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DOSSIER WALD: Halt der Zerstörung des rumänischen Waldes

Um die Entwicklung in Rumänien, einem Holz exportierenden europäischen Land,  hat das EBF im Oktober 2013 Orlando Balas (1) zum Treffen des Réseau  pour les Alternatives Forestières (RAF) in Bibracte in der Bourgogne eingeladen. Er kämpft gegen die massive Entwaldung in seinem Land. Hier einige Auszüge aus seinem Referat.

Rumänien hat ca. 6.250.000 Hektar Wald, das sind 27 Prozent der Landesfläche. Dies ist weniger als der europäische Durchschnitt, der bei 30 Prozent Waldfläche liegt. Vor der kommunistischen Ära, bis 1948, hatte Rumänien ungefähr 6.486.000 ha Wald. Davon waren ca. 1.942.000 ha Staatseigentum, 2.097.000 ha in Privatbesitz, 681.000 ha waren Gemeindewald, 656.000 ha im Besitz von Kooperativen, 468.000 ha waren Kirchen- und Klosterwald und 26.000 ha gehörten Stiftungen.
Der kommunistische Staat nationalisierte die Privatwälder, durch Enteignung oder gegen Entschädigungen, je nach Gesetzeslage. Er hat während seines 41-jährigen Bestehens den Waldreichtum im Wesentlichen erhalten, die Fläche nahm nur um 120.000 ha ab.
Nach dem politischen Regimewechsel 1990 öffnete die neue Gesetzgebung den Weg für die Reprivatisierung der Wälder, zunächst für maximal 0,5 ha (Gesetz 18/1991). Dieses Gesetz wurde später dahingehend geändert, dass nun auch grössere Flächen zurückerstattet werden konnten, bis zu 50 ha (Gesetz 1/2000). Das Gesetz 247/2005 ermöglichte schliesslich die vollständige Rückgabe an die ehemaligen Besitzer. Diese Gesetze sind das Resultat des ausgeübten Drucks der ehemaligen Grossgrundbesitzer, die heute im Ausland leben. Von dort aus wollen sie «ihre» Wälder in kürzester Zeit mit maximalem Gewinn ausbeuten. So kam auch Prinz Dimitri Stûrdza zu 26.000ha Wald, die er mittlerweile sehr intensiv bewirtschaften lässt.

Korruption und Kahlschlag

Das Schwinden der staatlichen Autorität und die Zunahme von Korruption in Justiz und Verwaltung öffneten einer Reihe illegaler Privatisierungen und Raubbau an den Wäldern durch die neuen «Besitzer» Tür und Tor. Durch diese «Grundstücksrückgaben» kamen den Staatswäldern 3.029.000 ha abhanden. Laut Schätzung des rumänischen Rechnungshofes wurden 561.000 ha Wald auf Grund von Urkundenfälschungen widerrechtlich zurückerstattet. Gehörten bis 1948 2.846.000 ha Wald physischen und juristischen Personen, so beliefen sich nach 1990 die Rückerstattungsanfragen auf 3.421.000 ha. Man darf auch nicht vergessen, dass viele Privatwaldbesitzer aus der Zeit vor dem Kommunismus keine Erben hinterliessen, dass der Staat nach 1948 auf Grund internationalen Rechts Eigentum von Kriegsverbrechern beschlagnahmte und dass viele der enteigneten Besitzer für verstaatlichten Wald Entschädigungen erhielten. Ausserdem ist die Rückgabe von Wald, der vor 1948 Handelsgesellschaften gehörte, gesetzlich nicht erlaubt.
Gemäss einiger Quellenangaben der Nationalen Forstbehörde  Rumäniens wurden 80 Prozent der in privater Hand befindlichen Wälder entweder ganz gerodet oder deutlich über das gesetzlich erlaubte Mass ausgebeutet. So auch von einem gewissen Mihai Pascovici, der mit Hilfe von Arbeitern in einer einzigen Nacht 30ha Wald gerodet hat, den er gerade erst wiederbekommen hatte. Er wurde auf Bewährung verurteilt. Auf  diese Weise wurden riesige Flächen von ihren Besitzern oder von organisierten Holzräubern, welche den Schutz der Behörden geniessen, kahl geschlagen.
In meinem Roman La Muette, der das Thema der Entwaldung zum Inhalt hat, zitiere ich ein anderes Beispiel: An einem Ort des Departements Suceava im Norden Rumäniens wurden von den Bewohnern eines Dorfes zwischen 2002 und 2003 240 ha Buchenwald geschlagen – unter dem Schutz der lokalen Polizei und der Departementsbehörde. An manchen Tagen nahmen ungestört über 700 Leute an diesen Schlägen teil. Die Forstwirte und Waldarbeiter Rumäniens nennen den Wald «la muette» (der Stumme), da er nicht schreit, wenn man ihn umschlägt. 

Die Holzmafia

Auch wenn die Behörden behaupten, dass dieses Problem vor allem die reprivatisierten Wälder betrifft, so kommen Holzdiebstahl und Schlägerungen über das gesetzlich erlaubte Volumen auch in den staatlichen Wäldern vor. Diese Tatsache wird von den Behörden nicht nur toleriert, sondern oft wird sogar dazu ermutigt. Einige Fachleute der Forstwirtschaft schätzen, dass nur die Hälfte des in Rumänien geschlagenen Holzes auf legale Weise geerntet wird. Die Übeltäter können handeln, ohne die Behörden fürchten zu müssen. Die Gendarmen, die einzigen, die der Holzmafia standhalten konnten, haben nicht mehr das Recht, Kontrollen durchzuführen. Sie wurden durch bestechliche Forst- und Gemeindebeamte sowie lokale Polizei ersetzt. Die Geldstrafen für forstliche Delikte stellen nur einen ganz kleinen Prozentsatz der Summen dar, die durch den Verkauf illegal geschlagenen Holzes gewonnen werden.
Die am meisten von der Entwaldung betroffenen Departemente sind Harghita und Covasna im Zentrum und Maramures im Norden Rumäniens. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass der jetzige Verteidigungsminister Mircea Dusa die Holzmafia im Departement Harghita leitet. Ansonsten sind in dieser Region die Politiker der ungarischen Volksgruppe in den Holzdiebstahl verwickelt. Der bekannteste ist Attila Verestoy, genannt «Cherestoy» oder auch «die Motorsäge Gottes», in Anlehnung an den Hunnenkönig Attila, der « die Peitsche Gottes» genannt wurde.
Obwohl die offiziellen Stellen nur eine schwache Verminderung der Waldfläche eingestehen, so wurde der Wald Rumäniens in den letzten 23 Jahren doch in seiner Quantität und Qualität enorm verringert mit den daraus folgenden schweren Konsequenzen für den natürlichen Lebensraum der Menschen und Tiere. Auch die Flächen der Naturparks, wo jegliche Forstwirtschaft verboten ist, schrumpft von Jahr zu Jahr. So verloren diese geschützten Zonen zwischen 2008 und 2012 380.000 ha.

Rücksichtsloser Holzexport

Rumänien ist ein grosser Holzexporteur. 2011 wurden fast 5.000.000t Holz und Holzprodukte ausgeführt, vor allem in die arabischen Länder, die Türkei, nach China und Japan. Die grössten europäischen Abnehmer sind Italien, Österreich, Ungarn und Deutschland. Da der Preis für Rohholz ständig steigt, erhöhen die Holzhandelsgesellschaften die Einschlagsmenge. Spitzenreiter auf diesem Gebiet sind die österreichischen Firmen Schweighofer2 und Egger. Schweighofer Holzindustrie besitzt vier Holzverarbeitungsstandorte: in Sebes, Comanesti, Siret und Radauti. Dazu wünscht die Firma einen weiteren Standort im Departement Harghita zu eröffnen, was einem Todesurteil der Wälder dieser Region gleichkommen würde. Allein am Standort Radauti setzt Schweighofer 1.500.000 m3 Holz pro Jahr um. Die legale Obergrenze der Einschlagsmenge liegt aber unter 17.000.000 m3 pro Jahr – für ganz Rumänien.
Ein anderes österreichisches Unternehmen, Kronospan, stellt in Sebes jährlich 840.000 m3 Holzfaserplatten und 400.000 m3 MDF (medium density fibreboard, Holzspanplatten) her. 2010 alarmierte die Europäische Kommission Rumänien wegen des Ausstosses von Formaldehyd, das bei dieser Produktion entsteht. Bis jetzt wurden jedoch keine Umweltschutzmassnahmen getroffen.
Die Zerstörung der Wälder kann auch schwere ökonomische Folgen haben. So hat zum Beispiel die Hochebene von Padis im Naturpark Apuseni in den Westkarpaten sehr gute Voraussetzungen für Tourismus. Trotz der Tatsache, dass es sich hier um eine geschützte Zone handelt, wird dort rücksichtslos abgeholzt.

Energie ohne Ökologie

In den letzten Jahren entstanden in Rumänien verschiedenste, nicht ökologische elektrische und thermische Kraftwerke. Neben hunderten von Kleinwasserkraftwerken wo betonierte Kanäle den Wasserlauf zur Produktion «grünen» Stroms zwingen, wurden Biomassekraftwerke gebaut, deren wichtigste Promotoren die grossen Holzhandelsgesellschaften wie Schweighofer sind. So können sie auch noch das Restholz als Brennstoff versilbern. Das Kraftwerk in Radauti, im Besitz von Schweighofer, erzeugt pro Jahr 22 Megawatt Strom und Wärme. Da Schweighofer nun auch Erzeuger «grüner» Energie ist, bekommt das Unternehmen Umweltzertifikate, was das Geschäft noch lukrativer macht.  
Im Jahr 2009 wollte Schweighofer ein Biomassekraftwerk in meiner Geburtsstadt Oradea, Hauptstadt des Departements Bihor, bauen. Der Bürgermeister, dessen Umweltberater ich damals war, lehnte das Projekt ab. Um das Kraftwerk zu betreiben, hätte es die Wälder von Bihor ausgebeutet, gab das österreichische Unternehmen zu. In Oradea abgelehnt, wurde das Vorhaben in der 60 km entfernten Kleinstadt Beius akzeptiert. Diese ist von Wäldern umgeben, die das Kraftwerk versorgen. Schweighofer erklärt, ausschliess- lich die vom Gesetz her erlaubte Menge Holz zu schlagen. Wenn aber Schweighofer schon das Maximum an dem legal verfügbaren Volumen Holz in einer Region beansprucht, heißt das, dass alle anderen Unternehmen und Privatpersonen der Forstwirtschaft auf illegale Schläge ausweichen müssen, was wiederum unweigerlich zur Entwaldung führt.

Bürgerproteste

Im März 2011 stimmte der Stadtrat von Oradea einstimmig einem Projekt zu, das ihm zu Beginn derselben Sitzung von einem der Vizebürgermeister neu vorgestellt wurde. Per Vertrag, dessen Klauseln vertraulich waren, sollte sich die Stadt mit einem nicht genannten Unternehmen an der Errichtung eines Biomassekraftwerks für Wärmegewinnung und elektrischen Strom, mit einer Leistung von 10 Megawatt, beteiligen. Die Investitionen würden sich auf 15 Millionen Euro belaufen. Das Memorandum auf rumänisch und englisch in aller Eile verfasst, strotzte vor Fehlern. Mit populistischen Argumenten versuchte man dieses Projekt als einen Schritt der Stadt zu mehr Ökologie und Energieunabhängigkeit darzustellen. Leute, die das Vorhaben besser kannten, sagten mir, dass das Unternehmen in erster Linie vorsah, den Wald rund um die Stadt dafür zu nutzen. Ich setzte den Bürgermeister daraufhin unter Druck, indem ich ihm erklärte, dass dieses Projekt für die Stadt schädlich sei und dadurch den positiven Effekt all seiner anderen Verwirklichungen zunichte machen würde. Mit der anerkannten Biologin Anna Marossy starteten wir eine Petition, um das Projekt zu stoppen. Wir sammelten fast 700 Unterschriften und brachen einen grossen Medienskandal vom Stapel. Daraufhin organisierte der Bürgermeister eine öffentliche Debatte zu diesem Thema.
An dieser Diskussion nahmen auch Vertreter des österreichischen Unternehmens RES teil. Ich fragte sie, welchen Brennstoff sie verwenden wollen. «Die Menge an Ästen und Totholz der umliegenden Wälder wird für die nächsten 3 bis 5 Jahre reichen», lautete ihre Antwort. Es ist wohl klar, dass kein Unternehmen 15 Millionen Euro in ein Kraftwerk steckt, dessen Lebensdauer nur 3 bis 5 Jahre beträgt. Also fragte ich sie nochmals, wie sie sicher stellen, dass das Holz nicht aus «lebendigen» Wäldern kommt und wie sie der Entwaldung vorbeugen wollen. Sie antworteten, sie würden das Holz von einem zwischengeschalteten Unternehmen kaufen, welches sich um dieses Problem kümmern würde, sie haben damit nichts zu tun. Ich solle mich doch an dieses Unternehmen wenden. Jedoch - dieses Unternehmen existierte noch gar nicht!
Infolge der öffentlichen Diskussion und der Petition wurde das Projekt stillschweigend fallengelassen. Möglicherweise zog sich die österreichische Firma zurück, als sie der Feindseligkeit innerhalb der öffentlichen Meinung gewahr wurde. Ab diesem Moment änderte sich die Energiepolitik in Oradea – der Stadtrat unterstützt jetzt den Wechsel von Kohle auf Gas um die Stadt zu heizen. Der Grund dafür ist klar: Der Bau eines Gaskraftwerks, dessen Kosten auf 53 Millionen Euro aus öffentlicher Hand geschätzt werden, wirft etwas mehr an Provisionen für die Politiker ab, als ein Biomassekraftwerk um nur 15 Millionen Euro. Ausserdem stimmten die Politiker einigen Vorhaben zur Erforschung und Nutzung von Schiefergas in der Umgebung Oradeas zu, welches dann das Kraftwerk versorgen soll. Seit März 2013 protestieren die Bewohner Oradeas gegen die Gewinnung von Schiefergas.
Seit Beginn September finden überall in Rumänien Demonstrationen zu einem anderen Thema statt: zehntausende Bürger protestieren gegen das grösste Tagbauprojekt Europas mittels Zyankali – den Goldabbau in Rosia Montanã. Zu den Protesten gegen den Goldabbau gesellen sich immer mehr Stimmen, die von der Regierung einen Wechsel ihres Verhaltens gegenüber der Umwelt und des natürlichen Erbes fordern. In Oradea haben wir folgende Änderungen verlangt: Aufgabe des Vorhabens in Rosia Montanã, Verbot des Mineralienabbaus mittels Zyankali in Rumänien, Verbot der Gewinnung von Schiefergas in Rumänien, Aufgabe der Vorhaben von Kleinwasserkraftwerken, welche die Wasserläufe zerstören, Verbot von GVO, konkrete Massnahmen gegen die Plünderung der Wälder, Reduzierung des Einschlags- und Exportvolumens von Holz und zu guter Letzt – eine Klausel in der Verfassung, dass der Umweltschutz zur Pflicht des Staates wird. Vielleicht scheinen unsere Forderungen und unser Kampf idealistisch. Aber wir können der Aggression der umweltschädlichen Industrie kein Ende bereiten, wir können in keiner besseren, sauberen Welt leben, wenn wir nicht Idealisten sind, wenn wir nicht den Mut haben, Kämpfe zu führen, die den Anschein haben, von vornherein verloren zu sein.

(1) Publizist und Blogger (orlandobalas.wordpress.com) aus Oradeo/ RO

verfasst von Orlando Balas,  19.11.2013, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 220 (11/2013)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 220 (11/2013)

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