CHINA: Wenn China erwacht?
ute


 


Immer größere Berge von billigeren Kleidern; fremdenfeindliche Parolen gegen die « Chinesen », die uns überschwemmen. Es zirkulieren viele Gerüchte; das historische Gedächtnis geht verloren. Es wird immer schwieriger, die Nachrichten zu deuten und zu begreifen.


 


Das folgende Dossier* basiert auf Informationen, die wir aus verschiedenen Quellen zusammengesammelt haben. Es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt jedoch den Versuch dar, aus der Verbindung verschiedener Eindrücke und Informationen Zusammenhänge herzustellen, was die Textilherstellung in China und den weltweiten Kleiderhandel betrifft.


 


Ein historischer Rückblick


Asien hatte einen gewaltigen Aufschwung gekannt und nahm eine Vorrangstellung im internationalen Handel ein. Indien und China stellten beide zusammen im Jahre 1750 mehr als die Hälfte des weltweit produzierten Reichtums her. Auf lange Sicht knüpft China, sowie Asien in seiner Gesamtheit, an die vorkoloniale Zeit an, um den Platz wieder zu finden, den es vor 1800 belegt hatte, als das Land noch das Herz der Weltökonomie und eine große Industrienation war. Dies stellt grundlegend die Einzigartigkeit des Westens sowie den offiziellen chronologischen Ablauf seines Aufstiegs zum Zentrum der Welt in Frage, dessen Beginn auf die Entdeckung Amerikas im Jahre 1500 und die nachfolgende Kolonialisierung dieses Kontinents datiert wird. In Wirklichkeit kam es erst im 19. Jahrhundert zum eigentlichen tiefen Riss zwischen Nord und Süd mit der Beschleunigung der industriellen Revolution sowie der kolonialen Expansion. Die daraus entstandene Großmachtstellung Europas führte zum Abbau der Industrie in Asien.


Das Erwachen Chinas


Schon im September 2002 bekam unser Netzwerk A.T.E.L.I.E.R. – eine Selbsthilfeorganisation von Menschen, die in den praktischen Berufen rund um das Schaf und die Wolle tätig sind – einen Fax von der französischen Vereinigung der Strickindustrie. Diese schlug eine „Mission China“ für Ende November desselben Jahres vor, eine Reise in die Provinz Jiangsu im Hinblick auf die Liberalisierung des Welthandels mit Textilien und der Abschaffung der Textilquoten auf den 1. Januar 2005. China habe zahlreiche Vorteile, versuchte die Vereinigung ihre Mission schmackhaft zu machen. Wettbewerbsfähige Arbeitskräfte seien in großer Zahl vorhanden, dazu Möglichkeiten der schnellen Modernisierung und einer großen Dynamik des Handels. Die Lohnkosten seien die niedrigsten der Welt, vor allem im Landesinneren. Mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern werde China außerdem zum größten Bekleidungsmarkt der Welt werden.


Seit Ende 2003 lieferten die Medien dann die Schlagzeilen dazu. Diese konstatierten tiefgreifende Veränderungen für die Zukunft des Textilbereiches „Wird China die Welt einkleiden?“ – „Die Herstellung chinesischer Textilmaschinen ist um etwa 40 % in 9 Monaten gestiegen“. – „China ist dabei, der bevorzugte Hersteller der meisten amerikanischen Textil– und Bekleidungsimporteure zu werden“. Unruhe machte sich breit.


„Die Hersteller der USA und der EU werden sicher ihre Schwierigkeiten haben, aber wesentlich weniger als die Entwicklungsländer. Der Textilexport erbringt 80 % des Einkommens in Bangladesch, 76 % in Kambodscha, 73 %  in Pakistan, 71 % in Sri Lanka, 61 % in Nepal, 53 % in Tunesien, 49 % in Marokko und nur 12 % in China.“ Der schicksalhafte 1. Januar kam immer näher, und die Unruhe wurde immer größer. Schon damals erschien es als wahrscheinlich, dass nicht die Chinesen vom großen Glück profitieren würden, „da 35 % der chinesischen Textilexportbetriebe Jointventures mit ausländischen Gesellschaften sind.“ Währenddessen lockt der Präsident eines französischen Modeversandhauses die Verbraucher, indem er verlauten lässt: „Die Aufhebung der Quoten führt zu Preissenkungen und zur  Überführung des Gewinns an die Konsumenten.“


Januar 2005: der Big Bang


Die Grenzen sind offen ab dem Januar 2005. Im April 2005 lassen die Zollstatistiken keinen Zweifel aufkommen: die europäischen Importe aus China von 9 Produkten (Pullover, Hemden, Strümpfe und Socken, T–Shirts, Hosen, Büstenhalter, Stoffe und Garne aus Leinen) sind zwischen 51 % und 534 % gestiegen. Man müsste etwas dagegen unternehmen, aber man darf nicht die guten Beziehungen zu China beeinträchtigen. Ein chinesischer Diplomat erinnert maliziös daran, dass China mit dem Erlös vom Verkauf von 20 Millionen Hemden immerhin einen französischen Airbus kaufen könnte.


Die Konsequenzen in den USA


Auf Saipan, einer verlorenen Insel im Pazifik, stellen 14000 Arbeiterinnen, in der Mehrheit Chinesinnen, Kleider her, die ohne Zollschranken in die USA importiert werden. Heute sind die Bekleidungsstücke nicht mehr wettbewerbsfähig und in folge dessen schließen die Fabriken, und die Chinesinnen fahren zurück in ihre Heimat, um dort die gleiche Arbeit für 0,30$ anstelle von 3,05$ zu verrichten. Diejenigen, die auf der Insel bleiben, haben fast nur noch die Möglichkeit, sich für die zahlreichen Touristen zu prostituieren.


Im Juni 2005 kann dann ein Textilkrieg zwischen Europa und China nur knapp durch die Vermittlung des europäischen Handelskommissars verhindert werden. China erklärt sich bereit, bis 2008 das Wachstum der Exporte von 10 Produkten zu begrenzen. Doch ein paar Wochen später haben die Verhandlungen, die für den Schutz der europäischen Textilindustrie sorgen sollten, fatale Folgen: „Wird es in diesem Winter Pullover und Hosen in den Regalen geben?“ lautet die ängstliche Frage aus den Reihen der großen Kaufhäuser, die sonst massenweise Kleider aus China importieren. Plötzlich ist es unmöglich, auch nur eine Hose aus chinesischer Produktion in die EU zu importieren. Der Grund? Die Quoten, die im Juni verhandelt wurden, sind schon zu 100 % erreicht. Die Folge davon? 78 Millionen Bekleidungsstücke liegen in europäischen Häfen fest, weil die Importeure mit ihren Bestellungen den Beschränkungen zuvorkommen wollten. Doch es gibt immer parallele Wirtschaftskreisläufe, mit denen man die Hindernisse umgehen kann: „Wir sind eine Gesellschaft mit Erfahrung und haben das Vertrauen bei der Beschaffung von Lizenzen im Textilimport. Alle unsere Lizenzen sind legale Dokumente, die Mengen der Quoten sind veränderbar und unbegrenzt. Das Verfahren ist in 5 Tagen abgeschlossen.“ Welch ein Glück, die Regale werden voll sein!


Wer profitiert?


Im Jahr 2005 haben die Franzosen aus der Quotenaufhebung beim Kleiderimport keine Vorteile ziehen können. Eine starke Zunahme der chinesischen Lieferungen war aber vorhanden, 53,4 % im Bekleidungsbereich, was zu einem Rückgang der Nettopreise bis zu 50 % bei einigen Produkten führte. Der Verbraucher hat davon jedoch nicht viel gespürt. Die Artikelpreise in den Geschäften sanken lediglich um durchschnittlich 2%. Nach Ansicht von Experten des Ministeriums für Außenhandel haben die Zwischenhändler aus den außergewöhnlichen Einkaufsmöglichkeiten ihre Gewinnmarge beträchtlich erhöht.


Die Landfrage in China


Die 750 Millionen in ländlichen Regionen lebenden Chinesen machen 58 % der Gesamtbevölkerung aus. Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines chinesischen Bauern ist dreimal niedriger als das der Stadtbevölkerung. Hinter diesen Zahlen verstecken sich jedoch viel größere Unterschiede. Peking und Schanghai sind Städte, in denen die Kaufkraft jener von reichen Ländern nahe kommt, und die ärmeren Regionen sind auf dem Lebensniveau von Namibia. Der landwirtschaftliche Boden ist in kollektiver Verwaltung durch die Dorfkomitees und wird den einzelnen Bauern für 30 Jahre zugesprochen. Die meisten Haushalte verfügen über 1 bis 3 mü (1 mü = 6 ar). Da die Bauern durch ihren Status als Hüku – das heißt, sie haben nicht das Recht, sich in der Stadt niederzulassen – an die Dörfer gebunden sind, hat der Staat die Ausweitung der Städte zumindest teilweise bremsen können. Die starke Entwicklung der Wirtschaft hat jedoch gleichzeitig die Nachfrage nach Bauland wesentlich erhöht. Um zu verhindern, dass die Bauern direkt Kompensationen verhandeln, haben die örtlichen Verwaltungen seit 1999 das Monopol des Geländeverkaufs unter ihrer Kompetenz. Diese Maßnahme öffnet allen Spekulationen Tür und Tor. Seit Beginn dieser Reform wurden 6,7 Millionen Hektar bis ins Jahr 2003 in Bauland umgewandelt. Die Bauern erhielten nur 10 % des Marktpreises. Um diese Zwangsentkollektivisierung durchsetzen zu können, bedienen sich die Machthaber der Polizei oder anderer Handlanger, um jegliche Proteste zu unterdrücken.


Die Arbeitsbedingungen in den großen Städten


Im Schlafsaal der Fabrik, in welcher Yang Ping, eine Wanderarbeiterin von 30 Jahren aus der Region Hubai, arbeitet, hat sie als einziges persönliches Fleckchen den Platz zwischen der oberen und der unteren Liege. Sie ist seit etwa einem Jahr in Schenzhen und schickt einen großen Teil ihres Lohnes an ihren Mann und ihren Sohn. In den besten Monaten, wenn sie viele Überstunden macht, schafft sie es ihren Monatslohn von 60euros zu verdoppeln. Von 10 Millionen Einwohnern der Stadt Schenzhen – das Gewerbegebiet wurde gerade vor 25 Jahren aus der Erde gestampft – haben nur 1,6 Millionen eine Wohnberechtigung für die Stadt. Die anderen, die Mingong (Arbeitsvolk), kommen nicht in den Genuss von den zahlreichen sozialen Vorteilen, welche mit einer Wohnberechtigung verbunden sind, wie zum Beispiel die Schule für die Kinder, Sozialversicherung u.s.w.


Jane Doe, eine andere Arbeiterin, sitzt seit September 2003 an einer Nähmaschine in einer Konfektionsfabrik in Schenzhen. Wie 4800 andere Fabriken des Landes arbeitet auch diese Fabrik für den amerikanischen Giganten Wal–Mart. Es gibt Tage, an denen sie bis zu 20 Stunden näht, ohne dass die Überstunden bezahlt werden. Mit 0,13 euros die Stunde erhält sie nicht einmal den offiziellen Mindestlohn von 0,25 euros.


In Chongqing (31 Millionen Einwohner), 2000 km weiter im Landesinneren, erhebt sich ein gewaltiger Luxuskomplex, der Privatbesitz von Liang Fugang, einem der reichsten Männer der Stadt, welcher 1996 ein Netzwerk von Zulieferern der Oberbekleidung gründete. Die ausländischen Käufer kommen ein oder zwei Tage in sein Besitztum. Das reicht gerade, um die neuen Kollektionen zu sehen und die Bestellungen aufzugeben.


12 km weiter: Duschu ist ein ärmliches Gebiet, wo die Ansiedlung auf Grund der jährlichen Überschwemmungen verboten ist. Trotzdem finden die Ärmsten dort einen Unterschlupf und Liang Fugang seine billigsten Arbeitskräfte wie zum Beispiel Chen Lanfen. Die Behausung mit einem Boden aus gestampftem Lehm ist unbeheizt und hat als einzigen Luxus Elektrizität und eine uralte Nähmaschine, die Liang gemietet hat. Im Augenblick näht Chen Hemden aus weißem Leinen. Sie bekommt für ein Hemd 2 Yang (ca. 0,20 Euro), das heißt: für alle Nähte, Säume, Knöpfe und Markenzeichen annähen sowie für das Bügeln des Hemdes. Jeden Morgen kommt der Verwalter und bringt den Stapel der zu nähenden Hemden. Am Abend holt er die fertigen Produkte ab. „Am Ende des Tages bin ich blind, weil ich mich so stark konzentrieren muss“, sagt Chen.  „Beim kleinsten Fehler wird die Arbeit nicht bezahlt. Das Hemd wird für


5 euros in Peking auf dem Markt verkauft und kostet bis zu 100 euros in den guten Boutiquen Frankreichs oder anderswo.“


Ein Vorschlag den ATELIER


Ende 2004 erhielt: „Ich bin Mathematikprofessor an der Universität in Paris. Mein Bruder arbeitet in einer chinesischen Zucht von Angorahasen. Er bietet die Wolle für 40 bis 50 euros das Kilo an. Er schickt ihnen die Angorawolle in verschiedene Qualitäten sortiert. Ich möchte hinzufügen, dass es sich um Leute handelt, die ihre Arbeit lieben, aber für die Kommerzialisierung nicht sehr talentiert sind. Doch sie arbeiten mit größter Sorgfalt und sie werden von ihrer Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit überzeugt sein.“ Die Muster der Angorawolle sind mir aus China zugeschickt worden aber ich habe in Frankreich keine Spinnerei gefunden, welche die Wolle verarbeiten will.


 


Marie–Thérèse Chaupin


ATELIER


 


* Die Informationen zu diesem Dossier stammen aus folgenden Quellen: Le Monde, Manière de Voir, le Monde diplomatique, Textiloscope, Textilus, Le Figaro, New York Times, La Tribune, Wool Record.


 


 

verfasst von Marie–Thérèse Chaupin, ATELIER,  14.11.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 140 (07/2006)
Tags: CHINA
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 140 (07/2006)

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