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DOSSIER TÜRKEI : Ein Besuch in Fatsa

1980 zählte Fatsa 23.000 Einwohner, heute sind es 65.000. Die Stadt ist immer noch umgeben von Tausenden von Hektar Haselnusssträuchern, die die Hänge der hügeligen Gegend bis auf 750 Meter bedecken. Die Hälfte der weltweiten Produktion stammt aus dieser Region. Nach der Militäroperation vom 11. Juli 1980 und dem darauffolgenden Putsch die dem kurzen Experiment der kommunalen Selbstverwaltung ein Ende setzte, flüchteten Tausende Menschen in die Region um Fatsa.In dieser subtropischen Vegetation liegen verstreut unzählige kleine Häuser und Höfe, oft ohne Zufahrtsmöglichkeit für Autos.

In Samsun begegneten wir Suat, Ali und Ahmet, die sich als Aktivisten von Dev Yol1 (Revolutionärer Weg) an den Ereignissen in Fatsa beteiligt hatten. Anschließend trafen wir in einem Café in Fatsa Naji Sönmez, den Sohn des Schneiders Fikri Sönmez, der 1979 zum Bürgermeister gewählt worden war und 1985 im Gefängnis starb. Sein Sohn wurde damals mit ihm verhaftet: „Ich war 16 Jahr alt, im zweiten Gymnasiumsjahr und aktiv in der Mittelschulbewegung. Weil ich der Sohn von Fikri Sönmez war und mich am Kampf beteiligt hatte, sperrte man mich drei Jahre in Amasya ein“.
Damals packten die neu gewählten Gemeindeverantwortlichen den Bau von Infrastrukturen auf eine völlig neue Art an. Sie organisierten riesige Volksbaustellen, die von Quartierkomitees koordiniert wurden. Eine der spektakulärsten Operationen war die Kampagne „Stopp dem Schlamm», es handelte sich um den Bau von Straßen. „Jeden Tag führten wir einige Gymnasiasten zu den Baustellen. An manchen Tagen arbeiteten 1.000 Leute, an anderen Tagen waren es über 5.000“. (Naji)
„Diese Arbeit hätte norma-lerweise ein bis zwei Jahre gedauert, wir meisterten sie in einem Monat. Tausende sind aus anderen Städten gekommen, um mitzumachen.“ (Ahmet)
Sanierungsarbeiten für das Wasser und das Abwasser wurden durchgeführt. „Die Bewegung von Fikri Sönmez wurde vor allem populär, weil sie es schaffte, den Aktivitäten der allgegenwärtigen Wucherer und dem Schwarzmarkt ein Ende zu setzen. Nahrungsmittel konnten nicht mehr zu übermäßig hohen Preisen abgesetzt werden. Wucherer, Gauner und Erpresser mussten ihr Handwerk aufgeben oder die Stadt verlassen“. (Ahmet)

Wendepunkt

Der April 1980 war der Wendepunkt in Fatsa. Ein großes Volksfest versammelte zahlreiche Künstler und Dichter; 70.000 Menschen beteiligten sich während vier Tagen mit Konzerten und Debatten auf den öffentlichen Plätzen. „Die Leute kamen aus den verschiedensten Ecken der Türkei, sie führten viele Diskussionen während des Kulturfestivals und gingen aufgrund der Erfahrungen von Fatsa mit vielen Vorschlägen nach Hause“. (Ahmet). Die Presse bemächtigte sich nun des „Phänomens Fatsa“, was unausweichlich den Zorn der Regierung und der Armee auslöste.
„Die Kollektive, wir nannten sie Volkskomitees, wurden vom Staat als eine große Gefahr angesehen. Die Tatsache, dass das Volk erkannte, dass es sich lokal regieren konnte, hatte zur Folge, dass der Staat seine Funktion verlor. Der damalige Premierminister, Süleyman Demirel, wählte Fatsa als Zielscheibe der «Operation Punkt» vom 11. Juli, gefolgt vom Militärputsch am 12. September. 18.000 Menschen wurden verhört, 2.000 verhaftet; viele flüchteten in die Berge um Fatsa, wo die Militäroperationen weitergeführt wurden. Mehr als 40 von unseren Freunden wurden umgebracht. Ungefähr 4.000 Menschen von Fatsa gingen ins Exil. Vor dem Staatsstreich führten Faschisten Massaker in Maras und Corum durch. Aber die Regierung und die Medien erklärten: Vergesst Maras und Corum, schaut eher nach Fatsa!“. (Ahmet)
Dreißig Jahre später ist es schwierig zu wissen, was das «Phänomen Fatsa» für die neuen Generationen der Türkei noch bedeutet, wahrscheinlich sehr wenig. Einige Freunde von Fikri Sönmez und seine Kamaraden von Dev Yol finden sich alle Jahre wieder, um seiner zu gedenken2. Heute gibt es in der Türkei verschiedene Bemühungen, die Vergangenheit neu zu beleuchten, Tabus und die vom Staat verordnete Amnesie zu durchbrechen. Das Erbe der Militärputschisten wird immer mehr in Frage gestellt, vor allem auch durch die Debatte über die Verfassungsreform, die am 12. September 2010 zur Abstimmung kommt. Vielleicht ergibt dies den Rahmen und das Bedürfnis, um besser zu verstehen, was die brutale Reaktion der Armee von 1980 ausgelöst hat.

Eintauchen in die Geschichte

Für uns war es wichtig, endlich diesen Menschen zu begegnen, über die wir in den 1980er Jahren überall in Europa so viel geredet haben, und mit Naji Sönmez und seiner Mutter Tee zu trinken. Die Frau des Schneiders Fikri, der für sein Engagement einen so hohen Preis zahlte, schenkte uns einen Sack Haselnüsse von ihrem Land, im Austausch von Broschüren, die wir 1983 veröffentlicht hatten über ihren Kampf und über den Massenprozess – Dokumente, die sie noch nie gesehen haben.
Als wir mit den drei ehemaligen Aktivisten von Dev Yol ein Gespräch für Radio Zinzine führten, waren wir berührt zu entdecken, dass Suat in einem lokalen Radio arbeitet: „Wir gründeten dieses Radio vor 18 Jahren gemeinsam, mit dem Ziel, einen Einfluss auf das soziale Leben in der Türkei zu haben. Das Radio setzt sich ein für Frieden, Demokratie, Freiheit, die Menschenrechte und die Verfolgten. Es ist gegen Imperialismus, Faschismus, Oligarchie und das Monopol der Medien.“ (Suat)
Durch dieses Eintauchen in die Geschichte unserer Aktionen bezüglich der Türkei, erinnerten wir uns auch daran, dass zweifellos mehr als die Hälfte der Menschen, die heute in der  Longo maï-Kooperative in Limans in Südfrankreich leben, nicht wissen, wieso das Gästehaus für Neuankömmlinge „Fatsa“ heisst. Es wurde damals, 1983, von einer Gruppe von politischen Flüchtlingen aufgebaut, die mehrere Monate auf unserem Hof lebten.

1. Laut unseren Gesprächspartnern war Dev Yol Ende der 1970er Jahre die wichtigste linksextreme Bewegung. Im Gegensatz zu anderen Strömungen, die als Vorbild die Sowjetunion, China oder Albanien hatten, versuchte Dev Yol, einen türkischen Sozialismus zu entwickeln, der sich auf lokaler Ebene für die Selbstverwaltung einsetzte. Sie war im ganzen Land vertreten, auch in den kurdischen Regionen.
2. Sie planen ein größeres Ereignis für den 5. Mai 2011, den Jahrestag seines Todes

 

 

 

verfasst von Nicholas Bell EBF,  15.09.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 185 (09/2010)

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