FORUM: Brief an einen Freund
ute


Wir lernten den kurdischen Rechtsanwalt Hüseyin Yildirim zu Beginn der achtziger Jahre kennen. Er war gerade den türkischen Gefängnissen entkommen, wo er fast ein Jahr eingesperrt war, weil er Kurden vor türkischen Militärgerichten verteidigt hatte. Damals hatten wir als Mitglieder des Europäischen Komitees zur Verteidigung der Flüchtlinge und Gastarbeiter, CEDRI, viel mit türkischen und kurdischen Flüchtlingen in Europa zu tun.


Von seinem schwedischen Asyl aus kämpfte Hüseyin Yildirim weiter für die Sache Kurdistans. Unsere Wege haben sich gekreuzt. Aus politischem Engagement ist Freundschaft entstanden.


Diejenigen von Ihnen, die ihn anlässlich eines Kongresses des CEDRI oder des EBF getroffen haben, erinnern sich sicher an ihn. Vielleicht haben einige von ihnen sein Buch "Ema Lenge"* über die Massaker in Kurdistan in den dreißiger Jahren gelesen.


Im folgenden Text erzählt Hüseyin Yildirim seine Begegnung mit Mitgliedern des CEDRI und Longo Mai, zwei Bewegungen, die das Europäische Bürgerforum mitbegründet haben. Es ist ein sehr persönlicher Text, in Form eines Briefes an den kürzlich verstorbenen Mathieu Furet, einem der Gründer des EBF.


Hüseyin hat uns gebeten, ihn zu veröffentlichen.


Die Redaktion


Lieber Mathieu,


Wo bist Du jetzt? Auf den Gipfeln der Berge oder im blauen Himmel? Seit Du nicht mehr bist, haben die Welt, das Leben, die Gespräche und selbst die Atmung für mich nicht mehr denselben Geschmack. Ich vergesse sogar zu lachen. Ich bin um zehn Jahre gealtert. Meine Beine zittern. Ich bin ein Vulkan, bereit auszubrechen, wenn ich an Dich und an unsere Freundschaft denke. Schau, ich weine schon wieder. Meine Feder reicht nicht aus, um die Erinnerung an Dich zu erfassen. Ich weiß, dass Du Dich ärgern wirst, wenn Du das hörst. Bitte, ärgere Dich nicht. Weißt Du, ich bin nicht so stark wie Du.


Meine Heimat ruft mich dieser Tage ständig. Ist es die Ankündigung des Todes? Aber nein, ich verspreche Dir, ich werde noch lange mit allen meinen Kräften dem Tod, der früher schon mehrere Male an meine Tür geklopft hat, widerstehen. Ich habe mich immer geweigert, ihm zu öffnen. Ich werde nicht vor ihm kapitulieren. Selbst wenn ich im Rollstuhl wäre, ich würde einen Blumenstrauß für Dich kaufen und einen anderen für mich. Und ich liefe zu Zoes Hochzeit und küsste sie auf beide Wangen und bewegte dann meine Arme zum Tanz.


Mathieu, wir haben keinen kalten Grabstein für Dich aufgestellt, wir haben einfach einen Mandelbaum gepflanzt, der von Deiner Asche leben wird. Mit der Zeit wird er wachsen, Zweige bekommen und Blüten. Ich werde mich in seinen Schatten legen und seinen angenehmen Duft tief in meine alten, müden Lungen einatmen. Dann werde ich aufstehen und das Lied „kirmizi gul demet demet" (Sträusse von roten Rosen) singen, das Du so gerne hattest. Deine liebe Ulli hat mir etwas versprochen: An dem Tag, an dem ich mich vom Leben verabschiede, wird ein anderer Baum neben Deinen gepflanzt. Vielleicht werden sich seine Zweige mit Deinem vermischen, vielleicht werden sie sich berühren. Dann geben wir uns die Hand und sagen „Guten Tag, mein Freund".


Weißt Du, Mathieu, wichtig ist nicht die Dauer des Lebens. Ob es kurz oder lang ist, was soll’s. Wichtig ist, was wir hinterlassen: Freundschaft, Werte, Erinnerungen, Liebe. Du hättest sehen sollen, als wir den Mandelbaum für Dich pflanzten. Deine Freunde bildeten einen Kreis um Dich. Es war, als wären alle ihre Herzen nur eines. Man sah denselben Schmerz und denselben Kummer auf ihren Gesichtern. Das nennt man lieben und geliebt werden, Mathieu. Derjenige kann glücklich sein, der wie Du so eine Liebe und so eine Freundschaft hinterläßt.


Mathieu, ich bin in einem Land geboren, das die tyrannischen Kolonialherren zu Blut und Asche gemacht haben, ohne Unterschied zwischen Frauen und Männern, Alten und Jungen. Als Kind ging ich barfuß und hatte Hunger. Später habe ich studiert und nebenbei gearbeitet. Ich habe also weder meine Kindheit noch meine Jugend richtig leben können. Schließlich studierte ich Jus, dann hat man mir eine Anwaltsrobe angezogen. So hatte ich plötzlich große Verantwortungen zu tragen. Ich wählte den schwersten, aber gerechtesten Weg. Ich lehnte mich auf gegen Ungerechtigkeit und Tyrannei. Im Gefängnis wurde ich mit allen bekannten Methoden gefoltert. Ich hatte nur noch Haut und Knochen. Trotz allem, Mathieu, konnten sie mich nicht von meinen Überzeugungen abbringen. Ich widerstand und unterwarf mich nicht. Nach 11 Monaten ließen sie mich frei und sagten: „Geh, wenn du noch überleben kannst."


Der Terror der Tyrannen hat mich ins Exil getrieben. Doch auch dort hatte ich keine Ruhe vor ihnen. Sie bezeichneten mich als „Gehirn der Terroristen" oder als „Mörder von Olof Palme", um mich wieder ins Gefängnis zu sperren. Sie komplottierten gegen mich, schossen auf mich. Siehst du, wie die Tyrannen denken, Mathieu. Sie befanden, dass meine Kenntnis von den universellen Rechten der Menschen und von den Gesetzen der Bourgeoisie, so deformiert sie auch sind, Beweise für meine Schuld war.


Wenn die großen Ideale, an die man glaubt, plötzlich zusammenbrechen, verliert das Leben seinen Sinn. Das habe ich auch erlebt, Mathieu. In diesen schweren Tagen habt Ihr mich mit offenen Armen aufgenommen, Du und Deine Freunde. Ich fühlte mich wohl bei Euch. Ich liebte Dich, Deine Freunde, Eure Kinder, Eure Katzen und alles, was zu Euch gehörte.


Mathieu, die Luxuswelt der Tyrannen ist unecht. Dort gibt es weder Freundschaft noch Liebe unter den Menschen, sondern nur Misstrauen, Angst und Qual. Unsere Welt ist echt, es gibt Vertrauen, Liebe und Freundschaft. An unserem Tisch gibt es kein Brot, das auf ungerechte oder unerlaubte Art verdient wurde. An unserem Tisch gibt es das, was aus dem Schweiß unserer Arbeit und dem Licht unserer Augen entstanden ist. An unserem Tisch treffen sich Arbeiter, Bauern und alle, die von ihrer Arbeit leben. Sein Reichtum ist der Spiegel unserer Herzen. Deine Arbeit und die Deiner Freunde wurzelt in der Erde. Dieser Tisch der Freundschaft wird ewig währen und immer echte Freunde um sich versammeln.


Lieber Mathieu, wir haben schwere Zeiten erlebt, aber auch schöne Tage. In den schweren Zeiten warst Du immer an meiner Seite. Du warst der erste, der nach Stockholm kam, als ich verhaftet wurde. Uns wieder der erste, der mich im Spital besuchte, als ich verletzt wurde. Du hast Dein Taschengeld mit mir geteilt. Von dort, wo du gerade warst, schicktest Du mir ein paar Zeilen, um mich zu ermutigen. Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst: Du warst in Mali und ich in den Karpaten. 1997 schicktest Du mir eine Ansichtskarte von der Moschee Al-Ashar. Nicht die Schönheit des Bauwerks, sondern Deine herzlichen Worte sind mir in Erinnerung geblieben. Ich werde die Karte behalten, als Andenken an deine freundschaftlichen und herzlichen Zeilen, wie ein heiliges Objekt, das man mir anvertraut hat.


Es war vor zwölf Jahren. Die Sache Kurdistans, der ich mein Leben gewidmet hatte, wurde in Damaskus und an anderen Orten verhandelt. Die Stadt Damaskus, die sogar den großen Sultan, Saladin den Kurden, verraten hatte, konnte sie für uns eine Verbündete sein? Nein, sie wurde zum Grab der Kurden, Mathieu. Jeder Schlag traf mich. Ich war nicht mehr derselbe. Ich war mir meiner Existenz nicht mehr bewusst. Ich war irgendwie verletzt, Mathieu. Überwältigt, wollte ich mir sogar das Leben nehmen. Und Du hast das gemerkt. Du legtest Deine Hand auf meine Schulter und sagtest freundschaftlich: „Hüseyin, Du gehörst zu uns, Du bist bei uns!" Deine Stimme zitterte. Ich drehte mich um und sah in Deine Augen. Du weintest, Mathieu. Erschüttert weintest Du über mein Schicksal. Deine Tränen haben mich fürs Leben geprägt. Ich verstand die Größe und die Tiefe der Freundschaft. So wurdet Ihr und ich unzertrennlich.


Zur Zeit erzähle ich mein Leben. Ich weiß nicht, wie ich Dich und Deine Freunde darstellen soll. Die Worte reichen nicht aus. Die Liebe und die Freundschaft der Menschen gehen über die Grenzen der Welt hinaus, Mathieu. Ja, Du warst von Geburt Franzose, aber Du warst gleichzeitig Afrikaner, Palästinenser, Vietnamese und Lateinamerikaner. Mit meinen Freunden spreche ich von Deiner Freundschaft, von Deiner Menschlichkeit und Deiner Unnachgiebigkeit gegenüber Ungerechtigkeiten. Ich sage Ihnen, dass ein großer Stern aus Moral, Liebe und Freundschaft von den Alpen zum Berg Ararat gleitet.


Ah, Du bist so überstürzt gegangen, Mathieu. Ich wollte in meine Heimat zurückkehren. Und ich wollte Dich und andere Freunde dorthin einladen. Wir hätten einen Tisch der Freundschaft in der Nähe der Quelle des Munzur aufgestellt, dort wo der Euphrat entspringt, der den Völkern von drei Ländern Leben schenkt. Ich hätte Dir Buzbagi-Wein angeboten, den Du sicher gerne getrunken hättest. Wir hätten auf die Freundschaft angestoßen und wären um zehn Jahre jünger geworden.


Das alles hat nicht so kommen sollen, Mathieu. Aber ich verspreche Dir: Auch wenn Du nicht mehr bist, werde ich in mein Land zurückkehren. Vielleicht werden mich die Tyrannen einfangen. Aber ich werde ihnen ins Gesicht spucken. Wenn es möglich ist, werde ich ein kleines Haus bauen lassen, das ich „das Haus der Freunde" nennen werde. Darin werde ich ein Foto von Dir aufhängen. Dann lade ich die Mutter Deiner drei kleinen Blumen ein, die liebe Ulli, so stark und mutig wie Du und unsere anderen Freunde. Wir werden den Tisch der Freundschaft bei der Quelle des Munzur aufstellen, wo das Wasser so fleckenlos wie Milch ist. Einen Stuhl lassen wir für den Ehrengast, für Dich, und wir trinken auf die große Freundschaft.


Danach steige ich auf den Gipfel des Munzur auf 4000 Meter Höhe. Von dort aus betrachte ich die Landschaft von Dersim, die mir so gefehlt hat. Ich setze mich auf einen Felsen beim Eissee. Ich sehe in das klare Wasser des Sees und denke an die Tage unserer Freundschaft. Dann öffne ich dem Tod meine Tür. Wie man bei uns sagt, wenn der Tag gekommen ist, dann ist der Tod willkommen.


Leb wohl, lieber Freund! Ruhe in Frieden!


Hüseyin Yildirim, Dein Freund.

verfasst von Hüseyin Yildirim,  25.11.2002, eingestellt von ute
Thema im Archipel 099 (11/2002)
Tags: FORUM
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 099 (11/2002)

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