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Der Mehlkrieg 2. Teil

Im ersten Teil dieses Artikels beschrieb Jacques Berguerand die Episode der französischen Geschichte, die sich im Jahre 1775 abspielte, um die aktuelle Ernährungskrise zu kommentieren. Im folgenden Teil versucht er, die Verdreifachung des Weizenpreises seit Januar 2006 zu erklären.

Sicher, die Amerikaner reduzieren ihr Angebot auf dem Weltmarkt zugunsten ihrer Agrotreibstoffproduktion, und es stimmt, dass für die Tankfüllung eines Geländewagens die gleiche Menge Mais verbraucht wird wie ein Mexikaner im Jahr isst.Sicher, Schwellenländer wie China und Indien haben einen steigenden Bedarf an Getreide, um ihre ständig wachsende Bevölkerung zu ernähren. Sicher, die Bevölkerung nimmt zu, und die verfügbaren Agrarflächen sind beschränkt. Sicher, 2007 war das Jahr der chaotischen klimatischen Überraschungen: Trockenheit, Überschwemmungen, Frosteinbrüche in ungewohntem Ausmaß weltweit. Außerdem ändern sich die Essgewohnheiten der Städter, sie essen viel mehr Fleisch, und für die Produktion von einem Kilo Hühnerfleisch braucht es drei Kilo Getreide, für ein Kilo Rindfleisch sogar sieben Kilo. Sicher, der Anstieg des Ölpreises wirkt sich auf die Preise aller exportierten Getreidearten aus. Und sicher, durch die schlechten Ernten 2007 sind die Vorräte, welche zur Regulierung des Marktes vorgesehen waren, geschrumpft. Etliche Länder haben bereits ihre Unabhängigkeit im Ernährungssektor verloren oder waren dazu aufgrund ihrer geologischen Umstände und Bodenbeschaffenheit nie in der Lage. Großbritannien hat schon vor längerer Zeit beschlossen, seine Bauern zu opfern. Der Irak, die Wiege der meisten europäischen Getreidesorten, musste zusehen, wie seine ganze Wirtschaft vom Krieg zerstört wurde. Ägypten, die einstige Kornkammer des antiken Römischen Reiches, ist heute der größte Weizenimporteur. Die Philippinen, früher Exporteur, sind heutzutage der wichtigste Reisimporteur.

Gehandelt wird lediglich mit 10 Prozent der weltweiten Getreideproduktion. Einzelne Länder sind große Getreideexporteure und produzieren davon 20 Prozent: USA, Kanada, Australien, Argentinien und einzelne Länder der Europäischen Union. Sie sind es, die, um besser exportieren zu können, die Preise nach unten drücken. Ihren Getreidebauern geht es gut. In Frankreich konnten sie ihre Gewinne verdoppeln, und viele wollen nicht mehr an die Agrargenossenschaft liefern, sondern lieber in Silos investieren, um spekulieren zu können. Dicke Gewinne fließen auch in die Kassen von Großhändlern wie Cargill oder Dreyfus sowie der Nahrungsmittelkonzerne und Spekulanten. Es brauchten nicht alle die erhöhten Preise, um gut zu leben, in den USA und Europa wurde der Getreideanbau schon immer reichlich subventioniert: 350 Milliarden Dollar an Finanzhilfen werden in den reichen Ländern jedes Jahr verteilt, 60 Milliarden davon allein in den USA. Die eine Milliarde, die davon in die Entwicklungsländer fließt, ist nicht viel mehr als ein Hohn. Dabei sind die Interessen durchaus widersprüchlich, Australien etwa ist Mitglied der CAIRN1-Gruppe, welche seine Landwirtschaft nicht subventioniert und wortgetreu die Theorie des Ökonomen Ricardo anwendet. Diese spricht von «zu vergleichenden Vorteilen» der einzelnen Länder, und ihre Produktion wird auf einzelne, den lokalen Bedingungen optimal angepasste Produkte reduziert. Hier ist anzumerken, dass in denjenigen «südlichen» Ländern, die nie aus der Armut herausgekommen sind, in der Kolonialzeit genau diese Theorie mit Waffengewalt durchgesetzt worden ist. Dort mussten für die Kolonialherren Kaffee, Kakao, Bananen, Erdnüsse, Rohrzucker usw. zu Spottpreisen angebaut werden. Die reichen Länder hingegen haben sich entwickelt, indem sie ihre Inlandmärkte schützten und durch direkte oder indirekte Subventionen eine vielfältige Produktion gefördert haben. Solches Verhalten können sich die zumeist südlichen, mittellosen Länder nicht leisten, es würde ihnen von der Welthandelsorganisation WTO verboten werden.

Die Preisfrage

Im Juni 2008 wurde die neue Ernte eingefahren, die Silos mussten geleert werden, und die Preisentwicklung beruhigte sich. Beim Weichweizen bleibt der Preis allerdings recht hoch: 185 Euros pro Tonne, eine Erhöhung um 50 Prozent, die sich zu halten scheint, denn es ist wieder derselbe Preis wie im Juli 2007, nachdem er im August 2007 und März 2008 auf ein Rekordhoch von 280 Euros geklettert war. Die Maisaussaat in den Vereinigten Staaten wurde durch große Überschwemmungen im mittleren Westen beeinträchtigt, und das Ernteergebnis ist ungewiss, was sich auf den Preis auswirken wird. Der Hartweizen ist bis auf 450 Euros pro Tonne gestiegen, dabei ist es so, dass ein französischer Bauer, wenn er eine Rechnung über beglaubigtes Saatgut vorlegen kann, noch einmal eine Prämie von über 400 Euros pro Tonne erhält. Das ist wie ein Sechser im Lotto: Wenn er Weizen für die Bioäthanolproduktion anbaut, noch mal 400 Euros pro Hektar dazu! Bei jeder teuren Weizensorte wird der Gewinn verdoppelt, da lohnt sich der Einsatz und damit der Weizenanbau. So versteht man auch, warum die Anbaufläche für Weizen weltweit um vier Prozent gestiegen ist, und die Ernteaussichten mit geschätzten zwei Milliarden Tonnen gut sind. Hohe Getreidepreise bedeuten aber auch, dass Weideflächen, die weniger für den Ackerbau geeignet sind, umgebrochen und so der Erosion preisgegeben werden. Weniger Viehhaltung bedeutet auch einen geringeren Getreideverbrauch, was die Preise fallen lässt und die Möglichkeit bietet, wieder von vorne anzufangen. Einzelne Länder, etwa Indien, Vietnam oder Russland, drosseln ihre Exporte. Argentinien erhebt Steuern, zum großen Ärger der Bauern. In Kasachstan wurden Exporte gänzlich verboten. Dabei sprengen diese Länder die streng gehüteten Regeln des von der WTO überwachten Marktes. Sie üben nämlich auf diese Weise Druck auf die weltweiten Preise aus, indem sie das Angebot klein halten. Andere Länder wie die Elfenbeinküste heben die Importsteuern für Reis, Weizen, Mehl, Öl, Zucker und Milch auf, um die Preisentwicklung in Schranken zu halten und den einheimischen Markt zu versorgen. Europa macht übrigens seit 2008 das Gleiche für sämtliches importiertes Getreide.

Während allerdings der «Einkaufskorb» in den reichen Ländern ungefähr 14 Prozent der Ausgaben ausmacht, kann das in armen Ländern 60-80 Prozent ausmachen. Tunesien hat das Gewicht der Brotlaibe reduziert, um nicht die Preise anheben zu müssen. In Mali werden einheimische Getreidesorten wie Sorghum, Hirse und Mais wieder angebaut, um den Mangel an Weizen auszugleichen. In Bangladesh wird der Bevölkerung empfohlen, mehr Kartoffeln und weniger Reis zu essen. In Peru, der Wiege der Kartoffel, wird in den Schulen «pan papas» verteilt, ein Kartoffelbrot, um das importierte Mehl zu sparen. Etliche Länder, die sich früher selbst versorgen konnten, hatten unter dem Druck der Kolonialherren ihre regionaltypische Esskultur aufgegeben und konsumieren heutzutage Brot wie die Europäer. Die Billigimporte haben die traditionelle einheimische Landwirtschaft endgültig zum Erliegen gebracht und die Konsumgewohnheiten geändert. Diese Länder sind heute von Importen abhängig.

Knappheit des Weizens?

Die Preise konnten dank Agrarsubventionen künstlich klein gehalten werden und sind auch gegenüber anderen Rohstoffen wie Metall oder Energie viel zu niedrig. Die landwirtschaftliche Produktivität ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts um das Fünfhundertfache erhöht worden und hat eine beträchtliche Preissenkung mit sich gebracht, aber mit welchen Konsequenzen? Niedrige Preise regen die Bauern nämlich nicht dazu an zu produzieren und sie senken das Angebot. Seit der Mac Sharry-Reform der Europäischen Agrarpolitik (GAP) 1992 haben die Preise, die die Produzenten bekamen, kontinuierlich um 35 bis 40 Prozent abgenommen. Dies fördert die Zusammenlegung der Produktion und der Flächen und führt dazu, dass auch Europa sich an die Regeln der WTO hält, mit den Subventionen aufhört und die den Produzenten bezahlten Preise an das Weltmarktniveau anpasst. Die noch praktizierte «Ausbeutung» erhöht sich dank der Subventionen.

Die Versorgung der arbeitenden Bevölkerung in den Städten zu niedrigen Preisen muss auf jeden Fall aufrecht erhalten werden, da sonst Lohnerhöhungen nötig sind. Kleine Einkommen sind mittlerweile die Regel. Heute lässt der Kapitalismus in Reinkultur die Rechnung die Konsumenten bezahlen, die es sich leisten können: Preiserhöhung für Treibstoff um 50 Prozent in zwei Jahren, für die gängigsten Nahrungsmittel um 7 Prozent bei uns, um bis zu 50 Prozent in einigen Ländern Afrikas. Der asiatische Reis, Grundnahrungsmittel für 60 Prozent der Weltbevölkerung, hat seinen Preis verdoppelt. Die großen Nahrungsmittelkonzerne überlassen die Verkraftung des Preisanstiegs dem Detailhandel, der seine Gewinne dahin schmelzen und seine Umsätze zurückgehen sieht, obwohl die Preise in den Regalen höher sind. Für die Konsumenten sind übrigens mittlerweile Discountpreise der Maßstab. Diejenigen Länder, die ihr Getreide importieren, haben dieses Jahr eine um 50 Prozent höhere Rechnung. Dieser preisliche Höhenflug kommt vor allem den Großbauern zugute. Er würde sicherlich in Zukunft eine Verringerung der Subventionen für die europäischen Getreidebauern in der nächsten GAP rechtfertigen und so einen wichtigen Stolperstein in den Verhandlungen mit der WTO aus dem Weg räumen. Man darf dabei aber ja nicht glauben, dass es den Kleinbauern (welche die Mehrheit bilden) dadurch besser gehen wird. Sie haben keinen Mais, Weizen oder Soja zu verkaufen, sie produzieren praktisch nur für den Eigenbedarf und haben keinen Zugang zum Markt.

Wenn die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Welternährungsorganisation FAO heute wieder darauf kommen, wie gut es für die Staatshaushalte der armen Länder ist, wenn die Landwirtschaft aufgewertet wird, darf man dabei nicht vergessen, dass diese Länder auf Anraten gerade jener Organisationen lieber von Lebensmittelhilfen und so von großen Exportnationen abhängig sind. Exporte der subventionierten Überschüsse sind auch heute noch bei vielen Produkten die gängige Praxis. Bisher haben Weltbank, Währungsfonds und FAO eher die städtische Entwicklung und Industrialisierung in den armen Ländern gefördert und deren Landwirtschaft geopfert. Die politisch wichtigen Städte wurden zu billigen Preisen versorgt, indem auf dem Weltmarkt zu niedrigen Kursen eingekauft und massiv importiert wurde. Das Ergebnis ist eine absichtlich vernachlässigte Landwirtschaft, eine fehlende Infrastruktur für Transport, Lagerung und Vermarktungsnetzwerke. Ein ungehemmtes Bevölkerungswachstum kommt noch dazu und macht solche Länder zu Zonen, die von Hungersnöten bedroht sind.

 

Viele Landwirtschaften

Die Infragestellung des bisherigen Modells durch unsere grossen Strategen war voraussehbar, sogar ohne zu erwähnen, dass  der Direktor der WTO, Pascal Lamy, und der Direktor des Währungsfonds, Dominique Strauss Kahn, «Sozialisten» sind und dass sie ihre Ausbildung an der französischen Eliteschule für Verwaltung ENA genossen haben.

Denn es gibt in Wirklichkeit nicht nur eine, sondern viele, zum Teil sehr verschiedene Formen von Landwirtschaft, verteilt über die ganze Welt. Es ist nicht sicher ob die Ernährungslage wirklich so von Knappheit geprägt ist.

In Europa und Amerika gab es immer wieder Probleme in Folge von Überproduktion, was zur Folge hatte, dass die Preise fielen. Um diesen Preiszerfall zu stoppen, mussten Produktionsquoten eingeführt werden. Trotzdem waren die Weizenreserven in Frankreich mit über drei Millionen Tonnen noch nie so hoch wie jetzt. Dies ist doch ein Widerspruch, wenn in diesem Moment überall von einer weltweiten Weizenknappheit die Rede ist. Es sieht so aus als wäre der starke Euro daran schuld, dass wir unseren Weizen nicht verkaufen können. Ein anderer Widerspruch ist, dass Japan eine Überschussproduktion an Reis hat und nicht mehr weiss, was es mit seinen Lagerbeständen von über 2,5 Millionen Tonnen machen soll. Gleichzeitig muss das Land jedes Jahr 800 000 Tonnen Reis importieren, um den Auflagen der WTO zu entsprechen. Der Reiskonsum nimmt dort ohnehin ständig zugunsten von Weizenmehl ab, das sie - eine Folge des Zweiten Weltkrieges - in grossen Mengen importieren müssen. Tokio, das diese Knappheit nutzen möchte, um einen Teil seiner Reserven los zu werden, braucht die Erlaubnis der USA, wo ein Teil dieser überschüssigen Importe herkommen. Die USA zögern damit, um ihre eigenen Reisbauern nicht zu verärgern. Diese profitieren nämlich von den momentan hohen Preisen.

Es sei auch daran erinnert, dass die Stützen der Landwirtschaft in den USA, Argentinien, Brasilien und anderen Ländern der Anbau von Mais und Soja als Tierfutter ist. Neu kommt die Ölpalme dazu, deren Anbau oft mit Waffengewalt auf konfiszierten Flächen vorangetrieben wird und die zur Produktion von Agrotreibstoffen dient. Beispiel dafür ist Kolumbien, wo der Kampf in Zukunft darum gehen wird, die Flächen für die Kleinbauern zum Anbau von Nahrungsmitteln zurückzuerobern.

Unsere einzige kleine Genugtuung ist im Moment, dass die Agrotreibstoffe in breiten Kreisen (mit Ausnahme derer, die daran verdienen) in Frage gestellt werden. Sie stellen in doppeltem Sinne eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion dar: Auf den begrenzten Anbauflächen in erster Linie und dann auch in Bezug auf die undurchsichtigen Mechanismen der Preisgestaltung, die viel Raum lassen für Ängste, Manipulationen und Spekulation. Manchmal bringt das Unglück auch Gutes mit sich: General Motors musste vier Fabriken für Geländefahrzeuge schliessen, weil der Treibstoffpreis zu hoch geworden ist.

Ich glaube nicht, dass die Hungerrevolten in der südlichen Hemisphäre das Vorspiel für eine Revolution sind. Wenn die Menschen jedoch Hunger haben, kann man sich auf alles gefasst machen - sogar, dass Regierungen wieder auf autoritäre Art die Nahrungsmittelversorgung ihrer Bürgerinnen und Bürger in die Hand nehmen und die sakrosankten Gesetze des freien Weltmarktes und des Ultraliberalismus über den Haufen werfen.

Quellen:

Monde Diplomatique vom  Mai  2008, Le Monde, Les Echos, Challenge, La France Agricole, Encyclopédie Universalis

1. CAIRN = Organisation, die den Grossteil der Entwicklungländer des Agrar-Exports versammelt. Sie wurde  im August 1986 in  Cairns in Australien gegründet. i

 

verfasst von Jacques Berguerand (Longo maï, Frankreich),  01.11.2008, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 164 (10/2008)

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