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Ein Projekt für junge Roma in Belgrad

In der Archipel-Nummer 227 (Juni 2014) haben wir über ein Austauschprojekt für junge Roma und ihre Freund_innen aus drei Ländern - Serbien, Frankreich, Deutschland - informiert. In dieser Ausgabe möchten wir Ihnen einige Neuigkeiten berichten.
Diese Initiative, die auf freundschaftlichen Beziehungen zwischen serbischen Roma (die 2003 von Deutschland nach Serbien «rückgeführt» wurden) und deutschen Aktivist_in-nen für ein Bleiberecht für Roma basiert, hat seit 2012 nun schon mehrere Treffen organisiert. Das letzte in der Serie fand letzten Sommer in Belgrad statt (siehe Archipel Nr. 230), wo sich über zwanzig Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren während einer Woche zusammen mit einer Hip-Hop-Gruppe aus Belgrad (Roma Sijam) zum Thema Diskriminierung durch Tanz, Theater und Video auseinandergesetzt haben.1 Neue Projekte sind geplant, einerseits ein neues Jugendtreffen im Sommer 2015 in Marseille, auch ein Frauentreffen2 und ein Fortbildungsseminar für Erwachsene (speziell für Erzie-her_innen, Lehrer_innen u.a.) zum Antiziganismus in Europa. Keine Langeweile in Aussicht!
Vojni Put: eine informelle Siedlung
Einer der markantesten Momente des Treffens im vergangenen Sommer war der Besuch des Wohnviertels Vojni Put, in der Vorstadt Belgrads, Zemun, in dem unsere Roma-Freunde_innen wohnen. Dies ist das alte Wohnviertel der Roma in Belgrad, aufgebaut ohne jegliche Baugenehmigung seit 1957. Hier haben sich Tausende von Roma-Familien niedergelassen, die aus den Nachbarländern und -regionen heranströmten, um sich ein besseres Leben im Jugoslawien Titos zu suchen. Sie haben hier kleine, bescheidene Häuschen gebaut; oft leben grosse Familien in zwei bis drei Räumen, die kaum isoliert und im Winter schlecht beheizbar sind. Es ist das grösste illegale Viertel Belgrads. In Vojni Put sind die Strassen selten asphaltiert, und die städtischen Dienstleistungen, Wasser bzw. Abwasser oder Müllabfuhr, funktionieren nur sehr unregelmässig. Ungefähr 6.000 – 8.000 Roma leben hier, die meisten von Gelegenheitsjobs oder diversem Handel. Man fühlt sich wie in einem kleinen Dorf und ein Geist von Gemeinschaft und Solidarität ist allgemein zu spüren. Alle kennen sich, was sicher auch seine Nachteile haben kann. Ich habe dieselbe Stimmung wie in den Vorstadtvierteln von Venezuela gespürt, ausser dass es hier weniger Basisorganisation gibt.
Man muss hinzufügen, dass dieses Viertel weit bessere Lebensbedingungen kennt als die ungefähr 150 Slums, in welchen die während des Jugoslawienkrieges und vor allem nach dem Nato-Einsatz aus dem Kosovo zugezogenen Roma leben. Dort ist die Misere unbeschreiblich.
Djandi-Djando: Hilfe zur Selbsthilfe
Unsere Freunde Iva und Nedjat Sinai und ihre drei Töchter sind hier gelandet, nach ihrer «freiwilligen» Rückkehr 2003 aus Deutschland. Sie haben hier das kleine Häuschen von Stanka, der Mutter Nedjats, und seines Bruders, wiederbezogen. In diesem Viertel haben sie 2011 den Verein Vakti (= «es ist Zeit», siehe auch unter vakti.org) gegründet, welcher versucht, kulturelle und bildungsergänzende Aktivitäten für die Roma-Kinder zu organisieren. Die wichtigste Aktion von Vakti waren in der ersten Zeit seines Bestehens die internationalen Jugendtreffen. 2014 wurde dann das Programm Djandi-Djando («die/der Schlaue»)3 mit Hilfe von deutschen und französischen Partnerorganisationen und Einzelpersonen ins Leben gerufen. Während sechs Monaten, von Januar bis Juni, konnten ca. 30 Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren jeden Tag von der organisierten Hausaufgabenunterstützung profitieren. Es gab während einiger Stunden Nachhilfe in serbischer Sprache und in Mathematik. Dies sind die problematischsten Fächer für die Roma-Kinder, da viele von ihnen nicht sehr gut serbisch sprechen, da sie oft einige Jahre im Ausland mit ihren Eltern gelebt hatten. Ausserdem ist die Diskriminierung in der Schule und in der Gesellschaft allgemein immer noch ein grosses Problem in Serbien (siehe obigen Artikel von Bozidar Jaksic). Nedjat, der ohne Arbeit war, hatte die Hausaufgabenbetreuung übernommen und konnte dafür bezahlt werden. Mehrere Freund_in-nen beteiligten sich auch freiwillig an dem Projekt. Sowohl die Kinder als auch ihre Eltern waren mit Enthusiasmus dabei. Der Ort war auch ein kleines Kultur- und Sozialzentrum geworden. Es wurde gesungen, musiziert und kleine Feste wurden gefeiert. Und die Kinder bekamen jeden Tag am Nachmittag etwas Kleines zu essen.
Patenschaften gefragt
Ich spreche in der Vergangenheit, denn seit September 2014 mussten die Nachhilfestunden eingestellt werden, da nicht mehr die nötigen Mittel vorhanden sind. Die Aktivität kann nur weitergeführt werden, wenn neue Unterstützung gefunden werden kann. Die deutschen und französischen Partnerorganisationen (Balkanbiro und L’Artichaut aus Marseille) suchen neue Unter-stützer_innen. Wir suchen vor allem Patinnen und Paten, die bereit sind, monatlich eine bestimmte Summe einzubezahlen. Aber auch jeder punktuelle Beitrag zählt!*


Kontaktadresse: johanna.bouchardeau(at)gmail.com
* Spenden an: balkan:biro e.V.,
Kontoinhaberin: Katrin Schnieders
IBAN: DE95 4005 0150 0034 3824 24
BIC: WELADED1MST,BLZ: 40050150
Kontonummer: 34382424
Betreff: «Djandi-Djando Belgrad»
1. Sie können die DVD «Grenzenlos werden» (auf Deutsch, Französisch, Serbisch und Romanes) über die Sommertreffen und die Arbeit zu Diskriminierung bei obiger E-Mail-Adresse bestellen.
2.Für das Frauentreffen, bei dem Roma-Frauen aus Serbien, Deutschland und Frankreich Nicht-Roma-Frauen begegnen, suchen wir Frauenorganisationen und NGOs, die eine solche Initiative unterstützen würden.
3. Video und Fotos über Djandi-Djando unter: www.vakti.org.

verfasst von Johanna Bouchardeau,  30.03.2015, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 235 (03/2015)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 235 (03/2015)

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