DOSSIER : Die polnische Landwirtschaft
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Seit einigen Jahren nimmt das Europäische Bürgerforum am "Festival Est-Ouest" (Ost-West-Festival) in Die teil, einem kleinen Marktstädtchen im Departement Drôme in Frankreich. Bei diesem Festival war heuer Polen das eingeladene Land.


Neben Filmvorführungen, Ausstellungen und Konzerten polnischer Künstler fand vom 26. bis 28. September auch ein Kolloquium zum Thema "Die Zukunft der Bauern in Europa" statt. Mit den Auszügen aus einigen Interviews, die wir für Radio Zinzine 1 gemacht haben, möchten wir einen Eindruck der anregenden Diskussion und Begegnungen vermitteln.


Von den Ländern die im Mai 2004 der Europäischen Union beitreten, ist Polen mit 38,6 Millionen Einwohnern das größte und hat die umfangreichste Landwirtschaft. Jan Dzieciolowsky (JD) arbeitet als Landwirtschaftsexperte im interministeriellen Komitee zur Vorbereitung des polnischen EU-Beitritts: "40% der Bevölkerung leben auf dem Land, das ist viel, und 16% der polnischen Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. Wir haben ungefähr 2,2 Millionen Bauern, aber man muss hervorheben, dass davon 60% ganz kleine Höfe mit weniger als 5 ha Land bewirtschaften. Für sie ist die Landwirtschaft ein Nebenerwerb." Der Beitritt zur EU wird schwerwiegende Konsequenzen für die polnische Landwirtschaft haben und man prophezeit das Verschwinden der kleinen Höfe. Unsere polnischen Gesprächspartner am Kolloquium in Die sehen das etwas anders. Waldemar Kucynski (WK), Minister für Privatisierung unter der ersten nicht-kommunistischen Regierung: "Ich glaube nicht, dass Polens EU-Beitritt die Bauernschaft sehr stark erschüttern wird. Warum? Unsere Landwirtschaft hat zwei Gesichter: Das erste ähnelt der Landwirtschaft in der EU, einer Landwirtschaft, die für den Markt produziert. Die Höfe sind groß genug und die Leute können vom Verkauf ihrer Produkte leben. Dieser Teil wird selbstverständlich von den Vor- und Nachteilen des Beitritts betroffen sein und hat auch einige Trümpfe in der Hand. Im Westen fürchten einige sogar das Erscheinen dieser Landwirte auf dem gemeinsamen Markt.


Der Großteil der polnischen Bauern besitzt jedoch sehr kleine Höfe und produziert nur sehr wenig oder gar nichts für den Verkauf. Sie leben außerhalb des Marktes, meist unter sehr bescheidenen Verhältnissen. Oft bewirtschaften ältere Leute diese Höfe. Sie werden nach und nach verschwinden, sind vom Beitritt jedoch nicht betroffen, weil sie kaum für den Markt produzieren. Es wird also keine Welle des Höfesterbens geben, auch keine Abwanderung in die Städte oder ins Ausland. Das soll nicht heißen, dass wir nicht enorme Probleme haben werden, denn wir müssen uns für diesen Teil der Bauern etwas einfallen lassen. Wir dürfen nicht die gleichen Fehler begehen wie die EU, wo große Teile des ländlichen Raums verlassen sind. Wir müssen dieser Bevölkerung die Möglichkeit geben, bescheiden aber würdig auf dem Land zu leben und auch Einkünfte außerhalb der Landwirtschaft zu erzielen." (WK)


"Die Arbeitslosigkeit liegt in Polen bei 18 %. Massive Landflucht, wie Frankreich sie erlebt hat oder der derzeitige Rückgang der Höfe, ist deshalb kurzfristig in Polen nicht möglich."

(JD)


Agniezka Nowakowska (AN), Wissenschaftlerin an der Universität ‚Warminsko-Mazurski‘: "Beim Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, den Polen zur Zeit erlebt, müssen wir unser gesamtes Wirtschaftssystem den Regeln des Marktes unterwerfen. Alle Bereiche der Wirtschaft werden modernisiert. In der Industrie setzt die Automatisierung Arbeitskräfte frei. Die Arbeitslosigkeit ist in den Städten am größten und die Leute gehen aufs Land. Plötzlich muss die polnische Landwirtschaft die Kosten für die Modernisierung der Industrie und andere Wirtschaftsbereiche tragen. Landflucht ist unmöglich, wir beobachten sogar das gegenteilige Phänomen, denn auf dem Land kann man immer noch leichter überleben."


Die Haltung der polnischen Regierung ist widersprüchlich: "Einerseits wird diese Situation negativ gesehen, weil die steigende Zahl der Arbeitskräfte die Modernisierung der polnischen Landwirtschaft verhindert. Andererseits arrangiert es die polnische Regierung, da die Leute, denen sie eigentlich Arbeitslosenunterstützung zahlen müsste, nun am Land sind. Der soziale Friede bleibt erhalten. Die Regierung will sogar Maßnahmen ergreifen, um das Abwandern in die Städte zu verhindern. Aber das ist keine Politik – was hat man den Leuten vorzuschlagen, die auf dem Land bleiben?" (AN)


Die polnische Landwirtschaft verfügt über einige Vorzüge, die auch in der EU anstrebenswert wären, wie etwa der geringfügige Einsatz chemischer Substanzen und die Achtung der Umwelt, dies gezwungenermaßen, denn die Bauern haben nicht das Geld, Kunstdünger und Pestizide zu kaufen. Am Land sind auch die sozialen Bindungen sehr stark, der ländliche Raum ist lebendig.


"Wir müssen aufpassen und mit der Industrialisierung der Landwirtschaft nicht zu weit gehen, wie die meisten EU-Länder es getan haben. Ihr habt jetzt das Problem, wie auf unser Niveau zurückzugehen, nicht in die Rückständigkeit, wie sie bei uns auch existiert, sondern in eine Entindustrialisierung oder Naturalisierung der landwirtschaftlichen Produktion. Ich kenne einen deutschen Ornithologen, der einmal einem polnischen Journalisten erklärt hat, wie er erkennt, dass er Polen verlässt. ‚Sicherlich am Zustand der Straßen, aber auch an der sauberen Windschutzscheibe. Wenn ich in Deutschland unterwegs bin, ist sie sauber. Bei euch in Polen ist sie voller Mücken und Insekten. Sie sind die Nahrung für die Vögel, denn eure Böden sind nicht voller Pestizide.‘ Polen ist wie ein Asyl für die Vögel, die vor den üblen Konsequenzen der GAP 2 geflüchtet sind! Diesen Reichtum wollen wir bewahren, diese unberührte Natur in weiten Teilen unseres Landes, die von der intensiven Produktion verschont geblieben ist. Vor 30 Jahren war das ein Zeichen der Rückständigkeit, heute gilt es als Reichtum. (...) Das ist eine schwierige Aufgabe: Wie bringt man eine Politik, die die Produktion von gesunder und kostengünstiger Nahrung unterstützt, in Einklang mit der Erhaltung landschaftlicher Vielfalt?"

(WK)

Jan Dzieciolowski sieht Chancen: "Es gibt keine Intensiv-Landwirtschaft und der Gebrauch von Kunstdünger ist begrenzt. Der erforderliche Umweltstandard für biologische Landwirtschaft ist in Polen eher gegeben als in Frankreich. Aber die polnischen Bauern handeln nicht bewusst. Ihre landwirtschaftliche Ausbildung ist meist ungenügend, weil in der kommunistischen Epoche kein Wert darauf gelegt wurde. Dass manche Praktiken eine Gefährdung der Umwelt bedeuten, ist noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. (...) Auf dem Land zu bleiben ist meiner Meinung nach kein Makel, sondern eine Chance, um dort etwas anderes anzufangen. Man muss alternative Projekte finden, die ans Land gebunden sind, aber nicht unbedingt an die Landwirtschaft. Der Biolandbau ist eine Möglichkeit, aber auch die Verarbeitung zu Qualitätsprodukten setzt in Polen ein, nach dem Vorbild der AOC 3 wie in Frankreich. Die Nachfrage für Bioprodukte ist zur Zeit in Polen noch sehr gering, weil die durchschnittliche Kaufkraft eher schwach ist." (JD)


Die Gefahr ist groß, dass der EU-Beitritt genau das Gegenteil bringt: "Die Landwirtschaft ist ein wichtiger sozialer und ökonomischer Bereich, weil der Beitritt zur GAP den Transfer großer Geldmengen mit sich bringt und uns vor die Wahl stellt: Wollen wir den Produktivismus mit Rentabilität und Profitmaximierung oder wollen wir etwas Anderes? Der EU-Beitritt ermöglicht den Bauern, die sich vorher Kunstdünger und die Modernisierung ihres Betriebes nicht leisten konnten, Dank der EU-Subventionen, den Weg einzuschlagen, der Arbeitsplätze und Umwelt vernichtet. Das wäre eine sehr schlechte Wahl. In Spanien haben wir das erlebt, wo sich der EU-Beitritt in einigen Sektoren Andalusiens, wie etwa Olivenöl oder Obst und Gemüse, auf die Umwelt verhängnisvoll ausgewirkt hat. Wir müssen einen anderen Weg einschlagen, den polnischen Weg. Aber unser nationales Budget ist eher begrenzt und wir folgen irgendwie doch der Karotte, die GAP heißt."


"Manchmal kommt es mir so vor, als ließe man die Verschlechterung der Situation einfach zu, man kümmert sich nicht darum. Viele Leute sind sich der Gefahren nicht bewusst. Ihr seht das in Frankreich klarer, weil ihr mitten drin seid. Man müsste diese Gefahren aufzeigen. Ein Referent auf diesem Kolloquium hat gesagt, man müsse ein europäisches Bewusstsein schaffen, zu verstehen geben, dass diese Masse, 60 % der Höfe in Polen mit weniger als 5 ha Land, eine gute Vorraussetzung für eine Debatte darstellt, die bei Euch von einer Minderheit geführt wird, weil die meisten Bauern im Westen die Wahl für Produktion und Markt getroffen haben.


Die Erweiterung birgt die Chance, diese Fragen aufzugreifen. In Frankreich seid ihr schon seit fast 50 Jahren in der GAP und ich hoffe, dass ihr zeigt, was auf dem Spiel steht, damit wir in Polen verstehen, dass man nicht dem produktivistischen Weg der Mehrheit folgen darf. Diese Diskussion ist zur Zeit in Polen noch in einem embrionalen Zustand. Der Austausch zwischen Bauern der verschiedenen Mitgliedsländer könnte den Willen zur Veränderung an der Basis bringen. Man darf nicht vergessen, dass in Polen alles, was aus Warschau kommt, mit Misstrauen beäugt wird, aufgrund der kommunistischen Vergangenheit, wo alles erzwungen wurde."

(JD)

Dossier zusammengestellt von Nicholas Bell, EBF


Übersetzung: Heike Schiebeck


1. Lokalradio der europäischen Kooperative Longo maï in Südfrankreich


2. Gemeinsame Agrarpolitik der EU


3. Appellation d’Origine Controlée – mit geprüfter Ursprungsbezeichnung


 


 


 


 


Zur Geschichte der polnischen Bauern


"Die polnischen Bauern wurden niemals verächtlich betrachtet. Das waren die Menschen, die Polen ernährten und verteidigten, die sehr häufig an Schlachten und Aufständen teilnahmen. Andererseits ist es wahr, dass die Arbeit des Landwirts heutzutage keinen sozialen Aufstieg einbringt und sehr hart ist. (...)


Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die Bauern eine Stimme, sie hatten in der Landwirtschaftspolitik etwas zu sagen. 1947 sind die Kommunisten an die Macht gekommen, durch Wahlfälschungen, wie man jetzt sagt. Sie haben die Bauernpartei völlig zerstört. Während der Kollektivierung und der Vorherrschaft der Sowjets blieben die Bauern vom politischen Leben ausgeschlossen. Außerdem mussten sie ihre Produktion zu Niedrigstpreisen abliefern, die ihnen nichts einbrachten. Die Politik war wirklich bauernfeindlich und die Bauern haben sich daraufhin zurückgezogen. Sie hatten keine Lust mehr, am politischen Leben teilzunehmen, weil sie immer die Verlierer waren. (...)


Wenn die Regierung nun von der Modernisierung der Landwirtschaft spricht, haben die Bauern wieder den Eindruck, man bereite etwas Bauernfeindliches oder, wie einige sagen, sogar etwas Polenfeindliches vor, denn die Bauern waren immer sehr patriotisch, sie haben immer für die polnische Sache gekämpft. (...)


Die polnischen Landwirte haben große Angst vor dem EU-Beitritt, aber davon reden die Medien nicht. Die Diskussionen unter den Bauern kommen im Fernsehen fast nie vor. Ein einziges Mal habe ich eine solche Befragung in einem katholischen Sender gesehen; da ist mir klar geworden, dass die Landwirte sich fragen, wie sie sich an die europäischen Anforderungen anpassen können. Niemand kann es ihnen sagen."


Agniezka Nowakowska


"Am 1. Mai 2004 wird Polen der EU beitreten. Zwei Fragen sind da besonders schwierig: Polnische Bauern werden nur 25 % der Direktzahlungen erhalten, die ihre deutschen oder französischen Kollegen bekommen. Das wird als Ungerechtigkeit und Verrat empfunden. Bin ich nur 25 % eines Bauern in der EU wert?‘ Die zweite Frage betrifft die GAP-Reform. Am Land haben sie jetzt den Eindruck: Zuerst lädt man uns ein zu wählen, wir sprechen uns für den Beitritt aus und im Nachhinein werden die Beitrittsbedingungen verändert, sie werden sogar noch verschlechtert. Das wird auch als Verrat erlebt. Hinter ihrem Rücken wird neu verhandelt, was schon in Kopenhagen und Athen beschlossen war."


Jan Dzieciolowsky


 


 


 


Gibt es in Polen eine Tradition


der politischen Diskussion?


"Man hat den Eindruck, die Bauern wissen nicht, was passiert. Der EU-Beitritt hat keine Kontroverse ausgelöst, von der sich die ganze Bevölkerung betroffen fühlt. Das ist eine Frage der Mentalität; wir haben nicht die Tradition wirklich demokratischer Diskussionen.


Ich werde Ihnen ein wenig von der Geschichte des Landes erzählen. Österreich, Preußen und Russland, haben 1772 Polen unter sich aufgeteilt. Das Land ist dann 123 Jahre lang von der europäischen Karte verschwunden. Am Ende des Ersten Weltkrieges, 1918, erlangte Polen seine Unabhängigkeit. Es blieb keine Zeit, über eine Agrarreform zu sprechen oder eine politische Debatte in Gang zu bringen. 1920 gab es Krieg mit der sowjetischen Armee und 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Nach dem Krieg wurde es wieder nichts mit der politischen Debatte, weil die Kommunisten an die Macht kamen. Die kommunistische Partei hat über alles entschieden und man durfte nichts gegen ihre Ideen sagen, sonst konnte es schwere Strafen geben. Gewisse Leute sind sogar verschwunden.


Was ist nach dem Fall des Kommunismus geschehen? Lech Walesa und seine Solidarnosc haben mit den ersten Runden Tischen Debatten eröffnet. Doch schon bald mussten wir zahlreiche Reformen durchführen, um uns an Europa anzupassen. Ich habe neun große Reformen gezählt, die fast gleichzeitig umgesetzt wurden: die Reform der Sozialversicherung, des Gesundheitssystems, die Verwaltungsreform, die Steuerreform, die Reform des Unterrichtswesens, der regionalen Kompetenzen ... Die Polen kennen sich nicht mehr aus. Sie wissen nicht mehr, wo sie leben. Einige punktuelle Debatten werden geführt, die nur die einzig wirkliche Frage kaschieren: Wohin führt uns das alles? Dem Referendum zufolge sind die meisten Polen für Europa, aber die Regierung hat auch viel dafür getan, die EU den Polen schmackhaft zu machen. Sie hat große Mittel eingesetzt und die EU als Paradies dargestellt."


 Agniezka Nowakowska


"Wir erleben eine Zeit der völligen Umgestaltung unserer Wirtschaft. Alle Länder Mittel- und Osteuropas stehen vor nie dagewesenen Problemen. Auch kein westeuropäisches Land war jemals mit einer solchen Situation konfrontiert."


Waldemar Kucynski

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 110 (11/2003)

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