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CHILE: Die Mapuche gegen multinationale Konzerne

Das Volk der Mapuche-Indianer, seine Geschichte, seine Kultur und seine Kämpfe werden von einem Schleier des Schweigens bedeckt. Bei den wenigen Neuigkeiten, die aus dem Süden Chiles hervordringen, handelt es sich fast immer um Repression oder aber um Denunzierungen des «Terrorismus» von Seiten der chilenischen Regierung.


 


Trotz der sozialen und politischen Isolation und der schwierigen Lebenssituation in den ländlichen Gebieten sowie der prekären und schlecht bezahlten Arbeit in den Städten, kämpfen die Mapuche weiter gegen multinationale Forstunternehmen und Wasserkraftwerke, um ihre Traditionen lebendig zu halten.«Ich werde von der chilenischen Regierung als Delinquent betrachtet weil ich meine Familie und meinen Boden verteidige», erklärt der 25jährige Wajkilaf Cadin Calfunao, Mitglied der Kommune Juan Paillalef in der IX. Region 1 Araucanie in einem kurzen Brief aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Santiago, wo uns der Zutritt aus bürokratischen Gründen verweigert wird. Andere inhaftierte Mapuche berichten ähnliches. José Huenchunao, einer der Gründer der Coordinadora Arauco Malleco (CAM), wurde am 20. März 2007 inhaftiert und wegen Brandstiftung an Forstmaschinen zu 10 Jahren Haft verurteilt. «Die Gefängnisse sind Orte der Züchtigung der chilenischen Regierung und ihrer ausführenden politischen und richterlichen Organe für diejenigen, die das Volk der Mapuche repräsentieren oder dafür kämpfen», schrieb Huenchunao am 21. März aus dem Gefängnis von Angol 2. Der Leiter der CAM, Hector Llaitul, 37 Jahre, hat einen Hungerstreik begonnen, um sich der politischen und juristischen Manipulation seines Falles zu widersetzen. Die Mehrzahl der 20 inhaftierten Mapuche haben zum Mittel des Hungerstreiks gegriffen, um ihre Situation anzuprangern oder um die Verlegung in Gefängnisse in der Nähe ihrer Gemeinschaften zu fordern.


Llaitul weist auf das Problem der Forstunternehmen hin: «Minico ist zusammen mit dem Wasserkraftunternehmen ENDESA einer unserer Hauptgegner. Sie haben ihre Politik geändert. Sie gebrauchen nicht mehr nur bloße Gewalt sondern diversifizieren die Repression: Sie analysieren die Situation in den Gebieten, in denen sie agieren und entwickeln dafür angepasste Pläne (Propaganda, u.s.w.). Diese werden oft von der Inter-American Development Bank 3 mit dem Ziel finanziert, Sicherheitszonen um ihre Besitztümer zu errichten. Sie rüsten kleine Bauern, Jagd- und Fischervereine aus, um Überwachungsgruppen (legal in Chile) zu aufzubauen, damit sie sich gegen ‚schlechte Nachbarn’ verteidigen können. Sie versuchen diejenigen zu isolieren, die sich widersetzen4.»


«Meine Gemeinschaft wurde stark bestraft, da alle meine Familienmitglieder im Gefängnis sind (Mutter, Vater, Bruder, Tante, etc.)», erklärt Calfunao in seinem Brief und beschreibt wie das Land seiner Gemeinschaft von den Forstunternehmen und dem Ministerium für Hoch- und Tiefbau «geraubt» wurde.


Ihm wird der Bau einer Straßensperre, Störung der Straßenverkehrsordnung, und die Zerstörung der Reifen von Forstwirtschaftsfahrzeugen, die Holz aus dem Gebiet der Mapuche transportieren, vorgeworfen. Sämtliche Aktionen, welche von den Gemeinschaften durchgeführt werden, um den Landraub zu verhindern, fallen bei der chilenischen Regierung unter den Begriff der Terrorismusbekämpfung, einem Erbe der Diktatur Augusto Pinochets.


 


Südlich des Flusses Bio Bio


500 Kilometer südlich von Santiago, in dem schmalen Tal zwischen den Anden und dem Pazifik, in dem die Obstbäume wachsen, die aus Chile einen wichtigen Obst-Exporteur gemacht haben, beginnt sich die Landschaft jäh zu verändern. Forstwirtschaftliche Flächen umgeben Felder und Hügel. Die Autobahnen werden zu Wegen, die sich in Serpentinen um die Berge winden und sich zwischen den Kiefern verlieren. Ein dichter, weißer Rauch zeigt den Sitz einer Papierfabrik an, die von Grün umgeben ist.


Lucio Cuenca, Koordinator des lateinamerikanische Beobachtungsstelle für Umweltkonflikte (OCLA) erklärt, dass die Forstwirtschaft an einen Rhythmus glaubt, der 6 Prozent Produktionssteigerung bringt. «Zwischen 1975 und 1994 ist der Ertrag um 57 Prozent gestiegen» fügt er hinzu. Die Forstwirtschaft macht 10 Prozent der Exporte aus, die Hälfte davon wird Richtung Asien verschifft. Die mehr als 2 Millionen Hektar angepflanzter Waldfläche befinden sich in den Regionen V und X, die traditionell Ländereien der Mapuche sind. 75 Prozent der Wälder bestehen aus Kiefern, 17 Prozent aus Eukalyptus. «Aber fast 60 Prozent der angebauten Fläche gehört drei Wirtschaftsgruppen», bestätigt Cuenca.


Um eine solche Konzentration von privatem Eigentum – wie in fast allen Bereichen des super-privatisierten Chile - zu erklären, muss man einen Blick auf die 1970er Jahre, insbesondere auf das Regime Pinochets werfen. In den 1960er und 70er Jahren setzte die christlich-demokratische und die sozialistische Regierung eine Agrarreform durch, die den Mapuche ihr Land zurückgab und die Entwicklung von Landwirtschaftsbetrieben begünstigte. Unter Pinochet änderte sich dieses System. Cuenca erklärt: «Die Militärdiktatur erließ eine Gegenreform, welche die Eigentumsverhältnisse und die Bewirtschaftung des Bodens veränderten. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, zwischen 1976 und 1979, übertrug der Staat das Land sechs seiner wichtigsten Unternehmen, zu 78 Prozent ihres eigentlichen Wertes.»


Die Forstwirtschaft Chiles ist in den Händen zweier privater, nationaler Firmen, die von Anacleto Angelini und Eleodore Matte betrieben werden. Auf dem restlichen Kontinent ist die Industrie in den Händen europäischer oder amerikanischer Multis. Dort spielt die Herkunft der Eigentümer keine Rolle. In Chile sind nur 7,5 Prozent der forstwirtschaftlich bestellten Fläche in Besitz kleinerer Eigentümer, während 66 Prozent von Besitzern betrieben werden, deren Fläche mindestens 1000 Hektar übersteigt.


Cuenca erklärt weiter: «Die Regionen, in denen sich dieser lukrative Wirtschaftszweig entwickelt, sind die ärmsten des Landes geworden.» Während Angelini einer der sechs reichsten Männer Lateinamerikas ist, gelten 32 Prozent der Bevölkerung in den Regionen VIII und IX als arm. Das ist die höchste Armutsrate in Chile. «Der Profit wird nicht verteilt und nichts davon bleibt in der Region, abgesehen von der Überbewirtschaftung, der Verschmutzung, dem Verlust der Biodiversität, der kulturellen Vielfalt und natürlich der Armut», schließt der Koordinator des OCLA.


Für die Mapuche bedeutet die Expansion der Waldfläche ihren Tod als Volk. Jedes Jahr weitet sich die Waldfläche um 50.000 Hektar aus. Abgesehen davon, dass sie sich buchstäblich im Wald ertrinken sehen, beginnt das Wasser knapp zu werden, die Flora und Fauna fängt an, sich zu verändern und der natürlich gewachsene Wald zu verschwinden. Ein Bericht der Zentralbank bestätigt, dass es in 25 Jahren keinen naturgewachsenen Wald mehr in Chile geben wird. Trotzdem weist alles darauf hin, dass die Ausbreitung der Wälder nicht aufzuhalten ist.


Trotz der Beschwerden über die ökologische und soziale Situation, trotz des Widerstandes der Mapuchegemeinden sowie inzwischen auch von Fischern und Bauern und trotz nationaler Analysen, die vor den Gefahren der Weiterentwicklung der Forstwirtschaft warnen, wird sich die Quantität Holz bis 2018 im Vergleich zu 1995 verdoppeln. Dies wird zum Bau neuer Papierfabriken führen. Chile lagert eine Reihe von Kosten aus, die es erlauben, eine Tonne Zellulose für 222 Dollar, im Gegensatz zu 344 in Kanada und 349 in Skandinavien, zu produzieren.


Drei Jahrhunderte


Unabhängigkeit


Kommen wir kurz auf die Geschichte der Mapuche zurück. Im Unterschied zu anderen großen Völkern des Kontinents haben die Mapuche ihre Autonomie und ihre Unabhängigkeit 260 Jahre lang gegenüber der spanischen Krone behauptet. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts mussten sie sich dem Staat Chile unterordnen.


Man nimmt an, dass etwa eine Million Mapuche in Araucanien (Gebiet zwischen Concepción und Valdivia) lebten, als die Spanier eintrafen. Es war ein Volk, das vom Fischen, Jagen und Sammeln von Früchten lebte, dessen Hauptnahrung aus Kartoffeln und Bohnen bestand, die sie in den Lichtungen der Wälder anbauten. Sie aßen die Pinienkerne des Riesenbaumes Araucaria, der die südliche Landschaft Chiles prägte. Obwohl sie sesshaft waren, erbauten sie keine Dörfer, sondern lebten in Familienverbänden, innerhalb derer sie Autonomie über ein bestimmtes Gebiet hatten. Der Überfluss und der reichhaltige Boden erlaubten die Entwicklung «eines überragenden Volkes, in Anbetracht dessen, dass sie keine Landwirtschaft betrieben» unterstreicht José Bengoa, führender Historiker im Bereich der Mapuche-Geschichte 5.


Diese Gesellschaft von kriegerischen Jägern, in der die Familie den einzigen permanenten sozialen Kontakt darstellte, die sich um Kaziken 6 versammelten, unterschied sich von anderen indigenen Völkern, welche die Spanier in Amerika angetroffen hatten. Zwischen 1546 und 1598 widersetzten sich die Mapuche erfolgreich den Spaniern. 1554 wurde der Hauptmann der Conquista von dem Kaziken Lautaro in der Nähe von Canete gefangen genommen und getötet weil er «uns zu Sklaven machen wollte».


Trotz der Typhus- und Pockenepidemien, die ein Drittel der Bevölkerung dahinrafften, widersetzten sich auch die zweite und dritte Generation von Caciques den Angriffen der Konquistadoren. 1598 änderte sich der Kriegsverlauf. Die militärische Überlegenheit der Mapuche, die gute Kavalleristen geworden waren und die über mehr Pferde verfügten als die spanischen Armeen, brachte die Konquistadoren in die Defensive. Alle spanischen Städte südlich des Flusses Bio Bio wurden zerstört.


Am 6. Januar 1641 versammelten sich Spanier und Mapuche zum ersten Mal im Parlament von Quilin: Der Grenzverlauf entlang des Bio Bio und die Unabhängigkeit der Mapuche wurden anerkannt. Im Gegenzug dazu ließen die Mapuche die Missionare predigen und lieferten ihre Gefangenen aus. Das Parlament von Negrete regelte ab 1726 den Handel, der zur Ursache von Konflikten geworden war, und die Mapuche verteidigten die spanische Krone gegen die Kreolen.


Wie erklärt man diese Besonderheit der Mapuche? Verschiedene Historiker und Anthropologen, unter ihnen Bengoa, stimmen darin überein, dass «im Unterschied zu den Inkas und Mexikanern, die zentralisierte Regierungen und somit interne Spaltungen aufwiesen, die Mapuche in einer nicht hierarchischen Sozialstruktur lebten. In Mexiko und in den Anden zerstörte der Eroberer das Zentrum der politischen Macht und konnte die Kontrolle über das Imperium an sich reissen. Im Fall der Mapuche war das nicht möglich, da jede einzelne der Tausenden unabhängigen Familien hätte unterworfen werden müssen.» 7 Dies erklärt auch, warum die Bewegung der Mapuche enorme Schwierigkeiten hat, eine einheitliche und repräsentative Organisation zu bilden.


Zum 18. Jahrhundert hin entwickelte sich die Gesellschaft der Mapuche zu kommerziellen Viehzüchtern, als die Kolonisatoren die extensive Viehzucht verbreitet hatten. Sie besaßen unter allen ethnischen Gruppen Südamerikas die größte Fläche, die sich zwischen den «pampas» (8) und den heutigen Vororten von Buenos Aires erstreckt. Die neue Wirtschaftsweise verstärkte die Bedeutung der loncos und kreierte ein System sozialer Unterordnung, das die Mapuche bisher nicht kannten.


Der Tagebau der neuen unabhängigen Republik bedingte in Folge der Krise von 1857 die Erweiterung der Landwirtschaft. Bis zum Jahr 1881, in dem die Mapuche endgültig besiegt wurden, entfesselte sich ein Vernichtungskrieg. Nach ihrer Niederlage wurden die Mapuche in Reservate verbannt: Der Boden, den sie kontrolliert hatten, wurde von 10 Millionen Hektar auf eine halbe Million reduziert. Der Rest der Länderein wurde vom Staat Privatpersonen zuerkannt. Die Mapuche wurden zu armen Bauern, gezwungen, ihre Brauchtümer, ihre Produktionsweise und ihre juristischen Normen zu ändern.


Raúl Zibechi


12. September 2007


Fortsetzung folgt


 


1. Während der Diktatur wurde Chile in 12+1 regiónes (Verwaltungseinheiten) eingeteilt; die Hauptstadt Santiago (región metropolitana)


2. Interview mit Héctor Llaitul


3. Regionale Finanzinstitution, zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Lateinamerikas und der Karibik, die 1959 gegründet wurde. Sie zählt 46 Mitglieder: 26 aus Lateinamerika und der Karibik, die USA, Kanada und 18 Länder ausserhalb der Region. Die größte Entscheidungskraft hat die Versammlung der Generaldirektoren, die sich aus den Finanzministern jedes Landes zusammensetzt. Die Stimmverteilung ergibt sich aus den Aktien: Lateinamerika und die Karibik 50%, die USA 30%, Kanada 4%; Argentinien und Mexiko haben den gleichen Anteil an Aktien, wie die USA. Zwischen 1961 und 2002 hat die Bank Kredite im Wert von 18.823 Milliarden Dollar bewilligt: 51% für Energievorhaben, 46% für den Bodenverkehrs, 3% für Telekommunikation, Schiff- und Luftfahrt. Brasilien hat 31% der Anleihen erhalten. 


4. Brief von José Huenchunao aus dem Gefängnis


 


5. José Bengoa, Historia del pueblo mapuche


6. Der Begriff «Kazik» bezeichnet jemanden von Rang, einen Chef, Führer oder Machthaber einer Kommune und/oder eines indianischen Volkes


7. a.a.O.


8. Die Pampa ist eine weite Ebene, die sich über eine Fläche von 650 000 km² ausdehnt.  Das Gebiet wird im Norden durch die Region Chaco, im Osten durch den Rio Parana, im Süden durch den Rio Colorado und im Westen durch die Anden begrenzt. Es ist eine Fläche, auf der intensiv Landwirtschaft und Viehzucht betrieben wird. Es ist gleichzeitig das Land der Gauchos.


 

verfasst von Raúl Zibechi,  18.02.2008, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 156 (01/2008)
Tags: CHILE
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