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Die Gärten der Arbeiterbrüderschaft

Donnerstag früh, im Café Parvis in St.Gilles. Drei junge Leute trinken schnell ihren Kaffee aus und wenden sich an mich: Sie gehen nach Mouscron, zu einem Gärtnereilehrgang bei Gilbert und Josine. «Da muss man mitmachen, es ist sehr interessant!», rufen sie mir zu.
Seit 40 Jahren betreiben Josine und Gilbert Cardon einen Gemüsegarten in einem Arbeiterviertel in der Grenzregion zwischen Lille und Tourcoing-Mouscron. Aber was für ein Garten! Ein offener Ort, an dem sie ihr Wissen großzügig verbreiten und die Qualität eines solidarischen Lebens mit anderen teilen.
Es war in den 1970er Jahren, in einer von Arbeitslosigkeit verwüsteten Region. Eine Kohlengrube, eine Textilfabrik nach der anderen wurde geschlossen. Hier erweckten sie die Gartenarbeitsgruppe zum Leben. Auslöser war der Skandal um die neuen Giftmülldeponien für industriellen Abfall in dieser schon extrem verschmutzten Industriegegend.
Das erste Ziel war Solidarität. Das heißt: Lebens- und Umweltqualität für alle erreichbar zu machen. Gesundheit beginnt bei gesunder Nahrung und Umwelt. Es ging auch darum, den Menschen Lust zu machen, etwas zu lernen. Die Gruppe der Brüderschaftsgärten, die innerhalb der Arbeiterbrüderschaft entstanden ist, funktioniert immer noch als Gruppe für permanente Erziehung. Es gibt auch eine Einkaufsgruppe, damit Bio-Qualitätsprodukte allen zugänglich sind.
Der Gemüsegarten hat viele Seiten. Er ist ein Ort der Entspannung. Er verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen, erleichtert die schwierigen Monatsenden und wertet die Mahlzeiten auf – nicht nur durch die Qualität der Produkte, sondern auch durch das Bewusstsein, zur eigenen Lebensqualität etwas beigetragen zu haben. Im Garten erholt man sich von der Müdigkeit der Arbeitswoche und findet einen Ausgleich zu dem Gefühl, ein nutzloser, zur Mittelmäßigkeit gezwungener Konsument zu sein. Hier kann man eine schöne, ruhige Zeit unter Nachbarn verbringen und die Freuden eines Abends oder eines Sonntags in angenehmer Gesellschaft genießen.
Gegen das schlechte Essen aus den Supermärkten, die allgemeine Resignation, die Umweltverschmutzung und die Arbeitslosigkeit hilft Solidarität, Intelligenz und guter Wille.
So haben Gilbert und Josine alle möglichen Leute, von militanten ArbeiterInnen über GartenliebhaberInnen zu Menschen aus nah und fern auf der Suche nach einem besseren Leben, einer gerechteren Gesellschaft, in diesem Projekt vereint.
Schon vor langer Zeit haben sie ein aktives, kämpferisches Leben gewählt. Zuerst engagierten sie sich in der JOC (Christliche Arbeiterjugend), dann in Vereinen in Lateinamerika, wo sie sich am Aufbau mehrerer Projekte in Bolivien und Venezuela beteiligten. Wieder zurück in Belgien, schockiert über die Verschwendung, die schlechte Lebensart und die gesellschaftlichen Widersprüche, haben sie ihr Engagement weitergeführt – sowohl im Gewerkschafts- und Vereinsbereich als auch in ihrer Lebensform.
Um die Schlaffheit von politischen, angeblich linken Strukturen wettzumachen, ergriffen sie einige Initiativen. Erst einmal für den Frieden, gegen Atomkraft und gegen Rassismus, danach in ihrer Gegend gegen die Wohnungsnot, gegen eine dioxinverbreitende Industriemüllverbrennungsanlage, gegen den Ausbau von Industriezonen und einiges mehr. Es ist  eine eigene Lebensart, die sie teilen und eine ganze Kultur.
Die Arbeiterbrüderschaftsgärten setzen sich aus Hunderten von Gärten, Gärtnerinnen und Gärtnern zusammen. Die Gärten sind klein bis mittelgroß, wie Familiengärten, bescheiden jedoch voller Ideenreichtum. Auch ist hier das Einkaufen als Gruppe viel billiger. Was man sonst schon allein für das Verpackungsmaterial ausgibt! Außerdem kann man sich die Produzenten aussuchen und sich Saatgut aus der ganzen Welt besorgen. Für biologische Nahrungsmittel gilt das Gleiche: Zum Großhandelspreis sind Produkte wie Mehl, Öl und andere, welche die eigenen Produkte ergänzen, erschwinglich. Auch Pflanzen, Bäume und Düngemittel. Aber darauf kommen wir noch zurück. So kann man sich von den Ketten der Kommerzgesellschaft befreien.


Robuste Sorten


Die Arbeiterbrüderschaftsgärten bieten in einer «Samen-Theke» über 6.500 verschiedene Samensorten an, die von den Mitgliedern verwendet werden. Darunter sind jede Menge widerstandsfähige regionale Sorten, die im Handel nicht erhältlich sind. Sie wurden von den GärtnerInnen selbst produziert oder bei anderen Produzenten gemeinsam bestellt. Die Ausstellung füllt alle Wände ihres Lokals, vom Fußboden bis zur Decke. Alle Sorten sind in einem Katalog mit ihren wichtigsten Charaktereigenschaften aufgelistet. In einem zweiten Katalog sind die Bäume und Sträucher beschrieben.
Für alle, die an Gärtnerei und an mehr Lebensqualität insgesamt interessiert sind, steht eine reichhaltige Bibliothek zur Verfügung. Gut hundert SympathisantInnen und Mitglieder teilen sich mit Begeisterung die verschiedenen Aufgaben und Tätigkeitsbereiche. Wer sauber, billig und effizient kultivieren möchte, kommt zur Permakultur. Hier wird das, was die Erde und ihre Lebewesen uns geben, genützt. Permakultur ist eine Lebensphilosophie, die den Austausch von Wissen und die ständige, nie ausreichende Neugierde für alles was uns umgibt und uns etwas lehren kann, beinhaltet – oft in Momenten und an Orten, wo wir es nicht erwarten. Die in den Arbeiterbrüderschaftsgärten Tätigen begnügen sich nicht damit, theoretisches Wissen anzuwenden, sie sind in ständig neuem Werden und in Berührung mit der Erde. Eine dialektische Herangehensweise zwischen der Entwicklung des Gartens, der Tätigkeit, des Wissens, der zwischenmenschlichen Beziehungen, des Ichs und der Gesellschaft. Hier werden Wissen und Erfahrungen zusammengetragen, ergänzt durch Konferenzen und Kurse, die von den Erfahrensten und von eingeladenen kompetenten Leuten gegeben werden. Es finden regelmäßige Treffen statt, bei denen erfahrene GärtnerInnen Dinge, Beobachtungen und Wissen miteinander austauschen. All diese Erfahrungen aus verschiedensten Gärten, zusammengetragen und miteinender geteilt, sind gelebtes Wissen in ständiger Entwicklung im Einklang mit der Erde. Jeder kann hier Antworten auf seine Fragen finden, Möglichkeiten, seinen ganz speziellen «Humus» zu gestalten. Jeden Sonntag, Tag des Kurses, ist das Vereinslokal gestopft voll.
Und der Garten – ein luxuriöses Paradies, in dem so viele Sorten von Obstbäumen und anderen Pflanzen wachsen, dass man meinen könnte, es wäre ein Schaugarten. Die Lust und die Bedürfnisse aller Begeisterten waren so groß, dass einige Kilometer von Moscrou ein großer Gemeinschaftsgarten entstand. Hier entwickelt sich eine ganz neue Poesie des Lebens.  Und dieser Humus! Das sind Gärten, die sich dank der ausgetüftelten Pflanzenkombinationen selber nähren und einen Ausgleich finden. Es werden Obstbäume, Gemüse und Kräuter miteinander kombiniert. Vorzugsweise mehrjährige Pflanzen, die wenig Unterhalt brauchen. Die Natur ist die Gärtnerin: Statt dass man sich den Rücken kaputtmacht, stützt man sich auf das verständnisvolle und ausgleichende Walten der Natur. Alles nicht Konsumierte wird der Natur zurückgegeben, sogar der Staub des Staubsaugers. Das kompostierte Altpapier wird zu Proteinen für die Hühner, bevor es den Humus bereichert, der von einzigartiger Qualität ist. Dieser Humus, mit dem man den Agrarwissenschaftlern und erst recht den Händlern von Schneckengift, Düngemitteln, Pflanzengift etc. die Stirn bieten kann. Eines Tages machten Agrarwissenschaftler Vergleichsstudien über die Reichhaltigkeit der Mikro-Fauna von kultiviertem Land und waren dermaßen erstaunt über die Resultate der Bodenproben aus dem Garten von Gilbert und Josine, dass sie ihnen erst mal nicht glauben wollten. Sie nahmen weitere Proben, und was bei der Analyse herauskam, sprengte alles bisher Dagewesene: Es gab, sage und schreibe, über 3 kg Regenwürmer auf einem Quadratmeter. Sie schlossen in ihrer Logik daraus, dass es während zwei bis drei Jahren nicht nötig sei, den Garten zu düngen oder zu behandeln -  eine Erde, die während 40 Jahren weder Dünger noch sonst ein Produkt gesehen hat.
Die vielen praktischen Vorteile sind ein wichtiger Teil dieser solidarischen Organisation. Das Wesentliche ist jedoch das in seiner Tiefgründigkeit und Herzlichkeit gelebte Projekt, von dem eine starke Dynamik ausgeht. Das zeigen auch die zahlreichen Ableger in ganz Belgien und im Norden Frankreichs, die sich auf diese «Schule» berufen.
Ganz herzlichen Dank, allen voran Josine und Gilbert und allen, die uns ihre Begeisterung bezeugt und dazu beigetragen haben, uns die Arbeiterbrüderschaftsgärten zu veranschaulichen.


* Unter dieser Adresse kann man eine sehr interessante Reportage auf Französisch über die Arbeiterschaftsgärten ansehen:
http://www.notele.be/index.php?option=com_content&task=view&id=6971&Itemid=254



 


 


 

verfasst von Jennifer Wishet und Eric Pauporté,  19.05.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 192 (04/2011)

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