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FRANKREICH: E.On Wahnsinn

Seit Oktober 2013 weitet sich der Protest gegen den Bau eines gigantischen Biomasse-Kraftwerks in Gardanne bei Marseille 1 bis in das Gebiet der Haute Provence aus.


Erst im Herbst 2013 erfuhren die Bürger_innen und Gemeinderäte dieser Region, dass das Projekt zwei Jahre zuvor von der Regierung Sarkozy bewilligt, und dass ihr Gebiet vom deutschen Unternehmen E.On zur «prioritären Versorgungszone für Waldholz» erklärt worden war. Vorhersehbare Folgen: übermäßige Ausbeutung der leicht zugänglichen Waldstücke, Kahlschläge und die Zerstörung von natürlichem Lebensraum zugunsten eines absolut unökologisches Kraftwerks:



  • Es soll mehr Kohle verbrannt werden als im bereits bestehenden Kraftwerk (13% des gesamten Brennstoffs).

  • Es soll stark verschmutztes Abfallholz (z.B lackiertes) verbrannt werden (11%).

  • Es werden 2800 Tonnen Brennmaterial pro Tag benötigt, d.h. alle zwei Minuten ein Lastwagen (ausgerechnet von der Nationalratskommission für Biomasse).

  • Trotz eines relativ schwachen Ertrags von 33%, (denn es wird keine Anlage zur gleichzeitigen Gewinnung von Wärme und Strom geben), hat der Staat eine Sonderregelung getroffen, die es E.On erlaubt, innerhalb von 20 Jahren, öffentliche Förderungen in Höhe von ca. 1,4 Milliarden Euro zu kassieren. Das heißt, dass zwei Bäume von dreien, die im Kraftwerk verbrannt werden, den Himmel und die Vögel erwärmen werden, ein einziger wird Strom produzieren.

  • Ein solches Megakraftwerk würde den gesamten Holzsektor der Region in Gefahr bringen und mehr Arbeitsplätze zerstören als schaffen.

Das Kollektiv SOS Forêts 04 – Non à E.On (SOS Wälder 04 – Nein zu E.On) wurde am 11. Dezember 2013 in Forcalquier (Departement Alpes de Haute Provence) ins Leben gerufen. Die Gemeinden der Zone Luberon-Montagne de Lure2 haben schnell reagiert und eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Sie «kritisieren das Prinzip und die Konsequenzen von Megakraftwerken, die unter dem Vorwand, eine erneuerbare Energiequelle zu verwenden, zur Vergeudung von Energie beitragen und Frankreich dazu zwingen, Biomasse zu importieren.»


In den letzten zehn Jahren wurden in Gemeinden der Region Lure-Luberon 55 kleine und mittelgroße Holzheizungsanlagen installiert. Die Gemeindevertreter sind davon überzeugt, dass ihre Anstrengungen in diese Richtung durch das Riesenunternehmen E.On ernstlich bedroht sind. Es handelt sich um zwei völlig gegensätzliche Modelle. Laut der wichtigsten Gewerkschaft SNUPFEN- Solidaires innerhalb des Amtes Nationaler Wald (ONF), entspricht die Menge Holz, die E.On brauchen wird, dem Holzverbrauch von 5000 lokalen Heizkraftwerken, welche in einem angemessenen Versorgungsumkreis installiert sind. Wegen des schwachen Ertrags von E.On werden 60% verschwendet. Diese entsprechen dem potentiellen Verbrauch von 3000 lokalen Holzheizungsanlagen.


Auf einer Pressekonferenz am 16.12.13 in Grambois (Departement Vaucluse), an der die gemeinsame Erklärung präsentiert wurde, stellte Pierre Honoré, der Vorsitzende der Charte Forestière de Montagne de Lure (Wald-Charta Montagne de Lure) klar: «Der Bau des Kraftwerks in Gardanne war gerechtfertigt, solange es mit Kohle aus der Region betrieben wurde. Aber der zukünftige Brennstoff Holz ist auf einem größeren Territorium verstreut. Warum also eine zentralisierte Struktur beibehalten, um diesen Rohstoff zu nutzen? Die Kraftwerke müssen auf dem ganzen Territorium verteilt sein.»


Brigitte Reynaud, Präsidentin des Gemeindeverbandes der Region von Banon:
«Indem wir Industrieprojekte wie das von E.On anprangern, wehren wir uns auch gegen die Dominanz einzelner Unternehmer über unsere Wälder und die Zerstörung der bisher hier geleisteten Arbeit. Die Projekte von E.On und Inova 3 haben nichts gemein mit langfristigen Regionalprojekten; sie entbehren jeder sinnvollen Planung. Wie kann man einerseits umweltfreundliche Projekte fördern und andererseits einen solchen industriellen Wahnwitz zulassen, der nicht nur unser Waldgebiet und die Umgebung zerstört, sondern in Kürze auch unsere lokale Wirtschaft destabilisieren wird. Warum darf die Industrie Elektrizität aus Holz produzieren, wo wir doch Wind, Wasser und Sonne haben, die viel sinnvoller für erneuerbare Energie eingesetzt werden können. Es wird langsam Zeit, die direkt Betroffenen zu Rate zu ziehen und ihnen zuzuhören. Wir sind es leid, immer kämpfen zu müssen und dabei Zeit, Geld und Glaubwürdigkeit zu verlieren, weil nicht in Betracht gezogen wird was auf wirtschaftlicher, sozialer und umweltpolitischer Ebene wirklich auf dem Spiel steht. Wann wird man uns endlich nicht mehr für Dummköpfe halten, die unter dem Vorwand, Arbeitsplätze zu schaffen, alles in Kauf nehmen? Aber wir lassen die Arme nicht sinken; wir sagen ganz klar ’nein’ zu diesem Wahnsinn!»


Tatsächlich wurde das Argument von der Erhaltung von Arbeitsplätzen (zwischen 60 und 80) durch E.On von der Regierung, vom Bürgermeister von Gardanne und von der Gewerkschaft CGT vorgeschoben, um das Projekt zu rechtfertigen. Aber eine einfache Rechnung zeigt die Schwäche dieser Position. Die öffentlichen Fördermittel, die von der gesamten französischen Bevölkerung als Teil ihrer Stromrechnungen aufgebracht werden, betragen etwa 70 Millionen Euro im Jahr, d.h. eine Million Euro pro Arbeitsplatz pro Jahr. Wenn man von einem monatlichen Nettolohn von 2100 Euro ausgeht, könnten an die 1400 Löhne bezahlt werden. Andere Berechnungen kommen auf 70.000 Wohnungen, die man energiesparend einrichten könnte, was ebenfalls Arbeitsplätze schaffen würde.


Arbeitskräfte in der Forstwirtschaft


Aber was für Arbeitsplätze würden im Forstbereich durch die Ankunft eines neuen, mächtigen Kunden geschaffen, der nur auf maximalen Profit aus ist? Gut beschreibt dies ein im November 2013 auf der Webseite Terrains de lutte publizierter Artikel mit dem Titel «Hier setzten wir 10 Rumänen ein, dann geht es schnell!» Der Import von Arbeitskräften im Forstbereich: Die Unternehmen, die Holzfäller anstellen, müssen diese also woanders finden.(Nicht mehr in der Türkei oder Marokko) Oft sind es nunmehr die neu in die EU integrierten Ost-Länder, die solche billigen Arbeitskräfte liefern. In der Tat gehört der Holzsektor zur Liste der Ausnahmeregelungen in Sachen Import von Arbeitskräften. Das bedeutet, dass für diese Branche die Einreisebedingungen gemildert sind und es daher einfacher ist, Arbeitskräfte im Ausland zu rekrutieren.(…) Darüber hinaus gestattet die europäische Gesetzgebung eine Ausgliederung der Angestellten von Unternehmen innerhalb der EU, im Rahmen ’grenzüberschreitender Dienstleistungen’. So kann eine französische Firma seinen Holzschlag an Sub-Unternehmen, z.B. in Rumänien, weitergeben. Die Arbeiten werden in dem Fall von Rumänen ausgeführt die von der rumänischen Firma dafür angestellt werden und die für die Dauer des Holzschlags oder der Baustelle, meistens zwei bis drei Wochen, in Frankreich bleiben (…) Dieses Vorgehen ist bei solchen Unternehmen inzwischen Gang und Gebe. Es erlaubt ihnen schnell schwierige Arbeiten durchzuführen und das wesentlich kostengünstiger, als wenn sie einen lokalen Betrieb damit beauftragten. "Mit den Rumänen produzieren wir quantitativ mehr. Die Qualität ist uns egal, wenn es sich um Papierholz handelt", bestätigt die Verantwortliche eines Holzunternehmens mit vierzig Angestellten. (…) All das geschieht im Prinzip vollkommen legal und kaum sichtbar, in Form einer Produktionsverlagerung vor Ort, bei der die Mobilisierung von ausländischen Arbeitskräften keine Probleme mit sich bringt, da die Arbeitnehmer sich nicht dauerhaft in den betroffenen Regionen ansiedeln.


Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die französischen Behörden, sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene und die Experten, die sich mit dem Dossier befasst haben, realisieren, dass das Projekt von E. On ein Wahnwitz ist. Bei einer Anhörung im Senat im Oktober 2013, stellte Pierre-Marie Abadie, Direktor des Bereichs Energie im Ministerium für Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Energie fest: «Wir bestehen auf eine Hierarchie in der Nutzung des Waldes: vom Bauholz bis zum Brennholz für die Wärmeproduktion und für Blockheizkraftwerke, jedoch nie ausschließlich für die Stromerzeugung. Im Dossier von Gardanne wird das jedoch nicht berücksichtigt. Die reine produzierte Elektrizität stellt nur 35% der verwendeten Gesamtenergie dar. Das ist eine riesige Energieverschwendung - ein Desaster! Wenn Strom produziert werden soll, muss ein Blockheizkraftwerk gebaut werden.»


Trotz dieser offensichtlichen Ausführungen wagt es niemand zu handeln. Der Staat zögert sicher-lich, dieses irre Projekt in Frage zu stellen, denn das deutsche Unternehmen hat bereits ungefähr 200 Millionen Euro in das Projekt Gardanne investiert. Doch angesichts der langfristigen Kosten (ausufernde öffentliche Förderungen, Umweltverschmutzung, Gefährdung der Gesundheit, Zerstörung von Ökosystemen, massive Einfuhren…) wäre es höchste Zeit, diesem Albtraum ein Ende zu setzen. Nicht zuletzt durch den am 29. November 2013 eingereichten juristischen Rekurs könnte sich der Staat gezwungen sehen, dies zu tun.4


1. Siehe Artikel: Der Wald soll verbrannt werden, Archipel nr.  220, Nov.2013.
2. Es handelt sich um den regionalen Naturpark des Luberon in der Haut- Provence, zwei Gemeindeverbände (Forcalquier – Montagne de Lure und die Umgebung von Banon) und zwei Wald-Chartas (Luberon und Lure).
3. Ein zweites Megakraftwerk, in Brignoles (Region Var), wurde 2011 von der Regierung bewilligt. Es wird 150.000 Tonnen Biomasse benötigen!4. Der Rekurs war von France Nature Environnement 13, Les Amis de la Terre 13, Gonvergence Ecologique du Pays de Gardanne und Jean-Luc Debard eingereicht worden.

verfasst von Nicholas Bell EBF, Frankreich,  19.02.2014, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 223 (02/2014)

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