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DOSSIER: 1989 – UND DANACH?: Denkbewegungen vor

Das vergangene Jahr in der BRD triefte vor «Vergangenheitsbewältigung», bewältigt haben die «Sieger der Geschichte» die Vergangenheit der DDR-BürgerInnen. Die fanden sich darin kaum wieder, hatten aber nicht die Öffentlichkeit, um ihre Sicht einzubringen. (1. Teil)
Deshalb ist es der Rosa-Luxemburg Stiftung und dem Verein «Paula Panke» hoch anzurechnen, dass sie an den historischen Ort, die Berliner Volksbühne, die Aktivistinnen des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) der DDR und Feministinnen der heutigen BRD zum 6. Dezember 2009 einluden. 20 Jahre nach der Gründung des UFV sollte der Frage nachgegangen werden, «Frauenaufbruch 1989: Was wir wollten - was wir wurden». Der rote Salon war prall voll. Die meisten Referate erschienen mir wie eine Fortsetzung des Denkens aus DDR-Zeiten: Als Maßstab der Emanzipation wurde und wird der Mann (heute kommt noch flexibel, unabhängig und weiß dazu) gesetzt. Deshalb empfand ich den letzten Vortrag an diesem Tag als erfrischend und anregend, die Diskussionen über Emanzipation – aller Menschen – weiter zu führen, neu zu beginnen:



Das Verhältnis zu den Anderen


Mir ist bewusst, dass es heikel ist, dieser Veranstaltung jetzt noch eine Weststimme hinzuzufügen, und ich danke den Veranstalterinnen für diese Gelegenheit, auch wenn ich damit vielleicht die Einmütigkeit störe. Unser Blick auf den enthusiastischen Beginn des Ost-West-Zusammentreffens Ende 1989 kann nicht der gleiche sein. Die gegenseitigen Entfremdungen, die nach dem euphorischen Anfang einsetzten, sind noch nicht aus der Welt. Viele Schwierigkeiten sind bekannt und oft wiederholt worden, andere wurden kaum ausgesprochen, jedenfalls nicht öffentlich. Wenn ich mich hier noch einmal ihrer annehme, dann nicht, um die Stimmung zu verderben. Und ich bitte vorab, nichts von dem Gesagten als Vorwurf oder Abgleich zu verstehen. Es geht nicht um Vorwürfe, sondern darum, jene Schwachstellen zu rekonstruieren, die in der Gefahr waren, in unser Zusammenkommen Gift zu träufeln und Zwist zu säen. Es geht m.E. um die unverstellte Erinnerung an eine vergangene Realität, von der ich nicht sicher bin, ob sie wirklich vergangen ist. Jedenfalls meine ich, dass man die virulenten Punkte heute benennen sollte, um vielleicht mehr zu verstehen.
Sofern politisches Denken nicht tot ist und nicht auf der Stelle tritt, muss es sich im Laufe der Zeit, der neuen Erfahrungen, der Erfolge, Fehlurteile, Irrtümer und Enttäuschungen verändern. Mir geht es hier um Veränderungen im feministischen politischen Denken, die besonders durch Brüche und Neuanfänge seit dem Wendejahren 1989/90 provoziert worden sind. Selbstverständlich handelt es sich dabei um keine repräsentative Sicht, vielmehr um meine Sicht, um eine Rückblende aus einer West-Perspektive. Wenn man als Westlerin über die vergangenen Jahrzehnte reden will, muss man verschiedene Hürden nehmen. Man befürchtet den alten Vorwurf der Westarroganz und einer angemaßten Deutungshoheit, man ahnt, dass die Vehemenz feministischer Vor-Wende-Argumente heute nur noch auf gemäßigtes Interesse trifft, man weiß, dass die frühere Debattenkultur erlahmt und entkernt 1 ist, so als könne politisches Denken auf den Stachel der Kritik verzichten. Umso wichtiger ist es, aus einem größer werdenden Abstand an sie zu erinnern und über Konsequenzen nachzudenken.



Die Zeit vor der Wende


«Die» Frauenbewegung-West gab es nie, ebenso wenig einen feministischen Standpunkt, vielmehr ein breites Spektrum verschiedener Meinungen, Initiativen und Personen. Diese wehrten sich zwar alle gegen Geschlechterungerechtigkeiten, sahen aber keineswegs die gleichen Ursachen und die gleiche Schärfe der Konflikte und keineswegs gleiche Wege der Veränderung. Die sog. autonome Frauenbewegung der 1970er/80er Jahre, der ich mich zurechnete, rebellierte gegen eine männliche Monokultur, die wir für gewaltförmige Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Bereichen verantwortlich machten, nicht nur für die Diskriminierungen von Frauen 2. Wir führten die Gesamtmisere im Umgang mit Menschen und Natur auf die Stabilität des historischen «Prinzips Patriarchat» zurück, und wir forderten unseren Anspruch auf Selbstbestimmung und Veränderung der Gesellschaft ein: die Überwindung der Herrschaft von Männern über Frauen und die Beseitigung aller Formen von Unterdrückung. Feministische Kritik sollte Herrschaftskritik sein, Ausbeutungskritik, Ideologiekritik. Unter dieser Vorgabe wendete sie sich gegen ein Denken, mit dem «der Mann» sich die Kolonisierung von Frauen als eine Art Geburtsvorrecht über Jahrhunderte angemaßt hatte und alles, was Autorität, Macht und Geltung besitzt, in männliche Händen gegeben und genommen hat 3 - Politik, Finanzwesen, Industrie, Technologie, Philosophie, Wissenschaft, Ethik, Kunst etc. Die neue und ungeahnte Empörung vieler Frauen richtete sich gegen diese fundamentalistische Macht eines Geschlechts mit allen ihren historischen und gegenwärtigen Niederschlägen. Der Feminismus forderte dazu auf, dass Frauen «ihre prinzipielle Entmenschung» in der Geschichte der Gewaltanwendung erkennen, dass sie ebenso wie unterdrückte Völker den Kampf gegen kolonialistische Gewalt aufnehmen und «sich vom Status des Opfers und Objekts in den des Subjekts und Handelnden versetzen» 4.
Der Feminismus erkannte im Phänomen Gewalt nicht eine Randerscheinung und gelegentliche Entgleisung, sondern ein strukturelles Problem, eine historische Systematik , die zum Synonym fürs Patriarchat wurde. Am offensichtlichsten sahen wir die patriarchale Logik in persönlichen Gewalterfahrungen und Einschränkungen eines ganzen Geschlechts, der Frauen, am Werk, aber auch in einer Wirtschaft, die auf bloßen Profit aus ist, in einer Ideologie, die die Macht des Stärkeren stärkt, die Fortschritt zur Ausbeutung macht, die alles überbieten will, Altes durch Neues, Primitives durch Entwickeltes, Zufall durch Wissenschaft, Schicksal durch Technik, Not durch Überfluss 5 - unabhängig von den Bedürfnissen der verschiedenen Menschen. Zweifellos war für die aus der Linken hervorgegangene Frauenbewegung anfangs die «subversive Sprengkraft» 6 kommunistischer Utopie nicht spurlos vorübergegangen, allerdings erheblich abweichend vom Original: das marxistische Befreiungs-Vokabular hatte wie eine Infektion gewirkt, und es begann eine Art Eigenleben zu führen. Frauen fingen Unerwartetes damit an, die großen Worte «Unterdrückung», «Ausbeutung», «Entfremdung», «Befreiung» wurden mit eigenen Inhalten gefüllt, und als zu befreiende «Klasse» galt jetzt das Geschlecht der Frauen. Damit taten sich Welten auf, aber auch riesige praktische und theoretische Anforderungen an uns selbst.



Androzentrisches Menschenbild


In meiner Sicht gehörte zur Herrschafts- und Gewaltkritik das Konzept der Mittäterschaft: die These, dass die stabile Macht des Patriarchats überhaupt nicht denkbar sei ohne eine offene oder heimliche Beteiligung der Frauen an dem System, das sie schädigt und das zugleich von Frauen gestützt und bedient wird – oft ungewollt. Dieses System schlägt sich auch in den Köpfen nieder, es ist nicht nur außerhalb, es wird auch aktiv in der Neigung zum Dulden und Akzeptieren, zum komplementären Handeln, zur Teilhabe am patriarchalen Regelwerk. Denn jede Macht braucht ein Gegenüber, das der Macht zustimmt und sei es indirekt. In dieser Analyse ging es selbstredend nicht um Biologie, vielmehr um ein offensichtliches und ein verborgenes Prinzip, das wie Natur erscheint und mit höchst widersprüchlichem, giftigem Profit von Männern und Frauen einverleibt wird. Kritik an der Männergesellschaft musste also eine Kritik an Frauen in der Männergesellschaft einschließen, die Kritik an Prägungen, die die patriarchale Geschichte und ihr androzentrisches Menschenbild bewerkstelligt hat. Um ungehindert fortbestehen zu können, braucht es die Komplizenschaft von Frauen. Diese Gesetzmäßigkeit wollten wir durchbrechen. Vor über 200 Jahren hatte Olympe de Gouges gesagt: «Ich diene meinem Geschlecht, indem ich es verfolge» 7. Und das heißt, die Kritik an Frauen als politische Kritik an einer Gesellschaft zu begreifen, die an kaum etwas mehr Interesse hat als daran, dass Frauen sich selbst klein halten und ihre historischen Befreiungsmotive selbst aufgeben oder abgeben 8.
Diese Kritik war schmerzhaft und zugleich aktivierend. Sie sollte dazu anstiften, den Weg in eine antipatriarchale und antikapitalistische Opposition zu gehen und in eine «Freiheit», deren Wege nie vorgezeichnet sind. Diese Freiheit war für alle mit Risiken und für viele mit nachhaltigen Brüchen verbunden, persönlichen und beruflichen. Frauen sollten eine gesellschaftskritische und gesellschaftsverändernde Stimme bekommen, Feminismus sollte umfassende Gewaltkritik sein, die die Auseinandersetzung mit verschiedenen Varianten von Gewalt und Herrschaft einschließt, so auch unausweichlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinem völkischen und rassistischen Kern. Alle diese Forderungen waren verbunden mit heftigsten Kontroversen. Sie rührten nicht nur an ein «weibliches», sondern auch an ein kulturelles Selbstverständnis. Denn sie stellten jedes Recht auf kulturelle Überlegenheit der so genannten ersten Welt und ihrer Mitglieder in Frage, sie waren eine Attacke gegen selbstverständlich erscheinende Identitäten und Zugehörigkeiten. Sie führten damit auch zur offenen Konfrontationen zwischen Ausländerinnen und Inländerinnen, schwarzen und weißen Frauen. Sie führten auch zu einer Konkurrenz der Opfer, denn der Status des Opfers blieb umkämpft, von den einen beansprucht, von anderen beneidet, beargwohnt oder rigoros zurückgewiesen.
Feministischer



Denkhorizont


Die Kritik an patriarchalen Ideologien, an struktureller Gewalt, an Heterosexismus, Kolonialismus, Rassismus, Totalitarismus und den dazugehörenden Komplizenschaften verlangte einen feministischen Denkhorizont, der über die «Frauenfrage» hinausging. Verbunden war der große Anspruch mit einer Selbstkritik, die einem im Nachhinein fast schwindlig macht. Zum Beispiel die Kritik an unseren Beschränkungen: die Beschränkung einer Frauen-Befreiungs-Bewegung zu einer Frauenbewegung; die Beschränkung einer Frauenbewegung zu einer Frauen-Projekt-Bewegung; die Beschränkung feministischer Politik und Wissenschaft auf Frauenpolitik und Frauenforschung; die Beschränkung der Kooperationen auf Gleiche und Gleichdenkende; die Beschränkung des Veränderungsinteresses auf Selbstentfaltung und Selbstveränderung; die Beschränkung des Erfahrungsbegriffs auf Selbsterfahrenes; die Beschränkung der gesellschaftlichen Schuldfrage auf Selbstverschuldung; die Beschränkung der Patriarchatskritik auf das Mann-Frau-Verhältnis; die Beschränkung des Begriffs Geschlechterverhältnis auf sexuelle Beziehungen; die Beschränkung des Herrschaftsverständnisses auf Sexismus; die Beschränkung der Herrschaftskritik auf innerkulturelle Herrschaftspraktiken. Aus der Patriarchatskritik immer wieder weitgehend ausgegrenzt waren Herrschaftsformen, die nicht sexistisch, sondern rassistisch sind; ausgegrenzt war, was die eigene Kultur außerhalb der eigenen Grenzen anrichtet; ausgegrenzt eine Herrschaftskritik, die sich mit der kapitalistischen Form des Umgangs mit Menschen und Natur befasst; ausgegrenzt die Erfahrungen all derjenigen, die an der westlichen Kultur anders als westliche Frauen zu leiden hatten; ausgegrenzt die Frauen, die im eigenen Umfeld und keineswegs unsichtbar lebten, aber dem eigenen Wir nicht entsprachen 9. Was diese Kritik spiegelt sind die Perspektiven, auf die wir aus waren und Ansprüche, die wir uns stellten. Und diese Ansprüche waren maßlos, grenzenlos, vielleicht verrückt, aber legitim. Heute kommt einem das vor wie ein Aufschrei gegen unsere Unzulänglichkeiten, gegen unsere Grenzen und unsere Überforderungen. Aber es waren ernsthafte, engagierteste Debatten, an denen unzählige Frauen teilnahmen, sich echauffierten, sich stützten oder bekämpften. Viele machten sich an die Arbeit. Und dann kam die Wende.


1. Jens Hacke: Entkernung des politischen Denkens. Berliner Zeitung vom 24./25.10.09, S.4
2. Standardtexte sind z. B.: Karin Hausen: Die Polarisierung der «Geschlechtscharaktere» – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben (Erstveröffentlichung in W.Conze (Hsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit. Stuttgart 1976, S.367-393), in: Heidi Rosenbaum (Hsg.): Familie und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt am Main 1980
3. Kate Millett: Sexus und Herrschaft – Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft. München 1974 (Orig.1969), S. 38f
4. Karin Schrader.Klebert: Die kulturelle Revolution der Frau. In: Kursbuch 17, Frankfurt am Main 1969, S.S.1
5. Odo Marquard: Zeitalter der Weltfremdheit. Beitrag zur Analyse der Gegenwart. In: Apologie des Zufälligen. Stuttgart 1986, S.77
6. Stefan Wolle: Der Traum von der Revolte – Die DDR 1968. Berlin 2008, S.134
7. In: Mary Wollstonecraft: Verteidigung der Rechte der Frauen II Orig.: London 1792), Zürich 1976, S.21
8. Christina Thürmer-Rohr: Opfer auf dem Altar der Männeranbetung
9. Christina Thürmer-Rohr: Kopfmauern . Wir im Westen, ihr im Osten. In: Diess.: Verlorene Narrenfreiheit. Berlin 1994, S.102

verfasst von Christina Thürmer-Rohr,  09.06.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 181 (04/2010)

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