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DOSSIER SAATGUT: Saatgut-Aktivismus in Großbritannien

GärntnerInnen gewinnen und tauschen seit langer Zeit Saatgut, das erste Glied in unserer Nahrungsmittelkette. In der Vergangenheit waren es informelle Praktiken, die allen dienten; sie sicherten das Saatgut für die kommende Aussaat, erweiterten die Reihe und die Qualität der verfügbaren Pflanzen und erhielten und verbreiteten Arten und Sorten, die lokal besonders angepasst waren.
Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben wir uns jedoch daran gewöhnt, (fast) all unser Saatgut einzukaufen. Es wird seither von agroindustriellen Firmen produziert. Diese Entwicklung hat - vielleicht unbeabsichtigt, aber effektiv - zur Verringerung der Sorten und des verfügbaren genetischen Potenzials geführt. Der Vorgang wurde durch die Anforderungen der Großbetriebe noch beschleunigt, die bei weitem die größten Kunden der Saatgutfirmen sind. Sie bevorzugen Eigenschaften wie einheitliches Erscheinungsbild, Haltbarkeit und dicke Schale (um Schäden beim Transport zu verhindern) vor Geschmack, spezifischem Charakter und zeitlich abgestuftem Blühen und Reifen um Überschüssen vorzubeugen.
Hinzu kam die Schaffung und weite Verbreitung der F1-Hochleistungssorten, welche die Situation weiter verschlechterten. Dieses Saatgut wurde sorgsam ausgewählt und gezüchtet, um erwünschte Eigenschaften wie etwa Krankheitsresistenz und hohe Erträge zu erzeugen, leider auf Kosten der Lebensfähigkeit. Aus F1-Sorten gewonnenes Saatgut bringt entweder völlig sterile Samen oder schwache, nicht einheitliche Pflanzen hervor. GärtnerInnen und BäuerInnen sind gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. Für die landwirtschaftlichen Betriebe der westlichen Welt mag das ärgerlich und teuer sein, die BäuerInnen des globalen Südens ruiniert diese wesentliche Einschränkung und gibt Anlass für zahlreiche Proteste.*
In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Entwicklung dazu geführt, dass wir Schätzungen zufolge in Großbritannien mehr als 70 Prozent der Gemüsesorten, die noch vor 100 Jahren erhältlich waren, verloren haben. Unterstützt wurden diese Vorgänge durch die EU-Gesetzgebung, die kommerzielle Interessen schützt und die verlangt, dass Saatgut für den Verkauf in offiziellen nationalen oder EU-Katalogen aufgelistet sein muss. (Diese Regelung wurde ursprünglich eingeführt, um die Gesundheit und Vitalität der Samen zu garantieren.)
Die Erkenntnis des Verschwindens genetischer Vielfalt als Gemeingut und der aktive Widerstand gegen die Konzentrationsprozesse der Saatgutindustrie brachten Saatgut-Tauschbörsen und Events wie Seedy Sunday (Saatgut-Sonntag) hervor. Kurz gesagt, erwarten wir uns von Seedy Sunday, dass Saatgut in einem alternativen Lebensmittelsystem, das die lokale Produktion und Vermarktung stärkt, eine wichtige Rolle spielen sollte. Ursprünglich inspiriert von einem Saatgut-Samstag gegen Gentechnik und Monsanto in Kanada im Jahr 2001, wurde Seedy Sunday Brighton zur größten Saatgut-Tauschbörse in Großbritannien und feierte dieses Jahr ihren 10. Geburtstag. Am 6. Februar 2011 hießen wir fast 1800 Leute willkommen, um Saatgut zu tauschen, zu plaudern, zu demonstrieren und sehr gutes lokales Essen zu geniessen. Dieser Erfolg hat die Entstehung zahlreicher Tauschbörsen im ganzen Land inspiriert, die Seedy Sunday aktiv unterstützt und ermutigt. Die genaue Anzahl der neuen Tauschbörsen ist unbekannt, jedoch spricht die landesweite Zeitung The Independent in ihrer Ausgabe vom 5. Februar 2011 von elf weiteren allein im Februar veranstalteten Saatgut-Tauschbörsen.
In einem breiteren Zusammenhang steigt bei uns – wie in vielen Teilen der Welt – seit einigen Jahrzehnten das Umweltbewusstsein. Eine ähnliche, bereits globale Bewegung, das Netzwerk der Transition Towns (Städte im Übergang) wurde in Großbritannien im Jahr 2006 gegründet und hat dort viele andere Tauschmärkte in hervorgebracht. Die Transition Towns Bewegung will vor allem den CO2-Ausstoß senken und das Leben auf die Zeit vorbereiten, wenn fossile Energien wesentlich zurückgegangen sein werden. Gemeinsam mit Seedy Sunday bemüht sich das Netzwerk, die Frage der Ernährungssicherheit aufzuwerfen und für lokale Lebensmittelsysteme zu werben. An einer lokalen Transitions-Initiative teilzunehmen oder eine eigene zu gründen, ist ein guter Weg, um bei der wachsenden internationalen Bewegung für ökologische Gerechtigkeit mitzumachen.

Saatgutgesetzgebung in Großbritannien

Es sind interessante Zeiten für die Menschen in Großbritannien, die Saatgut gewinnen und tauschen. Inzwischen musste sogar die EU-Kommission zumindest teilweise zugeben, was schon lange im Stillen gesagt wurde: Das Listensystem der Kataloge ist absurd, insbesondere für Amateur-Züchter.
Am 4. August 2010 lancierte die Agentur für Ernährung und Umweltforschung von Großbritannien eine Konsultation zur «Umstellung auf die EU-Direktive 2009/145/EC, welche die Mitgliedsstaaten auffordert, einen weniger strengen Nationalen Katalog für die Vermarktung von Gemüseerhaltungssorten und Sorten von Amateurgärtnern, die keinen wesentlichen Wert für die Gemüseproduktion haben, aber für den Anbau unter besonderen Bedingungen geschaffen wurden.» Nationale Kataloge sind also weiterhin erforderlich, um Saatgut vermarkten zu können, aber der Vorgang soll einfacher, schneller und hoffentlich auch billiger werden. Das ist zwar kein großes Zugeständnis, denn in Wirklichkeit werden nur wenige Erhaltungssorten in den Verkauf gelangen. Aber es ist wenigstens ein Zeichen: Die EU-Kommission beginnt zu akzeptieren, dass eine größere Vielfalt angebauter Gemüsesorten, die genetische Vielfalt erweitert und schützt.
Die Konsultation geht nun zu Ende und die Ergebnisse sind bald verfügbar. Obwohl dies eine eher positive Nachricht aus Großbritannien ist, schützt diese etwaige Umstellung nur die Amateure. Scheinbar werden für die kleinsten Züchter weiterhin hohe Einschränkungen gelten, was sie für den Verkauf anbauen dürfen.
Wenn in der EU und den USA, wo die größten Agrochemie- und Saatgut-Konzerne zuhause sind, eine Vielfalt von Sorten nicht erlaubt und unterstützt wird, verbleibt uns weiterhin nur eine kleine Gruppe von Pflanzensorten für den Anbau. Rustikale Sorten geraten schnell in Vergessenheit und sind nicht mehr zu finden, und Krankheitsrisiken für die Pflanzen steigen. In verletzlicheren Gesellschaften als in unseren Breitengraden, wo die Auswirkungen des Klimawandels und Gefahren wie die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten, Wasserknappheit und die Erschöpfung der Böden zuerst zu spüren sind, ist dies eine viel unmittelbarere Beeinträchtigung des Lebens. Indem wir zulassen, dass ein großer Teil unseres natürlichen Erbes verschwindet, verlieren wir viel  genetisches Potenzial und Schönheit auf dieser Erde.
Aber indem wir Druck auf die großen Pharma- und Saatgutkonzerne ausüben, indem wir Saatgut erhalten, anbauen und tauschen, können wir vitale Sorten aktiv unterstützen. Pflanzen, die wegen ihres Nährwertes, sowie ihrer medizinischen und bodenerhaltenden Qualitäten angebaut werden, spielen dabei eine wichtige Rolle. Mit dem Recht für alle, Saatgut zu gewinnen und zu tauschen, bewahren wir eine Tradition, die Jahrhunderte zurückreicht und vielleicht unsere beste Hoffnung für die Zukunft darstellt.



* Neil Cantwellin, Vorstandsmitglied von Seedy Sunday, schreibt in The Ecologist (2004):
«Das ist nur ein Beispiel dafür, dass Saatgut ein Potenzial hat , um als Ausgangspunkt  für den Widerstand gegen die Globalisierung der Konzerne zu dienen, wie die Arbeit von Vandana Shiva zeigt. In ihrer Schule für Saatgut, BijaVidyapeeth, stellt sie das, was wir metaphorisch vom Saatgut lernen können, ausdrücklich in den Mittelpunkt einer alternativen Vision von Globalisierung. 'Seedy Sunday' sieht sich als ein Teil dieser Vision.»
Referenzen:
http://www.defra.gov.uk/corporate/consult/veg-variety/index.htm.

http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2009:312:0044:0054:EN:PDF
http://www.independent.co.uk/news/uk/this-britain/a-growing-trend-why-seed-swaps-are-taking-root-2205092.html
www.lewesfoodmarket.co.uk, www.seedysunday.org, http://www.transitionnetwork.org/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

verfasst von Debbie Greenfield und Seedy Sunday Brighton,  19.05.2011, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 192 (04/2011)

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