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DOSSIER: Der französische Wald Ein Graben zwischen Realität und offiziellen Reden

Seit jeher prägt der französische Wald unsere Landschaften und Kulturen. Schönheit und Pflanzenvielfalt. Aber wie sieht es heute aus? Die Entwicklung ist besorgniserregend.
1850 bleiben nach 7000 Jahren immer intensiveren Rodungen noch knapp acht Prozent des Waldbestandes. Der Einfluss von Colbert im XVII. Jahrhundert (französischer Staatsmann, Finanzminister unter Ludwig XIV und Begründer des Merkantilismus) und anschließend die junge und stolze Staatsverwaltung von Wasser und Wald schmälern das Nutzungsrecht der Bauern zusehends zugunsten des Adels (Treibjagd) und der Interessen der Schifffahrt und Industrie (Glasfabriken, Stahlverarbeitung, Gerbereien...). Im XX. Jahrhundert verringert sich der Druck auf den Waldbestand zeitweise dank der Benutzung von Kohle und Erdöl. Die von der Waldverwaltung durchgeführte Wiederaufforstung von Berggebieten vermag die Situation etwas zu verbessern. Aber die beiden Weltkriege verursachen beträchtliche Schäden. 1948 führt der Landwirtschaftsminister den «Nationalen Waldfonds» ein, der die Wiederaufforstung von Landwirtschaftsland und «wertlosem Unterholz» stark subventioniert. Durch diese nationale Kampagne entstehen große Flächen Nadelwälder (Fichten, Tannen, Föhren), die den wesentlichen Teil der Vergrößerung der Waldfläche in Frankreich seit fünfzig Jahren ausmachen.
Seit 2009 ist diese Entwicklung jedoch vorbei, trotz Pflanzung von Nadelhölzern auf Landwirtschaftsfläche: die Waldfläche in Frankreich stagniert und scheint sich sogar etwas zu verringern. Die fortschreitende Verstädterung (66.000 Hektar/Jahr) und die vermehrte landwirtschaftliche Nutzung sind die Hauptgründe für diese Entwicklung. Anfang des XXI. Jahrhunderts bedrängt der unaufhörliche Druck unserer abendländischen Gesellschaft die Ökosysteme des Waldes immer mehr.


Eingriffe


Seit dem Mittelalter ist der Wald Objekt ständiger menschlicher Eingriffe, von der Waldstreue bis zu den Endknospen der Bäume. Vor allem seit etwa fünfzig Jahren beschleunigt der technische Fortschritt den Rhythmus, mit dem unsere verstädterte Gesellschaft der Natur ihre Bedürfnisse abringt. Hinter der Illusion von «nachhaltiger Forstwirtschaft»  verbirgt sich «nachhaltige Ausbeutung». Immer noch glaubt man daran, alles zu beherrschen, was den Ökosystemen an Fähigkeit noch übrig bleibt, um die Biomasse unaufhörlich zu erneuern. Die Frage stellt sich, wie gesund unsere Wälder noch sind.
Trotz ständiger Reden über Umweltschutz stürzen sich Forstverwaltung und Holzindustrie in technische Vereinfachung, Rentabilität der Bodeninvestitionen und Einsparungen dank Massenproduktion. Die Forstverwaltung scheint immer mehr in die Abhängigkeit der weltweiten, launischen Holzindustrie zu geraten. Die mechanische Waldnutzung nimmt immer mehr zu, die Ökosysteme und die Förster sind unter Druck; anders gesagt, der Wald wird zu einem simplen Abbauort von Bodenschätzen degradiert, ein Kapital unter anderen, den Schwankungen der Börsenwelt ausgesetzt. Seltsame Entwicklung für diesen Raum mythischer Natur und dem edlen Material Holz...


Besitzverhältnisse


Im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorstellungen sind drei Viertel des französischen Waldes in privatem Besitz. Die Waldgüter sind einerseits zerstückelt (was allgemein bekannt ist) und andererseits konzentriert (was selten gesagt wird): Drei Prozent der Besitzer verfügen über 50 Prozent der Waldfläche, 14 Prozent besitzen 81 Prozent des Waldes. Die Konzentration ist größer als in der Landwirtschaft und nimmt weiterhin zu. Der mittlere Preis eines Hektars Wald ohne Gebäude beträgt etwa 6000 Euro, mit großen lokalen und regionalen Unterschieden. Seit einigen Jahren steigt der Wert alljährlich um 10 Prozent. Der Handelswert des Waldes hat sich innerhalb von vierzig Jahren verzehnfacht. Der Wald wird heute zu einem begehrten Investitionsobjekt, zu einem Fluchtwert angesichts der Finanz- und Energiekrise. Die größten Waldbesitzer (im Durchschnitt 934 Hektar) sind juristische Personen wie Banken, Sparkassen und Industrielle. Die Gesellschaft Weyerhausen besitzt zum Beispiel in Kanada eine Waldfläche von der Größe des gesamten französischen Waldes.
Ein Großteil der Waldbesitzer vertraut die Ausbeutung von großen Forsten Kooperativen und Betrieben an. Diese investieren in industrielle Verarbeitungsstrukturen und schließen mit den Waldbesitzern Lieferverträge ab. Sie verfügen so über den Hammer1 und das Scheckheft; der Verwalter ist in einer zweideutigen Position. Das Volumen und die technischen Kriterien dieser Lieferverträge gefährden die ökologischen und gesellschaftlichen Funktionen des Waldraums. Das Ökosystem und der Arbeiter werden unter Druck gesetzt, um die akzeptable Schwelle der Produktivität nach finanziellen Maßstäben zu erreichen. Die Hölzer werden über den ganzen Planeten geschleppt, was die heute bekannten vielfachen Umweltschäden mit sich bringen. Neben den Windrädern und Sonnenstrom dient auch der Wald als ökologische Kompensation, um den Bau von manchmal äußerst umweltschädlichen Infrastrukturen zu ermöglichen. Diese Börse für «das Recht zur Umweltverschmutzung» ist heute auf dem Finanzmarkt in voller Expansion.
Gleichzeitig findet auch eine grundlegende Transformation der Holzindustrie statt. Vor wenigen Jahrzehnten verarbeitete in jedem Tal eine Vielzahl von Unternehmen die lokale Holzproduktion. Diese Strukturen sind heute weitgehend zugunsten von Großbetrieben verschwunden, die ihren Einfluss direkt auf die Forstwirtschaft ausüben. 1965 gab es zum Beispiel in Frankreich noch 10.000 Sägereien, 2010 verbleiben gerade noch 1.500.
Zur Vereinfachung der politischen Strategien begünstigen die Ministerien durch Finanzspritzen die Konzentration von Besitz und Verwaltung zugunsten von einigen Großstrukturen. Gleichzeitig findet eine starke regionale Spezialisierung statt (Monokulturen und hochspezialisierte Verarbeitungseinheiten). Die Diversität der Beteiligten und der Wälder nimmt ab. Alles weist darauf hin, dass diese Vereinfachung der Regierung und ihren Interessen dient. Eine pyramidenförmige Struktur, deren einziger kollektiver Wert die finanzielle Funktion verbunden mit der Arbeit ist, kann viel einfacher kontrolliert werden als eine Vielzahl von Männern und Frauen mit eigenen Werten und verschiedenen Kulturen.
Die intensive Ausbeutung des Waldes gibt es leider schon lange; neu ist hingegen die ausschlaggebende Rolle von ausschließlich finanziellen Kriterien für die Waldwirtschaft.


Keine öffentliche Debatte


Diese Fragen finden in den Medien kaum ein Echo. Die öffentliche Debatte dreht sich meistens um die bekannteste Organisation für den Wald, das Nationale Amt für die Wälder (ONF). Sie verwaltet den kollektiven Waldbesitz von Gemeinden und dem Staat. Dieser staatliche Organismus weist eine wachsende Diskrepanz auf zwischen lokalen Interessen (Arbeitsplätze, nachhaltige Ressourcen) und nationaler Strategie. Seine immer kommerziellere Ausrichtung wiegt schwer auf dem Ökosystem und den Menschen. Das ONF stellt sich unter den Banner der nachhaltigen Entwicklung, in völligem Widerspruch zu ihren operationellen Maßnahmen. Die wiederholten Selbstmorde ihrer Angestellten weisen auf das Leiden hin, das diese Kluft bewirkt.
Die wissenschaftliche Forschung könnte sich mit diesen gesellschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen. Sie ist jedoch in ihren protzigen Labors und mit der breiten Publikation von wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt und so weit entfernt von den Fragen, die sich Holzfäller und Bauern, die den Wald lieben, im täglichen Leben stellen.
Obwohl es Anzeichen von wachsendem Interesse gibt, existiert für die Öffentlichkeit fast keine Kommunikation über diese gesellschaftlichen Fragen. Der Holzsektor bleibt für seine Umgebung undurchsichtig. Der französische Durchschnittsbürger steht vor dem Graben zwischen dem mythischen, das heißt unberührten Wald, und dem Drama im Amazonasgebiet. Bisweilen rechtfertigt die Holzwirtschaft ihre industrielle Verwaltung mit der Ausrede der nachhaltigen Entwicklung.
Trotzdem ist die Bevölkerung offen für Information, ja sogar besorgt um die Zukunft der Waldflächen Europas. Mit diesen neuen Fragen entwickelten sich bald auch Zertifizierungssysteme. Zuerst wurden diese für die Tropenwälder eingesetzt. Das Label für nachhaltige Entwicklung PEFC2 hat, auf die europäischen Wälder angewandt, seine Substanz völlig verloren. Es garantiert lediglich, dass die aktuelle Reglementierung respektiert wird durch eine «Garantie der nachhaltigen Verwaltung» mit sehr wenig Inhalt. Aber sie vermittelt dem Kunden die Illusion einer ökologischen Forstwirtschaft.


Der Mittelmeerraum


Die Wälder im Mittelmeerraum werden allgemein von den Profis des Waldsektors als wertlos eingestuft. Ausgebeutet werden sie trotzdem. Die heutigen Sägewerke verwenden sie als Nutzholz nur noch sehr wenig. Aber der starke Einfluss der Papierindustrie, der Pressplattenfabrikation und vor allem die Verwendung des Holzes als Energiespender verhelfen dem meridionalen Rohstoff Holz zu neuem Interesse. Die schwachen Preise zwingen die Produzenten zu massiven Kahlschlägen (Wirtschaftlichkeit dank Massenproduktion), die für Landschaft und Umwelt aggressive Eingriffe mit sich bringen, durchgeführt von einem schlecht ausgebildeten Personal.
Zivilbevölkerung und Förster sind sich immer mehr einig in der Feststellung: Diese Tendenz muss umgedreht werden. Der landschaftliche und ökologische Wert des Mittelmeerraumes wird  mit diesen Kahlschlägen nachhaltig beeinträchtigt, auch mit Operationen, die bloß einige Dutzend Bäume pro Hektar stehen lassen. Trotz Reden, guten Absichten und technischen Empfehlungen breiten sich die Schemen einer «einfachen und brutalen» Verwaltung immer mehr aus.



Das Netzwerk für Alternativen im Wald


Aber bleiben wir nicht bei dieser düsteren Lagebeschreibung. In Frankreich gibt es nämlich auch Waldarbeit, die das Ökosystem respektiert:
- Leute, die Widerstand leisten: kleine Sägewerksbesitzer, die das Holz lieben, kleine Forstunternehmen, die nur Motorsägen und leichte Holztransportmaschinen benutzen, Schreiner, die direkt mit Waldbesitzern oder Holzfällern zusammenarbeiten, Techniker, die diese Form von Arbeit unterstützen...
- erfinderische: mobile Sägewerke, ökologische Bauunternehmer, die das Holz vom Baum bis zum Endprodukt verfolgen, Holzschindelhersteller, Bauleute, die mit Rundhölzern arbeiten, Holzschleppen mit Pferden, Bauern, die Bäume aus ihrem eigenen Wald verwerten...
Diese Arbeitsformen sind weitgehend unbekannt, sie finden keine Anerkennung und werden von den aktuellen Qualitätslabels, wie wir schon gesehen haben, völlig ignoriert.
Das Réseau pour les Alternatives Forestières, RAF (Netzwerk für Alternativen im Wald) entstand Ende 2008 aus der Begegnung von Holzfällern, Technikern, Handwerkern, Naturliebhabern... Es hat mehrere Ziele: die Zusammenarbeit sowie die Weitervermittlung von Kenntnissen. Zusammenarbeiten, um aus der Isolierung auszubrechen, Erfahrungen teilen, unter den Aktiven Solidarität schaffen; Ausbildung von neuen Beteiligten und diese auf ihrem Weg begleiten, die Diskussion mit der Gesellschaft in Gang bringen, Aktionen durchführen und die Forderung nach einer notwendigen Änderung durchsetzen.
Das Netzwerk organisiert jedes Jahr ein bis zwei Treffen bei einem ihrer Mitglieder, gibt zwei interne Berichte heraus, macht Radiosendungen und publiziert Artikel, begleitet lokale Aktionen. Es organisierte mit dem CFPPA3 von Digne (Alpes de Haute Provence) auch eine Holzfällerausbildung in «ökologischer Holzwirtschaft». Die Hauptidee dieser kurzen Ausbildung im Wald ist das Beobachten der natürlichen Entwicklungen, und wie der Mensch Holz schlagen kann, indem er diese Entwicklungen begleitet. Die Auswahl der zu fällenden Bäume wird vom Holzfäller nach und nach selber getroffen, die Holzernte wird mit leichtem Material ausgeführt und das Holz wird dem Kunden direkt verkauft (ohne Zwischenhändler). Die pyramidenförmige Organisation, die durch ihre kostspielige Bürokratie neue Entwicklungen unterdrückt und den Menschen Fatalismus einprägt, wird übergangen.
Diese Ausbildung wird von Förstern verschiedenster Herkunft getragen, die eine gemeinsame Kultur teilen. Sie ist eine Wette auf die Zukunft. Das Netzwerk lehnt die Fatalität eines Wirtschaftszweigs ab, die die Menschen zur Annahme zwingt, dass die Arbeit mit der Natur und in Solidarität antiökonomisch ist. Welche Ökonomie wollen wir? Diese Frage ist unzertrennlich verbunden mit jeglicher Überlegung über die Waldarbeit.
Im Netzwerk haben sich Arbeitsgruppen gebildet: eine verfasst zurzeit eine Charta über das Forsthandwerk. Dies ermöglicht es, unsere Konzeptionen über eine «ökologische und solidarische» Verwaltung des Waldes zu harmonisieren.
Das Netzwerk realisierte auch einen Film über ein experimentelles Arbeitslager im Wald anlässlich des fünften Treffens Ende Oktober 2010 in der Dordogne. Er ist erhältlich auf DVD. Radio Zinzine verfolgt die Aktivitäten des Netzwerks und hat eine Serie von Radiosendungen mit dem Titel Entre cimes et racines (Zwischen Wipfeln und Wurzeln) realisiert. Ein weiteres Projekt ist die Schaffung eines Verzeichnisses der Menschen und Betriebe, die im Sinne des Netzwerks arbeiten.


Eigene Dynamik


Damit die Arbeit der Holzfäller Resultate zeigt und um einen wirklichen Dialog mit dem Ökosystem aufzubauen, ist es am besten, dass die Menschen, die im Waldgebiet arbeiten, eine dauerhafte Verbindung mit dem Wald haben können. Das Ökosystem hat seine eigene Dynamik. Es braucht Zeit, um dies zu begreifen und darin einen konstruktiven Platz zu finden. Deshalb ist der Waldbesitz eine entscheidende Frage. Eines der langfristigen Ziele des RAF-Netzwerks besteht darin, Wälder vor Spekulation und Zerstörung zu schützen, indem sie Waldstücke kaufen und diese verantwortungsbewussten Forstteams zur Verfügung zu stellen. Das Netzwerk arbeitet in diesem Sinne mit der Bewegung Terre de Lien (4), die gegen Bodenspekulation und das Verschwinden von Landwirtschaftsland kämpft. Sie stellt Land für Neubauern zur Verfügung und unterstützt Bauern, die um ihr Überleben kämpfen.
Solche Waldräume könnten auch als permanente Ausbildungsorte dienen. Dies ist bereits der Fall mit der Gruppe von Treynas, ein Hof der Europäischen Kooperative Longo maï im Ardèche, der Wald besitzt und über große Kenntnisse in der Holznutzung verfügt. Ein Beispiel von «Waldbauern», das Schule machen sollte.
Aber der Reichtum des Netzwerks ist in erster Linie die Verschiedenheit der Individuen, die sich beteiligen, die Kraft ihres tagtäglichen Einsatzes und ihre Hoffnung auf Veränderung. Jede Begegnung bringt neue Persönlichkeiten hervor!
Gaetan du Bus*
*unabhängiger Forstingenieur und einer der Koordinatoren des RAF (www.relier.info)



1. Hammer: die Förster markieren die zu fällenden Bäume mit einem speziellen Hammer
2. PEFC: «Zertifizierungssystem für nachhaltige Waldbewirtschaftung», die weltweit wichtigste Organisation zur Zertifizierung in der Holzwirtschaft
3. CFPPA, Centre de formation professionnelle et de promotion agricoles (Zentrum für professionelle Ausbildung und Förderung der Landwirtschaft
4. Terre de Lien, eine Organisation in Frankreich, die Gruppen und Bauern Landwirtschaftsland zu günstigen Bedingungen verpachtet, um dieses vor Spekulation zu schützen. Sie besitzt schon Dutzende von Höfen.


Die Stellungnahmen, sind alle von Leuten, die an den Treffen des Netzwerks teilgenommen haben. Wir haben sie von den Sendungen «Entre cimes et racines» von Radio Zinzine übernommen.


Marie Claesen, Präsidentin der Vereinigung «Wald ohne Alter», Dordogne


Im Norden der Dordogne, die Gegend die «Grüner Périgord» genannt wird, gibt es enorm viele Wälder. In letzter Zeit verschwinden Hektaren um Hektaren. Von einem Tag auf den anderen gibt es kein Holz mehr. Das ist sowohl ein psychologischer als auch ein ökologischer Schock. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Warum gibt es da, wo die Menschen spazieren gingen und Pilze suchten, nur mehr nackte Erde und umgedrehte Baumstrünke? Hier wird Gewalt angewendet.
Wenn man informieren will, muss man sich gut auskennen. Deswegen nehmen wir an verschiedenen Versammlungen teil und laden verschiedene Experten ein, um uns über die Gefahren und vor allem über das, was man nicht machen sollte, klar zu werden und um aufzuzeigen, dass es auf ökonomischem und ökologischem Niveau glaubwürdige Alternativen gibt. Natürlich Leute, die in kurzer Zeit viel Profit machen möchten, brauchen sich nicht an uns zu wenden. Aber viele kleine Waldbesitzer möchten das nicht. Sie wollen nur ein Gleichgewicht zwischen ihren Ausgaben und Einnahmen und dabei vor allem den Wald in seiner Vielfalt bewahren.


Moustapha Bounzel, Baumpfleger und Ausbilder, Hérault


Was ist denn heutzutage die Ausbildung eines Waldarbeiters? Sie geht einher mit der Entwicklung unserer Gesellschaft, der Kulturen und unserer täglichen Praxis: Es werden mehr Leute für die Bedienung eines Joysticks und einer Abholzmaschine als die Handhabung einer Motorsäge ausgebildet.


Michel Mazeau, Waldbesitzer, ehemaliger Forstunternehmer, Dordogne


Ich konnte nie mit Genossenschaften und solchen Leuten zusammenarbeiten, diese ganzen Kahlschläge sind eine Katastrophe. Wir haben im Wald immer Lichtungen lassen und
nur einzelne Bäume gefällt. Auf diese Weise haben wir nach vier Generationen sehr schöne Bäume auf unserem Gelände.
Die Industrialisierung und Mechanisierung setzten 1999, als Reaktion auf die verheerenden Unwetter ein. Baumschneidemaschinen wurden gesucht und die Industrie griff diese Marktlücke auf. Heute werden Kahlschläge gemacht, schon allein damit diese Maschinen zu rentabel sind. Ich musste 2007 mit meinem Unternehmen aufhören, weil ich nicht so arbeiten wollte.
Man könnte meinen, dass das Phänomen Holz-Energie ein Antrieb für die Holzverarbeitungskette wäre. In wirtschaftlicher Hinsicht stimmt das sicherlich. Meiner Ansicht nach resultiert daraus jedoch eine wahrhafte Degenerierung des Waldes, der nur mehr als Brennholzlieferant gesehen wird. Wir finden immer mehr Pflanzungen, die regelmäßig abgeholzt werden. Bauholz gibt es immer weniger, dafür mehren sich die Monokulturen. Hektaren von Strandkiefern, Hektaren von Eukalyptus und von Robinien. So sieht die moderne Forstindustrie aus: Man bepflanzt eine riesige Fläche mit Robinien,  die alle drei Jahre maschinell abgeholzt wird. Diese Bäume sind bereits genetisch verändert. Wahrscheinlich werden unsere Urenkel niemals eine Eiche mit eineinhalb Meter Umfang zu Gesicht bekommen, oder bestenfalls bei jemandem, der aus Liebe zur Natur seine Bäume in Ruhe wachsen lässt. Diese Entwicklung hängt auch damit zusammen, dass es noch vor dreißig Jahren, sehr viele kleine Einrichtungen wie Sägereien für die Wald- und Holzarbeit gab, um das Kulturgut Wald zu erhalten. Die Waldbesitzer arbeiteten eng mit ihrem Säger zusammen und lagerten das Holz für ihn. Heute ist das leider vorbei. Die kleinen Sägereien verschwinden in rasender Geschwindigkeit; es bleiben nur die industriellen Sägewerke. Die Waldbesitzer heute sind oft Erben eines Waldes mit dem sie sich gar nicht auskennen. Sie vertrauen den Leuten, die sich um ihn kümmern und ihr Geschäft damit machen.


Fred Lejuez, Firma Eurosylva, Aveyron


Unser Basisprinzip ist die Lohngleichheit, wir bekommen alle das gleiche Honorar, ein Anfänger oder jemand, der wie ich, schon seit vier Jahren in dem Betrieb arbeitet. In einer Firma, die das Prinzip der Selbstverwaltung vertritt, vereinfacht diese Herangehensweise die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir wollen keine hierarchischen Beziehungen zwischen Befehlshaber, Techniker und Waldarbeiter; wir versuchen dieses System zu durchbrechen. Auch im Wald streben wir nach einem ausgeglicheneren System als die großen monospezifischen Wälder, d.h. eine einzige Baumsorte und Kahlschläge, die für einen Forstarbeiter nicht erfreulich sind. Wir wollen eine andere Sicht der Waldarbeit entwickeln, auch über Wissensvermittlung.


Vincent Simon, «la Bois-Boîte», Ariège


Die «Holzkiste» ist eine gemeinschaftliche Produktionsgesellschaft, die wir – eine Gruppe von Freunden in der Ariège – vor drei Jahren gegründet haben mit dem Ziel im Bereich der Holzkonstruktion etwas gemeinsam zu machen. Wir haben Förster in der Ariège kennen gelernt, mit denen wir über die Möglichkeiten diskutierten, Holz für die Verarbeitung zu finden. Wir wollten wissen, wo das Holz herkommt, mit dem wir arbeiten. In der Gegend hier gibt es ein kleines Netzwerk von Sägereien, die mit Förstern zusammenarbeiten. Wir haben auch einige Betriebe gefunden, die Wälder in ihrer Verwaltung haben und sich auch für die Verarbeitung ihres Holzes einsetzen. Wir haben Freunde, die Holzfäller sind und das Holz mit Pferden aus dem Wald transportieren. So haben wir die Diskussion um dieses Thema in Gang gebracht.


Thibault d’Harveng, Bauer und Waldbesitzer, Dordogne


Die Möbel, die heute bei Ikea gekauft werden, kann man nicht weitergeben. Sie kommen einem teuer, weil sie kaputt gehen, wenn sie zweimal auseinander gebaut werden. Das alte Familienmöbel, das immer weitergegeben wurde, hatte nach vier oder fünf Generationen ein Mehrfaches an Wert. Wir leben in einer Gesellschaft des schnellen Konsums; für die meisten Leute gibt es nur mehr diese eine Kultur.


Gerald Hoolans, Baumpflege, Vaucluse



Bei mir ist nicht der Kunde König, bei mir ist es der Baum. Natürlich höre ich auch, was der Kunde wünscht, doch ich erkläre ihm, dass man die Bäume respektieren muss und versuche seine Wahl in eine Richtung zu lenken, bei der auf das Wohlbefinden des Waldes geachtet und möglichst wenig Schaden angerichtet wird. Wie Florent arbeite auch ich mit den Leuten von Treynas. Es ist viel lustiger, die Arbeit gemeinsam zu machen und es geht auch schneller. Mein Beruf ist meine Leidenschaft, beim Arbeiten soll man dabei auch Freude haben.


Lolo Merlhiot, Holzfäller, Säger, Dachdecker, Treynas, Ardèche


Für mich herrscht im Wald ein einzigartiges Leben und eine ganz besondere Stimmung, es ist nicht immer einfach dies zu vermitteln aber es ist ein unglaublich starkes Empfinden, man fühlt sich der Natur gegenüber total ausgeliefert.
Von Anfang an hatten wir die Idee das Holz, das wir fällten, auch zu veredeln. Wir haben zuerst eine Schreinerei eingerichtet und begonnen als Dachdecker zu arbeiten. Dadurch erzielten wir einen erheblichen Mehrwert aus unserer Arbeit, was uns im Gegenzug auch ermöglichte, schwierigere Waldstücke zu bearbeiten ohne daraus einen Gewinn zu erzielen. Wir haben auch einen Hof, der uns als Kollektiv zusätzlich hilft, unsere Lebensgrundlage zu gewinnen.
Nach und nach beherrschten wir die ganze Holzverarbeitung, vom Holzschlag bis zur Endveredlung. Dazu kam, dass mehrere Waldbesitzer aus der Region uns die Verwaltung ihrer Wälder übergaben. Seit ein paar Jahren rücken wir einen möglichst hohen Anteil des Holzes mit Pferden, auch wenn es nicht immer einfach ist. Wir schließen uns auch mit befreundeten Holzrückern zusammen, um gemeinsam mit ihren Pferden im Wald zu arbeiten. Manchmal sind wir zu siebt oder zu acht. So entsteht eine interessante Dynamik, die ideal und motivierend ist für die Ausbildung von Jugendlichen.


Bernard Duplan, Schreiner, Hérault



Bei meiner Arbeit nehme ich mir viel Zeit, um meinen Kunden zu erklären, dass Holz nicht unbedingt aus Afrika oder Brasilien kommen muss, wo es unter schlechten Bedingungen geschlagen wurde, sondern dass es auch aus ihrer Nähe, vielleicht aus 10km Entfernung stammt. Wenn die Kunden von mir exotisches Holz verlangen, da frage ich sie immer, wieso. Die meisten können darauf nicht antworten. Sie wurden von den Medien schlecht informiert und meinen es wäre das Beste was zu finden sei. Ich fordere sie dann auf, ihre Augen zu öffnen und zeige ihnen, dass die Möbel um sie herum aus Eichen-, Kastanien-, Nuss- oder Tannenholz sind. Fast 100% der Kunden sind dann einverstanden mit mir. Ich erkläre ihnen auch, dass zum Beispiel ein Fenster von einem Baum stammt, der an einem Ort in der nahen Umgebung wuchs. Vielleicht kennen sie sogar diesen Ort, haben ihn während ihren Spaziergängen besucht. Ich gebe ihnen auch ein Photo vom Baum und bin überzeugt, dass sie ihr Fenster anders behandeln werden als ein von Ikea hergestelltes. Ich glaube auch nicht das man ihnen in diesem Falle ein Photo geben würde von einem unterbezahlten Holzfäller der irgendwo auf der anderen Seite der Erdkugel ausgebeutet wird um hundertjährige Bäume zu fällen.


Emmanuelle Rouff, Holzrückerin mit Pferden, Treynas, Ardèche


Mein Verständnis des Waldes habe ich von Menschen gelernt, die ihn schätzen und ihn gerne bearbeiten. Ich verstehe mich als Wald-Bäuerin, das bedeutet für mich, dass man sein Leben regional verankert und seine Umwelt respektiert und schützt , indem man auch gleichberechtigte soziale Zusammenhänge schafft. Wir sollten uns alle für unsere unmittelbare Umgebung verantwortlich fühlen.


Liseron Fleury, Holzfäller, Alpes de Hautes Provence


Der Wald ist ein magischer Ort. Man sollte aufhören zu denken, dass  er nur aus Bäumen besteht. Er ist ein Lebensraum. Die Bäume werden verarbeitet und viele andere Pflanzen und Pilze können zu Essenzen, Konfitüren oder Likören veredelt werden; der Wald birgt eine ganze Reihe von Reichtümern, die auf eine vernünftige Art verwendet werden können.
Heutzutage ist es einfach einen Löffel aus Plastik oder Edelstahl zu kaufen. Man könnte aber auch einen Ast abschneiden und daraus einen Löffel schnitzen und so eine Verbindung zur Materie und zum Boden schaffen. Es ist absurd, dass heutzutage Holz teurer ist als Industrieprodukte. Grob gesagt  haben wir hochindustrialisierte Produkte entwickelt und wissen nicht mehr wie Holz verwendet wird. Für mich ist es ein außergewöhnliches Material mit enormen mechanischen Eigenschaften, die in der Spitzentechnologie, wie zum Beispiel im Flugzeugbau, zur Anwendung kommen. (…)
In der Epoche von Stradivarius wurde das Holz noch während 50 Jahren getrocknet und während 10 Jahren in den Flüssen eingetaucht, um sich mit Mineralien anzureichern. Noch vor nicht allzu langer Zeit, bis am Ende des XIX. Jahrhunderts, plante man für eine oder zwei Generationen. Heutzutage beträgt die Zeitspanne 0 Generationen, sogar die eigene Generation wird gefällt und nicht respektiert. (…)
Im industriellen Forstbau stellen sehr große Unternehmen ausländische Arbeitskräfte aus der Türkei, Rumänien, Portugal oder Marokko ein. Ich kenne mehrere in meiner Region, die zwischen 20 und 50 Personen einstellen. Sie verwenden riesige Maschinen, die ein Vermögen kosten, was zur Folge hat, dass sie während Tag und Nacht arbeiten müssen, damit sie die Kredite zurückzahlen können. Es ist auch einer der Gründe dafür  warum sie schlechte Arbeit leisten. Die Maschinenführer werden gut bezahlt, die Arbeiter viel weniger, das ermöglicht die Produktionskosten zu senken. Es ist auch so, dass diese Arbeiter ihre geleisteten Stunden nicht genau abrechnen. Mir wurden schon Arbeiter aus Weißrussland angeboten, die für 30 Euro 14 Stunden am Tag arbeiten. Es war ein Pariser Unternehmen, das sie mir vermitteln wollte. Für mich stand dies außer Frage, aber ich weiß, dass hier mehrere Personen von diesen Offerten Gebrauch machen und finanziell davon profitieren.


Florent Dalloz, Pferdeholzrücker aus den Savoyen


Bei der Arbeit im Wald ist es der Holzrücker mit seinem Pferd, der den Arbeitsrhythmus bestimmt. Dies bedeutet nicht, dass wir alle anderen befehlen, aber wir geben das Tempo, die Abstimmung zwischen Holzfäller und Pferd kommt dann von allein.
Viele denken, dass dies der Vergangenheit angehört weil sie die Zusammenhänge nicht verstehen. Wir wollen aufzeigen, dass es eine sehr gute Technik ist, die auch heute angewendet werden kann.
Man meint, dass die Maschinen mit ihrer Kraft und hydraulischen Technik größere Vorteile haben, bei Pferden sind  Wendigkeit, einfache Führung und Anpassungsfähigkeit diese Eigenschaften, die bei Einsätzen in schwierigem Gelände voll zur Wirkung kommen.
Der Beruf des Holzrückers mit Pferden stößt bei Jugendlichen auf großes Interesse. Sie kommen  eher aus Netzwerken wie unserem, als aus einer Schule mit klassischer Ausbildung. Bei der Ausbildung müssen sie sich tiefgründig damit beschäftigen, richtig eintauchen, denn es ist kein einfacher Beruf aber ein sehr befriedigender und es macht wirklich Freude mit Pferden zu arbeiten.

verfasst von Gaetan du Bus*,  20.11.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 198 (11/2011)

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