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BUCHBESPRECHUNG: Von Menschen, Orten und Sprachen

Seit Jahren beschäftigen sich die AutorInnen mit Sprachenpolitik und Mehrsprachigkeit. Brigitta Busch ist Sprachwissenschaftlerin, Thomas Busch hat während Jahren den Drava-Verlag in Klagenfurt geleitet: Ihr Leben in Kärnten hat die Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit im Alltag zwangsläufig mit sich gebracht. Dabei stießen sie ständig auf Vorurteile, Hierarchien und Diskriminierung im Zusammenhang mit Sprachen. Heute wird der mehrsprachige Alltag von immer mehr Menschen bewusst gelebt.


 


In diesem Buch gehen Brigitta und Thomas Busch nicht von Sprachen oder Gruppen aus, sondern sie wählen eine radikal sprecherInnenzentrierte Perspektive. Acht Personen unterschiedlichster Herkunft erzählen, wie sie ihre Sprachlichkeit (er)leben. B.T. beispielsweise kam vor 15 Jahren als bosnischer Flüchtling nach Österreich. Seine einzige «Waffe» sei die Sprache gewesen, obwohl er lange Zeit kein Deutsch gelernt hat. Oder Alev K., grüne Abgeordnete im Nationalrat, die mit 19 Jahren nach Wien kam, und sich jetzt besser auf Deutsch ausdrücken kann, als auf Türkisch: «…und das hat mich dann schon ziemlich geschreckt, weil ich gedacht hab: Hilfe, ich verliere die Sprache!» Wenn sie jetzt in die Türkei zurückfährt, hat sie Mühe, die Sprache der jungen Leute zu verstehen, da ihr der Bedeutungskontext fehlt, in dem neue Begriffe entstehen. Jan M., dessen Eltern aus Polen nach Österreich eingewandert sind, sagt: «Meine Muttersprache ist eigentlich die Zweisprachigkeit». Damit bringt er ein Anliegen der AutorInnen zum Ausdruck, vereinfachende Kategorisierungen wie Mutter-, Erst- oder Umgangssprache hinter sich zu lassen, die für immer mehr Menschen im herkömmlichen Sinn nicht mehr zutreffen.


 


Sprachbiographien



In neuen Zusammenhängen müssen andere Ausdrucksmittel gefunden werden. Eines davon sind die gezeichneten Sprachbiographien: Silhouetten von Strichmännchen werden mit Farben ausgefüllt, jede Sprache bekommt eine Farbe und Stellen im Körper zugeordnet. Was ursprünglich ein Versuch mit Kindern war, wird jetzt mit erstaunlichem Erfolg bei Erwachsenen angewendet: Zeichnen entfernt sich von Erzählmustern, es werden dabei andere Dinge bewusst, die visuelle Darstellung zeigt die Relation der einzelnen Komponenten zu-einander, durch die Farben und die Stellen im Körper können die einzelnen Elemente anders gewichtet werden. So kommentiert Alev K. ihr «Strichmännchen»: «Blau für Türkisch? Vielleicht wegen dem Meer; weil ich teilweise in Istanbul aufgewachsen bin. Türkis, Blau und helles Grün sind meine Lieblingsfarben – auch wenn Türkisch näher beim Herzen ist als Deutsch, und Deutsch sehr kopfzentriert dasteht, weil ich glaub, dass ich mich auf Deutsch gut ausdrücken kann und sehr


differenziert (…). Englisch ist die Sprache, die ich am drittbesten kann (…). Es ist teilweise eine Arbeitssprache für mich, ich verwende es im Ausland, aber auch in Österreich als Lingua franca mit Leuten, die weder Deutsch noch Türkisch sprechen, solche aus der indischen Community zum Beispiel oder von afrikanischen Vereinen. (…)


Französisch ist meine langjährige Wunschsprache, die hätte ich gern in der Hand».


 


Orte


Als Orte, in denen die in der Gesellschaft vorhandene Mehrsprachigkeit gehört und gelebt wird, haben die AutorInnen die Hauptbücherei in Wien, das freie Wiener Radio Orange 94, das slowenische Gymnasium in Klagenfurt und ein sozialmedizinisches Zentrum in Wien gewählt. In der Hauptbücherei am Gürtel gibt es eine eigene Abteilung für Interkulturalität, es sind Bücher in Dutzenden von Sprachen verfügbar. Radio Orange strahlt Sendungen in mehreren Sprachen aus, manchmal in mehreren Sprachen gleichzeitig während einer Sendung, wie ein Vertreter von Radio Afrika berichtet. Im slowenischen Gymnasium gibt es mittlerweile Unterricht in vier Sprachen. War Slowenisch früher eine marginalisierte, diskriminierte Sprache, so kann man heute trotz des dominanten politischen Diskurses in Kärnten eine Veränderung feststellen: Über 40 Prozent der Kinder sind zum zwei- beziehungsweise mehrsprachigen Unterricht angemeldet, weil sich mittlerweile viele bewusst geworden sind, welche Chancen die Beherrschung mehrerer Sprachen darstellt. Das sozialmedizinische Zentrum ist ein Beispiel für einen Mikrokosmos, in dem die in der Gesellschaft vorhandene Mehrsprachigkeit auf eine andere Art gelebt wird. Der Alltag hier allein stellt die herkömmlichen Zugänge zu Sprachen in Frage.


 


«Sonntagsdiskurs»


Aber, betont Thomas Busch, man dürfe sich vom Diskurs von der «schönen Mehrsprachigkeit» nicht täuschen lassen. Der Alltagsdiskurs sei monolingual geprägt, Deutschlernen wird zum absoluten Postulat erhoben, wie auch die Wahlplakate der konservativen Partei im September 2008 bewiesen: Keine Einwanderung ohne Deutschkenntnisse!


Man könne aber auch das eigene Sprachgefüge durchaus widersprüchlich erleben, erzählt Brigitta Busch aus eigener Erfahrung: Sie sprach im Zug mit ihren Nachbarn Serbokroatisch und geriet somit in eine Polizeikontrolle, der sie wahrscheinlich entgangen wäre, hätte sie Deutsch oder Englisch gesprochen.


Die Diskriminierung einer Sprache ist oft gleich zu setzen mit der Diskriminierung der SprecherInnen und maskiert fallweise nur einen fremdenfeindlichen Diskurs. Wird eine Türkin beschuldigt, in einer «Parallelgesellschaft» zu leben, weil sie sich in Wien durch-aus ohne Deutsch durchschlagen kann, so findet man nichts dabei, wenn Angestellte der UNO-City während Jahren in Wien leben und kein Wort Deutsch sprechen. Wien ist jedoch in Bezug auf Mehrsprachig-keit eine besondere Stadt. Jede(r) vierte Wiener(in) spricht im Alltag auch eine andere Sprache als Deutsch. Ein junger Iraner, der nach einer langen Odyssee als Flüchtling in Wien gelandet ist und nun seit einigen Jahren hier lebt, sagt: «Als Österreicher fühle ich mich nicht, wohl aber als Wiener»…


 


Jahr der Sprachen


Das Jahr 2008 wurde von der UN-Vollversammlung zum internationalen Jahr der Sprachen erklärt. Ziel war es, weltweit die Wertschätzung sprachlicher und kultureller Vielfalt und die Bedeutung von Mehrsprachigkeit zu propagieren. Am Ende des Buches stellen Brigitta und Thomas Busch Anforderungen an eine Sprachenpolitik «von unten», die sich an den Bedürfnissen der Sprechenden orientiert und darauf abzielt, die vorhandene Vielsprachigkeit zu fördern und nutzbar zu machen.


Die Porträts der EinwohnerInnen von Wien und die Orte, von denen die Rede ist, sind wunderbar illustriert durch den jungen Fotographen Felix Rachor, der auch das Layout gestaltet hat.


Lebendige, leicht zugängliche Sprachwissenschaft – dies vermittelt dieses angenehm zu lesende Buch, das ich allen empfehle, die sich mit ihrem eigenen oder dem Spracherleben anderer auseinandersetzen wollen.


 


Brigitta und Thomas Busch:


Von Menschen, Orten und Sprachen


Multilingual leben in Österreich


Fotos und Layout: Felix Rachor


Eine Publikation der Grünen Bildungswerkstatt Minderheiten, Wien


Drava Verlag, Klagenfurt, 2008


ISBN: 978-3-85435-547-2


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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 167 (01/2009)

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