FOS-SUR-MER: Lügen und Illusionen
ute

Frankreich besitzt mit 130 Anlagen den größten Park von Müllverbrennungsanlagen in Europa - ein trauriger Rekord, der mit 16 weiteren geplanten Anlagen noch überboten würde. Mit der Müllverbrennungsanlage von Fos-sur-Mer ist die Einführung einer neuen Generation hochleistungsfähiger UIOM1 geplant, über die wir in der letzten Ausgabe des Archipels bereits berichteten sowie über den Kampf dagegen.


 


Die Verarbeitungskapazität des UIOM soll bei 450.000 Tonnen jährlich liegen (300.000 t durch Verbrennung, 150.000 t durch Sortierung, Recy-cling, Kompostierung, Verarbeitung zu Methangas). Mit einer zweiten Ausbaustufe würden dann insgesamt 600.000 Tonnen (450.000 t durch Verbrennung) verarbeitet werden können. Warum beharrt Frankreich so darauf, Fabriken zu bauen, deren Schadstoffausstoß sich als verheerend für die Umwelt und die Gesundheit seiner Bürger und Bürgerinnen erweist? Wie kommt es, dass Frankreich die gegenläufigen Tendenzen in vielen anderen Industrieländern nicht berücksichtigt? Was steht auf dem Spiel, dass die Vertreter der öffentlichen Ordnung sich über die Argumente der Müllverbrennungsgegner hinwegsetzen, die auf die ernsten Konsequenzen dieser Technologie verweisen? Warum versuchen sie die Illusion von der Wirksamkeit und Harmlosigkeit dieser Anlagen mit Hilfe von Lügen, Rechtsbrüchen und falschen Expertisen zur angeblichen «technischen Sicherheit» aufrechtzuerhalten?


In Albertville hat die angeblich tadellose Filtrierung von Schwermetallen zur weiteren Erhöhung der Konzentration von Dioxinen geführt. Im Allgemeinen besteht die Taktik der Desinformation darin, die Dauer der Exposition und die Akkumulation pro Zeiteinheit von Molekülen in lebenden Organismen (Böden, Pflanzen, Tiere, Menschen) kaum zu berechnen. Neben der spektakulären Zunahme von Krankheiten in der Umgebung der Anlage in Savoyen, die auf die Kontaminierung von Atemluft und Nahrungsmitteln zurückzuführen ist, mussten dort 10.000 Tonnen Heu vernichtet werden, weil der Grad der Verunreinigung eine Verwendung als Viehfutter nicht mehr zuließ - Beweis genug für die ernsthafte Untergrabung eines jeglichen Ökosystems der Umgebung. Offiziell brüstet man sich jedoch mit neuen Normen der Schadstoffbegrenzung. Mit den Grenzwerten wurden jedoch völlig willkürliche Limiten (z.B. 0,05 mg Quecksilber pro m3) gesetzt, und das auch nur für etwa zwanzig Schadstoffe. Aber die Technokraten, die die Regeln aufstellen, vermeiden wohlweislich darauf hinzuweisen, dass mit der Verbrennung von jährlich 200.000 Tonnen Müll in 20 Jahren über 20 Milliarden Kubikmeter Rauchgase ausgestoßen werden. Sämtliche Studien belegen übrigens, dass die Effizienz der Müllverbrennung ein Lügenmärchen ist. Bei dieser Beseitigungstechnologie kann der Ausstoß noch so sehr reduziert werden, im besten Fall (90 Prozent des Volumens und 60 Prozent des Gewichts der Abfälle) bringt eine Tonne immer noch 300 Kilogramm von giftiger Schlacke, 30 kg hochgiftiger Asche und 600 kg krank machende Rauchgase hervor. Die Auswirkung auf die Klimaerwärmung sei schwach, beteuert die Clique der Verbrennungsbefürworter. Falsch!


Eine Studie der «Freunde der Erde» in Großbritannien belegt, dass die UIOM 33 Prozent mehr CO2 als die mit Gas betriebenen Elektrizitätskraftwerke erzeugen. Will man einem Bericht der «Agentur zum Schutz der Umwelt Amerikas» Glauben schenken, so entspräche eine Steigerung der Recyclingrate um 1 Prozent in den USA einer Vermeidung von CO2-Emission von 1,2 Millionen Autos. Was den weiteren angeblich völlig unbedenklichen Verbleib der Verbrennungsrückstände angeht, so übertreffen sich die Protagonisten von UIOM (Suez, Véolia, Bouygues, EDF …) gegenseitig in verharmlosenden Verlautbarungen. Mit Hilfe von reichlich Werbeliteratur und Expertenmeinungen wird die schädigende Wirkung von Emissionen und Rückständen aus ihren Unternehmen banalisiert. Eine weitere Verzerrung der Wirklichkeit ist der unglaubliche Schwindel der Industriellen, den sie mit den Kontrollgremien treiben. Es ist allgemein bekannt, dass die Zentralen im Voraus vor «unerwarteten» Überprüfungen gewarnt werden, die zudem noch von Experten, die zumeist der offiziellen Argumentation glauben, nachlässig durchgeführt werden. So kommt es, dass die Dioxin-Emissionen nur einmal im Jahr überprüft werden. Die festgestellten Mengen entsprechen dann nur denen von 3 bis 6 Stunden Laufzeit gegenüber 7.500 Stunden jährlich. Eine wirklich unabhängige Studie über die Emissionen an 15 aufeinander folgenden Tagen hat belegt, dass der Ausstoß von Dioxin um das 30- bis 50-fache über dem erlaubten Wert (zwischen 0,20 und 0,25 ng/m3) liegt. Derselbe Betrug wird mit dem Dioxingehalt in Asche und Schlacke (bis


10 ng pro kg) getrieben. Die übrig bleibenden, hoch giftigen Rückstände, etwa 6.000 Tonnen Restauswurf, die eine Anlage von 200.000 t Jahreskapazität in Form von «Flugasche» freisetzt, werden üblicherweise auf Hausmülldeponien verschüttet, ebenso wie ein Teil der 60.000 t jährlich produzierten Schlacke. Darauf-hin ist es nicht mehr möglich, das Einsickern ins Erdreich und ins Grundwasser zu kontrollieren.


 Den Anteil, den die Experten als ungefährlich für die Umwelt einstufen, kann für den Unterbau von Verkehrswegen eingesetzt werden, wenn «eine Distanz von 30 Meter zu Wasserläufen» eingehalten wird. Gegen unvorhersehbare Rinnsale ist dies eine lächerliche Vorsichtsmaßnahme. Zu diesen Risiken kommen jene hinzu, denen man die Bewohner der Dritten Welt aussetzt, wohin Abfälle und Rückstände gewinnbringend und meist illegal exportiert und unter zweifelhaften Umständen eingelagert werden. Da 75 Prozent der gifthaltigen Warenreste (Medikamente, elektrische Geräte, Verpackungen) nicht recycelt werden, enden sie in Flussläufen, Sümpfen und auf wild entstandenen Müllkippen, wo sich Tausende im Elend lebende Menschen Jahr für Jahr mit dem Nötigsten versorgen. Eine exotische Variante der NIMBY-Methode2, die den Zuständigen keinerlei Nachteile und Gewissensqualen verursacht.


Es ist klar, dass die Parteigänger der Müllverbrennung (Industrielobby und Vertreter der öffentlichen Ordnung) alles dafür tun, um die krankmachenden und todbringenden Effekte der Müllverbrennung zu verschleiern. Entweder sie führen die Zuverlässigkeit der Technik der Anlagen und der offiziellen Normen ins Feld, oder sie verstecken sich hinter irgendwelchen wohlwollenden Untersuchungen zu Krankheitsrisiken, die den potentiellen Giftausstoss der im Bau befindlichen UIOM weitestgehend kleinreden. So kolportierte eine Werbung, die Anfang 2006 im Großraum Marseille-Provence-Métropole verbreitet wurde, die zynische Bemerkung, dass eine Müllverbrennungsanlage von EVERE3, wie die geplante von Fos, «keine größere Umweltverschmutzung mit sich bringt als ein Grillfest auf dem Lande.» Und ausserdem sei sie nicht gefährlicher als eine Müllkippe, vorausgesetzt, dass im Umkreis von 10 Kilometern keine menschliche Behausung zu finden sei. Dies ist eine offenkundige Unwahrheit: Fast der gesamte Siedlungsraum von Fos und Port-Saint-Louis (mehr als 25.000 Einwohner) befindet sich in einem Radius von 10 Kilometern. Es besteht kein Zweifel, dass das Projekt in Fos von vielfältiger, tendenziöser Nachsicht profitiert hat. Es sei auch nicht vergessen, dass die Baugenehmigung im Jahr 2006 erteilt wurde - drei Tage vor der Bekanntmachung einer Untersuchung zu Krankheitsrisiken des Regionalen Gesundheitsdienstes, die sehr bedenkliche Zahlen über die Schadstoffbelastung lieferte. Es ist klar, dass – auch schon ohne Müllverbrennungsanlage – die Vergiftung der Atmosphäre in dieser Region extrem hoch ist.


Wenn es keine Umkehr in der Frage der Müllverbrennung geben sollte, werden weiterhin tausende Menschen in Frankreich an der Umweltbelastung durch diese Art der Abfall-beseitigung sterben. Das «Komitee für Vorbeugung und Schutzmaßnahmen» (Comité de Prévention et de Précaution), eine dem Ministerium für Umweltschutz untergeordnete Einrichtung, gibt den Tod von 1.800 bis 5.200 Personen zu, der direkt auf durch Dioxineinwirkung verursachten Krebs zurückzuführen ist. Zum Schluss sei hier Marc Del Corso vom «Verband zur Verteidigung und zum Schutz des Küstenstreifens von Golfe de Fos-sur-mer» zitiert, der die Befragung eines Verantwortlichen des DRIRE4,


Monsieur Sandon, anlässlich einer Tagung nutzte, um zu erwidern: «Sie sagen, dass es schwierig ist, mit Normen die Industrie zu zwingen, ihre Aktivitäten zu reduzieren. Wir verstehen das Problem, aber(…) Sie sollten ihrerseits verstehen, dass es schwierig ist, eine Bevölkerung aufzufordern, ihre Lebenserwartung zu reduzieren.»


 


4. Direction Régionale de l’Industrie, de la Recherche et de l’Environnement (Regionaldirektion für Industrie, Forschung und Umwelt)

verfasst von Jean Duflot (Radio Zinzine),  29.03.2007, eingestellt von ute
Thema im Archipel 147 (03/2007)
Tags: FOS-SUR-MER
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 147 (03/2007)

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