BUCHBESPRECHUNG: Das Absolutum oder die Gottesfabrik
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In den 1920er Jahren beginnt der tschechische Schriftsteller Karel Capek, sich für die wissenschaftlichen und technischen Neuerungen seiner Zeit zu interessieren. Sein Bruder Joseph erfindet das Wort «Roboter», das durch Karels Stück Rossum’s Universal Robots (R.U.R.) bekannt wird.


 


Darin behandelt er das klassische Science fiction-Thema der Revolte der Maschine gegen den Menschen. 1922 veröffentlichte er den Roman «Das Absolutum oder die Gottesfabrik». Er erzählt die Geschichte von dem genialen Erfinder, dem es gelingt, die Materie aufzulösen und mit der dadurch freigesetzten Energie einen Motor zu betreiben. Genau das geschieht sowohl bei der Kernspaltung als auch bei der Fusion. Capek stellt sich vor, dass es dabei eine sehr unangenehme Nebenerscheinung gibt: Dieser Motor strömt eine Art Geruch des Absoluten aus. Alle, die ihn riechen, beginnen, an Gott zu glauben, werden mystisch, haben Visionen, wirken Wunder usw.


Der Ingenieur erklärt dieses seltsame Phänomen folgendermaßen: «Weißt Du, was Pantheismus ist? Es ist der Glaube, dass Gott, das heißt das Absolutum, in allem steckt, was existiert. In den Menschen und in den Steinen, im Gras, im Wasser, überall. Und weißt du, was Spinoza lehrt? Dass die Materie nur die Erscheinungsform oder ein Aspekt der göttlichen Substanz ist, der andere Aspekt ist die Seele. (...) Leibniz lehrt, dass die Materie aus spirituellen Einheiten besteht, den Monaden, welche die göttliche Substanz darstellen. (...) Aber stelle dir einmal vor, dass Gott wirklich in aller Materie steckt, dass er sozusagen eingeschlossen ist. Wenn du diese Materie auflöst, entkommt er, wie der Geist aus der Flasche. Plötzlich ist er frei. Er strömt aus der Materie wie das Gas aus der Kohle. Du verbrennst ein Atom, und plötzlich ist dein ganzer Keller voller Gott, voll von Absolutem. Es ist erstaunlich, wie schnell sich das verbreitet!»


Ein befreundeter Industrieller kauft dem Ingenieur das Patent für seinen Motor ab und startet eine Massenproduktion. Er macht riesige Profite, die Wirtschaftskrise ist dank der kostenlosen Energie für die Fabriken in zwei Wochen behoben. Doch wie der Glaube Berge versetzen kann, so durchbricht das in Massen produzierte Absolutum alle Barrieren und verbreitet sich auf der ganzen Welt. Der Religionswahn steigt und die Produktion fällt, denn alle Arbeiter beginnen zu beten und einander zu bekriegen. Um jeden Motor entsteht ein eigener Kult, der alle anderen als Ketzer ansieht und sie auffordert, sich zu bekehren. Ein weltweiter Religionskrieg droht. Die Staaten setzen ihre Armeen ein, um die Ordnung wieder herzustellen. Doch die Generäle verwandeln sich in Propheten von neuen Religionen mit Tausenden von fanatischen, bewaffneten Anhängern. Nach einer gewissen Zeit hören die Kämpfe auf, weil es keine Kämpfer mehr gibt und der mystische Fanatismus fällt in sich zusammen. Das Absolutum ist völlig aufgebraucht, die Seelen in den Himmel geflogen. Die Überlebenden verbieten diese Erfindung für immer.


In diesem Roman sind die Auflösung der Materie und die Produktion des Absolutums ein Vorwand für einen satirischen Angriff auf den Klerus, den Zynismus der Kapitalisten, die Eitelkeit der Gelehrten und den Größenwahn der Militärs und endet mit einem Aufruf zur Toleranz. Eigentlich recht klassisch für einen linken Autor zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber wir sehen, dass Capek mit dem Fortschrittsglauben der Linken, wie wir ihn heute kennen, nichts zu tun hat: Das Thema seiner Schriften ist die Idee, dass man nicht alles für nichts haben kann und dass maßlose Ambitionen katastrophale Folgen haben.


Bei Capek ist der wissenschaftliche, technische und industrielle Fortschritt dem seit Ewigkeiten bekannten Prinzip, das in der Mythologie aller traditionellen Gesellschaften existiert, unterworfen. Die alten Griechen waren sich dieses Prinzips bewusst und ihre Philosophie ist geprägt von dem Gedanken, dass die Aktivitäten der Menschen die Harmonie des Kosmos nicht stören sollen durch Übermaß (hybris), denn es zieht die göttliche Rache nach sich (Nemesis).


Am Ende des 15. Jahrhunderts taucht in Europa der Mythos des Dr. Faust auf, um jene zu warnen, die sich durch die Manipulation von Zeichen und abstrakten Symbolen Macht aneignen wollen. Damals sind die so genannt «exakten» Wissenschaften (Astronomie, Chemie, Medizin usw.) noch eng verbunden mit Magie, Astrologie und Alchimie (noch im 17. Jahrhundert schreibt Newton mehr über Alchimie und Theologie als über wissenschaftliche Themen). Die durch diese abstrakten Manipulationen gewonnene Macht ist unabhängig von den kollektiven Aktivitäten der Menschen und droht, ihre Gemeinschaft und Traditionen, Sitten und Gesetze, die das gemeinschaftliche Leben regeln, zu untergraben. Faust nützt seinen Pakt mit Mephisto, um Frauen, Reichtum und Prestige zu erlangen, anders gesagt, um alles für nichts zu bekommen. Er sät Ruin und Verzweiflung auf seinem Weg, bis hin zur letzten Katastrophe.


Natürlich ist das für die Befürworter von ITER nur Aberglaube und Obskurantismus: Doch auch sie versuchen, Materie in reine Energie zu verwandeln und dadurch Allmacht zu erlangen.


B.L.


 


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 137 (04/2006)

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