DOSSIER LANDWIRTSCHAFT : Das kalifornische Modell (Zweiter Teil)
martin.admin (nicht überprüft)

Landwirtschaft, die viele Arbeitskräfte benötigt, hat eine lange Geschichte: Vor der Mechanisierung wanderten Saisonarbeiter von einer Region zur anderen, um Weizenfelder zu mähen, Rüben zu vereinzeln oder Wein zu ernten. In Kalifornien wurde mit der Einfuhr ausländischer Arbeitskräfte für die Produktion von Obst und Gemüse in riesigen landwirtschaftlichen Betrieben seit über hundert Jahren ein System entwickelt, das Europa heute als Vorbild dient. Jean-Pierre Berlan* erzählt uns die Geschichte dieses Modells und beschreibt seine Besonderheiten.ropa, insbesondere Spanien, übernimmt zur Zeit das kalifornische Modell.


Warum benötigt diese Art der Landwirtschaft ausländische Arbeitskräfte? Um das zu verstehen, muss man wissen, wie Intensivlandwirtschaft funktioniert. Ich definiere Intensivlandwirtschaft über zwei Kriterien: Sie benötigt eine große Anzahl von Arbeitskräften und zwar während einer kurzen Zeitspanne, meist für die Ernten. Dafür wird die gesamte Landwirtschaft intensiv betrieben! Wie etwa der Anbau von Getreide in den USA um 1840 (dafür habe ich Zahlen) oder in Frankreich, als noch mit der Sense geerntet wurde: Ein Hektar Getreide erforderte 130 bis 140 Arbeitsstunden, davon entfielen 100 Stunden allein auf die Ernte. Der Reisanbau in der Camargue brauchte bis vor kurzem noch bis zu zehntausend Arbeiter, nicht für die Ernte, die mechanisiert ist, sondern um den Reis zu verpflanzen. Im Rübenanbau hat man bis Ende der Sechzigerjahre für das Vereinzeln der Rüben während drei Wochen tausende Arbeiter benötigt. Die Arbeiter kamen aus Polen, der Bretagne oder dem Norden Frankreichs, allein für diesen speziellen Arbeitsschritt. Der Rübenanbau war damals also intensiv. Mit der Erfindung einkeimiger Rübensamen entfiel das Vereinzeln und der Anbau extensivierte sich. Das Gleiche gilt für den Getreideanbau: Einige von Ihnen haben sicherlich den wunderschönen Film "Die Ernten des Himmels" gesehen. Man sieht Massen von Wanderarbeitern, zehntausende, die mit der Eisenbahn in den Ebenen von Dakota und Wyoming, wo die riesigen Weizenfeldern sind, ankommen. Die Menschen kamen aus dem Norden, aus der Gegend von Chicago und Minneapolis, wo die Immigration aus Nordeuropa besonders groß war. Diese Regionen haben damals die Landarbeiter hervorgebracht, die die Ernten sicherten.
Welcher Intensivanbau benötigt in der heutigen Zeit noch viele Arbeitskräfte? Vor allem die Kultur von Obst und Gemüse, weniger der Wein, da der Anbau mechanisiert wird. Der Wein braucht zwar Arbeitskräfte, aber die Arbeit verteilt sich über das ganze Jahr. Heutzutage wird  Wein mechanisch angebaut und geerntet, er ist keine Intensivkultur mehr. Die Intensivlandwirtschaft ist also ein historisches Konzept, das an die Evolution der sozialen Kräfte und der Technologie gebunden ist. Das ist der erste Punkt.
Zweitens hängen Zeitpunkt und Umfang der Ernten bei Intensivkulturen vom Zufall ab. Man weiß also nicht, ob die Apfelernte 30 Tonnen oder 60 Tonnen pro Hektar betragen wird; das weiß man erst zum Zeitpunkt der Ernte. Zum Beispiel lebt einer meiner Freunde in der Gegend von Chateau-Arnoux vom Obstbau; mitten in der Pfirsichernte, ich glaube am 3. August, vernichtete ein Hagelgewitter von heute auf morgen die gesamte Ernte. Er musste die zehn jungen Landarbeiter aus der Region nach Hause schicken. Auch der Erntezeitpunkt ist ungewiss: Ein regenreiches Frühjahr verschob die Erdbeerernte in der Region Chateaurenard um einen Monat.
Drittens ist beim Ernten ohne Maschinen die Anzahl der benötigten Arbeitskräfte proportionell zum Umfang der Ernte. Mit kleinen Abweichungen: Fällt die Ernte schwach aus, ist auch die Stundenleistung des Pflückers schwächer. Bei den Erdbeeren schwankt sie zwischen fünf und zwanzig Kilo. Mehr als zwanzig Kilo schafft man nicht, es sei denn, alles ist reif, es muss sehr schnell gehen, die Erdbeeren sitzen dicht nebeneinander und man muss sich kaum fortbewegen. Die Hypothese ist ungefähr korrekt, dass die Anzahl der Erntearbeiter proportionell zur Erntemenge ist.
Viertens: Das Einkommen des ganzen Jahres hängt von der Ernte ab. Als Landwirt im Obstbau, als Erdbeer- oder Gemüseerzeuger haben Sie beträchtliche Investitionen getätigt und Sie wollen nur eines: Ihre Ernte einbringen. Das verursacht extreme Spannungen in den sozialen Beziehungen, denn jeder Versuch der Landarbeiter, sich zu organisieren kann den Ruin des Landwirts bedeuten. Ein Landwirt, dessen Früchte reif sind und der ein Jahr verliert, wenn sie nicht schleunigst geerntet werden, nimmt sein Gewehr, um die nötigen Arbeitskräfte zu finden und um deren Organisation zu verhindern. In Kalifornien und sogar in Frankreich haben Arbeitgeber erklärt, dass sie mit dem Streikrecht für Landarbeiter einverstanden sind ... aber nur für die Wintermonate!
Der Arbeitgeber muss immer eine gewisse Anzahl Landarbeiter zur Verfügung haben, damit er, egal unter welchen klimatischen oder ökonomischen Bedingungen, seine Ernte einbringen kann. Die Aprikose ist zum Beispiel eine Frucht, die sehr schnell reift: Ist es während einer Woche sehr heiß, so dauert die gesamte Ernte nur eine, statt zwei bis drei Wochen. Sie müssen genügend Landarbeiter zur Verfügung haben, auch wenn Sie sie gar nicht einstellen! Sie brauchen eine Reservearmee von Landarbeitern als eine Art "Risiko-Versicherung für alle Fälle" während der Ernte.
Dazu kommt, dass die Früchte, sobald sie reif sind, geerntet werden müssen: Eine eingebrachte Ernte in der Scheune oder im Kühlzimmer ist mehr Wert, als eine Ernte auf dem Feld. In der Scheune ist der Weizen vor einem Hagelsturm in Sicherheit. Es ist auf jeden Fall besser, mehr Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, als in einem normalen Jahr notwendig sind, auch wenn in 80 % der Fälle die Ernten normal verlaufen. Außerdem ist es für den Betriebsleiter immer von Vorteil, die Dauer der Ernte zu verkürzen. Bei der Stückentlohnung hängen die Erntekosten nicht direkt von der Anzahl der angestellten Personen ab. In diesem Anstellungssystem wird immer nach der Menge entlohnt und nicht nach Arbeitszeit. Irgendwelche Arbeitskräfte können eingestellt werden, Produktivität und Qualifikation spielen keine Rolle. Man muss nur zählen, wieviele Kisten der Arbeiter gefüllt hat und schauen, ob die Qualität stimmt. Der Arbeitsmarkt ist anonym und der Arbeitgeber ist nicht mehr für seine Arbeiter verantwortlich. Man braucht auch keine Beziehungen zu den Angestellten mehr zu haben. Im großen und ganzen ist der Mensch nicht mehr als eine Maschine, die Obst oder Gemüse sammelt. Mehr will der Arbeitgeber nicht. Mit der Stückentlohnung kann das Risiko der Ernte über eine anonyme, fluktuierende Reservearmee von Landarbeitern geregelt werden.


Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
Überschüssige Arbeitskräfte müssen vorhanden sein. Auch in normalen Jahren, wenn keine unerwartete Eile für die Ernte geboten ist, muss sich eine Landarbeiter-Reserve für alle Fälle zur Verfügung halten. Damit wird verhindert, dass die Betriebsleiter bei Spannungen auf dem Arbeitsmarkt mehr zahlen müssen, um ihre Ernte einzubringen.
Für die Festlegung des Arbeitslohnes gibt es kein Aushandeln, kein Schwanken zwischen Angebot und Nachfrage. Die Betriebsleiter telefonieren miteinander oder versammeln sich und legen die Stückentlohnung fest: Heuer ist der Tarif für die Weinlese soundsoviel. Da wird nicht mit den Arbeitern diskutiert. (...) Ein bestimmter Typ von Arbeiter wird gesucht, nämlich der Einwanderer. Warum? Man braucht Leute, die zu viel niedrigeren Tarifen arbeiten, als in Frankreich üblich. Die Leute müssen sich dem Unternehmer beugen, müssen völlig disponibel sein; das sind ausländische Arbeiter, insbesondere illegale. In Frankreich gibt es eine richtige Aufteilung zwischen Arbeitern mit OMI-Vertrag, die minmale Garantien haben, und illegalen Arbeitskräften. (...) Die in einem normalen Jahr gebrauchten Arbeitskräfte kommen über das OMI, der unvorhersehbare Bedarf an Arbeitskräften, die Reserve für alle Fälle, stellen die illegalen Einwanderer. Auf diesem Arbeitsmarkt gibt es eine Komplementarität zwischen illegaler und legaler Einwanderung. (...)
Je größer die Betriebe, umso distanzierter die Beziehungen zwischen Betriebsleiter und Arbeitern; der Landwirt kümmert sich nicht mehr um sie. Dieses Verhalten findet man in Kalifornien, in bestimmten Betrieben Frankreichs, in Spanien, in Israel, in allen Gebieten mit Intensivlandwirtschaft. Der Betriebsleiter braucht Landarbeiter, die wie Erntemaschinen funktionieren. Die Vermittler zwischen Betriebsleiter und anonymem Arbeitsmarkt nennt man in Kalifornien "labour bosses" oder "coyotes", in Brasilien "gattos". Wenn man in den USA Landarbeiter braucht, ruft man den "labour boss" an und sagt: "Morgen brauche ich dreißig oder vierzig Arbeiter für die Kirschernte." Der "labour boss" nimmt dem Betriebsleiter alle Probleme ab, die die Arbeiter betreffen, dazu zählen die Arbeitsdisziplin und auch die Bezahlung. Der "labour boss" erhält einen Geldbetrag, den er für die Arbeit ausgehandelt hat, und bezahlt damit die Leute, die er findet. (...)
Der Arbeitsmarkt wird mit verschiedenen Methoden aufgespalten, eine davon ist der Rassismus. In Frankreich war der Import von Arbeitskräften lange Zeit reglementiert: Die Landarbeiter durften nur für das Departement und in dem Sektor arbeiten, wofür sie rekrutiert worden waren. Mit künstlichen, aber verwaltungstechnisch legalen Beschränkungen verhinderte man die Mobilität der Arbeiter und schaffte eine unterbeschäftigte Reservearmee, die von dieser Art der Landwirtschaft benötigt wird. Im Gegensatz zur statischen Analyse, die gewöhnlich von Wirtschaftsforschern gemacht wird und die von einem bestimmten Bedarf an Arbeitskräften für bestimmte Kulturen ausgeht, muss man den Gedankengang umdrehen und das Problem dynamisch betrachten: Das Vorhandensein von Arbeitskräften erlaubt dem Betriebsleiter, seine Landwirtschaft zu intensivieren. Es geht gar nicht darum, intelligente Produktionen aufzubauen, die übers Jahr eine gleichbleibende Anzahl Arbeiter brauchen. Dank der Verfügbarkeit flexibler Arbeitskräfte können sich die Landwirte ins Unendliche spezialisieren und zum Beispiel hektarenweise Kirschen anbauen, wo auf 1000 jährliche Arbeitsstunden pro Hektar 950 Stunden auf die zweiwöchige Ernte entfallen. Dieser Typ spekulativer, intensivierter Landwirtschaft ist nur möglich, wenn andererseits die Verfügbarkeit der Arbeitskräfte politisch gewollt ist.
Um die derzeitige Situation zu verstehen, muss man das Problem umkehren, denn durch das Vorhandensein einer Reservearmee, eines in jedem Moment für die Landwirte verfügbaren Subproletariats, wird eine derartige Spezialisierung, man könnte sagen "Kalifornisierung", der Landwirtschaft erst ermöglicht. Viele Hinweise lassen darauf schließen, dass die europäischen Istanzen solche Strukturen fördern, weil sie sich von wirtschaftlichen Interessen unter Druck setzen lassen, die diese Art Arbeitsmarkt wollen. Um landwirtschaftliche Produktion, demokratische Beziehungen und ein ausgeglichenes Sozialleben im ländlichen Raum miteinander zu versöhnen, müsste man mit der Logik der europäischen Agrarpolitik brechen, mit dieser Spezialisierung, die vor allem für die ausländischen Arbeitskräfte Proletarisierung und Unsicherheit bedeutet.


* Jean-Pierre Berlan ist Wissenschaftler am Landwirtschaftlichen Forschungsinstitut INRA, Frankreich

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 094 (05/2002)

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