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BUCHBESPRECHUNG: Vom nicht glauben Können zum nicht wissen Wollen

Was wussten die Deutschen von der Ermordung der europäischen Juden? Obwohl die Zeit des Nationalsozialismus zu den bestuntersuchten historischen Phasen zählt, ist diese brisante Frage historisch, politisch und psychologisch noch nicht hinreichend bearbeitet.


 


Es ist das Besondere der nun vorliegenden umfangreichen Forschungsarbeit über Wissen, Akzeptanz und Reaktionsmuster in der Bevölkerung, die wesentlichen Widersprüche im Spannungsfeld zwischen den Deutschen als «willigen Vollstreckern» (Goldhagen) und dem Anspruch «davon haben wir nichts gewusst» (Mehrheit der Deutschen nach 1945) systematisch aufzulösen.


Bernward Dörner, geboren 1956 in Krefeld, ist habilitierter Historiker; er lehrt und forscht am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Durch seine präzise und verständliche Sprache sowie die Systematik einer strikten Chronologie vermittelt er nicht nur Historikern sondern allen an den Ergebnissen der Holocaustforschung Interessierten den Prozess der Wahrnehmung des Genozids: Vom nicht glauben Können zum nicht wissen Wollen. Durch eine Gliederung, die den Kriegsverlauf und damit auch die sich wandelnden Rahmenbedingungen für den Genozid berücksichtigt, gelingt es Dörner, den Kontext für dessen Wahrnehmung in der Bevölkerung nachvollziehbar zu machen.


Die Kunst des Autors liegt in der wissenschaftlichen Systematik, mit der er Ursachen und Wirkungen paralleler und scheinbar unabhängiger Vorkommnisse und Entwicklungen bei Opfern, (Mit-)Tätern und Zuschauern chronologisch analysiert und verknüpft. Am Ende ist die Beweislast erdrückend: Spätestens im Sommer 1943, so sein Fazit, konnte jeder wissen.


Im Zentrum der akribischen Untersuchung – 891 Seiten mit über 2.000 Endnoten – stehen Ermittlungsakten von Gestapo und Justiz. Darüber hinaus werden Quellen sehr unterschiedlicher Herkunft ausgewertet – insbesondere geheime NS-Lageberichte, Verordnungen, Flugblätter, Briefe und Tagebücher sowie Berichte in- und ausländischer Zeitschriften und alliierter Rundfunk-


sendungen. Den Schwerpunkt legt Bernward Dörner auf Material aus der NS-Zeit – darunter zahlreiche bisher unberücksichtigte Quellen. Retrospektive Äußerungen, die die damaligen Zeitzeugen erst nach 1945 gemacht haben, zieht er nur ergänzend heran wegen der Zensurmechanismen und anderer Einflüsse, «die nach dem Untergang des NS-Regimes die Wahrnehmungen aus den Jahren 1941 bis 1945 überlagerten».


 


Totschweigen und strafen


Eingangs dokumentiert der Autor auf 60 Seiten «Hindernisse der Wahrnehmung». Dazu zählen neben der generellen Strategie, die Zahl der Zeugen zu begrenzen, das Verbot, brisante Befehle zu dokumentieren und das fatale Ausmaß der späteren Aktenvernichtung, aber auch die menschenverachtende Instrumentalisierung von Funktionshäftlingen, die im Anschluss an ihren Beitrag im Vernichtungsprozess ermordet wurden. Ein Schicksal, das generell die größte Gruppe unten den unmittelbaren Zeugen der Morde betraf – die Opfer selbst.


Nicht nur aus Effizienz- sondern auch aus Gründen der Geheimhaltung ging das NS-Regime äußerst arbeitsteilig vor. Die Geheimhaltungsstrategie folgte der Devise, Informationen jeweils auf das für die Planung und Umsetzung notwendige Minimum zu beschränken, damit mög-lichst Wenige möglichst wenig möglichst spät erfuhren.


Dies erleichterte es den indirekt Beteiligten zudem, «sich nicht als Mitwirkende an einem fürchterlichen Verbrechen wahrzunehmen». Das Ziel, den Genozid im Geheimen schnellst-möglich umzusetzen, verfolgten die Machthaber anfänglich mit der Strategie, Äußerungen zum Judenmord nicht bzw. nicht drastisch zu ahnden. So sollte verhindert werden, dass die Geheimhaltung durch öffentliche Diskussionen um Strafverfolgungen und Prozesse mehr gefährdet wurde als durch die inkriminierten Äußerungen selbst. Stimmungen und insbesondere Stimmungsveränderungen wurden ausgewertet und in den geheimen Lage- und Stimmungsberichten des SD zusammengefasst. Erst als das Wissen um den Genozid nicht mehr auf Einzelfälle beschränkt war, sondern nach Meinung der Propagandamacher als verbreitetes Phänomen quasi eine kritische Masse erreichte, wurden Äußerungen über den Genozid als defätistisch mit großer Brutalität geahndet.


Wesentlich für die Wahrnehmung des Genozids an den Juden waren die seit 1940 gemachten Erfahrungen mit den Euthanasie-Morden, die für Nichtjuden eine direkte Bedrohung darstellten. Auch wer in seinem persönlichen Umfeld keine Geisteskranken oder Dementen kannte, – Übergriffe auf Heime mit Taubstummen und anderen Behinderten sowie Alten drängten zwangsläufig die Frage auf, was diesem Regime zuzutrauen sei, da letztlich jeder zum nutzlosen Kranken oder Greis werden kann. Das NS-Regime reagierte entsprechend seiner anfänglichen Strategie des Totschweigens auf strafbare Äußerungen über die Euthanasie-Morde zumeist nicht mit Dementis, sondern mit Schweigen.


 


Hitlers Prophezeiung


Große Bedeutung für die Wahrnehmung des Genozids misst Bernward Dörner Hitlers – auch in der NS-Terminologie öffentlich als Prophezeiung definierter und häufig offiziell von führenden Parteigrößen zitierter – Passage aus der Rede vom 30. Januar 1939 bei, die dieser sieben Monate vor seinem Überfall auf Polen gehalten hat. Drei Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion wählten die NSDAP-Propagandisten sie zum Spruch der Woche, der folglich als Farbschmuckblatt in Zehntausenden von Schalterhallen, Amtsstuben und Büros hing: «Wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.»


Am 19. September 1941 trat die Polizeiverordnung zum Tragen des gelben Judensterns und einen Monat später das generelle Ausreiseverbot für Juden in Kraft, gefolgt von der systematischen Deportation in Konzentrationslager und dem Einzug ihres Vermögens. Der Charakter dieser Transporte offenbarte sich in Umfang, Systematik und Art. Zweifel mussten aufkommen, wenn jüdisches Hab und Gut – von NS-Funktionären gelegentlich als Nachlass bezeichnet – öffentlich versteigert wurde, nachdem die Eigentümer deportiert worden waren. Vor allem aber musste die Verschleppung Tausender Frauen, Kinder und Greise die Angabe, Ziel der Transporte seien Arbeitslager, absurd erscheinen lassen.


 


Furcht vor Rache


Als entscheidende Zäsur bewertet der Autor die Ereignisse um Stalingrad – nicht nur für den Kriegsverlauf, sondern in der Folge auch für den Genozid. Im Herbst 1942 wurde die Befürchtung, dass der Krieg nicht zu gewinnen sein würde, zunehmend zur Gewissheit. Da der Genozid an den Juden nach einem verlorenen Krieg nicht fortgeführt werden könnte, wurde für die Machthaber die für seine Umsetzung verbleibende Zeit knapp. Als ab Ende 1942 die «mörderische Effizienz des Genozids» von immer weiteren Kreisen begriffen wurde, war die durch den Krieg und an den Juden begangene Schuld bereits so hoch, dass sie «die vermeintlich zu erwartende Rache der Alliierten und des ‚Weltjudentums’ persönlich fürchteten». Die NS-Propaganda begann, die Bevölkerung gezielt für alle vergangenen Entwicklungen mitverantwortlich zu machen und vollzog implizit einen radikalen Kurswechsel, indem sie die Endlösung der Judenfrage nun schon zunehmend in der Vergangenheitsform darstellte.


Die Folge des dramatisch schwindenden Glaubens an einen deutschen Sieg förderte den Durchhaltewillen der Bevölkerung und bewirkte eine fatale Solidarität mit der NS-Führung.


Es ist Aufgabe der Psychologie, das Paradox deutscher Mentalität aufzulösen, wonach ein Schrecken ohne Ende einem Ende mit Schrecken vorgezogen wurde. Die Intention der NS-Propaganda, durch Vereinnahmung der Bevölkerung in der Blutschuld Furcht vor Rache der Sieger zu schüren, um Kräfte zu mobilisieren, hatten die Alliierten ebenso schnell erkannt wie den Erfolg dieser Propaganda, die die Bevölkerung lähmte in ihrer Verstrickung mit dem Regime, aber trotz aufkeimender Resignation funk-tionieren ließ.


Auf diese Gemütslage zielte die alliierte Erklärung vom 17. Dezember 1942, die den Judenmord und die Schuldfrage ins Zentrum stellte und auch über viele Rundfunksender verbreitet wurde. Sie erreichte die deutsche Bevölkerung in der vorweihnachtlichen Hochzeit des Bangens um die Schicksale von Angehörigen im Kessel von Stalingrad und in großer Sorge um die eigene Zukunft angesichts der zunehmenden Zweifel an der Gewinnbarkeit des Krieges. Ihre zentralen Aussagen finden sich auch in einem britischen Flugblatt, von dem im Januar 1943 mehr als eine Million Exemplare abgeworfen wurden. Unter der Überschrift «Massenmord» wird die «Verschleppung» der Juden aus den besetzten europäischen Ländern und ihre «planmäßige Ausrottung» im «Schlachthaus Polen» aufgelistet. «Man muss annehmen, dass weit mehr als eine Million europäischer Juden bereits ausgerottet worden ist.»


Anschließend wird das Kalkül «Hitlers und seiner SS» thematisiert: «Diese beispiellosen Massenmorde sollen eine so ungeheure Blutschuld auf den deutschen Namen laden, sollen den Kreis der Schuldigen so weit ausdehnen, dass es den Siegern unmöglich gemacht würde, zwischen Schuldigen und Unschuldigen zu unterscheiden». «Jeder Deutsche muss sich jetzt entscheiden, ob er das Schicksal der Naziverbrecher teilen will.» «Keiner; der für diese Verbrechen verantwortlich ist, wird der Strafe entgehen.» Aber letztlich war das «antisemitische Endkampfszenario» (B.D.) um den totalen Krieg - die Drohung der NS-Propaganda «Die oder Wir» - stärker. Auch die Alliierten erkannten, dass sie mit ihrem Versuch gescheitert waren, die deutsche Bevölkerung für eine andere Haltung und eine frühere Beendigung des Krieges zu gewinnen.


 


«Niemand kehrt wieder»


Nach Wolfgang Benz bildete «die alle bisherige Vorstellungskraft übertreffende  Unglaublichkeit der Nachrichten über die Ermordung der Juden [...] tatsächlich die vielleicht noch größere Barriere für ihre Verbreitung als die amtlich verordnete Geheimhaltung». Dies macht Bernward Dörner auch explizit für die Opfer geltend, indem er sich ihren Zweifeln widmet, – dem nicht glauben Können und der Tendenz, lieber den Hoffnung erhaltenden Lügen als den fürchterlichen Gerüchten glauben zu wollen, um trotz der alltäglichen Todesnähe und in Rücksichtnahme gegenüber Angehörigen und Kindern psychisch überleben zu können.


Beispielhaft offenbart sich in den Tagebüchern von Victor Klemperer der für die direkt Betroffenen qualvoll eskalierende Prozess, der 1942 sukzessive in die letztlich unausweichliche Erkenntnis mündet: «Es liegt jetzt so, dass KZ offenbar identisch mit Todesurteil ist» (1. März); «Verhaftet bedeutet jetzt sicherer Tod» (25. Juni); «Die Strafe ist jetzt unweigerlich der Tod. Niemand kehrt wieder» (8. Juli). «Der Untergang des Judentums in Deutschland ist nun wohl auch schon nach den Tatsachen in sein letztes Stadium getreten» (2. Dezember). «Alle, mit denen wir voriges Sylvester zusammen waren, sind ausgelöscht durch Mord, Selbstmord und Evakuierung» (31. Dezember).


Auch vor diesem Hintergrund charakterisiert Dörner Gerüchte, Befürchtungen und Zeugenberichte über die planvolle Ermordung der deutschen und anderer europäischer Juden aus den Jahren vor 1942 mit «schon sehr früh» und zieht das Fazit: «Spätestens im Sommer 1943 hat die große Mehrheit der Deutschen zumin-dest damit gerechnet, dass alle im NS-Herrschaftsbereich lebenden Juden umgebracht werden sollten.» Damit teilt er die These von Peter Longerich, wonach der Genozid zu einem öffentlichen Geheimnis (Frank Bajohr und Dieter Pohl formulieren offenes Geheimnis) geworden war, widerspricht aber dessen Einschätzung, wonach «nicht die Mehrheit» der Deutschen «in irgendeiner Form» davon gewusst habe.


 


Vergleichen der Quellen


Deutlich grenzt sich Bernward Dörner auch gegenüber der Einschätzung ab, die Deutschen seien indifferent oder gleichgültig (Ian Kershaw, Hans


Mommsen) gewesen, indem er betont, dass die tatsächlich passive Haltung weiter Teile der deutschen Bevölkerung, nicht mit deren innerer Einstellung gleichgesetzt werden dürfe. Damit positioniert er sich auch gegen Goldhagens Fazit, die Deutschen seien generell eliminatorische Antisemiten gewesen. Dörners Forschungsergebnisse bestätigen die Einschätzung von Saul Friedländer, dem diesjährigen Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. «Die Leute wussten viel mehr, als sie nach dem Krieg zugegeben haben. Das ist ja klar», betont Friedländer und präzisiert: «Mir scheint aber, dass sie das während des Krieges verstanden, was mit den Juden passierte.»


Nach Dörner folgte «die Entwicklung der Wahrnehmung bei (Mit-)Tätern, Opfern und Zuschauern unterschiedlichen Mustern». Deshalb und weil sie keine homogenen Gruppen sind, kommt dem Ergebnis seiner vergleichenden Quellenauswertung besondere Bedeutung zu: Die Quellen weisen «in den verschiedenen Phasen des Genozids eine hohe Übereinstimmung auf, obwohl sie von Personen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen, Milieus und Regionen» stammen. Es sind insbesondere die Brüche in der Kriegsentwicklung, anhand derer der Autor Parallelen veränderter Wahrnehmungen und Einstellungen in Bezug auf den Mord an den Juden identifiziert. Übergreifend hält er für entscheidend, dass Wissen erst durch die Verdichtung von Gerüchten und Informationen aus unterschiedlichen Quellen und eigenen Erfahrungen in jedem Einzelnen entsteht. Indem sich dieses Muster subjektiver Wissensgenerierung innerhalb und zwischen den Milieus belegen lässt, wird die Quantität – die große Anzahl ausgewerteter Quellen – objektivierbar; denn erst durch die Leistung des Autors, die Quellen zu verknüpfen und vergleichend zu evaluieren, lässt sich die Bedeutung von Veränderungen hinsichtlich der Frage nach dem Wissen der Bevölkerung erschließen und wird zur wissenschaftlichen Qualität.


Nicht zuletzt wegen des enzyklopädischen Charakters hat Bernward Dörner mit «Die Deutschen und der Holocaust» ein Standardwerk vorgelegt. Doch es ist offenkundig, dass – wie vom Autor selbst wiederholt angemahnt wird – weiterer Forschungsbedarf besteht. Weitere wichtige Erkenntnisse sind zu erwarten, da viele Bereiche, wie Presse und Rundfunk im In- und Ausland, bisher nur exemplarisch, nicht aber systematisch und vergleichend ausgewertet wurden. Das vorliegende Werk setzt dafür Maßstäbe. Am Ende ergänzt der Autor das Buch um die ihn bewegenden Motive. Unter dem Titel: «Zu den Bedingungen der Möglichkeit des Holocaust» identifiziert er die zentralen Voraussetzungen dieses Verbrechens. Damit erkennt er den Holocaust als mahnendes Exempel für die Zukunft, ohne seine Singularität in Frage zu stellen.


 


 


Bernward Dörner: Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte.


Propyläen Verlag, Berlin 2007,


ISBN 3549073151, 891 S.



Rezension:  Dr. Anita Idel,


Monumentenstr. 3,  10829 Berlin


+49 30 70509501


Anita.Idel@t-online.de



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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 164 (10/2008)

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