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DEUTSCHLAND: 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges

In allen Ländern Europas, die von Hitler-Deutschland besetzt waren, symbolisiert der 8. Mai die Befreiung vom Nazismus. Hingegen rufen im norddeutschen Demmin die Neonazis seit 2006 zu einem Fackelmarsch im Gedenken an die deutschen Opfer vom Kriegsende auf.
Demmin ist eine Stadt in Mecklenburg Vorpommern, hat ungefähr 12.000 Einwohner_in-nen und ist seit der deutschen Vereinigung von der Arbeitslosigkeit stark geprägt. Für die Neo-Nazis, zu denen auch die deutsch-nationalistische Partei NPD zählt, ist es eine Heldenstadt, die sich nicht freiwillig den «Russen» ergeben hat. Am 30 April 1945 marschierte die Rote Armee kampflos in Demmin ein, auf deren Kirchturmspitze die weiße Fahne flatterte. Die nationalsozialistischen Würdenträger, Polizei und Wehrmacht hatten die Stadt in westliche Richtung verlassen und die Brücken gesprengt, so dass die Rote Armee für mehrere Tage in Demmin fest saß. Unter der Bevölkerung gab es jedoch Fanatiker, die aus Häusern auf die Rote Armee schossen. In der dadurch entstandenen unübersichtlichen Lage kam es zu großflächigen Bränden, die weite Teile der Stadt zerstörten. Wer die Urheber dieser Brände waren, ist nicht geklärt. In einer kollektiven Hysterie kam es in den Tagen nach dem 30 April zu tragischen Selbsttötungen von mehreren hundert Menschen, vor allem Frauen mit ihren Kindern. Die von Krieg, Nazipropaganda, Endzeitstimmung und tatsächlich erlittenen Übergriffen durch Sowjetsoldaten traumatisierte Bevölkerung sah vielfach keinen anderen Ausweg
Über diese Ereignisse wurde in der DDR nicht gesprochen und sie werden seit einigen Jahren von dem Museumsverein in Demmin aufgearbeitet. Die deutschen Neo-Nazis missbrauchen diese Ereignisse für ihr Bild des unterdrückten deutschen Volkes.
Demmin, 8. Mai 2014
Im Jahr 2009 hat sich die Bürgerinitiative «Aktionsbündnis 8. Mai» in Demmin gegründet, die sich dem Fackelmarsch der NPD entgegenstellt. Die ursprünglich ungefähr 20 Demonstrant_innen sind im Laufe der Jahre immer mehr geworden. 2014 haben rund 800 Menschen an den Protesten gegen den Aufmarsch von unge-fähr 200 Neonazis teilgenommen. Rund 500 Polizist_innen waren vor Ort. Das Vorgehen der Polizei hat viele Menschen schockiert und eingeschüchtert: Kontrolle der Fahrzeuge der antifaschistischen Demonstrant_innen im Vorfeld, Einsatz von Polizeihunden, Bereitstellung von Wasserwerfern, Behinderung der Presse. Versuche, den Fackelzug aufzuhalten, wurden mit Gewalt von der Polizei verhindert.  Ein junger Franzose wurde dabei von der Polizei herausgegriffen und so lange misshandelt, bis er das Bewusstsein verlor und in künstlichem Koma ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Was ist seither geschehen
Die Ereignisse an diesem 8. Mai in der Kleinstadt Demmin wurden über die Grenzen dieser Region hinaus bekannt. Dazu kam eine Äußerung des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern, der in einem Interview die Frage stellte: «Was hat ein Franzose am 8. Mai in Demmin zu suchen?» Dieser Ausspruch wurde von zahlreichen Protesten aus verschiedenen Ländern beantwortet. Der Landtag bekräftigte, dass Proteste gegen rechtsextreme Aufmärsche von neonazistischen Gruppen unterstützt werden müssen, überließ aber die Frage, ob friedliche Aktionen zur Verhinderung der Aufmärsche zugelassen oder strafbar sind, der Entscheidung der Polizei.
Die Frage ist eigentlich, ob die staatlichen Behörden heute, 70 Jahre nach dem Ende des Krieges, die Verherrlichung des Nazismus als Volksverhetzung und Aufruf zum Rassismus betrachten oder als «demokratische Äußerung», wie es zurzeit meistens geschieht. Diese Frage geht zurück auf einen langwierigen Streit um das Verbot der NPD. Tatsache ist, dass im Jahr 2009 das Bundesverfassungsgericht das Urteil gefällt hat, dass Demonstrationen zur Verherrlichung des Nationalsozialismus verboten werden können, aber heute kein Verwaltungsgericht dieses Verbot ausspricht. So wie das Urteil von 2009 dem vehementen Widerstand gegen Neonazis von Bürger_innen der Gemeinde Wunsiedel zu verdanken ist, so ist auch heute die Frage, ob die Menschen vor Ort sich gegen die Verherrlichung des Nationalsozialismus wehren, oder nicht.
Europäisch feiern
In diesem Jahr findet der 70ste Jahrestag des 8. Mai 1945 statt. Die Bürgerinitiative von Demmin ruft deshalb zu einem europaweiten dreitägigen Treffen auf. Vom 7. bis zum 9. Mai soll ein Kongress zum Thema «70 Jahre Kriegsende und noch kein Friede», eine Friedensdemonstration und ein Fest am 9. Mai mit vielen kulturellen Beiträgen, Menschen aus ganz Europa mit der Bevölkerung von Demmin zusammenbringen. Auf diese Weise will die Bürgerinitiative nicht zulassen, dass der Tag von Neonazis dominiert wird und die Bevölkerung sich von dem Auftreten der Polizei einschüchtern lässt.  Es gibt keinen Grund, diesen Tag «national» zu feiern, aber viele Gründe ihn zumindest europäisch zu feiern. Wir laden Euch also herzlich ein, diese Tage mit uns zu gestalten und mit uns zu feiern.


Genauere Informationen finden Sie unter www.forumcivique.org und falls Sie sich für eine Teilnahme interessieren, nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf:
ulenkrug(at)t-online.de

verfasst von Jürgen Holzapfel,  09.03.2015, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 234 (02/2015)

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