Die Rumänen und die spanischen Erdbeeren
martin.admin (nicht überprüft)

Die Chefassistentin eines großen Krankenhauses bewirbt sich um einen Arbeitsplatz als Altenpflegerin in Deutschland. Ein Fabrikdirektor erntet drei Monate lang Erdbeeren in Spanien. Tausende rumänische Arbeitslose und Schlechtverdiener suchen verzweifelt einen Job im Schengen-Raum.


Das Phänomen nimmt überhand. Aus Hermannstadt (rum.: Sibiu, Anm. d. Red.) fahren täglich Reisebusse nach Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, die Passagiere sind zu einem guten Teil rumänische Gastarbeiter.
Weil die Arbeitsvermittlung Geld abwirft, versucht die Regierung, den „Arbeit-im-Ausland-Markt“ zu monopolisieren. Jahrelang kam jedes Frühjahr eine deutsche Expertin für zwei bis drei Tage nach Hermannstadt, um hier Kellner, Köche, Maurer oder Tischler anhand ihrer Ausbildungsunterlagen und ihrer Deutschkenntnisse auf ihre Eignung als Arbeitskräfte in Deutschland zu testen. Das geht seit dem 1. Januar 2002 nicht mehr. Alle „Exportkandidaten“ müssen nach Bukarest und dort das Ausleseverfahren durchlaufen. Das nennt man Dezentralisierungspolitik und kommunale Autonomie. Die „kapitalistischen“ Regierungen Rumäniens seit 1990 waren zwölf Jahre lang nicht imstande, neue Arbeitsplätze zu schaffen und zählten neidisch mit, wie viele Bauarbeiter nach Israel, Kellner nach Deutschland, Babysitter nach Österreich und Tänzerinnen nach Japan auf Arbeit fuhren. Die Regierung Nastase ist ebenfalls nicht sehr erfolgreich mit dem Arbeitsplätzeschaffen, aber sie trat die Flucht nach vorn an und riß die Arbeitsplatzvermittlung im Ausland an sich. Anfang 2002 wurde als Anhängsel des Arbeitsministeriums das „Oficiul National de Recrutare si Plasare a Fortei de Munca in Strainatate“ (ONRPFMS, zu deutsch: Landesamt zur Anwerbung und Plazierung der Arbeitskräfte im Ausland) gegründet. Die Agentur hat allein von den seit Jahresbeginn nach Spanien vermittelten 961 Erdbeerpflückern je 3,5 Millionen Lei Vermittlungsgebühr kassiert, das sind insgesamt 3,36 Milliarden Lei oder 116.000 Euro. Nicht schlecht!
Im Krankenschwesterngeschäft mit Deutschland war ONRPFMS nicht so erfolgreich: Zu dem Mitte März veranstalteten Ausleseverfahren waren 280 Anwärterinnen erwartet worden, aber nur 228 Personen zeigten sich interessiert, und ganze 82 wurden angenommen. Ausschlaggebend waren nebst der beruflichen Qualifikation die Deutschkenntnisse, denn schließlich muß man sich mit den Patienten und den Kollegen verständigen können. Die Kandidatinnen - das Höchstalter war mit 35 Jahren vorgegeben - hatten diverse Sprachführer und Fachwörterbücher durchgeackert, sie kannten die medizinischen Termini für die verschiedenen Körperteile und Krankheiten, „aber dann kam diese Prüferin aus Deutschland und fragte mich, ob ich einen Freund habe und was der für eine Haar- und Augenfarbe hat und wie ich mich mit ihm verstehe“, berichtete eine Hermannstädterin unserer Zeitung.
Die 82 Krankenschwestern, die angenommen wurden, wissen erst recht nicht, wann sie aufgefordert werden, ihre Arbeitsstelle in Deutschland anzutreten. Eines aber ist gewiß: Sie werden dort nach deutschem Recht Steuern zahlen, können aber, auf Antrag, im Nachhinein bis zu 90 Prozent ihres Steueraufkommens zurückerstattet bekommen. Die Arbeitszeit im Ausland wird in Rumänien nicht zum Dienstalter hinzugerechnet. Für die Dauer des Auslandsaufenthalts empfiehlt es sich, eine Sozial- und Rentenversicherung abzuschließen. Eines muß noch gesagt werden: Die westeuropäischen Staaten achten sehr darauf, daß der Arbeitsaufenthalt auch tatsächlich befristet bleibt.
Es gibt auch private Arbeitsvermittler, selbst in Hermannstadt. Die fühlen sich natürlich gegenüber der Bukarester ONRPFMS-Agentur benachteiligt. Die Privaten sind allerdings nicht immer seriös und auch nicht unbedingt billig. Eine der 22 vom Arbeitsministerium anerkannten Bukarester Vermittlungsfirmen zum Beispiel verlangt 2.500 Dollar Anzahlung für einen Babysittervertrag in Israel und verspricht ein Honorar in Höhe von 600 Dollar pro Monat sowie Kost und Quartier gratis. (Die Paß- und Visakosten muß natürlich der Kunde tragen.) Um die geforderten 2.500 Dollar beisammen zu haben, muß der rumänische Durchschnittsverdiener aber ein gutes halbes Jahr arbeiten - ohne auch nur einen Bissen Brot zu essen!
Andererseits ist die Vermittlung über die staatliche Agentur im Endeffekt wahrscheinlich auch nicht viel billiger: Man fährt nach Bukarest, einmal um die Akten einzugeben, das nächste Mal um einen Termin zu bekommen, das dritte Mal um den Sprachtest zu absolvieren, das vierte Mal, um den Vertrag zu unterschreiben, wenn es denn soweit kommen sollte. Und jede dieser Reisen in die Hauptstadt ist mit Fahrt- und Übernachtungskosten verbunden.
Schließlich gibt es noch die Privatpersonen, die, ohne als Firma registriert oder vom Arbeitsministerium zugelassen worden zu sein, sich als Arbeitskräftevermittler ausgeben. Wie etwa die junge Frau aus Großwardein (rum.: Oradea, Anm. d. Red.), die im Internet eine Suchanzeige für Erntehelfer entdeckte und sofort reagierte. Sie kassiert 250 Euro Vermittlungsgebühr. „Ob wir bis zuletzt Arbeit kriegen oder nicht, wissen wir nicht“, sagen zwei Frauen aus Hermannstadt, die vor zwei Monaten ihren Obolus entrichtet, aber noch keinen Arbeitsvertrag gesehen haben. „Aber was sollen wir machen? Wir sind beide über 45. Wer stellt schon zwei so alte Schachteln an? Wer bietet uns noch eine solche Gelegenheit?“ Die eine verdient zur Zeit als Verkäuferin im Durchschnitt weniger als eine Million Lei, die andere als Buchbinderin immerhin zwei Millionen Lei. Beiden reicht der Lohn nicht für Miete, Strom, Gas, Wasser und Telefon. Sie hoffen, einige Monate lang 700 Euro zu verdienen und dann neu anfangen zu können. „Wer nicht riskiert, kann auch nicht gewinnen!“ sagen sie einstimmig. Riskiert haben sie bisher 250 Euro. Versicherung und Transportkosten kommen noch auf sie zu, wenn sie denn nicht einer Betrügerin aufgesessen sind. Trau, schau, wem!
Die Erfahrungen der rumänischen Gastarbeiter im Ausland sind unterschiedlich. Ein nach Israel als Bauarbeiter vermittelter Mann beklagte sich gegenüber „Adevarul“, daß sein israelischer Arbeitgeber ihm den Reisepaß einbehalten und die vereinbarten 1.200 Dollar pro Monat nicht ausbezahlt habe. „Wir arbeiteten wie Sklaven, einige in fremden Berufen“, berichtete der Mann. Zeitweise werden für Israel verpflichtete Rumänen vom Arbeitgeber auf Baustellen im palästinensischen Autonomiegebiet eingesetzt, wo ihnen der rumänische Staat in Rechtssachen nicht beistehen kann.
Auch die Erdbeerpflücker in Spanien berichten Unterschiedliches: Die meisten Arbeitgeber halten sich an die mit dem Bukarester Amt ausgehandelten Bedingungen, einige aber ziehen die osteuropäischen Erntehelfer buchstäblich über den Tisch. Die widersprüchlichen Meinungen veranlassten die Regierung zu Nachforschungen. Diese ergaben, daß die meisten Rumänen gut untergebracht seien; ihre Quartiere seien mit Kalt- und Warmwasser, Gasherd, Kühlschrank, Waschmaschine und Farbfernseher ausgestattet - Dinge, die viele zu Hause nicht haben, wie sie selbst zugaben. Allerdings waren zum Zeitpunkt der Recherche 50 Rumänen zusammen mit Marokkanern und Kolumbianern in einem Massenquartier untergebracht.
Die seit dem Februar erscheinende Wochenschrift „Munca in strainatate“ (Arbeit im Ausland) berichtete, 20 der für die Erdbeerernte angeheuerten Rumänen seien gleich nach ihrer Ankunft in Spanien untergetaucht. Einige würden Schwarzarbeit leisten, etliche der Damen bevölkerten den Strich und eine Gruppe junger Rumänen sei nach einer Schlägerei in einer Disko von der Polizei festgenommen worden.
Griechenland, Portugal, Libyen suchen Saisonarbeiter. Für heuer werden dringend 35.000 Rumänen (oder Polen oder Ungarn oder Slowaken, wer eben schneller und billiger ist) für die Pflege der Parkanlagen in Deutschland gebraucht. Italien lockt mit Arbeitsplätzen auf Kreuzfahrtschiffen. Und Spanien braucht in diesem Sommer weitere 10.000 Osteuropäer, so gut sind die Erdbeeren auf der Iberischen Halbinsel geraten.


Dieser Artikel stammt aus der
Hermannstädter Zeitung
Nr. 1776/26. April 2002
(www.hermannstaedter.ro)

verfasst von Wolfgang Fuchs,  27.08.2002, eingestellt von martin.admin
Thema im Archipel 096 (07/2002)
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