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El Ejido, 10 Jahre danach, 1. Teil

Im Februar haben das Sozialforum von Almeria und das SOC eine Reihe von Veranstaltungen organisiert um des 10-jährigen "Geburtstages" der Ausschreitungen zu gedenken, die vor 10 Jahren ausgebrochen waren. Die Debatten versuchten der Frage der Herkunft und der Gründe für diese Gewaltausbrüche nachzugehen und aufzuzeichnen was sich, bzw. wie wenig sich seither verändert hat. Das EBF hat daran teilgenommen. Dieser Artikel basiert vor allem auf den Zeugenaussagen von Hafid Arrachidi, der 1987 in Eljido angekommen war und von Cherif, einem jungen Senegalesen, der das Elend und die enorme Ausbeutung beschreibt, die im Plastikmeer von Almeria vorherrscht.


Einmal mehr befinde ich mich nach einem Aufenthalt in diesem «univers concentrationnaire» [1] von Treibhäusern, Armut, Ausbeutung und Rassismus vor dem Computerbildschirm. Nach wie vor reden die fanatischen Anhänger von Plastik, Pestiziden und geschmacklosem Gemüse von einem ökonomischen Wunder. Einmal mehr dieses Gemisch von Gefühlen, die Abscheu angesichts der Arroganz und der tagtäglichen Engstirnigkeit der Mehrheit der Gemüsetunnelbesitzer, der allgemeinen Gleichgültigkeit des lokalen Umfelds, einer eintönigen, völlig künstlichen Umwelt ohne Schönheit. Aber auch in tiefer Verbundenheit mit einer kleinen Gruppe von Beharrlichen vom SOC [2] und befreundeten Vereinen [3], die weiterhin versuchen das Los von Tausenden von ausländischen Arbeitern zu verbessern.

Für das Europäische Bürgerforum beteiligten wir uns (Lourdes und ich) an den vom Sozialforum von Almeria organisierten Veranstaltungen, in Erinnerung an die gewalttätigen Ausschreitungen vor zehn Jahren in El Ejido im Februar 2000. Vier Diskussionen fanden statt, zuerst im Lokal des SOC in El Ejido, danach an der Universtät von Almeria und schließlich im Saal «Juan Goyti-solo» [4] in der Nähe des Hafens der Stadt.

In den Debatten wurde versucht, die Geschichte nachzuzeichnen, die Gründe und Konsequenzen dieser Gewaltexplosion zu verstehen und eine Bilanz über die Entwicklung seither zu erstellen: In den letzten zehn Jahren hat sich leider nur wenig geändert. Für Hafid Arrachidi [5] sind zwei Ereignisse anfangs der 1990er Jahre wesentlich, um die weitere Entwicklung zu verstehen:



«1990 kamen zahlreiche Immigranten in die Gegend, und 1991 fand eine Regularisierung statt, die vielen Leuten ermöglichte, ihre Rechte einzufordern. Vorher besaßen nur sehr wenige eine Aufenthaltsbewilligung. Die meisten hatten keine Papiere und konnten keine Ansprüche auf Rechte geltend machen. Erst nach der Regularisierung von 1991 begannen wir uns zu organisieren. Wir wollten unsere Rechte einfordern und unsere Situation verbessern. Wir fanden nämlich hier die gleiche Situation vor, die wir in Marokko hinter uns gelassen hatten: einen Lohn, mit dem man nicht würdig leben konnte, miserable Wohnverhältnisse, Arbeitsrechte, die nicht respektiert wurden... In der marokkanischen Gemeinschaft befanden sich Leute, die wegen ihres gewerkschaftlichen Engagements oder weil sie in Studentenorganisationen aktiv waren, in Marokko im Gefängnis gesessen hatten. Es waren nur wenige, aber es gab sie. Dies machte es möglich zuerst kleine Gruppen zu formen, um die Organisation des Kollektivs zu verstärken. Ab 1992 kämpften wir mit Aktionen für unsere Rechte.»


Hafid erzählte uns von zahlreichen Besetzungen, Demonstrationen und anderen Aktionen, die das selbst organisierte Kollektiv in den 1990er Jahren durchführte. Ein weiteres wichtiges Ereignis:


«Die Rechte mit der Parti Popular (PP) übernimmt 1992 die Macht in der Stadt El Ejido, angeführt vom Bürgermeister, Juan Enciso. Diese Partei vereint in sich verschiedene politische Strömungen. Juan Enciso gehört zu den traditionellen, frankistischen und faschistischen Rechtsextremen, die vom PP absorbiert wurden. Dies war der Anfang einer feindseligen Politik gegenüber den Marokkanern. Zuerst wurden sie aus bestimmten Wohnquartieren vertrieben, unter dem Vorwand mangelnder Hygiene. Das marokkanische Kollektiv wehrte sich gegen diese fadenscheinig begründeten Zwangsversetzungen. Die politische Konfrontation zwischen dem Kollektiv und der Stadtverwaltung von Juan Enciso, der heute wegen Veruntreuung von Geld im Gefängnis sitzt, fand hier ihren Anfang. Wir hätten es vorgezogen, dass er aus anderen Gründen ins Gefängnis gesteckt würde, zum Beispiel für Apologie des Rassismus, für seine verheerende Politik, für seine Verantwortung am Aufruhr im Jahre 2000. Aber leider ist dies nicht der Fall, ähnlich wie bei Al Capone, der nicht für seine Gewalttaten eingekerkert wurde, sondern aus steuerlichen Gründen.»


Die Politik von Juan Enciso – selbst Besitzer von Gemüsetunnels – besteht darin, die Marokkaner aus dem sozialen Stadtleben völlig auszugrenzen. «Er sagte, früh um sechs habe es zu wenig Arbeiter, um alle Bedürfnisse der Arbeitgeber zufriedenzustellen;  um sieben Uhr abends hingegen seien sie zu zahlreich; es wäre besser, sie würden verschwinden.»


Februar 2000


Die Krawalle vom Februar 2000 sind der Höhepunkt der antimarokkanischen Kampagne der Stadtregierung, der Triumph der Kreise um Juan Enciso.


«Immer litten wir unter den Aggressionen seitens der Bevölkerung. Wir wussten, dass die Bürgermeisterei die einheimische Bevölkerung für rassistische Ausschreitungen vorbereitete. Das Lokalfernsehen war auch mit dabei. Wir spürten, dass da irgendetwas im Anzug war. Niemals hätten wir jedoch gedacht, dass es solche Dimensionen annehmen würde. Die Stimmung war seltsam. Unaufhörlich wurde in den lokalen Fernsehstationen zu Gewalttaten aufgewiegelt, sie manipulierten die öffentliche Meinung. Ich hatte ein ungemein schlechtes Gefühl. Wir erwarteten gespannt, was sich da zusammenbraute. Plötzlich sah ich eine Masse von Männern, Frauen und Mädchen zu unserem Haus strömen. Im Parterre unseres Hauses befand sich meine Metzgerei, die Anschriften waren in spanisch und arabisch. Zuerst zertrümmerten sie zwei Türen und warfen Steine. Drinnen zerstörten sie alles. Sie schmissen das Fleisch auf die Strasse. Vieles wurde auch gestohlen, von den Leuten mitgenommen. Die Polizei auf der anderen Straßenseite schaute untätig zu. Während drei Tagen waren wir von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Die Menschenjagd war schrecklich. Das Ganze war gut organisiert. Die Einwohner versammelten sich mehrere Male, um sich die Aufgaben aufzuteilen. Sie griffen in der ganzen Gegend um El Ejido Häuser, Geschäfte und Höfe an, wo Marokkaner wohnten. Sie sperrten sogar die Zugangsstraßen und die Autobahn ab, die nach El Ejido führen, um fremden Journalisten den Zugang zu verwehren.»

Die Immigranten organisieren sich


Drei Tage lang brutale, systematische, gut organisierte und geplante Gewalt, vor allem gegen die Marokkaner, die am besten integriert waren; einige waren mit spanischen Frauen verheiratet. In der Folge organisierten die Immigranten einen Generalstreik, der fast eine Woche dauerte. «Dies war erfolgreich, wir lähmten die Produktion. Es gab Millionenverluste. Wir zwangen die Unternehmer und die Behörden ein Abkommen zu unterzeichnen. Zum ersten Mal waren es nicht die großen Gewerkschaften, die mit den Arbeitgebern verhandelten. Die Protagonisten waren die selbst organisierten Immigranten, die Gewerkschaften waren abwesend, wir waren an vorderster Front.»

Dieses Abkommen vom 12. Februar 2000 beinhaltete mehrere wichtige Punkte zugunsten der Landarbeiter, die aber nie eingehalten wurden: Die Opfer wurden nicht entschädigt, im besten Falle teilweise, der Großteil der Anfragen zur Legalisierung ihrer Situation wurde abgelehnt, Marokkaner, die ihre Wohnung verloren, überließ man ihrem Schicksal und es wurde auch keine längerfristige Wohnungspolitik eingeleitet. Es gab auch keine Untersuchung, um die Verantwortlichen des Krawalls zu identifizieren und zu verurteilen... «Die Unternehmer und die Behörden wollten nur eins: den Streik beenden. Sie versprachen das Blaue vom Himmel und hielten danach nichts ein.


Ein Ziel der Behörden war auch, die Kontinuität des Kampfes der marokkanischen Arbeiter zu brechen und Immigranten aus anderen Ländern auf den Arbeitsmarkt zu bringen. Aber auch nach zehn Jahren schafften sie es nicht, die Arbeitskräfte zu erneuern. Auch heute ist die Mehrheit der Landarbeiter Marokkaner. Es sind aber nicht jene aus dem Jahr 2000. Marokkaner wurden durch andere Marokkanern ersetzt.»


Konsequenzen


Der Stadtverwaltung gelang es vor allem, das gut organisierte Kollektiv der Marokkaner zu sprengen, das in den 1990er Jahren zahlreiche Aktionen machte. Die meisten von ihnen verließen erschöpft, von Angst und Abscheu geprägt, die Gegend. Andere blieben. Sie schafften es aber nicht mehr, eine gleichwertige Dynamik zu entwickeln.


«Nach dem Jahr 2000 entstanden verwaltungsfreundliche Vereine. Die Behörden wollten keine Vereine, die fähig sind, Situationen zu analysieren und Rechte einzufordern. Sie unterstützten also Vereine als Gesprächspartner, die im Namen der Immigranten redeten, aber keinesfalls die Einwanderungspolitik in Frage stellten. Sie wurden nicht nur von der spanischen Verwaltung unterstützt, sondern auch von den Beamten der marokkanischen Konsulate. Sie stuften alle Vereine, die auf ihre Rechte pochten, als extremistische Organisationen ein.»


Hafid beschreibt die schreckliche Auswirkung dieser Gewaltausschreitungen für ihn und seine Frau:


«Zuerst wollten wir ausreisen. Meine Frau quälte sich damit, ob sie bleiben oder weggehen soll. Sie ist hier geboren und sagte, sie würde niemandem erlauben, mich zu verjagen. Gleichzeitig machte sie den Leuten, die alles ohne jeglichen Respekt zerstörten, Vorwürfe; sie hatte widersprüchliche Gefühle. Wir verloren unseren Besitz. Aber mehr als der materielle Schaden machte uns diese unglaubliche Aggression zu schaffen. Es war ein moralischer und psychologischer Schaden. Man konnte eine solche Aggression nicht akzeptieren. Unter den Leuten, die unser Haus und unsere Metzgerei zerstörten und plünderten, kannten wir einige ganz gut. Wir versuchten die Metzgerei neu aufzubauen. Aber die Moral war angeknackt und der Wille schwach. Während der ersten Zeit waren wir wie gelähmt. Wir können niemals vergessen, was wir erlitten, die Verletzungen sind nicht verheilt. Seit dieser Zeit besuchten wir nur noch selten Räumlichkeiten, Restaurants und Bars der Einheimischen.»

Trotz alledem hat sich die Stadt El Ejido in den letzten zehn Jahren gewandelt. Es gibt heute zahlreiche Bars und Geschäfte im Zentrum, die von Marokkanern geführ werden. Aber diese Quartiere werden ausschließlich von Immigranten besucht. «Es gibt eine soziale Trennung, da gibt es  keinen Raum für Beziehungen zwischen Ausländern und Einheimischen. Es gibt noch viele spanische Geschäfte und Einrichtungen, die Marokkanern den Zugang verbieten oder den doppelten und dreifachen Preis verlangen. Vielleicht hat dieses Verbot das marokkanische Kollektiv veranlasst, eigene Treffpunkte zu schaffen. Man hat viel von Integration der Immigranten geredet. Aber diese Integration ist nicht möglich, wenn unsere sozialen und politischen Rechte, die Arbeitsrechte, das Wahlrecht auf Gemeindeebene und auch die Anerkennung unserer Rechte als Mitbürger nicht respektiert werden.»

Um das heutige Leben der ImmigrantInnen im Plastikmeer besser zu verstehen, haben wir Cherif, einen jungen Senegalesen, der hier am Aus- und Weiterbildungsprogramm der SOC teilnimmt, im Lokal "Ascen Uriarte" in Nijar getroffen. Wir sprachen auch mit einer Gruppe rumä-nischer Leute, die in Tabernas, 40 km in Richtung der Berge, Opfer von mehrfachem arbeitsrechtlichem Missbrauch durch ihren Chef geworden waren.
Cherif: «Ich bin 2008 angekommen, als gerade Leyman Brothers in Konkurs gingen. Die Leute hatten Angst, weil sie von der Krise betroffen waren. Im Baugewerbe gab es keine Arbeit mehr, alle Spanier und Immigranten, die in diesem Sektor beschäftigt waren, haben sich auf die Land-arbeit gestürzt. Ich habe unvorstellbare Arbeitsbedingungen vorgefunden: Die Gewächshäuser sind Arbeitsstätten des Schweisses, oder auch des Bluts. Es gibt in dieser Region zwischen Nijar und El Ejido nichts anderes. Für die Immigranten ohne Papiere befindet sich die einzige Perspektive, ihren Lebenserhalt zu sichern, in den Gewächshäusern.»


Die Frage der Unterkunft



«Was man hier vorfindet ist miserabel, ich zögere noch zwischen miserabel und unmenschlich. Es gibt letztendlich beides. Diejenigen, die keine Arbeit finden, können keine Wohnung anmieten. Also weichen sie auf Plastik aus, sie leben in Chabolas, Hütten aus Plastik, oder sie ziehen in Cortijos, verlassene und verfallene Häuser auf dem Feld, deren Besitzer weggezogen sind. Es sind Wohnungen ohne fließendes Wasser, Strom, ohne Toilette. Jedes Mal, wenn man etwas sieht, sagt man sich: Das ist schlimm, aber beim nächsten Mal sieht man etwas noch schlimmeres. Für mich sind wir hier bereits ganz unten angekommen, aber anstatt etwas zu verbessern, bleibt man dort und bohrt noch etwas tiefer. Die andere Seite ist die Explosion der Mietpreise, die auf Immigranten zukommen. Für eine Wohnung würde man normalerweise zwischen 400 und 500 Euro bezahlen, aber das Minimum, das von einem Migranten erwartet wird, liegt bei 700. Sie nehmen eine Garage: Anstatt Autos unter zu stellen, stellen die Besitzer Betten im Abstand von einigen Zentimetern hin und vermieten jedes für 100 bis 150 Euro im Monat. Sie sind Weltmeister darin, den Raum so gut es geht auszunutzen, das ist noch einträglicher als die Landwirtschaft! »


Arbeitsbedingungen und Anstellungsverhältnisse


«Die Bandbreite der Löhne liegt zwischen 20 und 35 Euro am Tag. Die Arbeitgeber beschäftigen einige MigrantInnen mit Papieren, aber das ist Augenauswischerei. Man nimmt ein oder zwei MigrantInnen mit Papieren und mischt sie mit zehn, dreizehn anderen ohne Papiere. Der Lohnunterschied beträgt zwei Euro. Das dient dazu, öffentlichen Stellen gegenüber sagen zu können, dass man Leute mit Papieren beschäftigt. Was in Wirklichkeit interessiert, sind die Papierlosen, die gefügig sind, Abgaben entrichten, die gehorchen und denen man Tag für Tag für ein einfaches Ja oder Nein etwas abpressen kann. Die Patrons pfeifen auf die hygienischen Bedingungen oder minimale Sicherheitsstandards für die Arbeiter. In den Pausen kommt es vor, dass Leute, die mit Pestiziden gearbeitet haben, ihr Mittagspausenbrot mit ihren Händen essen, die noch schmutzig von den Chemikalien sind. Jeder muss sich selbst informieren. Es gibt keine Kontrolle der Arbeits- und Sicherheitszustände. Wenn die Inspektoren kommen, und sie kommen sehr selten, geht es nur darum, die Papiere der Arbeiter zu kontrollieren. Beim Umgang mit Pestiziden in den Gewächshäusern hat der Arbeiter eine kleine Atemschutzmaske auf der Nase, und die Hände und der Rest des Körpers sind ungeschützt. Die Maske verhindert den Geruch der Pestizide nicht. Ich habe Leute kennengelernt, die direkt bei der Arbeit mit den Pestiziden ohnmächtig geworden sind und andere, die ständig darunter leiden. Der Patron stellt sicher, dass der Arbeiter im Krankenhaus nicht sagt, was ihm passiert ist: 'Sag nicht, dass Du dabei umgekippt bist, sondern dass Du einfach so gefallen bist'. Ohne Vertrag, ohne Bindung, ohne Verpflichtung entlässt der Patron im Falle eines Arbeitsunfalls den Arbeiter, der sich dann woanders Arbeit suchen muss. Wer im Gewächshaus ohnmächtig wird, hat sozusagen seinen Arbeitsplatz verloren. »

Bei den rumänischen Arbeiterinnen


Die Gruppe der 18 Rumäninnen, die wir in Tabernas getroffen haben, und von denen ein Großteil Frauen sind, bestätigen uns die extreme Verachtung, mit der sie ihr Chef behandelt. Sie haben drei Monate gearbeitet, von Oktober bis Anfang Januar, ohne ihren Lohn zu erhalten. Als sie protestierten, wurden sie gefeuert. Sie durften sich nicht waschen oder ihre Pausenmahlzeit einnehmen, es gab kein fließendes Wasser. Nach der Arbeit mit Pestiziden mussten sie sich mit dem Wasser waschen, das sie selbst mitgebracht hatten. Dabei handelt es sich um einen Arbeitgeber, der 40 Gewächshäuser in El Ejido und 15 in Tabernas besitzt. Laura und Abdelkader von der SOC haben mit den zwei spanischen Vorarbeitern gesprochen, die, so die rumänische Gruppe, die ArbeiterInnen permanent übel beleidigt haben. Laura, die juristische Expertin der Gewerkschaft, hat anschließend den Patron in El Ejido angerufen und zudem veranlasst, dass die ArbeiterInnen eine Anzeige erstatten, um ihre Löhne zu erhalten und ihrem Recht Geltung zu verschaffen. Leider hat die Gruppe der Rumäninnen zu spät mit der SOC geredet, um rechtzeitig gegen ihre Kündigung vorzugehen und die Frist von 20 Tagen überschritten. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie viele der ausländischen ArbeiterInnen, in Gruppen oder einzeln, diesen Arbeitsrechtsverletzungen unterworfen sind, ohne von der Existenz der Gewerkschaft zu wissen.


Eine Gewerkschaft


Cherif: «Das Kapital, eine Gewerkschaft zu haben, einen Ort, wo man sich wiederfindet und frei von sich reden kann, von seinen Rechten reden kann. Die Gewerkschaft ist sehr wichtig, aber es ist hier extrem schwierig, gute Ergebnisse zu erzielen. Man kann das Meer nicht mit den Händen aufhalten. Jeden Tag kommen die Leute her, um die Gewerkschaft um Hilfe zu bitten. Sie sagen, dass sie den ganzen Monat gearbeitet haben und ihr Chef sie nicht bezahlen will. Andere verlieren gerade ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht bezahlen können. Manchmal kennt der Arbeiter nicht einmal den Namen seines Arbeitgebers, gerade mal, dass er Juan oder Paco heißt. Die Mehrzahl derer, die aus den subsaharischen Ländern kommen, sind Analphabeten. Sie können die Adresse ihres Chefs nicht angeben. Die Gewerkschaft versucht dennoch ihr Bestes, um den Arbeitern zu ihrem Recht zu verhelfen. »

Hafid: «Derzeit muss man anerkennen, dass die SOC die einzige Gewerkschaft ist, die mit MigrantInnen arbeitet. Es ist die einzige Gewerkschaft, die Fort- und Weiterbildung und gewerkschaftliche Aktivitäten anbietet. Sie ist der einzige Anlaufpunkt für die Migranten in dieser Zone. Es gibt keine massenhafte Beteiligung, aber es ist der einzige Ort, wo man sich treffen, debattieren und sich über seine Rechte informieren kann.

Die Situation der MigrantInnen hier ist sehr schlimm. Ich unterstütze die Arbeit der SOC in dieser Gegend und hoffe, dass man in naher Zukunft Aktivitäten unternimmt, die es uns allen erlauben, aktiv am gesellschaftlichen Leben hier vor Ort und an der spanischen Gesellschaft allgemein teil zu nehmen. Ich hoffe dass es uns gelingt, die Situation der Arbeiter in der Region zu verbessern.»


Ein neuer Gewaltausbruch


Aber die Perspektiven sind eher düster. Bei einem Treffen in der Universität von Almeria wies Francisco Checa, Professor für Anthropologie und Direktor des Instituts für Migrationsforschung, das jüngst gegründet wurde, darauf hin, dass ein neuer Gewaltausbruch in der Region, am ehesten in der Nähe von Nijar, durchaus möglich sei.
Cherif: «Nach meiner Auffassung sind alle Zutaten dafür vorhanden, dass das in Nijar explodiert. Nehmen wir die explosionsartige Ausbreitung der Chabolas, der Plastikhütten; damit verbunden die Anzahl der Immigranten ohne Papiere und ohne Arbeit, ein rechtsgerichteter Bürgermeister, der in bestimmter Hinsicht das Verhalten der Unternehmer willkommen heißt, die die Immigranten arbeiten lassen, ohne sie zu bezahlen. Mit all dem ist eine Explosion von zwei Seiten aus möglich. Die Chabolas sind nicht mehr so weit von den Ortschaften entfernt. Was die schönen Häuser und die schönen Autos von ihnen trennt, sind 50 oder 100 Meter. Die Grenze ist schnell überschritten - von einer Seite oder von der anderen. »
Es ist schwer, unter diesen Umständen Optimist zu sein. Cherif: «Ich denke lieber daran, dass es nach dem Regen schönes Wetter geben wird - aber leider muss man sich etwas anderes vorstellen. Das was in El Ejido geschehen ist, zum Beispiel. Es muss festgestellt werden, dass die Voraussetzungen für Gewalt gegeben sind - dass davor gewarnt werden und dass es verhindert werden muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze lokale Bevölkerung rassistisch ist, der Ausgrenzung und der Apartheid das Wort redet. Ich glaube, dass es hier auch gute Leute gibt, mit denen man reden und denen man die Situation erklären muss. Das wird weder schnell gehen noch einfach sein, aber das ist, was im Bereich des Möglichen übrig bleibt. »


1. Ein Ausdruck von Nicolas Duntze von der französischen Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne während seines Aufenthalts in El Ejido.
2. Sindicato de Obreros del Campo, andalusische Landarbeitergewerkschaft, die über drei Lokale in der Provinz von Almeria verfügt. Das EBF arbeitet seit dem Jahre 2000 mit dem SOC zusammen.
3. Zum Beispiel Almeria Intercultural, Foro Social Almeria...
4. Der Schriftsteller Juan Goytisolo ist einer der wenigen spanischen Intellektuellen, die die Ausbeutung der Immigranten in der Region scharf verurteilten, siehe auch Archipel Nr. 134.
5. Ein Kronzeuge, geboren 1958 in Nador (Marokko). Er kam 1987 nach El Ejido und verheiratete sich mit einer Spanierin (eine der ersten Mischehen in dieser Stadt). Er eröffnete 1995 eine Metzgerei, der erste von einem Marokkaner geführte Laden, der während des Pogroms völlig zerstört wurde. Die Zitate von Hafid in diesem Artikel sind Teil eines langen Interviews, das wir mit ihm geführt haben.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 180 (03/2010)

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