analysieren wollten…


Die Roma-Blaskapellen sind durch die Filme von Emir Kusturica weltberühmt geworden. Diese Filme haben Milena zu Folge auch zur Vereinheitlichung der Roma-Kultur beigetragen, zumindest in Jugoslawien. Die Unterschiede zwischen der Zigeunermusik der verschiedenen Regionen sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel größer gewesen als heute. In der Voivodina zum Beispiel wird hauptsächlich Geige gespielt, in Sumadia Ziehharmonika, die Zigeuner passen sich auch melodisch "ihrer" Region an.


Sie haben aber die Filmmusik als die ihre "adoptiert", Lieder wie Ederlezi aus dem Film "The time of Gypsies" oder Mesecina aus "Underground" sind heute fester Bestandteil des Repertoires jeder Roma-Blaskapelle.


Die Musik kann uns weiter führen


Wir hatten nicht den leisesten Zweifel daran, dass Milo eine Idee im Hinterkopf hatte, als er uns nach Surdulica einlud. Wir wollten mehr erfahren über dieses Stadt. Der Photograph Pablo Fernandez, der seine Photos während des Festivals im Kulturzentrum ausstellte, und Milo erzählten uns, dass Surdulica einer der letzten Orte war, die von der NATO bombardiert wurden. Mehrere Wohnhäuser, das Sanatorium und das Altersheim waren getroffen, etwa 30 Menschen getötet worden:


"Die NATO-Bomben richteten sich zunächst gegen militärische Einrichtungen, dann gegen Infrastrukturen – Brücken, Raffinerien, Fabriken usw. Da die Jugoslawen weiterhin Widerstand leisteten, ging man zu einer völlig rationalen Handhabung der sogenannten Kollateralschäden über. Nachdem Kommandozentralen, Kommunikationsstrukturen usw. zerstört waren, schlug man voll auf die Bevölkerung ein."


Milo erklärt: "Die NATO begriff, dass einige Bomben zur Warnung nicht genügten. Sie hatten den Widerstand unterschätzt. Sie glaubten vielleicht, dass sich die Bevölkerung gegen Milosevic erheben würde. Die Leute erhoben sich, aber nicht, um Milosevic zu verteidigen, sondern weil ihre Würde, ihr Leben in Gefahr waren."


Milo begab sich nach Surdulica:


"Ich wollte mir die Stadt aus der Nähe ansehen. Ich war sehr beeindruckt von der Reaktion der Einwohner: Sie beweinten ihre Toten, begruben sie und begannen sofort danach, die Häuser wieder aufzubauen. Sie lebten intensiv, trotz allen Leids. Sie hielten sogar am Blaskapellen-Wettbewerb 40 Tage nach den Bombardierungen fest! Das heißt nicht, dass sie nicht gelitten haben, es ist das Zeichen einer bewundernswerten Lebenskraft.


Danach wurde mir die ethnische und kulturelle Vielfalt dieser Stadt bewusst. Schon seit über acht Jahren versuche ich, meine Freunde von Gemeinden Gemeinsam Schweiz zu überzeugen, neue Partnerschaften mit serbischen Gemeinden aufzubauen. Es gibt sieben Partnerschaften in Montenegro, das viel kleiner ist, und nur zwei in Serbien. Surdulica entspricht den Kriterien von Multiethnizität, hier lebt eine große Roma-Gemeinschaft, die etwa 20 Prozent der Stadtbewohner ausmacht, und eine bulgarische Minderheit. Der Gemeinderat – mit all seinen Schwächen – ist offen für internationale Zusammenarbeit. Es gibt bereits eine Art Partnerschaft mit einer bulgarischen und einer makedonischen Gemeinde."


Pablo präzisiert: "Die Gemeindebehörden scheinen paradox - der Bürgermeister ist Mitglied der SPS, der ehemaligen Partei von Milosevic, und gleichzeitig Monarchist, also ungefähr das Gegenteil von dem, was wir uns als Partner vorstellen, aber auf lokaler Ebene handelt er sehr intelligent."


Schockierende Widersprüche, sagt Milo, aber dieser Bürgermeister unterstützt die Kultur in seiner Stadt, vor allem das Blaskapellen-Festival. Milo denkt, dass eine Partnerschaft vom kulturellen Bereich ausgehen könnte:


"Es gibt die Musik, die Kultur, warum nicht diesen Kanal benutzen? Sie schafft eine gegenseitige Sympathie und die psychologischen Bedingungen, um dann auf ein anderes Terrain überzugehen. Die Kultur kann uns viel weiter führen! Letztes Jahr waren sieben oder acht Schweizer in Surdulica. Pablo stellte zum ersten Mal seine Photos aus. Dieses Jahr sind beinahe 80 Ausländer hier, das ist ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte der Stadt."


Tradition und Modernismus


Der Wettbewerb fand an drei Abenden statt, 40 Blaskapellen mit je drei Trompeten, vier Tubas und zwei Trommeln spielten um den Preis des besten Trompeters, des besten Tubaspielers, des besten Trommlers und des besten Ensembles. Die Mitglieder der Jury waren Musikwissenschaftler und Ethnologen aus Belgrad, kein einziger Zigeuner war bestimmt, über die Roma-Blaskapellen zu urteilen. Und überall die Plakate ausländischer und einheimischer Firmen, welche "ihre" Blaskapelle oder das Festival sponsorten. Pablo erklärte uns, was bei diesen Wettbewerben auf dem Spiel steht:


"In dieser Gegend gibt es ein außerordentliches Angebot von Musikgruppen und eine völlig ungenügende Nachfrage. Eine Blaskapelle kann hier nicht überleben, sie muss sich sozusagen 'exportieren'. Man muss wissen, dass rund um eine Musikgruppe mehrere Familien leben. Je mehr Preise eine Blaskapelle erringt, desto öfter wird sie angefragt – für Konzerte, Hochzeiten, Radiosendungen usw., und desto mehr kann sie ihre Gagen erhöhen. Die Musik wirkt sich sehr direkt wirtschaftlich auf das Leben der Roma der Region aus."


Nach dem offiziellen Wettbewerb trafen sich die Kapellen im einzigen großen Hotel von Surdulica zum Feiern. Doch die Musiker spielten hier hauptsächlich vor den Gemeindevertretern und den Sponsoren. Man schätzt die Zigeuner, wenn sie Musik machen, in offiziellen Reden werden sie nicht mehr diskriminiert, aber man setzt sich nicht an ihren Tisch, man lädt sie nicht zu einem Glas Slivovitz ein. "Das wird sich auch so schnell nicht ändern", sagt Milo, "hier handelt es sich um eine merkwürdige Mischung aus althergebrachten Verhaltensweisen und ‚modernen’ Ideen, wenn es um wirtschaftliche Fragen geht. Es wird viel Zeit brauchen. Nächstes Jahr müsste man viel mehr Leute kontaktieren, herausfinden, was außer der Musik noch alles vor sich geht, mehr diskutieren… Vielleicht werden die Leute begreifen, dass die Privatisierungen nicht das einzige und auch nicht das beste Rezept für die wirtschaftliche Entwicklung sind. In zwei bis drei Jahren könnten wir dann komplexere Initiativen ergreifen. Im Idealfall ergäbe sich eine stabile, langfristige Partnerschaft."


Sesshafte und Nomaden


Pablo macht uns darauf aufmerksam, dass auch nicht alle Roma der Region Musiker sind. Sie arbeiten in Fa-briken, Stauwerken, viele sind Saisonarbeiter, Handwerker, es gibt Roma-Lehrer und sogar Roma-Polizisten… Er und Milo hatten den Schmied von Surdulica getroffen, einen jungen Mann von 21 Jahren, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war: "Er arbeitet weiterhin in der Stadt, denn in dieser Region wird viel Landwirtschaft betrieben, es gibt immer eine Sense zu reparieren oder eine Metallkonstruktion anzufertigen. Er findet immer Arbeit, im Gegensatz zum Korbflechter, der wunderschöne Weidenkörbe herstellt und sie für 14-15 Euro verkauft. Er hat Mühe mit der Konkurrenz der aus China importierten Plastikbecken, die nur 2 Euro kosten."


Viele Roma wandern aus, vor allem nach Österreich und nach Deutschland. Sie schicken dann Geld an ihre Familien. Die Mehrheit von ihnen wohnt in den Dörfern rund um Surdulica. Einige werden reich und bauen bei ihrer Rückkehr Häuser im Stadtzentrum.


Alle haben aber nicht dieses Glück. Auf der Rückreise hatten wir Gelegenheit, in Belgrad mit Ivko Dragicevic zu sprechen, dem Leiter des Dokumentationszentrums für die Studenten der serbischen Hauptstadt. Während der Sommerferien stand das Zentrum offen für Roma-Kinder aus Deutschland. In den letzten Monaten haben sich die Ausweisungen ganzer Familien, die zum Teil schon lange Jahre in der BRD lebten, gehäuft. Ivko und seine Freunde haben einen Film gedreht über die Ankunft dieser Roma-Familien in Belgrad, wo sie sich völlig mittellos wiederfinden und nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Sie möchten mit Leuten in Kontakt treten, die versuchen, in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, wo diese Praktiken leider immer häufiger werden, diese Ausweisungen zu verhindern 2.


1. Eine einstündige Radiosendung in französischer Sprache, aber mit viel Musik ist beziehbar bei Radio Zinzine, F-04300 Forcalquier


2. siehe Archipel Nr. 101, Januar 2003. Kontaktadresse: Caroline Meijers, EBF-Schweiz, Le Montois,


CH-2863 Undervelier. <montois@datacomm.ch>

verfasst von Beatriz Graf (EBF-Comedia Mundi),  19.01.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 111 (12/2003)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 111 (12/2003)

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