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BUCHBESPRECHUNG: Eine Sprachbiografie als politisches Statement

Die Sprachwissenschafterin Brigitta Busch führte Gespräche mit Neville Alexander und hielt sie mit Audio-Aufzeichnungen fest. So entstand die Sprachbiografie «Neville Alexander im Gespräch. Mit der Macht der Sprachen gegen die Sprache der Macht» über mehrere Jahre an verschiedenen Orten*.
Sprachbiografien sind immer auch etwas Persönliches, ja fast Intimes. Beim Lesen dieses Buches kam bei mir immer wieder ein Gefühl der Ehrfurcht auf, fast der Dankbarkeit für das offene Reden über das eigene Leben, über die Erfahrungen mit Rassismus und der Apartheidpolitik in Südafrika, die Bildungswege und Kämpfe, über das politische und soziale Engagement und für die tiefgründige Reflexion der Sprach- und Bildungspolitiken und deren Konsequenzen für die Sprechenden, vor allem in Südafrika.
Das Persönliche in dieser Sprachbiografie kann nicht von den politischen Ereignissen getrennt werden, in die sie Neville Alexander einbettet; sie bilden die Perspektive des persönlichen Erzählens. So ist Alexanders Sprachbiografie auch ein politisches Statement: Mit Mehrsprachigkeit gegen Rassismus. Für eine emanzipatorische Politik durch Mehrsprachigkeit.
In der chronologisch zusammengestellten Sprachbiografie erzählt Neville Alexander über seine sprach- und bildungspolitische Entwicklung ausgehend von der Kindheit, Schul- und Studienzeiten, über seine Gefängniszeit auf Robben Island hin zu seiner Teilnahme an politischen und sozialen Bildungsbewegungen, um mit einer Reflexion über die Funktion der Sprache abzuschließen.
Für Alexander gibt es immer einen Grund, warum wir die eine oder andere Sprache sprechen, wenn wir in eine mehrsprachige Gesellschaft hineingeboren werden. Es gibt auch immer einen Grund, warum wir es in verschiedenen Situationen vorziehen die eine oder die andere Sprache zu sprechen. Der persönliche Moment des Sprechens, das Sich-Wohlfühlen in einer Sprache ist eng mit den sprachpolitischen und diskriminierenden Strukturen verbunden: Es wird davon bestimmt, wie gut wir eine Sprache beherrschen bzw. welches Sprachniveau von der Umgebung erwartet wird.
Von dieser Position Alexanders kann auch die österreichische Sprachenpolitik einiges lernen. Zu den Forderungen nach der Beherrschung des Deutschen als Voraussetzung für gesellschaftlichen Erfolg könnte mit Alexander geantwortet werden, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob jemand das so genannte Standarddeutsch der Eliten spricht bzw. erlernt oder aber das so genannte Arbeiterrepertoire und welche idealtypischen Sprachvorstellungen – die eigentlich niemand erfüllt – erwartet werden. Sprache muss also nicht nur gekonnt werden. Sie muss auf die richtige Art und Weise beherrscht werden. Sonst ist sie keine Prestigesprache. Der sprachbiographische Ansatz hat jedoch nicht die Sprachen selbst im Fokus, sondern die Sprechenden mit ihren lebensgeschichtlichen Erfahrungen und damit auch das sozio-politische Umfeld.
Was Neville Alexander unterstreicht ist, dass sich durch das Lernen von Sprachen auch neue Wissenshorizonte eröffnen und zugleich auch ermöglicht wird, sich durch das Sprechen einer Sprache von z. B. einer anderen Klasse zu unterscheiden.
Die Instrumentalisierung von Sprachen für eine Apartheidpolitik nimmt bei Alexander einen zentralen Stellenwert ein. So ging es bei den sprachpolitischen Debatten in den 1970er Jahren nicht für oder gegen Englisch bzw. Afrikaans, sondern um die Apartheid. Afrikaans sei nur der Auslöser gewesen, die Apartheid aber das wirkliche Problem. Diese Interdependenzen zwischen Sprachen, Sprachpolitiken, Apartheidregime und Befreiungskämpfen werden in dieser Sprachbiografie von Alexander immer wieder hervorgehoben.
Mit seinem Buch One Azania, One Nation. The National Question in South Africa beeinflusste Neville Alexander viele, wie er sagt, soziologische Schriften in Südafrika. «Es kamen die ganzen Fragen von Frauenbefreiung, Geschlechterpolitik – im Gegensatz zu einfacher Identitätspolitik -, die ¸Rassenfrage’ und die Klassenfrage zusammen.» Mit dem Zugang, dass Klasse, «Rasse» und Gender keine unterschiedlichen Gebiete sind, sondern «ontologisch als ein Thema behandelt werden müssen», setzte Alexander mit diesem Buch 1979 einen Meilenstein, auch in der soziologischen Forschung.
Die nun vorliegende Sprachbiografie ermöglicht es den Lesenden einen sehr persönlichen Lebensweg zu verfolgen, welcher Teil der politischen Brüche, theoretischen sprachpolitischen Auseinandersetzungen, der Unterdrückung, des Rassismus und der Befreiungskämpfe in Südafrika ist. Am Ende bleibt der Wunsch, weitere Sprachbiografien zu lesen, von Menschen mit Visionen, von Menschen, die die Welt ein Stück weiter verändert haben.
Vlatka Frketic*


* V. Frketic: Studium der Ökonomie in Zagreb/Kroatien, zurzeit bei LEFÖ (Beratung, Bildung und Begleitung für MigrantInnen, Leitung des Arbeitsbereichs Politische Bildung


Lucijan Busch (Hg.): Neville Alexander im Gespräch. Mit der Macht der Sprachen gegen die Sprache der Macht
Drava: Klagenfurt/Celovec 2011
198 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3-85435-655-4

verfasst von Vlatka Frketic*,  14.02.2012, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 200 (01/2012)

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