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FRANKREICH: «Ich bin, also sind wir»

Seit dem 31. März 2016 finden in verschiedenen Städten Frankreichs nächtliche Protestversammlungen der Zivilgesellschaft statt. Auslöser war die von der Regierung geplante Arbeitsgesetzverschärfung («Loi El Komrhi»)1. Inzwischen gibt es in ganz Frankreich eine massive Streikbewegung. Hier ein Bericht von «Nuit Debout» in der Provence.
An einer «Nuit Debout» («Wache Nacht», oder «Nacht der Aufrechten») teilzunehmen, ist für mich eine Selbstverständlichkeit, aber ich habe immer noch Mühe daran zu glauben, dass sich unsere Erwartungen erfüllen, bevor ich 30 Jahre alt bin.
Es ist eine Bewegung, die gemeinsame Hoffnungen trägt, von der ich jedoch nie gewagt hätte zu glauben, dass sie eines Tages – oder vielmehr eines Nachts – entsteht. All diese nächtlichen Utopien für eine bessere Welt, Austausch unter motivierten Freundinnen und Freunden. Wir versuchen jetzt seit einem Monat, diese Utopien in aller Öffentlichkeit mit Allen zu teilen, damit sie Wirklichkeit werden. All diese kollektive Intelligenz veranlasst mich zu denken, dass sich im Moment ein gemeinsamer Traum in Bewegung setzt, selbst wenn sich unser Widerstand an Geduld und Dauer mit der Macht messen muss.
Am 31. März nach den Demonstrationen gegen das «Gesetz El-Khomri», sehe ich in den sozialen Netzwerken, dass sich Tausende von Menschen auf dem «Place de la République» in Paris versammeln und anfangen zu unter dem Slogan «wie werden diesen Platz nicht verlassen» diskutieren. Da fange ich an, innerlich zu beben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage vergehen und jeden Abend schlägt das Herz der «Place de la République» aufs Neue; all diese Frauen und Männer werden zu seinem Puls, sie geben dem «öffentlichen Platz» wieder seinen eigentlichen Sinn: ein Ort des Lebens, an dem man debattiert, träumt, erfindet, sich mögliche und gerechtere Lösungen ausdenkt – kurz, Politik macht, anstatt sie zu erdulden. Debattieren über das Leben der Stadt auf dieser Agora, um wieder Bürgerinnen und Bürger mit einem grossen B zu werden, nicht reduziert auf das grosse W der Wahlen. Ich habe grosse Lust nach Paris zu gehen, aber ich warte noch ein wenig…
«Radio Debout»
Mit meinem Freund lauschen wir jeden Abend dank «Radio Debout» live den übertragenen Vollversammlungen in Paris, so wie die Widerstandskämpfer_in-nen einst Radio London gehört haben. Wir lächeln all diesen Stimmen zu, vibrieren bei all diesen Zeugenaussagen, die das Gleiche ausdrücken: Dieses System bringt uns um, zerquetscht uns, enteignet uns unseres Lebens, unserer Rechte. Wir spüren schon, dass, auch wenn die Arbeitsgesetzreform der Auslöser war, wir noch ganz andere Ziele haben. Nach und nach steht ganz Frankreich auf in der Nacht: Die Städte Toulose, «la Rose», Bordeaux, die gewöhnlich Schweigsame, Grenoble, die Ökologische, Lyon, die Bürgerliche, und natürlich Nantes und die «Zadist_innen», Marseille und sogar Nizza, die Stadt mit dem Rechts-Aussen-Bürgermeister Estrosi, etc… Kurze Zeit später sind auch die kleinen Städte der Provinz angesteckt. Der 8. April oder der 39. März in der Sprache der «Nuit Debout»; (es wurde beschlossen, im Monat März zu bleiben und die Tage seit Anfang der Mobilisierung ab 31. März zu zählen. Die Idee dabei ist es, eine aus der Zeit gefallene Zukunft auszudrücken). Manosque, unsere verschlafene Kleinstadt in der Provence, die nur dann erwacht, wenn man das Wort «Giono», den Namen des berühmten Dichters der Stadt, ausspricht, empfängt ihre erste «Nuit Debout». Unglaublich aber wahr! Ich wohne in einem Dorf nebenan und erhielt eine Einladung auf meiner Facebookseite. Eine gemeinschaftliche Einladung von einer Handvoll Aktivist_innen, Gewerkschaftsmitgliedern sowie Mitgliedern der linken Parteien. Aber wer auch immer die Flamme der «Nuit Debout» in Manosque anzündete, sie ist bis heute nicht erloschen, das ist das Wesentliche.
Erste Schritte
Meine Erinnerung an diese erste «Nuit Debout» ist nicht sehr präzise, ausser dass sie mir wahnsinnig gut tat. Einfach mit Menschen reden, die man gestern noch nicht kannte. Und zu spüren, dass wir viele sind, welche die Wut auf diese verfälschte Demokratie teilen, die Wut auf den Kapitalismus und seine Welt, die uns ausbeutet, auf die Banken, die uns bis auf die Knochen ausbluten und dieses System, das unsere Umwelt zerstört! In dieser Nacht beschliessen wir, uns an den folgenden Abenden wieder zu versammeln und Essen und Trinken mitzubringen – der Geselligkeit wegen. Das dauert jetzt schon seit einem Monat an; dreimal die Woche versammeln sich um die fünfzig Menschen unter den Fenstern der Bürgermeisterei auf der «Promenade Aubert Millot», einer zentralen Esplanade, die vor kurzem adrett renoviert wurde; einige Bars wurden durch Geschäfte von Mobilfunkanbietern ersetzt. Einzig der Markt am Mittwoch belebte bis dahin diesen zentralen Ort des Stadtzentrums. Von Vorteil für uns sind die Strassenlaternen, an denen wir Strom für unsere Lautsprecher und Sonstiges (z.B. die Frittiermaschine, in der wir Gemüsebeignets machen) abzapfen können.
Wir lassen uns von dem inspirieren, was in Paris getan wird. Wir gründen vier Kommissionen: Kommunikation, Logistik, Aktion und reale Utopien. Schlussend-lich sind es aber vor allem die Vollversammlungen, die im Moment unsere Nächte beanspruchen, weil jeden Abend neue Menschen dazu kommen. Jede_r hat soviel zu sagen, dass es schwierig ist, die Arbeit in Kommissionen anzufangen. Die Empörung ist spürbar, alle Teilnehmenden reden von dem, was sie am meisten betrifft.
Spontane Organisation
Sehr schnell zeichnet sich eine spontane Organisation ab: ehrenamtliches Drucken und Gestalten von Flugblättern und Plakaten, Collagen und Flugblattaktionen. Verstärker und Mikrofone sind in jeder «Nuit Debout» anwesend sowie Tische, um Mahlzeiten zu teilen. Ausserdem gibt es eine an einer Platane befestigte Leinwand und einen Overheadprojektor, die es uns möglich machen, Dokumentarfilme und Videos zu zeigen, die ausserhalb des Einheitsdenkens stehen, das von den Massenmedien gefördert wird. Wir sind uns einig, dass die Bildung der Bürger_innen sehr wichtig ist. Wir entscheiden uns für die Themen Arbeit, Bildung, Finanzen und wollen uns zu Mehreren damit auseinandersetzen. Bis jetzt haben wir «Das Jahr 01» vorgeführt, einen symbolträchtigen Film der Proteste der 1970er Jahre, eine Rede von Hugo Chavez, aber auch mehrere Videos zur Arbeitsthematik: angefangen beim Philosophen Alain Deneault mit einer Schlaufe über die Theorien von Bernard Friot, über das bedingungslose Grundeinkommen und die Erklärungen zum geplanten Arbeitsgesetz. Anlässlich der Demonstration vom 28. April haben wir unser Geld zusammengelegt, um am Ende der Demonstration Essen und Trinken, aber auch ein Konzert, anbieten zu können. Bei dieser Gelegenheit haben sich auch Schülerinnen und Schüler zu uns gesellt, um sich zu informieren. Einige von ihnen haben sich unserer Bewegung angeschlossen.
Lehre der Gleichstellung
Aber das ist alles nicht so einfach, selbst wenn wir voneinander lernen. Mitunter gibt es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich wird es laut, manchmal finden wir Jüngeren, dass einige «alte Veteranen», die gut reden können, zu sehr das Mikrofon vereinnahmen, zum Nachteil der etwas Zaghafteren. Manchmal haben wir den Eindruck, dass nichts vorwärtsgeht und wir uns abstrampeln, dass diejenigen, die für Aktionen sind, sich denen entgegenstellen, die durch mehr Nachdenken und Kommunikation eine Ausweitung der Bewegung wollen. Manchmal stossen wir mit denen zusammen, die allergische Reaktionen bekommen, wenn sie das Wort «Organisation» hören, und denen, die genau davon mehr wollen, um effizenter zu sein gegenüber unseren Gegnern, die sich ja auch organisieren. Bisweilen haben wir das Gefühl, zu verschlossen zu sein und denen, die nie gehört oder repräsentiert werden, nicht genug Möglichkeiten zu bieten. Die Entscheidungsfindung ist ein wahre Herausforderung: So habe ich jetzt Entscheidungen per Konsens gelernt. Dabei bin ich in einem System aufgewachsen, wo alles nach Hierarchie aufgebaut ist. Ich hatte nie eine andere Funktionsweise ins Auge gefasst. Die Mehrheit in einer Wahl erschien mir als gerecht. Nie habe ich mir gesagt, dass die schweigende Minderheit auch ihr Wort zu sagen hätte. Das ist nicht immer selbstverständlich und braucht auch mehr Zeit, aber es ist auf jeden Fall gerechter – vor allem ab dem Moment, wo wir nicht die Freiheit derjenigen beschneiden, die individuelle Aktionen starten wollen. Die einzige Forderung innerhalb unserer Gruppe ist es, diese nicht im Namen von «Nuit Debout» durch zu führen. Wie in Paris fordern wir nichts, sondern überlegen uns gemeinsam die Zukunft unserer Welt. Wir haben viele Ideen. Wir wollen Kontakt aufnehmen mit Initiativen, die in den ärmeren Vierteln tätig sind, und denken auch an eine Tournee durch unser Departement, auch weil die anderen Städte des Departements 04 ihre «Nuit Debout» haben und wir in unseren Aktionen mit ihnen übereinstimmen wollen.
Anmut und Einigkeit
Diese Mischung verschiedener Altersstufen, Herkünfte, Ideen schafft aus sich heraus Momente der Anmut und Einigkeit, die uns das Vertrauen in die Menschlichkeit zurückgeben. Durcheinander aufgezählt: geschenktes Gemüse von lokalen Produzent_innen zur «Nuit Debout» gebracht, von einer Dame zubereitet, die vorbeigeschaut hat und behilflich sein wollte, um uns zu unterstützen; ein Herr, der nach einer Viertelstunde Autostrecke wieder auf den Platz zurückkommt, weil er vergessen hat, uns zu sagen, dass wir auf jeden Fall durchhalten sollen, weil es unheimlich gut ist, was wir machen; eine vorerst durch den Krach verärgerte Nachbarin, die sich uns anschliesst; Polizisten, ausgerüstet mit kugelsicheren Westen, die schlussend-lich das Mikrofon ergreifen, sich vorstellen und mit einer kleinen Gruppe von uns über ihre täglichen Schwierigkeiten diskutieren. Für mich ist «Nuit Debout» die Gewissheit: Wie auch immer es weitergeht, ich habe sympathische Menschen kennengelernt, das gibt mir schon sehr viel! Menschen, von denen ich lerne, was «Kollektiv» heisst und das Vergnügen, ehrenamtlich für das Allgemeinwohl zu arbeiten: Mélissa, Jérémie, Thomas, Sébastien, Pascal, Samuel, Patrice, Agnès, Maziar, Claude, Christian und all die anderen, die ich vergessen habe hier zu erwähnen und alle, die ich schon vorher kannte und mit denen wir unsere Empörung und unsere Hoffnungen teilen.
Mitunter habe ich den Eindruck, mit ihnen in der Nacht zu wachen ist ein wenig so, wie den Tag wieder zu sehen. Alles ist durcheinander in meinem Kopf, nach und nach lege ich die Formatierung ab, das ist geistig sehr bereichernd; ich habe den Eindruck, mich wirklich zu bilden. Das ist ein Wiederentstehen der Bürgerin, die ich bin und die ich nicht mehr war. Und ich bin überzeugt, dass die «Nuits Debout» in Frankreich und auf der Welt2 dauern und Stand halten müssen, trotz der zunehmenden Unterdrückung. «Ich bin, also sind wir» – durch die Bewegung von «Nuit Debout» repräsentieren wir Empörte aller Schattierungen. Sie gibt uns die Kraft, gegen diese Oligarchie, die uns regiert und die bereits wackelt, zu kämpfen.


1. Das Gesetz trägt den Namen der Ministerin El Khomri, einer Politikerin, die bis dahin im Schatten gestanden ist. Wir vermuten, dass sie in das Arbeitsministerium katapultiert wurde, um speziell für dieses unbeliebte Gesetz ihren Kopf hinzuhalten.
2. Die Bewegung «Nuit Debout» ist ansteckend. Die französischen Überseegebiete wurden bereits angesteckt, aber auch Kanada, Quebec, Spanien, Deutschland, Brasilien...

 

verfasst von Camille Garcia, Manosque, April 2016,  25.06.2016, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 249 (06/2016)

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