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DEUTSCHLAND: Flüchtlinge nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand

Es wird viel über sie gesprochen – auf der Internationalen Konferenz von Geflüchteten und Migrant_innen in Hamburg ergriffen sie jedoch selbst das Wort. Über 2.000 Flüchtlinge und Migrant_innen sprachen auf dem selbstorganisierten Treffen das vom 26. bis 28. Februar in der Kulturfabrik Kampnagel stattfand.
Angereist waren sie aus Frankreich, Dänemark, Belgien, Spanien, Polen und Tunesien. Auch aus vielen deutschen Städten von Rostock bis Passau kamen Geflüchtete und Unterstützer_innen nach Hamburg. Es ging um Themen wie Asylgesetze, die Lage an den Grenzen, Selbstorganisation und Sexismus. Das Motto der Konferenz: «Der Kampf der Geflüchteten – wie weiter machen? Beendet den Krieg gegen die Migrant_innen.»
Raum für Vernetzung und Austausch
Es war keine Konferenz der großen Reden, sondern der vielen kleinen Geschichten – Geschichten von Geflüchteten. Geschichten von Gewalt und Krieg, Flucht, Sprachproblemen und Frustration über deutsche Bürokratie und Politik. Aber es waren auch Geschichten über ein Leben in Freiheit, gegenseitige Hilfe und den Glauben an eine bessere Zukunft. Die vorherrschende Stimmung: Wir wollen von unserem Schicksal berichten, uns ihm aber nicht ergeben.
In über 30 Workshops und Podiumsdiskussionen sprachen die Teilnehmer_innen über verschiedene Themen wie mentale Gesundheit, gehörlose Geflüchtete, unbegleitete Minderjährige, Sprachkurse, Gewalt an den Grenzen und Rassismus. Die Podiumsdiskussionen wurden von Freiwilligen in acht Sprachen übersetzt. «Es ist eine Plattform für Leute, um sich auszutauschen. So haben wir uns das gewünscht und es ist toll zu sehen, wie die Leute es annehmen», sagt Ali Alasan, einer der Organisatoren.
«Es geht darum, Leute mitein-ander zu vernetzen und zu zeigen, dass Migrant_innen etwas zu der Gesellschaft beitragen können», sagt Ali Ahmet. Er gehört zu der Gruppe «Lampedusa in Hamburg», die die Konferenz organisiert hat. Unterstützt wurden sie dabei von Freiwilligen und der Kulturfabrik Kampnagel, zugleich Ort der dreitägigen Konferenz.
«Ich als geflüchtete Person und Ausländerin in diesem Land habe es sehr positiv erlebt, willkommen geheißen zu werden auf dieser Konferenz und dass mir mit so viel Respekt begegnet wird», sagt Sherey, die mit ihrer Familie zu der Konferenz gekommen ist.
Abschiebestopp und Bewegungsfreiheit
In einer abschließenden Diskussionsrunde wurden viele Ergebnisse aus den über 30 Workshops und Podiumsdiskussionen zusammengetragen, die immer wieder deutlich machten, dass Vernetzung untereinander entscheidend sei, um politische Ziele auch auf europäischer Ebene zu erreichen. Beispiels-weise eine Abschaffung des Dublin Abkommens, um Geflüchteten Bewegungsfreiheit in Europa zu ermöglichen. Mitglieder des internationalen Netzwerks CISPM (Vereinigung für Flüchtlinge ohne Aufenthaltsstatus) sprachen sich explizit gegen die europäische Flüchtlingspolitik, insbesondere dagegen aus, das Schengener Abkommen in Frage zu stellen. Insbesondere Teil-nehmer_innen aus Afghanistan und Roma aus dem Balkan sprachen sich vehement gegen Abschiebungen aus. Auch die Rolle der Medien wurde vielfach diskutiert, die ein bestimmtes Bild der Flüchtlinge produzieren würden. «Wir sind keine Kriminellen, keine Vergewaltiger und keine Terroristen», sagte Larry Moore Macaulay vom Hamburger «Refugee Radio Network» und rief dazu auf, über eigene Kanäle andere Narrative zu verbreiten als die der Mainstream Medien. Konferenzen würden keine Lösungen herbeiführen sagte Sakher Almohamad vom Kölner Netzwerk «Syrians Against Sexism», aber sie böten die Chance zur Vernetzung, wie dieses Treffen in Hamburg hervorragend gezeigt habe. Daraus müssten nun Taten folgen. Gehandelt haben viele der Teilnehmerinnen schon während der Konferenz, indem sie sich aus dem «geschützten Raum» nur für Frauen raus auf die große Bühne bewegten und mit dem Slogan «Women’s Space is everywhere» spontan eine Podiumsdiskussion übernahmen, um über die Belange von Frauen zu diskutieren. Zum Ausklang der Konferenz wurde ein nächstes großes Treffen im Herbst in Berlin angekündigt.
Kulturfabrik Kampnagel

Interviews mit den Beteiligten, Fotos der Konferenz und weitere Informationen unter den Webseiten der Rudolf Bosch Stiftung http://www.bosch-stiftung.de sowie der Kulturfabrik Kampnagel http://www.kampnagel.de .

verfasst von Kulturfabrik Kampnagel,  30.04.2016, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 247 (04/2016)

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