© Renée Ginger, TIMULT

DOSSIER: 1989-UND DANACH ? «Anarchie – ja; Deutschland – nein»1

In dieser Zeit beginnt sich die autonome Szene West, die vor allem in Kreuzberg aktiv ist, für die Viertel in Ostberlin zu interessieren. Dieser Teil der Stadt unterliegt noch nicht den berüchtigten Direktiven, die im Westen jede neue Besetzung verhindern. Ost- und Westautonome besetzen gemeinsam Häuser, doch es ist nicht leicht, eine gemeinsame Basis zu finden zwischen Personen, die in verschiedenen politischen Realitäten aufgewachsen sind. Der BesetzerInnen-Rat z.B. bleibt komplett in den Händen der Westdeutschen. Die Gegensätzlichkeiten der politischen Kultur zeigen sich vor allem im Verhältnis zu den Autoritäten: Diejenigen, die in der DDR gelebt haben, ziehen Verhandlungen vor, weil sie einige gute Erfahrungen damit gemacht haben. Für diejenigen aus der BRD ist die Schaffung autonomer Strukturen ausschlaggebend, sie glauben nicht an Verhandlungen mit der Macht.2
Im Ostteil der Stadt interessiert sich zunächst von offizieller Seite niemand für die BesetzerInnen. Mit der wachsenden Aktivität der Neonazis in den Ostberliner Vierteln entscheiden viele Westberliner Antifas, diese zu stoppen. Im April 1990 besetzen mehrere hundert Autonome aus West und Ost zwölf Häuser in der Mainzer Straße im Friedrichshain. Die Monate, die folgen, sind geprägt von vielfältigen Aktivitäten rings um zahlreiche besetzte Häuser. Einige sprechen sogar vom «Sommer der Anarchie» in Ostberlin. Die Mainzer Straße wird ein bevorzugter Ort der Berliner Autonomen und der aus ganz Deutschland. Zahlreiche Infrastrukturen sind eingerichtet: eine Foodkoop, eine Volksküche, die jeden Tag eine warme Mahlzeit anbietet – für BesetzerInnen und BewohnerInnen des Viertels. Mehrere Bars sind die ganze Nacht offen, die Straßen immer voller Menschen.


Nieder mit der Männermacht 3

Das Haus in der Mainzer Straße 2 ist ein Haus nur für Frauen und Lesben. 15 Frauen leben dort, sie unterhalten eine Bar und eine Autowerkstatt. Während des Sommers 1990 wird eine Vollversammlung von Frauen und Lesben aus allen besetzten Häusern einberufen. Sie verfassen folgenden Text: «Fortschreitend deutsch-national, rechtsradikal, rassistisch und selbstverständlich chauvinistisch präsentiert sich das ‚Neue Gesamt-Deutschland’. Das bedeutet auch für uns: eine zunehmend spürbare Gewalt gegen Lesben/Frauen in den besetzten Häusern und auf den Straßen.
Unverblümt zeigt sich im BesetzerInnenalltag neben einer aggressiven Stimmung gegen die ‚Linken und Hausbesetzer’ im Allgemeinen und andauernder Übergriffe faschistischer Männerbanden, ein krasser werdender Sexismus.
Sind wir doch schon an die übliche widerliche Straßenanmache und die Begegnung mit ekligen Wichsern und Grabschern in U- und S-Bahn ‚gewöhnt’ (worden), so machen sich die politischen Veränderungen seit November letzten Jahres für Lesben/Frauen im Osten konkret bemerkbar: Mit dem Fall des ‚antifaschistischen Schutzwalls’ wird Ostberlin mit Sex- bzw. pornographischen Videoshops überschwemmt und an allen Ecken lockt frauenverachtende Werbung mit nackter Frauenhaut zum Konsum.
Neben diesem augenfälligen Sexismus sind wir in ‚unseren’ politischen Zusammenhängen dem noch subtileren, aber patriarchalen Verhalten vieler männlicher ‚Genossen’ und einiger Frauen ausgesetzt. (Es gibt natürlich auch Typen, die überhaupt noch nichts geschnallt haben!)
Diese geht von dem schon fast kleinkindhaften starren Festhalten an der männlichen Ausdrucksweise, in der z.B. in Vollversammlungen immer noch die Rede von ‚dem Kämpfer’ und ‚dem Hausbesetzer’ ist und das üblich beobachtbare aggressive Redeverhalten, in dem z.B. jeder nicht ‚linientreue’ Strategievorschlag als ‚revisionistisch und bürgerlich’ untergebuttert wird, bis zu Verbalattacken gegen autonome Lesben/Frauenzusammmenhänge. So mussten sich Lesben/Frauen bei ihren Forderungen nach männerfreien Räumen wie Lesben/Frauenetage oder Lesben/Frauenhaus massive Vorwürfe wie ‚Das ist doch Spaltung’ bis zu ‚Faschistisch!’ anhören. All dem haben wir etwas entgegen zu setzen und laden deshalb zur Vollversammlung ein. Diese soll einen Anfang machen, um im Häuserkampf eine eigene politische Position in Theorie und Praxis zu entwickeln. Neben inhaltlichen Diskussionen - feministische Antifa, Militanz, Zusammenarbeit mit Lesben/Frauen - träumen wir von eigenen, unendlich ausbaufähigen Strukturen, phantasievollem und entschlossenem Widerstand, wilden und heftigen Feten, ausufernden Frühstücken, usw., usf…»


Kämpfe gegen Räumung von besetzten Häusern

Nach dem 24. Juli 1990 setzt sich der Ostberliner Oberbürgermeister offiziell dafür ein, die «Berliner Linie» (Direktive von Westberlin) anzunehmen, die die Legalisierung schon besetzter Häuser und Null-Toleranz für neue Besetzungen vorschreibt.
Die BewohnerInnen der Mainzer Straße nehmen mit anderen an einem Runden Tisch teil, an dem der Magistrat von Ostberlin mit den BesetzerInnen verhandelt. Den BesetzerInnen wird nachgesagt, dass sie politischer denken und handeln als die Politiker.
Die offizielle Vereinigung (besser: Anschluss) ist für den 3. Oktober 1990 vorgesehen. Die GegnerInnen (Autonome, aber nicht nur) organisieren Aktionstage gegen die Feiern, die in der ganzen Stadt vorgesehen sind. Doch einmal mehr haben die AktivistInnen den Eindruck, hinter den Ereignissen her zu rennen. Die Aktionstage sind schlecht vorbereitet und finden – außer bei den OrganisatorInnen – keinen Anklang. Dennoch treffen sich die Frauen vom Unabhängigen Frauenverband der DDR (UFV)4 und die BesetzerInnen und organisieren eine männerfreie Demonstration am 2. Oktober 1990.
Am 3. Oktober demonstrieren 200.000 Menschen gegen die Vereinigung – doch sie ist nicht mehr zu stoppen. Von diesem Tag an erstrecken sich die Befugnisse des Westberliner Polizeichefs auch auf Ostberlin. Am 2. November setzt er unverhältnismäßige Mittel zur Räumung von drei neu besetzten Häusern ein. Als Reaktion darauf errichten die BewohnerInnen der Mainzer Straße Barrikaden auf der Frankfurter Allee, einer zentralen Achse in der Nähe der Häuser. Zwei Tage dauern die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und BesetzerInnen.
Engagierte in den sozialen Bewegungen des Ostens – Frauen des UFV, Personen des Neuen Forums und andere – versuchen, zu ihnen durchzukommen, um sie zu unterstützen. Eine Ostfrau, die dem UFV nahe steht, bezeugt gleichzeitig die unterschiedlichen Praktiken wie ihren Willen zur Solidarität: «Wir kamen zur Unterstützung, Steine flogen über unsere Köpfe. In diesem Durcheinander, dieser ganzen Atmosphäre wussten wir nicht, was tun. So etwas hatten wir noch nie gesehen, das war eine andere Welt».
Am Morgen des 14. November räumt die vereinte Polizei des neuen, geeinten Deutschlands gewalttätig die Häuser der Mainzer Straße. Mit Wasserwerfern, Hubschraubern, Tränengas und Schusswaffen gehen mehr als 4.000 PolizistInnen gegen 500 Autonome vor, die die Häuser mit Molotowcocktails und Steinen verteidigen. Viele werden mehr oder weniger schwer verletzt, mehr als 300 festgenommen. Es ist eines der größten Polizeiaufgebote in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Den betroffenen BewohnerInnen – gerade integriert in diesen Staat, der seine Spezialeinheiten geschickt hat – fällt es schwer zu glauben, was da gerade vor ihren Augen abläuft.
Zehntausende Personen demonstrieren gegen die Räumungen. Mehrere PolitikerInnen von Bündnis 90/Die Grünen geben ihr Mandat zurück. In der Folge werden mehrere Häuser legalisiert, u.a. die Köpi.
Die Frauen und Lesben der Mainzer Straße 2 schreiben in ihrem Aufruf für die Demonstration: «Dieses Haus war ein Freiraum für unsere Projekte (Infoladen, Bar, Archive und Werkstätten). Wir wollten und wollen uns nicht mit leeren Händen mit dieser sexistischen Gesellschaft auseinandersetzen. Wir brauchen dieses Haus, um uns verteidigen zu können und um zu leben, um unsere Vorstellungen eines kollektiven Lebens von Frauen und Lesben umzusetzen. Mit anderen BewohnerInnen unserer Straße haben wir gegen die Bullen gekämpft. Und das war erst der Anfang».
Heute existiert im Friedrichshain, nicht weit weg von der Mainzer Straße, ein männerfreies Haus mit etwa 30 Bewohnerinnen. Es ist eines der letzten, ehemals teilweise besetzten Häuser. Vor einiger Zeit wurde eine Vereinbarung mit dem neuen Eigentümer unterzeichnet. Die Geschichte geht weiter, wir brauchen starke Nerven.


… die ganze Nacht hörte man ihr Lachen

Die Schriftstellerin Julia Schoch schreibt: «Wirft man einen Blick auf das Ende der DDR, sieht man vor allem mitreißende Frauen. Als sich im Fortlauf der Geschichte unser Staat auflöste, war das für sie die Voraussetzung für ein neues Leben». War der Zusammenbruch des Staates der Funke, der die feministischen Energien freisetzte? In dieser Periode voller Schwankungen waren sehr viele Frauen bereit, ihr Leben zu ändern, nicht nur das politische System, sondern auch die Organisation der Familie und des ganzen alltäglichen Lebens. Sie kamen mit Koffern, Liebhabern und Kindern, ohne einen sonderlich revolutionären Geist hervor zu kehren, aber bereit, alles sofort zu ändern, global und konkret. Denn das war der Moment, es zu tun. Mit der Haltung: «Ich kämpfe für eine andere Gesellschaft; Ich kämpfe für ein anderes Leben» stürzten sie sich in die Auseinandersetzungen. Zahlreich waren die Kämpfe, mit Erfolgen und Sinn. Und doch muss man schmerzlich feststellen: Die Momente, in denen das bessere Leben für alle greifbar nahe ist, scheinen wahnsinnig kurz, komplex und selten.


Wenn die Macht wirklich schwankt, wenn sich

eine Bresche zeigt – was werden wir tun?

Utopische Momente, sich unsere ideale Gesellschaft, abgekoppelt von den gegebenen Bedingungen zu erträumen, gibt es von Zeit zu Zeit (selten, aber dennoch) in den streitbaren, antistaatlichen Kreisen. Aber vielleicht werden solche Momente stärker, wenn wir uns fragen würden: «Was hätten wir im Fall einer Krise oder einer großen Schwäche des Systems vorzuschlagen?»
So formuliert, scheint die Nuance winzig, jedoch führt genau das zu der reellen Möglichkeit, Träume und Aktion zusammen zu bringen
Während der Ereignisse von 1968 floh Charles de Gaulle für mehrere Tage nach Deutschland vor einer Situation, die viele als kurz vor dem Umsturz bezeichneten. Gewerkschaftsbosse und hohe Politiker bezeugten 20 Jahre später, dass de Gaulle sich in Deutschland befand, als mehrere Millionen Menschen in den Straßen von Paris demonstrierten. Sie stellten sich ernsthaft und konkret die Frage, den Elysee-Palast einzunehmen. Schlussendlich haben sie aber nicht dazu aufgerufen, weil auch sie sich in der Situation überfordert fühlten, weil sie nicht darauf vorbereitet waren. Der Elysee-Palast, das höchste Symbol des Staates, hätte besetzt und zerstört werden können. Wenn die «Führer der sozialen Bewegung» sich für diesen Weg entschieden hätten, wäre vielleicht – selbst bei optimistischstem Szenario – nichts anderes herausgekommen als eine bürgerliche Revolution oder ein Staatsstreich der Kommunistischen Partei. Immer, wenn es eine bevorstehende oder mögliche revolutionäre Situation gibt, nutzt niemand sie – nur einige fassen sie ins Auge. Keiner konnte oder wollte die Gelegenheit ergreifen, wirklich entschieden zu handeln.


1. Diese Passage ist zum großen Teil von den Texten des Frauen/Lesben-Hauses der Mainzer Strasse 2 und des von ihnen produzierten Films «Mainzer Straße. Sag niemals nie» von 1990 inspiriert.
2. In der DDR gab die Regierung die Losung aus «Jeder Bürgerin, jedem Bürger ihre/seine Wohnung», von deren Erfüllung sie weit entfernt war. Deshalb legalisierte sie üblicherweise Besetzungen einfach und diskret. In der BRD gab es in den 80er Jahren eine Welle politischer Hausbesetzungen in allen großen Städten. Daraufhin hat die Regierung Gesetze erlassen, die eine Nutzung verhinderten.
3. Die Losung eines Transparentes über dem Tuntenhaus in der Mainzer Strasse, ein Schwulenhaus mit einer Bar, die ein Mythos geworden ist – die Blaue Forelle. Das Tuntenhaus zog nach der Räumung in den Prenzlauer Berg und existiert noch heute.
4. Siehe Archipel 179

 11.03.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 180 (03/2010)

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