FRANKREICH: Diskussionen und Baustellen
ute

Es wird nicht leicht sein, die 4. europäische Konferenz der «People’s Global Action» (PGA) zusammenzufassen, zu reichhaltig war sie inhaltlich, vor allem aber auch, weil der erste Teil sich an verschiedenen Orten abspielte. Ich werde es trotzdem versuchen, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen.



Wir haben bereits ausgiebig über die PGA geschrieben (1). Seit 2001 finden etwa alle zwei Jahre in Europa Treffen statt, die (aus mir unbegreiflichen Gründen) «Konferenzen» genannt werden. 2004 war das Treffen in Belgrad, und für dieses Jahr hatte das Reseau Sans Titre (Netzwerk ohne Namen) (2) die Vorbereitung für diese 4. Konferenz übernommen, die vom 19. August bis 3. September stattfand.


 


Dezentralisierung und lokale Verankerung


Fünf Orte luden je rund hundert Leute zu jeweils thematischen Diskussionen und praktischen Workshops ein - und dies vom Samstag, den 19. bis zum Sonntag, den 27. August. Auf dem besetzen Gelände der ehemaligen Renault-Fabriken von Lyon, La Friche (Die Brache), kamen drei Themen zur Sprache: Das Verhältnis  zwischen den Geschlechtern, antipatriarchalische Kämpfe; soziale Kontrolle, Sicherheits- und Militärpolitik, Repression und schließlich Rassismus, Einwanderungspolitik und die postkoloniale Situation.


In Bellevue, einer Landkommune im Limousin, war das zentrale Thema die Autonomie: Wie können wir auf den Staat und das System verzichten, praktisch, politisch und sozial? Als Beispiele dienten die Erfahrungen aus Selbstverwaltung und direkter Demokratie. Die Leute, die sich hier auf der Hochebene von Millevaches eingefunden hatten, machten neben den Diskussionen einen Kurs in autonomer, alternativer Gesundheitsversorgung.


In Dijon, im Espace Autogéré des Tanneries (Selbstverwaltetes Gerbereigelände), einer seit acht Jahren besetzten Industriebrache, ging es um die Frage, wie am besten autonome Freiräume zu bewahren seien: In kollektiven Projekten in der Stadt oder auf dem Land. Auch Kämpfe im Datendschungel (Internet sowie alternative Server und Netze) kamen zur Sprache. Einige Diskussionen drehten sich um die Rebellionen und Revolten in Frankreich im November letzten Jahres und im Frühling von diesem Jahr (3). Die teilnehmenden GriechInnen berichteten bei dieser Gelegenheit von den StudentInnenrevolten auf der hellenischen Halbinsel.


In Toulouse beschloss die lokale Gruppe, welche die Leute zum PGA-Treffen empfing, gemeinsam mit ihnen ein leer stehendes Terrain zu besetzen, das dem Office Public d’Aménagement et de Construction (OPAC) (4) gehört, das sich offiziell mit sozialem Wohnungsbau befasst, sich aber aus Gründen der so genannten Rentabilität vor allem der Spekulation widmet. Von diesem Areal wurden schon sieben Jahre zuvor BesetzerInnen vertrieben, alles war planiert worden, und seitdem geschah nichts mehr! Die jetzigen BesetzerInnen warfen die Frage auf, welche Rolle der Urbanismus bei der sozialen Kontrolle spielt.  Sie zeigten außerdem praktische Alternativen im Wohnen auf: ein vorgefertigtes Haus von etwa zwanzig Quadratmetern Grundfläche wurde im Eigenbau errichtet, außerdem ein Brotbackofen gebaut und eine Solarheizung für Warmwasser installiert. Der Eigenbau war also das zentrale Aktionsfeld an diesem Ort.


In Frayssinous, einer mehr als dreißig Jahre alten Landkommune in Aveyron, kreuzten sich Fragestellungen, welche einerseits die Industriegesellschaft und die von ihr geprägten  menschlichen Beziehungen betrafen und andererseits die Kindererziehung und das Eltern-


sein.


An jedem Ort waren Baustellen organisiert: Praktische Aktivitäten mit den Diskussionen zu verbinden, schien für alle TeilnehmerInnen interessant zu sein, um einen anderen Gedankenaustausch und andere Begegnungen als in den sonst sakrosankten formellen Versammlungen zu ermöglichen. So kam es auch zu einem reellen Erfahrungs- und Wissensaustausch mit den Empfangsgruppen und - orten. Da wo ich war, in Frayssinous, beteiligten wir uns vor allem an Terrassierungsarbeiten, die der Gruppe grössere Lagermöglichkeiten schaffen sollten. Ausserdem backten wir mehrere Ofenladungen Sauerteigbrot für unsere Selbstversorgung.


 


Eine gegen die Industrie gerichtete Kritik


Diese Begegnung in Frayssinous hat eine Fülle von Texten hervorgebracht, die auf der Homepage von der PGA zu finden sind (5). Ich habe mich meinerseits auf ein Thema konzentriert, das wir in einer kleinen Gruppe zu diskutieren begonnen hatten. Es ist der Versuch, die Wirksamkeit des kritischen, anti-industriellen Denkens zu analysieren. Besonders als wir über die Frage der Genmanipulation nachdachten, sind wir zum Schluss gekommen, dass das Desaster viel umfassender ist, als die Auswirkung eines konkreten technischen Objektes es sichtbar werden lässt. Die Auseinandersetzungen, die auf bestimmte Technologien fokussiert sind (Atomkraft, Gentechnik, Nanotechnologie etc.), erlauben es uns nicht, die Radikalität unserer Kritik wirklich weiter zu vermitteln, das heißt: die vollständige Ablehnung der Industrie als System, deren Organisation und Produktion, die sie den Menschen aufbürdet; der sozialen und politischen Verhältnisse, die sie zur Folge hat; des Gesellschaftsprojektes und der Vision von der Welt, die mit ihr einhergehen. Diese Kritik des Ganzen wird besonders durch den Hang zur Panik und dem Ausmalen von Katastrophen an den Rand gedrängt, was jedoch die Ablehnung in der Öffentlichkeit von einzelnen Technologien bestimmt. Nicht nur, dass dieses Sich-Fokussieren auf technische Objekte die Entwicklung einer komplexen Kritik verhindert, es erlaubt uns ebenso wenig, das System der Machtausübung als solches zu erkennen und ihm die Stirn zu bieten. Wenn man in Betracht zieht, dass wir von einer «Disziplin-Gesellschaft» (17. bis 19. Jahrhundert) in eine «Kontroll-Gesellschaft» (ab dem 19. Jahrhundert) übergegangen sind, wird begreiflich, dass eine gegen die Industrie gerichtete Kritik nach Art der Ludditen des 19. Jahrhunderts, welche die Maschinen zerschlugen, auf einen Begriff von Disziplin fixiert bleibt, der nicht mehr greift: es genügt nicht, Maschinen zu zerschlagen, um den Mechanismus im Herz zu treffen.


Wir haben außerdem die Begrenztheit solcher Kritik angesichts der ausserordentlichen Anpassungsfähigkeit des Systems untersucht. Denn unsere Kritik, so radikal sie auch ist, wirkt oft nur als Unterstützung für den «Citoyennisme» (6), für den Um- und Ausbau der industriellen Welt, dessen Stärkung durch sozialdemokratische «Regulierung» mit Hilfe von Ethikkommissionen, von Verordnungen, Normen und Grenzwerten und eines ökologischen Denkens, das behauptet, die Umwelt, unabhängig von den politischen und sozialen Verhältnissen, bewahren zu können. Diese stellen jedoch gerade die Ursache der Umweltzerstörung dar. Alle von uns durchgeführten wahrnehmbaren, symbolischen Aktionen werden am Ende von den Medien aufgesaugt und verwertet, um unseren Diskurs unschädlich zu machen und das, was wir ablehnen, auf den Thron zu heben. Man kann getrost davon ausgehen, dass das gesprochene Wort im Prinzip immer missbraucht werden kann. Also sind wir mit einem ständigen Problem konfrontiert: auf welchem Wege sichern wir «unsere Wahrnehmbarkeit» und wie finden wir unverrückbare subversive Positionen, die nicht einer lauen, allgemeinen Akzeptanz anheim fallen.


Bei der Ausarbeitung von Kritik tendieren wir dazu, uns selbst in die Position von Sachverständigen einer aufgeklärten Elite zu begeben, die dazu neigt, Nichteingeweihten vorzuschreiben, was gut ist und was nicht. In unserem Aktivismus kann man sich letztlich selbst in einer Führungsrolle wieder finden, während die Zurückweisung dieser Logik des Führens und Verwaltens ja gerade im Zentrum unserer Kritik steht. Solch ein elitäres System wird reichlich gestützt von einem Intellektualismus, der sich aus Gelehrtheit, einer komplizierten Sprache, raffinierten Darlegungen und abstraktesten Reflexionen nährt, und einem Radikalismus, der auf eine Ästhetik der Extreme baut, Anspruch erhebt auf Absolutheit und Prinzipientreue, jenseits jeden Verständnisses für konkrete Verhältnisse. Diese Tendenz entfremdet uns von jeder gesellschaftlichen Bewegung und wir drohen, in die Selbstgefälligkeit von Eingeweihten zu verfallen.


Als wir dies ausführlich diskutiert hatten, suchten wir nach Wegen, die uns aus der Sackgasse führen könnten. Einige seien hier wiedergegeben: Man sollte lokalen Kämpfen den Vorzug geben, die sich auf ein bestimmtes Gebiet beziehen (auf das, wo jemand ist) und motiviert sind vom eigenen Lebensanspruch, von der Verteidigung und Wiedereroberung von Freiräumen, und wo eine wirkliche Lebenspraxis (unsere und die der uns umgebenden Personen) möglich ist. Der Recherche-Arbeit sollte mehr Bedeutung zugemessen werden: Fakten sprechen nicht von alleine, unerträgliche Situationen gibt es überall und trotzdem erdulden sie viele. Es sollten Zusammenhänge aufgezeigt werden, da wo wir sind und wo wir sie im Detail kennen. Durch diese Recherchen wäre es auch möglich, die oftmals lächerlichen Argumente der Leute zu demaskieren, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, ihre Unglaubwürdigkeit auf- zuzeigen und die Macht selbst zu entmystifizieren. Doch lassen wir uns nicht in die Falle locken, indem wir nachgiebig werden, Entschuldigungen suchen für die Vertreter der Macht und uns zu lange mit ihnen beschäftigen, weil ihre Schwächen und ihre Lächerlichkeit nur allzu menschlich sind. Es geht vielmehr darum, bei unseren Analysen des Systems zu beachten, wie sich die Verantwortlichkeiten auflösen, und gleichzeitig müssen wir aufpassen bei der Verwendung des Begriffs «Verantwortlichkeit», wenn es sich um ein System handelt. Wie kann das Groteske dieser Leute gezeigt werden, ohne in Demagogie zu verfallen? Wie kann man eine einfache Sprache finden, ohne zu vereinfachen?


 


Eine Lektüre der Landschaft


Außerhalb der ziemlich theoretischen Diskussionen sind wir auf den Gipfel gestiegen, der Frayssinous überragt, wo wir einen Panoramablick von 360° über die Aveyronneser Hügel hatten. Dort begannen wir, die Landschaft zu lesen. Wir beschrieben das, was wir sahen. Da wir uns im «Roquefort-Land» befanden, versuchten wir zu erkennen, ob die Produktion des berühmten Käses die Landschaft unter uns prägt oder nicht, und allgemeiner gefasst, wir untersuchten, wie die menschliche Aktivität die Umwelt formt. Unsere Beobachtungen ergaben, dass die urwüchsige Natur als solche hier nicht existiert.


Es gibt das Bedürfnis der Menschen, nach einer langen Arbeitswoche in der Fabrik oder dem Büro einen Ausflug zum Spazierengehen und zum Luftholen auf dem Lande zu machen. Er findet dann eine sauber geordnete Landschaft vor, mit breiten Feldwegen für die Durchfahrt von Traktoren, mit Wäldern in Reih und Glied, mit all den Mobilfunkantennen, Sendemasten für Fernsehen, Radio und Militär, mit den Windrädern, welche die Bergrücken entstellen. Das Luftholen findet also im Umfeld von industrieller Produktion statt, selbst wenn man sich zunächst in einer Schäferidylle glaubt. Das sieht man klar, wenn man einfach die Landschaft aufmerksam beobachtet: agroindustrielle Produktion, aber auch die von Holz, Papier und Elektrizität.


Ein anderer Aspekt ist uns ins Auge gefallen. Nachdem wir einige Hypothesen über den Einfluss der Produktion von Roquefort auf die Region aufgestellt hatten, gingen wir zu einer Bauernfamilie, die schon seit acht Generationen in dieser Ecke lebt. Nicht wenige unserer Hypothesen erwiesen sich als veraltet oder als zu dramatisch. Abgesehen von der Zerstörung der Hecken und der Vergrößerung der Parzellen für jede Art von Landwirtschaftsmaschinen, sind die schlimmsten Aspekte der Beherrschung des Territoriums und der landwirtschaftlichen Aktivität durch die Roquefortproduktion in der Landschaft nicht zu sehen. In der Tat, der Hygienewahn,  die Selbstentfremdung und Abhängigkeit der Bauern und Bäuerinnen von dieser Produktion werden eher erkennbar in den finanziellen Verschiebungen, in den Labors zur Überwachung des Immunkörpergehalts und in den Gärbehältern - aber nicht in der Landschaft.


 


Das Zusammenfinden


Vom 30 August bis 3. September fand in Dijon der zusammenfassende Teil der Konferenz statt, bei der die an den jeweiligen Orten angeschnittenen Themen vorgestellt wurden und wo Entscheidungen zur Entwicklung der Strukturen und der Methoden der europäischen PGA zur Diskussion standen. Das war auch der Zeitpunkt, um über die Ideen von Kampagnen, Aktionen etc. zu sprechen und zu schauen, wie wir einigen ziemlich verrückten Träumen Gestalt geben könnten. Von den Aveyronneser Hügeln in die Industriebrache der Tanneries zurückzukehren, war ein leichter Schock, umso mehr, als sich für dieses Zusammenfinden eine eindrucksvolle Anzahl von verschiedenen «Stämmen» versammelte mit jeweils sehr verschiedenen Interessenslagen. Nichtsdestoweniger, wir erlebten herrliche Momente, besonders mit dem  Piratensender «FM-ère», den wir während diesen drei Tagen betrieben. Dieser Sender, der bis ins Stadtzentrum reichte, war auch über Internet zu empfangen. Wir haben mehrere Sendungen produziert und jeweils zwei Stunden lang direkt gesendet. Diese Erfahrung war ebenso aufregend wie … erschöpfend!


In Dijon war auch über das Wie-weiter, das Wie-anders-weiter mit der PGA zu entscheiden. Ich erspare Euch hier die ziemlich langweiligen Einzelheiten all der Entscheidungen, die zu treffen waren, um mich auf unsere Verfahrensweise zu konzentrieren, die ich für interessant halte. Wir wiederholten ein Experiment, das anlässlich der vorhergehenden Konferenz in Belgrad durchgeführt wurde, genannt «spoke council». Verschiedene kleine Arbeitsgruppen arbeiteten im Voraus präzise Vorschläge aus, zu denen sich die Versammelten positionieren sollten. Dann, am letzten Tag, wurde die Versammlung abgehalten und eine Sitzordnung wie entlang den Speichen eines Rades gewählt. Das Zentrum, die «Nabe», wurde aus den Sprechern gebildet, hinter denen sich, strahlenförmig, die zugehörige Gruppe (zwischen 5 bis 10 Personen) anordnete. Für jeden Vorschlag wurde eine Diskussionszeit eingeräumt, um die Position einer jeden Gruppe zu erarbeiten, und dann wurde die Runde unter den Delegierten gemacht, die die Meinung ihrer FreundInnen vortrugen. Als nächstes leiteten ModeratorInnen die Diskussion, um zu einem Konsens zu gelangen. In dieser Diskussion hatten allein die Delegierten das Wort, ihr Vortrag indes wurde durch ständige, doch diskrete Einwürfe der Gruppe hinter ihnen angereichert. Bei guter Dynamik und einem von Zusammenhalt geprägten Gruppenfundament ist diese Methode einer direkten Demokratie meiner Meinung nach sehr effizient, um mit mehreren hundert Leuten, die von sehr verschiedenen Standpunkten ausgehen, Entscheidungen zu treffen.


Das Ende bleibt offen, und ihr werdet vielleicht nicht in der nächsten Zeit von der People’s Global Action als solcher hören, weil diese Struktur ja formell nicht existiert, aber ihr werdet zweifelsohne von Initiativen hören, die sie unternehmen wird.


 


Cédric Bertaud


Radio Zinzine


 


(1) AMP - Action Mondial du Peuple (auch: PGA - People’s Global Action) siehe Archipel Nr. 141


(2) ebenda


(3) Im November 2005:  Aufstand der am schlimmsten marginalisierten Wohnviertel, den «Banlieues». Im Frühjahr  2006 : die vor allem studentische Mobilisierung gegen den CPE (Erstanstellungsvertrag).


(4) OPAC - Office Public d’Aménagement et de Construction - Öffentliche Verwaltung für Raumordnung und Bauvorhaben


 


(5) www.pgaconference.org/


 


(6) Denkströmung  gegen den Neoliberalismus: Der  durch Bürgerkontrolle gestärkte Staat stellt sich dem  entfesselten Markt entgegen. Eine kritische Analyse des Staates und seiner repressiven Funktion bleibt dabei aus.


 


 

verfasst von Cédric Bertaud ,Radio Zinzine,  27.11.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 143 (11/2006)
Tags: FRANKREICH
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 143 (11/2006)

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