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DOSSIER WALD: Der Wald soll verbrannt werden

Am 9. Treffen des «Netzwerks für alternativen Waldbau» (RAF), das am  4. und 5. Oktober 2013 in Bibracte (Morvan, Burgund) stattfand, war das Hauptthema die wachsende Gefahr der Zerstörung der Wälder in Frankreich und ganz Europa: die massive industrielle Verarbeitung der Hölzer zur Energiegewinnung.
Nach dem Fiasko der Agrartreibstoffe als ökologische Alternative zum Erdöl nun also die neueste Erfindung der Profivermarkter für nachhaltige Entwicklung und ihrer Komplizen im französischen Staat: Es geht um die Erstellung einer neuen Branche zur industriellen Verarbeitung der Biomasse zu Energie. Der große Hoffnungsträger für erneuerbare Energie, der bis zum Jahre 2020 ein Drittel des Potentials in Frankreich erreichen soll.
Im Oktober 2011 genehmigten die französische Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet und der Industrieminister Eric Besson fünfzehn Mega-Zentralen zur Verbrennung von Biomasse. Auch wenn diese Zentralen Landwirtschaftsabfälle, Holzhäcksel und «B2 Holz» (sehr umweltverschmutzend, alte Fenster und Türen oft mit Bleirückständen, Holzbalken mit Xylophen behandelt, Holzkisten...) verbrennen, wäre der Hauptbrennstoff Frischholz aus der weiteren Umgebung der jeweiligen Zentrale. Es handelt sich hier um gigantische Mengen.
Die größte Fabrik Frankreichs ist in Gardanne (Marseille) vorgesehen. Sie würde die vierte Einheit der dortigen Kohlenzentrale ersetzen und bräuchte ungefähr 900.000 Tonnen Holz pro Jahr. Das deutsche Unternehmen E.ON (Drittgrößter Stromproduzent weltweit) plant, die Hälfte des Bedarfs an Holz aus Kanada zu importieren, die zweite Hälfte möchte sie im Umkreis von 400 km um Gardanne finden.

Kein banaler Energiespender

Solche Megaprojekte sind aus zahlreichen Gründen zu bekämpfen. Die Gefahrenquellen wurden vom Verein Adret-Morvan analysiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser Verein kämpft gegen das Projekt eines riesigen Sägewerks und eine Verbrennungsanlage des belgischen Unternehmens Erscia in Sardy-les-Epiry im Departement Nievre (Burgund)2. Er weist auf die massive Verschmutzung von Luft und Wasser hin. Er widerlegt auch das Argument der Arbeitsplatzbeschaffung: Solche Projekte zerstören mehr Arbeitsplätze, als sie selber schaffen. Vor allem im Sektor der lokalen Holzverarbeitung, der von der Konkurrenz weggeblasen wird, wie auch im Tourismus, der durch die Kahlschläge stark an Attraktivität verliert. Die Hauptgefahr dieser größenwahnsinnigen Projekte: Der Wald würde zu einem banalen Energiespender für industrielle Produktion.
Ein Teilnehmer am Treffen des Netzwerks RAF rechnete vor, dass tagtäglich 30 Hektar (!) Wald dem Kahlschlag dienen müssten, um die Zentrale in Gardanne zu füttern. In den meisten Fällen liegen gar keine seriösen Studien vor, um die dazu notwendigen Ressourcen zu berechnen. Die FRAPNA Drome3 weist zum Beispiel auf einen fehlenden Plan zur realistischen Versorgung der Zentrale für Biomasse in Tricastin hin. Zudem kommt es bei dem geplanten riesigen Umkreis für die Beschaffung von Rohstoffen zwangsläufig zu Überschneidungen: Verschiedene Waldgebiete könnten von mehreren Zentralen angepeilt werden.
Zerstörungen finden auch in anderen Herkunftsländern, die Holz für solche Zentralen liefern, statt. Ein erschreckendes Beispiel beschrieb ein Teilnehmer aus Rumänien, Orlando Balas (siehe Artikel).

Widerstand in den Regionen

Zurück zu Gardanne. Ein «Collectif Vigilance Citoyen sur le projet biomasse centrale de Provence» (Bürgerkollektiv zur Beobachtung des Projekts Biomassezentrale in der Provence) wurde gegründet. 15 Vereine machen mit, unter anderem auch der Verein zur Bekämpfung von Belästigungen und Umweltverschmutzung und das Kollektiv gegen Schiefergas. Sie kämpfen unter schwierigen Voraussetzungen, da die Stadtregierung und die CGT (linke, kommunistennahe Gewerkschaft) sich sehr für dieses Projekt einsetzen. Es herrscht eine angespannte Stimmung. Als letzthin der regionale CGT-Delegierte für Waldarbeiter seinen Gewerkschaftskollegen in der Zentrale Gardanne zu erklären versuchte, wieso dieses Projekt katastrophale Folgen nach sich ziehen würde, wurde er von seinen «Kameraden» manu militari vor die Türe gestellt.
Zur Achillesferse von E.ON wird wahrscheinlich der Widerstand in den Regionen werden, aus der die Biomasse geliefert werden soll. Im März 2013 organisierte E.ON in St. Hippolyte-du-Fort im Departement Gard großspurig eine «Versammlung zur Lancierung einer prioritären Versorgungszone Cevennen». Sie visierten dabei die Kastanienwälder an und behaupteten, die Energie-Zentrale wäre eine unverhoffte Chance für die lokale Holzverwertung. Nicht alle Einwohner teilen diese Meinung: Am 10. Oktober gründeten sie ein Kollektiv gegen die Pläne von E.ON und zur Rettung ihrer Wälder.
Aus dem Dokument von E.ON, das in St. Hippolyte-du-Fort4 vorgestellt wurde, geht hervor, dass zwei prioritäre Zonen für die Holzversorgung vorgesehen sind: die Cevennen und eine weitere Zone, die von Forcalquier bis nach Gap geht. Sie umfasst einen großen Teil der Departemente Alpes-de-Haute-Provence und Hautes-Alpes. Die Wälder dieser Gegend sind also in Gefahr.

Die Zerstörung aufhalten

Es geht also darum, diese unsinnigen Vorhaben von E.ON und Konsorten zu stoppen. Ein gewisser Optimismus ist erlaubt: Gerade errang der Verein Adret-Morvan einen wichtigen Erfolg. Am 9. Oktober entschied sich der «Conseil d’Etat» (Höchste Instanz für Verwaltungsbeschwerden) gegen das Projekt der Mega-Sägerei von Erscia im Nievre. Laut der Zeitung Le Monde «fiel der Entscheid wie ein Fallbeil: das Projekt im Nievre ist gestorben». Die Begründung: die Zerstörung von Fauna und Flora auf den betroffenen 110 Hektaren Wald.
Es handelt sich also noch nicht um eine grundsätzliche Infragestellung solcher Projekte, ihre Wirkung auf die Wälder, die Umwelt, die Arbeitsplätze... Es bleibt noch viel zu tun.

verfasst von Nicholas Bell, EBF,  19.11.2013, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 220 (11/2013)
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 220 (11/2013)

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