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Filmfestival in Uschgorod

Trotz der unruhigen Zeit in der Ukraine nahmen wir die Einladung zum 3. Filmfestival des Komitees der Medizinischen Hilfe in Transkarpatien (CAMZ) am 24. Januar 2014 in Uschgorod, gemeinsam mit dem  Schweizer Filmemacher Fernand Melgar, gerne an.
Bei unserer Abreise aus der Schweiz erfuhren wir, dass drei junge Männer in der Nacht auf dem Maidan in Kiew erschossen worden waren. Die Ukraine war unter Schock. Am nächsten Tag wurde bereits in den größeren Städten Transkarpatiens demonstriert. Auch für die sonst so geduldige Bevölkerung dieses Teils der West-Ukraine war das Fass übergelaufen. Die Wut und der Wille, sich gegen jede Art von Vormundschaft und Machtmissbrauch, gegen diese durch und durch korrupte Oligarchen-Herrschaft zu wehren, waren auf dem Maidan von Uschgorod deutlich zu spüren. Unsere Freund_innen auf dem Land hatten gerade ein großes Lebensmittelpaket aus eigener Produktion nach Kiew geschickt.
Wir hatten ein dichtes Programm: Nach einem Termin beim Regionalradio mit Fernand Melgar gab es eine Pressekonferenz über das Filmfestival, an der zehn, zumeist junge Journalist_innen teilnahmen. Danach besichtigten wir die Flüchtlingshaftanstalt in Tschop*. Am Nachmittag trafen wir uns mit einigen Aktivisten-innen vom CAMZ in ihrem Büro zu einem Gespräch über die politische Situation in der Ukraine,
Am Abend fand das Filmfestival statt; jedoch nicht als festliche Veranstaltung, sondern als Solidaritätskundgebung. Nach einigen Kurzfilmen junger, werdender Filmemacher, wurde der Film «vol direct» von Fernand Melgar gezeigt. Die Diskussion danach mit den zahlreichen, vor allem sehr jungen Besucher_innen, war lang und interessant.
Am nächsten Tag besprachen wir die weitere Zusammenarbeit zwischen dem CAMZ und dem EBF. Am späten Nachmittag füllte sich das Büro mit jungen Studierenden, die unendlich viele Fragen an Fernand Melgar hatten. Gerade in dieser politisch zugespitzten Situation ist die Frage, ob durch Filme etwas verändert werden kann, besonders brisant. Melgar stellte auch die Zusammenhänge zwischen der Flüchtlingspolitik in der Schweiz, in Europa und den Ländern an der Peripherie Europas, an den neuen Außengrenzen, dar:
«Mein Film spricht von Menschen, die auch von Europa träumen. Sie enden in Gefängnissen für Immigrant_innen, ohne irgendein Delikt begangen zu haben, außer in Europa leben und arbeiten zu wollen. Sie sind vor Krieg und Armut geflüchtet und haben gehofft, ein besseres Leben zu finden. Auch Ukrainer_innen können darunter sein. In Europa und in der Schweiz gibt es zwischen 300 und 400 solcher Haftanstalten. Europa führt einen Krieg gegen Flüchtlinge. Gleichzeitig können wir einen massiven Anstieg von Nationalismus und Xenophobie beobachten. Europa benützt Länder wie die Ukraine, um seine Grenzen auszulagern und so die Migrant_innen möglichst fern zu halten. Europa ist eine Falle! (…)
Man kann heute sehen, dass in mehreren Ländern, in denen die Bevölkerung sich auflehnt, der Weg zu Freiheit und Demokratie schwierig und kompliziert, lange und schmerzhaft ist. Der Traum von Europa ist nur eine Illusion und – vor allem – eine Desillusion.»
Inzwischen ist die Gewalt auf dem Maidan in Kiew eskaliert. Wir können heute nicht abschätzen, wie es weitergehen wird in der Ukraine und ob es den Menschen, die jetzt noch gewaltfreien Widerstand leisten, gelingen wird, wirklich mehr Freiheit und Unabhängigkeit von inneren und äußeren Mächten zu erkämpfen. Jedenfalls werden wir weiter mit parteiunabhängigen Projekten wie dem CAMZ, die an Ort und Stelle aktiv sind, zusammenarbeiten.

*Ein detaillierter Reisebericht kann beim EBF (Michael Rössler) bestellt oder ab Ende März auf unserer Webseite gelesen werden.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 224 (03/2014)

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