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BUCHEMPFEHLUNG : Das Leben einer kurdischen Frau

Dass die kurdische Bevölkerung in der Türkei seit den 1920er Jahren auf das Brutalste verfolgt wird und zigtausend Kurdinnen und Kurden ermordet, hingerichtet oder zu Tode gefoltert wurden, ist mehr oder weniger bekannt. Wie sehr diese Bevölkerungsgruppe auch heute noch um ihre Rechte kämpfen muss und nach wie vor durch Folter und Mord zum Schweigen gebracht werden soll, ist uns vielleicht weniger bewusst.
Das Buch «Mutter, hab keine Angst» von Nicole Maron erzählt, aus nächster Nähe, die Geschichte von Zerin, einer kurdischen Frau aus einem Dorf in der Provinz Diyarbakir, die wegen angeblicher Unterstützung terroristischer Aktivitäten verfolgt und eingesperrt wird. Nach dem Tod ihres Mannes fasst sie den schweren Entschluss, mit einem ihrer zwei Söhne in die Schweiz zu fliehen, wo sie Asyl bekommt. Die Kraft dieser jungen Frau, trotz aller Schikanen, Widerstand zu leisten – zuerst gegen die extrem traditionelle Erziehung in der kurdischen Gemeinschaft, dann gegen die brutale Repression durch das türkische Regime und seine Milizen, die täglichen Erniedrigungen und Grauen, ist fast unvorstellbar.
Nicole Maron beschreibt das Schicksal Zerins auf sehr einfühlsame Weise: die Liebe zum Leben und deren Zerstörung durch nackte Gewalt. Parallel dazu wird die Geschichte der Türkei aufgerollt: ein aufrüttelndes und zugleich informatives Buch von brennender Aktualität.
Leseprobe
Der Schnee blieb lange liegen in Araschka, manchmal fast sechs Monate. Und dann, eines Morgens, wenn der letzte Rest geschmolzen war, schlich langsam, langsam dieser Duft von irgendwoher in ihr Dorf, dieser Duft von Blumen, der sie jedes Jahr von neuem überwältigte. Wie eine Explosion war er, von Tag zu Tag wurde er stärker, und gleichzeitig begann das Land sich grün zu verfärben, so schnell, dass Zerin glaubte, zusehen zu können. Wenn sie die Zicklein auf die kleine Weide vor dem Haus brachte und das Gras unter ihren nackten Füssen spürte, sog sie den Duft tief in ihre Lungen und plötzlich fühlte sich der ganze Körper seltsam leicht an, als ob sie fliegen könnte. (…)
Ahmet war gerade auf dem Weg nach Hause gewesen, als sie kamen. Ein schneller, schreiender Trupp von Militärs, die ins Dorf eindrangen und selbst Frauen und kleine Kinder mit Waffen bedrohten, um sie aus den Häusern zu treiben. Sie liessen ihnen nicht einmal Zeit, ein paar Kleider zusammenzupacken, bevor sie ihre Häuser anzündeten. (...)
Gründe, sich für den bewaffneten Widerstand zu entscheiden, gab es viele. Über Jahrzehnte hinweg wurden sie kurdischen Provinzen unter ausserordentlichen Gesetzen regiert. Zehntausende verloren ihr Leben, Hunderttausende wurden aus politischen Gründen verhaftet. Millionen Menschen wurden zwangsumgesiedelt, Tausende von Dörfern geräumt und zerstört. (…)
Bereits 1920 hatte Atatürk die Schaffung eines Wörterbuches der türkischen Sprache initiiert, und unzählige Sprachwissenschaftler wurden damit beschäftigt, sie zu « purifizieren », und von arabischen, persischen und kurdischen Einflüssen zu säubern. Es wurden Worte aus alten Turksprachen wieder eingeführt, um möglichst alle Lehnwörter zu ersetzen. Das Türkische bestand zu diesem Zeitpunkt allerdings zum grössten Teil aus Lehnwörtern – der Anteil türkischer Wörter im Text des Grundgesetzes von 1924 betrug nur 25 Prozent. (…)
Im Vergleich dazu verlief Zerins Flucht recht glimpflich (…) Als es endlich losging, hiess es Zerin und Rohat sollten getrennt reisen. Der Schlepper wollte, dass Zerin den ersten Bus nahm, aber sie wehrte sich mit Händen und Füssen. Sie konnte nicht noch einen Sohn in der Ungewissheit zurücklassen. Mit all ihrer Sturheit bestand sie darauf, Rohat zuerst zu schicken. (…) Während der Bus über die Strassen Bulgariens holperte, dachte sie an Rohat. Hin und her drehten sich ihre Befürchtungen, ihre Hoffnungen, ihre Gebete. (…) Wenn sie nicht an Rohat dachte, dann an Beran. Was wohl aus ihm werden würde, aus ihrem kleinen Sohn, der ohne seine Mutter in einer Stadt geblieben war, in der er kaum jemanden kannte. Er war doch noch ein Kind, auch wenn er schon so viel Leid gesehen hatte, so viel Gewalt, so viel Tod. (…)
Ende April 2014 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zur Situation an der griechisch – türkischen Grenze. Darin wird betont, dass sich die Situation drastisch verschlimmert hat. «Flüchtlinge müssen sich vor der griechischen Küstenwache nackt ausziehen, Pässe und Geld werden ihnen weggenommen und sie werden mit Waffen bedroht, bevor sie in die Türkei zurückgeschoben werden.»  (…)
Als Flüchtling in der Schweiz zu leben bedeutet, zu jener Gruppe von Menschen zu gehören, die mit jeder Asylgesetzverschärfung und jeder xenophoben Initiative mehr in die Ecke gedrängt wird.

Das Buch ist seit November 2014 im Buchhandel erhältlich:
Nicole Maron, Mutter, hab keine Angst, Die Geschichte von  Zerins Flucht, elfundzehn Verlag, ISBN 978-3-905769-37-1,
29,50 Franken/ 26,50 Euro

 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 239 (07/2015)

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