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DOSSIER SAATGUT: Mein Saatgut ist euer Saatgut

Laut einer Erklärung von mehreren österreichischen Organisationen (siehe Artikel), könnte die berühmte Tomatensorte «Green Zebra» als lokale, zu konservierende Sorte in Österreich ins Saatgutregister aufgenommen werden. Derjenige, der sie einträgt, wird als einziger in Europa das Recht haben, sie zu vervielfältigen. Doch «Green Zebra» ist eine Kreation des Amerikaners Tom Wagner, der im Oktober 2009 auf Initiative von Kokopelli und den «Danish Seed Savers» eine Europatournee gemacht hat.


Hier einige Auszüge aus seiner Antwort:
Ich entdecke, dass sobald ein Mitgliedsland der EU akzeptiert, dass eine Region als ‚Ursprungsregion‘ einer bestimmten Sorte gilt, diese Sorte nur noch in dieser Region angebaut werden darf. Welche Rechte werde ich als Erschaffer der Tomate Green Zebra dann haben? Diese Sorte wird zum Privateigentum eines einzigen Bevollmächtigten. Andere seltene Sorten, die ich geschaffen habe, werden zweifelsohne als ‚Amateursorten ohne wirtschaftliches Interesse‘ gelten und laufen Gefahr auszusterben.
Was soll ich tun? Soll ich Maßnahmen treffen und meine eigenen Sorten ins EU-Saatgutregister eintragen, um damit zu verhindern, dass jemand anderer, vor allem jemand, dessen Prinzipien den meinen widersprechen, mir zuvorkommt und so zum Eigentümer MEINER Sorten wird? Sollte ich viele Dollar ausgeben und «Green Zebra» und viele andere meiner Kreationen patentieren lassen? Würde das den kleinen Erzeugern in Österreich helfen, wenn ich trotz des Patents diese Sorte als «open source»1 frei verfügbar ließe?
Meine Arbeit als Saatguterzeuger ist wie die Spitze eines Eisbergs. Nur wenige Sorten werden in der Öffentlichkeit bekannt. Ich verfüge über mehr als 10.000 Sorten und Sortenkombinationen. Die große Mehrheit der Kreuzungen «Green Zebra» sind in ständiger Entwicklung und werden wahrscheinlich niemals wirklich vertrieben werden, aber sie könnten teilweise verteilt werden, um die Original-sorte «Green Zebra» zu umgehen, die ich seit 38 Jahren aufrechterhalte und die nun das «Eigentum» von jemandem geworden ist.
Wenn ich an Tausende Menschen Samen der Tomate «Green Zebra» schicken würde, die bis auf ein oder zwei Gene identisch sind, müsste dann jede Person diese neuen Sorten eintragen lassen oder wären sie illegal? Ich habe letztes Jahr in Österreich Saatgut von «Green Zebra» und «Ananas Noir» verteilt. Viele davon ähneln oberflächlich der «Green Zebra». Wie werden die europäischen Gesetzgeber damit umgehen?
Im September und Oktober 2009 habe ich eine Reihe Workshops in Frankreich, Belgien, Schweiz,
Österreich, Dänemark, Deutschland, Irland und Großbritannien gemacht. Ich habe immer darauf bestanden, dass ‚mein Saatgut euer Saatgut‘ ist und dass die Sorten von der Basis aus entwickelt werden (vor Ort, in jeder Gegend) und nicht von Oben herab. Ich habe mich offen als ‚seed rebel‘ bezeichnet und spreche mich gegen die Idee aus, dass eine Sorte nur von einem offiziellen Saatguterzeuger entwickelt und von einem Saatgutunternehmen verkauft werden soll. Während meiner Europareise habe ich gratis Saatgut der unzähligen Sorten verteilt, die ich in 58 Jahren entwickelt habe.
Ich habe den Menschen in Europa erklärt, dass ich mich der uns noch verbleibenden Biodiversität bediene, um durch Kreuzungen eine noch größere Vielfalt zu schaffen. Gibt es keinen Raum für jemanden, der nicht nur alte, nicht registrierte Sorten aufrecht erhält, sondern Millionen von Variationen dieser seltenen und hybrid gemachten Sorten entwickelt? Warum sollten wir eine Welt mit nur einigen alten und einigen neuen Sorten akzeptieren, wo es doch möglich wäre, über alte Sorten zu verfügen, die noch älter werden würden, neue Sorten, die altern würden, und neue, von Erzeugern entwickelte Sorten?
Ich bin ein «freier Saatguterzeuger» und ich glaube an «open source»-Saatgut. Es kann niemals Eigentum von wem auch immer sein, es muss weitergegeben werden an alle, die säen wollen. Die Vielfalt ist wesentlich und wir brauchen sie, und sie bedarf nicht der großen Saatgut-Unternehmer. Ich halte Tausende von mir entwickelte Sorten aufrecht. Nur selten habe ich Gelegenheit, sie wirklich zu vertreiben. Ich möchte, dass sie für den Einzelnen zugänglich sind und nicht für die großen Unternehmen. Heutzutage will alles besessen sein und was nicht verdient, Besitz zu werden, ist nicht schützenswert und wird als vogelfrei erklärt. Wohin soll das führen? Sollen wir eines Tages auch für Sonne und Luft bezahlen? 
Ich unterstütze die Bauern und Gärtner in Österreich und anderswo. Sie müssen die Freiheit haben, alle Sorten, neue und alte, anzubauen, zu entwickeln, aufrechtzuerhalten und weiterzuverteilen. Die Gesetze der Natur werden immer stärker sein als die der Menschen.

1. Der Begriff kommt aus der Sprache der Informatik und bedeutet  v.a. die freie Weitergabe von Software und  einen verfügbaren Quellcode  für alle Nutzer. 

verfasst von Tom Wagner,  19.01.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 189 (01/2011)

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