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Der «Mehlkrieg»

Im Jahre 1775 erlässt Turgot, oberster Schatzmeister unter Ludwig XVI ein «Edikt zum freien Handel mit Getreide innerhalb des Königreichs». Damals führten die Liberalisierungen zu Revolten. Die Angst vor Spekulation war gross. Die heutige Krise im Getreidewelthandel weist erstaunliche Parallelen  auf.

 


 

 


Turgot war der Sohn des Bürgermeisters von Paris. In jenem Jahr 1774 war die Ernte jedoch schlecht und die Preise stiegen. Turgot stützte sich auf die Erfahrungen, die er als Intendant des Departements Limousin gemacht hatte, und versuchte, unter dem Einfluss der sogenannten Physiokraten die Getreidezirkulation zu erleichtern. Er berief sich dabei auf «Briefe des Vincent Gournay über den freien Getreidehandel» von 1770. Dieser rühmte die Unterbindung von Binnenzöllen, die Abschaffung der meisten Feudalrechte, die Abschaffung der Zünfte sowie den Ersatz der Frondienste durch die Einführung einer Steuer, die Landbesitzer zu entrichten hatten: Ein Liberaler, der die feudalen Fesseln abschütteln und die Wirtschaft liberalisieren wollte.

 


Die «Physiokraten» selbst wollten die Landwirtschaft mittels Einbringen von Kapital modernisieren, neue Techniken einführen, landwirtschaftliche Genossenschaften gründen und ein wenig wie die englischen «Gentleman Farmers» den Zwang zum Fruchtwechsel, das Brachliegen und das oberflächliche Abweiden abschaffen.

 


150 Jahre früher, vor Turgot und den «Physiokraten», hatte bereits Sully, Landwirtschaftsminister unter Heinrich IV, die Zirkulation von Waren erleichtert, indem er etliche Feudalzölle abschaffte und Brücken und Strassen bauen ließ. Turgot aber stieß in der Bevölkerung auf Unverständnis: Die Jahre mit schlechten Ernten schürten die Angst vor einer Hungersnot. Die bis ins Mittelalter zurückgehende Reglementierung des Getreidehandels war dazu da, Hungersnöte einzudämmen und durch Hamsterkäufe verursachte Preisanstiege zu verhindern. Im April 1775 überstiegen die Preise die Schmerzgrenze. Es begann das, was allgemein «der Mehlkrieg» genannt wird.

 


Bewaffnete Banden, angefeuert von den Gegnern der Reformen versenkten auf der Seine mit getreidebeladene Schiffe, plünderten Getreidelager und Bäckereien, räumten Speicher aus und versperrten den Händlern die Strasse. Saubannerzüge suchten die großen Märkte der Île de France (Region rund um Paris) heim und es wurden von der Menge Getreideverkäufe zu einem gerechten Preis «organisiert». Dieselbe forderte ausserdem das Recht, Zölle zu erheben, um den Abtransport des Getreides zu verhindern.

 


Turgot ließ die Revolten mit aller Härte niederschlagen und wurde 1776 durch Necker ersetzt. Dieser hatte kaum mehr Erfolg, und ein katastrophales Landwirtschaftsjahr liess das Land 1788 endgültig in die Revolution schlittern. Es war der Todesstoss für die Feudalherrschaft und die Monarchie, sie war bereits geschwächt durch die immer wieder versuchten Reformen, alle zugunsten eines dem Adel in Nichts nachstehenden, Handel treibenden, kapitalistischen Bürgertums.

 


In Spanien gab es zwischen 1765 und 1766 beim Versuch, den Handel zu liberalisieren, ähnliche Aufstände. In der Toscana verlor um 1790 ein Minister seinen Posten und auch fast seinen Kopf, ebenfalls nach einem Versuch, den Handel zu liberalisieren. Auch 1816 und 1847 gab es noch Getreiderevolten in Europa. Zu jener Zeit behinderten Transportschwierigkeiten (ausser rund um die Häfen) den Austausch zwischen den Regionen mit Produktionsüberschüssen und solchen, wo Mangel herrschte. Diese Umstände verbesserten sich erst durch die Einführung der Eisenbahn.

 


Während des gesamten 18. und 19. Jahrhunderts gab es sporadisch Unruhen aufgrund der Brotqualität, denn um die Preise niedrig zu halten, wurde für die Armen Getreide von schlechter Qualität verwendet. Auch die städtische Arbeiterschaft wollte das den Reichen vorbehaltene Weissbrot essen, obwohl es sich herausstellte, dass es weniger nahrhaft ist als das fürs Volk vorgesehene Graubrot.

 


 

 


Was passiert heute?

 


Wie vor 250 Jahren sind die steigenden Preise der Auslöser. Man nennt das Hungerrevolten und sie ereignen sich vor allem in den großen Städten Afrikas und Südostasiens, in den sehr armen Ländern. Hier bei uns gibt es das in abgeschwächter Form, es sind die Fischer, die LKW-Fahrer, die Bauern und die Taxifahrer, welche die Strassen blockieren, weil der Preisanstieg beim Treibstoff ihre Arbeit verteuert hat. Im Februar 2008 gab es in Kamerun 40 Tote, jedoch aufgrund von Repression bei den Aufständen und nicht durch Hunger. Wahrscheinlich ebenso viele gab es in Haiti, es gab große Demonstrationen in Senegal, der Elfenbeinküste, Ägypten, Tibet, Mexiko, Philippinen, Pakistan, Bangladesh, Indonesien, in etwa 40 Ländern insgesamt.

 


Aber warum diese Explosion der Preise? Beim Getreidewelthandel ist der Chicago Mercantile Exchange für die Festsetzung der Preise maßgeblich. Die anderen Börsen passen sich diesem an. Nachdem der Preis für eine Tonne weiches Getreide 2006 bei 100 Euro stabil war, fingen diese im Juli und August desselben Jahres an zu steigen. Im September 2007 kostete eine Tonne in Paris 280 Euro für Brotgetreide und 400 Euro für Hartweizen. Zwischen Mai und September 2007 ist die Tonne Mais von 200 Euro auf 400 Euro gestiegen. Seit 2005 haben nämlich die Amerikaner die Äthanolproduktion mit subventioniertem Mais erheblich gesteigert, um ihre Unabhängigkeit auf dem Energiesektor voranzubringen. Die Amerikaner produzieren weltweit 40 Prozent des Maises, hauptsächlich als Tierfutter, und exportierten davon die Hälfte. Heutzutage exportieren sie davon noch einen Viertel, was bedeutet, dass 2007 80 Millionen Tonnen auf dem Weltmarkt fehlten und es für 2008 voraussichtlich 100 Millionen Tonnen sein werden. Das wird sie allerdings teuer zu stehen kommen, denn die farm bill, ein Subventionsprogramm für die amerikanische Landwirtschaft mit einem Budget von 300 Milliarden Dollar, wird noch fünf Jahre weiter laufen. Da nun der Mais das Erdöl ersetzt, wird sich der Maispreis an den Erdölpreis angleichen. Dieser hat sich seit 2007 auf 135  Dollar pro Barrel verdoppelt und seit dem Jahr 2000 verzehnfacht. Seit diesem Jahr folgt der Maispreis skrupellos demjenigen des Erdöls und zieht die Preise von anderem Getreide mit sich: Weizen, Reis, Soja.

 


Teurer Mais bedeutet auch teures Äthanol, und das bleibt nur rentabel, solange der Erdölpreis hoch ist. Deshalb ist es wichtig, dass der Maispreis mit dem Erdölpreis mitzieht und die amerikanische Äthanolproduktion weiterhin mit durch Subventionen künstlich verbilligtem Mais läuft. Ganz so reibungslos läuft das allerdings noch nicht, denn mit der Verteilung klappt es ausser in den großen Maisanbaugebieten des corn belt («Maisgürtel») nicht so richtig. Ausserdem ist Äthanol nur dann rentabel, wenn der Ölpreis über 100 Dollar pro Barrel beträgt, die Subventionen fließen, der Maispreis aber nicht zu hoch ist. Dies bleibt vorerst noch eine unlösbare Aufgabe.

 


In den 1970er Jahren hat eine erste Krise 1971 den Dollar fallen lassen, 1973 entstand die Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC), daraufhin stieg der Preis pro Barrel. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass praktisch alle Landwirtschafts- und Bergbauprodukte um das Drei- bis Vierfache teurer geworden sind. Das Sojaembargo der Amerikaner gegenüber Europa hat den Preis für diese kleine Bohne in die Höhe getrieben. Man nennt es den Ölschock, aber mit Knappheit lässt sich der Preisanstieg nicht erklären. Der Dollarkurs ist an den Ölkurs gekoppelt. Man spricht von «Petrodollars», denn es ist das Geld, mit dem die Amerikaner das Erdöl bezahlen, und man nennt die arabischen Länder, die dieses Öl fördern, «Petromonarchien». Übrigens gibt es einzelne Länder wie Venezuela und Iran, die keine Dollars wollen und sich ihr Öl lieber mit Euros bezahlen lassen.

 


Heute sorgen die Amerikaner dafür, dass der Dollarkurs niedrig bleibt, um ihre Exportwirtschaft zu schützen. Sie bezahlen diese Strategie teuer, vor allem mit der Ölrechnung. Das schwächt die europäische Wirtschaft, der paradoxerweise zu teure Euro lässt diese auf dem Weltmarkt nicht mithalten. Einige geben den Amerikanern die Schuld an der Inflation, deren Definition «andauernder und genereller Preisanstieg» ist. Die enorme Staatsverschuldung Amerikas wird von den Zentralbanken der anderen Staaten getragen und ist der entscheidende Faktor für die jetzige Inflation, von der man uns sagt, sie lasse die Preise ansteigen.

 


 

 


Dollars über Dollars

 


In letzter Zeit, nachdem die subprimes-crisis, die Krise der  Hypothekarkredite mit hohem Risiko, überstanden war, liefen die Gelddruckmaschinen auf Hochtouren. Große Bankinstitute wie Citygroup, UBS oder Societé Générale wurden wieder liquide gemacht, als sie vom Ban-krott bedroht waren. In England wurde die «Northern Rock» quasi verstaatlicht – es lebe der Ultra-liberalismus! Es gibt unabhängige Investitionsfonds von Staaten und deren Zentralbanken. 3000 Milliarden Dollar stehen da zur Verfügung, sie kommen aus den Erdölförderländern der arabischen Halbinsel sowie Norwegen, also aus den Ländern, die die begehrtesten Rohstoffe liefern, oder aus Ländern mit aufstrebender Wirtschaft wie China oder Südkorea. China besitzt einen gigantischen Devisenvorrat von 1500 Milliarden Dollar. Diese Fonds sichern die Weltwirtschaft ab, indem daraus ganz entscheidende Summen an vom Konkurs bedrohte Großkonzerne fließen. Zwischen März und Dezember 2007 hat sich die Kapitalzeichnung für die europäische Agrarproduktion von 100 auf 600 Millionen Euro verfünffacht.

 


Es gibt also Geld, um Weizen zu kaufen, doch nicht in den Ländern, die ihn brauchen. Seit dieser subprimes-crisis, den Fällen von verrückt gewordenen Brokern und enormen Finanzverlusten bei bedeutenden Geldinstituten, wendet sich die Spekulation den unverzichtbaren Gütern wie Agrarprodukten und Erdöl zu. Es sind sichere Werte, mit denen sich die Preise künstlich hochtreiben lassen, indem man mit Knappheit und drohenden Hungersnöten spielt. Gold erzielt wieder Höchstpreise. Die Banken versuchen mit aller Kraft, eine weitere Spekulationsblase in neuen Sektoren zu schaffen. Termingeschäfte werden auch für Getreide üblich, noch vor der Ernte wird ein Preis festgelegt in der Hoffnung später dieses zu einem höheren Preis weiter zu verkaufen. Weil ein geregelter Markt für Reis fehlt, finanzieren gewisse Investitionsfonds die Lagerung von Reis mit dem spekulativen Ziel, diesen später zu einem höheren Preis weiter zu verkaufen. Das führte dazu, dass südostasiatische Länder wie Thailand, Kambodscha, Laos und Burma ins Auge fassen, eine Art OPEC der reisproduzierenden Länder zu gründen, um die Preisentwicklung zu regulieren.

 


 

 


Fortsetzung in der nächsten Nummer

 























verfasst von Jacques Berguerand (Longo maï),  06.10.2008, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 163 (09/2008)

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