Bittere Tomaten aus den USA
ute


Im März 2003 kam es zu einem Höhepunkt im Kampf der ausländischen Landarbeiter in den USA: Es handelte sich um die Tomatenpflücker für eine der grössten Fastfoodketten, die Firma Taco Bell in Florida.


Angefangen hatte dies alles 1997. Damals wurde die Gewerkschaft "Coalition of Immokalee Workers" (CIW) gegründet. Immokalee ist eine Stadt im Südwesten von Florida, die wichtigste Tomatenproduktionszone Amerikas. Ziel war, gegen die prekären Arbeitsbedingungen und die miserablen Lebensumstände der Landarbeiter zu protestieren, die hauptsächlich aus allen armen Ländern Süd- und Zentralamerikas stammen (ungefähr 40 Prozent aus Mexiko, 33 Prozent aus Guatemala und anderen Länder wie Haiti, Honduras und El Salvador). Viele von ihnen sind ehemalige Bauern. Sie flohen vor der brutalen Repression in ihren Ländern, die von den Vereinigten Staaten unterstützt und finanziert worden war.


Sechs Tage in der Woche müssen sie arbeiten und werden im Vergleich schlechter entlohnt als vor zwanzig Jahren: 40 Cents für einen Eimer von 32 Pfund Tomaten (dies entspricht etwa 50 Dollar für zwei Tonnen geerntete Tomaten). Überstunden werden nicht ausgezahlt, Krankenversicherung, Ferien oder Pensionsgelder sind unbekannt. Sie sind ständigen rassistischen Belästigungen und Einschüchterungen seitens der "local field bosses" ausgesetzt. Gewerkschaften sind nicht erlaubt. Sie müssen zu mehreren in Barackensiedlungen oder Wohnwagen hausen, die oft mit Stacheldraht umzäunt sind. In diesen "Wohnungen", weit entfernt von der Stadt, gibt es weder warmes Wasser noch Sanitäreinrichtungen. Wächter der Firma kontrollieren alle Ein- und Ausgänge.


Schon 1998 startete die CIW einen Hungerstreik, der einen ganzen Monat dauerte. Später, im Februar 2000, veranstalteten die Arbeiter einen Marsch von fast 400 Kilometern durch die Region, in der Obst und Gemüse produziert werden. Die Tomatenfelder gehören der "Six L". Die Campesinos entdeckten, dass der Hauptkunde der "Six L" die Restaurationskette Taco Bell ist, ein Fastfoodriese mit einem Umsatz von über einer Milliarde Dollar. Die CIW verlangte von Taco Bell, sich bei der "Six L" für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.


Taco Bell lehnte jede Einmischung ab und weigerte sich, die Arbeiter der CIW zu empfangen. Als Antwort organisierte die Coalition im April 2001 eine Kampagne "Boycott the Bell". "Wir haben es satt die Profite von Taco Bell mit unserem Elend zu subventionieren", empörte sich Romeo Ramirez, einer der Arbeiter. Seither entstanden Dutzende von "boycott support groups" in Städten und Universitäten in ganz Amerika. Die Studenten der Universitäten von Duke und Notre Dame konnten die Eröffnung eines Restaurants von Taco Bell auf ihrem Campus verhindern.


Gemäss Ramirez verlangten die grossen Schnellimbissketten von ihren Fleischlieferanten, ihr Vieh "menschlicher" zu behandeln. Was die Lebensbedingungen der ausländischen Landarbeiter betrifft, sind sie offensichtlich nicht von den gleichen Sorgen geplagt.


Im Jahre 2002 organisierte die CIW die "Taco Bell Truth Tour" (Tournee der Wahrheit über Taco Bell). Sie begann in Tampa (Florida), durchquerte das ganze Land und machte in fünfzehn wichtigen Städten Halt (Atlanta, Chicago, Denver, Salt Lake City, San Francisco, Los Angeles..), um in Irvine, dem Hauptsitz von Taco Bell, zu enden. Zwei französische Arbeiter, die am Streik gegen Mac Donald in Paris teilgenommen hatten, begleiteten sie auf dieser Protestaktion.


Im Januar 2002 musste die CIW gegen die Machenschaften der lokalen Behörden protestieren. Diese konsultierten die Karteien der Nationalen Einwanderungsstelle, um Arbeiter ohne reguläre Papiere verhaften und ausschaffen zu können. Dies spielte sich in einer stark ausländerfeindlichen Situation ab, die der Gouverneur von Florida, Jeb Bush und sein Bruder, der jetzige Präsident, geschaffen haben. Es versteht sich von selbst, dass von solchen Maßnahmen vor allem Immigranten betroffen sind, die sich zur Wehr setzen.


Der CIW gelang es, fünf "slavery rings" (Mafiöse Netzwerke zur Organisierung von Zwangsarbeiten) ans Tageslicht zu bringen und aufzulösen. Einige von diesen hatten bis zu siebenhundert Personen unter ihrer Kontrolle für diese moderne Form von Sklaverei.


Am 24. Februar 2003 versammelten sich hundert Arbeiter der CIW und Sympathisanten (vor allem Studenten) vor dem Hauptsitz von Taco Bell in Irvine und skandierten "End sweatshops in fields". Sie führten während zehn Tagen einen Hungerstreik durch. Wie schon gehabt lehnten die Verantwortlichen des Betriebes ein Treffen mit einer Delegation ab. Am 28. Februar nahmen über tausend Menschen an einem Solidaritätstag teil, mit dem Streiklied "Hunger Days" (Hungertage), der Musikgruppe der Landarbeiter Los Jornaleros und einer Ansprache von Eric Schlosser, Autor des Bestsellers "Fast Food Nation".


Ein Teilnehmer des Streikes, Gerardo Reyes Chavez: "...es ist nicht erstaunlich, dass Taco Bell uns nicht empfangen wollte. Wir sind es gewohnt, dass sie eine verächtliche Haltung gegen jene einnehmen, die ihnen dank harter Arbeit und Opfern riesige Profite ermöglichen. Während diesen letzten zehn Tage schickte uns Taco Bell Priester mit der Botschaft für einen Dialog, sie schickten uns auch Ärzte, die ihre Sorge um unsere Gesundheit ausdrückten. Der Bürgermeister von Irvine wollte mithelfen, eine Lösung zu finden, und gleichzeitig lehnte er es ab, die Zehntausenden von Menschen aus dem ganzen Lande, die uns unterstützen, anzuhören. All diese Leute sind Zeugen der Arroganz von Taco Bell, und wir haben so neue Verbündete gefunden, die uns in unserem Kampf helfen werden. Auch wenn wir unseren Hungerstreik abgebrochen haben, der Boykott geht weiter und stärker denn je".


Für weitere Informationen:


www.ciw-online.org oder schreibt an workers@ciw-online.org

verfasst von Nicholas Bell(EBF-Pigonnier),  15.04.2003, eingestellt von ute
Thema im Archipel 104 (04/2003)
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Ausgabe: 104 (04/2003)

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