FRANKREICH: Es war im August 2005?
ute

Um den Wahnsinn der Epoche zu ermessen und ein wenig Abstand zu gewinnen, male ich mir manchmal aus, dass ich, auf der Bettkante sitzend, einer zukünftigen Enkelin diese Zeit beschreiben würde. Ich beginne dann mit: „Es war im …“, um mich zu zwingen, Stück für Stück, Seite für Seite einer Reihe von Ereignissen, Praktiken, aufschlußreichen Bestimmungen zusammenzufügen. Wenn ich ihr von unserem Verhältnis zum Wasser erzählte, würde ich wahrscheinlich von diesem Jahr sprechen und könnte etwa so beginnen:



Es war im August 2005, einer verworrenen Zeit geprägt von Teilnahmslosigkeit und Ungewissheit. Einer Zeit, da man sich irreleiten ließ. Die höchst zivilisierten Völker wussten nicht mehr wirklich, worauf ihr Leben beruhte. Sie verbrannten, was sie hätten bewahren müssen, das, was sie bestimmte, was sie verband und was in ihren eigenen Adern floss. Sie wussten Bescheid, gut sogar. Sie wussten alles über alles. Überall wurde informiert mit großem Getöse, in das sich der Lärm der Konflikte, der Gesänge, der Hymnen, der Werbung und der Photos von Hungersnöten mischte und in dem Alarmsignale und Analysen untergingen. Es hieß, dass alles „krachen“ würde, und es hieß weiter: „Frontal gegen die Wand, den Fuß auf dem Gaspedal.“


Im August 2005 erlebte Frankreich die größte Dürreperiode seit 1976. Im Süden, auf dem Gipfel des Aigoual, war es die größte seit 110 Jahren. Wie Experten meinten, würden solche Perioden vermehrt auftreten aufgrund der klimatischen Veränderungen. Wir mussten unsere Verhaltensweisen ändern. Das war gut zu verstehen in all dem Lärm. Die Stiftung eines freundlichen Fernseh-Conferenciers1 bezahlte für enorme Plakatwände überall im Land.


Darauf konnte man lesen: „Eine Maschine halbleer laufen lassen zerstört den Planeten“ oder „Ein Bad nehmen statt einer Dusche zerstört den Planeten“. Zudem konnte man da den Körper eines toten Panthers aus einer Waschmaschine kommen sehen, dort den Kadaver eines Affen in einer Badewanne. Die Werbeagentur, die für ihn die Plakate produzierte, die auch für große Automarken, sprudelnde Getränke und modische Schuhe wirbt, meinte: „Wir sensibilisieren die Öffentlichkeit mit Bildern, die Schuldgefühle wekken können. Aber wir bieten auch Lösungen, die erlauben, zu handeln2.“ Welche Lösungen?


In siebenundsechzig Departements wurden aufgrund der Trockenheit durch Erlass der Präfektur Maßnahmen zur Beschränkung des Wasserverbrauchs ergriffen, in einundzwanzig wurde die Situation als „besorgniserregend“ eingeschätzt. Es war nicht mehr erlaubt, den Garten zu gießen und das Auto vor der Haustür zu waschen. Die es dennoch taten, riskierten ein Bußgeld von 1500 Euro (damals lag das durchschnittliche Monatsgehalt bei 1400 Euro). Wie viele andere Aspekte des Lebens dieser Zeit (Gesundheit, Bildung, Sexualität, Ernährung) war das Verhalten in Beziehung zum Wasser von Angst bestimmt: Angst vor Dürre, Angst vor Mangel, Angst vor Bußgeld, aber auch Angst vor terroristischen Attacken. Seit den Attentaten von London ist unser Land in die „rote“ Phase des Plans Vigipirate (etwa: Piratenwacht) eingetreten: Die Regierung legte Wasservorräte an.


Seit mehreren Jahren schon fordern uns Nichtregierungsorganisationen und Behörden der Regierung auf, Wasser zu sparen. Solche strikten Anweisungen waren gerechtfertigt durch den Fakt, dass mehr als eineinhalb Milliarden Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser hatten. Man verstand damals nicht, warum man auf Wasser verzichten sollte, konnte man davon doch nichts den Völkern des Südens abgeben, aber mit der Dürre rückte die Bedrohung näher. Jetzt waren unsere Gärten betroffen. Da wurde gespart.


Zur gleichen Zeit konnte man immense Sonnenblumen- und Maisfelder sehen, die ohne Unterlass in der glühenden Nachmittagssonne beregnet wurden. Eine Verbraucherschutzorganisation3 prangerte die schädliche Wirkung der Bewässerung an, indem sie zeigte, dass „die Zonen der Dürre mit denen der landwirtschaftlichen Bewässerung verschmelzen.“ In der Tat lag der Anteil der Bewässerung bei bis zu 90 Prozent des Gesamtverbrauchs von Wasser. Die Verbraucherorganisation UFC-Que choisir stellte die Entscheidungen von „auffällig eng mit lokalen ökonomischen Interessen verbundenen“ Wasserbehörden infrage, indem sie auf den Fakt pochte, dass diese Behörden die Bewässerung in den von Trockenheit am meisten betroffenen Gebieten am geringsten besteuerten. Selbst wenn der Anbau etwas gedrosselt wurde, die wasserverschlingenden Maiskulturen (450 Liter Wasser sind nötig für die Produktion von 1 Kilo Mais) blühten weiter in den von Restriktionen betroffenen Gebieten. Nach Angaben der Verbraucherorganisation gestattete die Bewässerung den Agronomen eine Steigerung ihrer Gewinne um 20 Prozent „dank der Subventionen aus der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik und dank der merklich höheren landwirtschaftlichen Erträge.“ Im Südwesten zum Beispiel machten die Gebühren für den Wasserverbrauch nur ein Prozent der Gesamtkosten für Bewässerung aus. Also wurde weiter massiv bewässert.


Das Autowaschen vor der Haustür wurde unterdrückt, aber die Waschanlagen vom Typ Eléphant bleu funktionierten weiter, auch in praller Sonne. Es war erlaubt, sein Auto in diesen Anlagen zu waschen. Tatsächlich hatte man keine Wahl. Die Marke unterstellte: „Autowaschen in einem Waschcenter Eléphant bleu ist zu einem Akt bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins geworden.“


Sie lud also die Autofahrer dazu ein, „verantwortlich waschende Bürger“ zu werden. Gemäß diesem Signet der Nachhaltigkeit „ist die am meisten umweltschädigende und am meisten Wasser verschwendende Form der Autowäsche die vor der Haustür; 52,2 Prozent der Autofahrer praktizieren sie noch immer, trotz abnehmender Tendenz in den letzten Jahren4. Das war die Zeit, da man zugleich umweltschädigend und „nachhaltig“ sein konnte. Agronomen, Industrielle, die schlimmsten Räuber gaben sich einen grünen Anstrich. Jeder war ein guter Bürger und jeder hatte irgendein „nachhaltiges“ Benehmen vorzuweisen. Wie in dem Lied meiner Kindheit war es das „fröhliche Land der netten Monster.“


Niedergedrückt von der Hitze konnten die Touristen auf den neuerdings mit Zerstäubern ausgestatteten Terrassen einen Trank nehmen. Das Prinzip dieser sich häufenden Apparate bestand darin, aus einem unter den Tischen verlaufenden Schlauch feinst zerstäubtes Wasser mit so hohem Druck entweichen zu lassen, dass ein Nebel entsteht, der die Temperatur sinken lässt, ohne nass zu machen. Während der Nachmittage, bei mehr als 30 Grad im Schatten, spieen diese Apparate kontinuierlich Wasser. Einzig festgestellter Nachteil war, dass bestimmte Personen zu Löckchenbildung neigten …


Keinerlei Kritik wurde laut am Wasserverbrauch, oder besser, am Wasserverlust. Im Gegenteil. Man plante im August 2005, öffentliche Räume mit diesen Zerstäubern auszustatten, angeboten als Lösung für die damals immer öfter umgesetzten Aktionspläne gegen die Gluthitze. So waren Pariser Strände ebenso damit ausgestattet, wie das Projekt zur Gestaltung der Rhône-Ufer in Lyon. In dem letztgenannten Projekt sollten, nach Konsultation der Bevölkerung, die Zerstäuber aufgestellt werden, weil, „nicht direkt von der Rhône zu profitieren, wäre als Frustration erlebt worden.“ Diese würden also erlauben, „die Präsenz von Wasser in das Projekt einzubringen.“ Außerdem, so wird in dem Projekt präzisiert, „ist es von Bedeutung, an ein nicht zu vernachlässigendes Element zu erinnern: Das Bad in der Rhône ist wegen Gefahr verboten5.“


Andere schreiende Ungereimtheiten, am Rande der Absurdität, wurden verschwiegen. In Alès zum Beispiel wurden nachts im Stadtzentrum die Rasen der Verkehrsinseln dermaßen beregnet, dass das Wasser die Straßen hinunterlief, funktionierten die Springbrunnen trotz Verbot durch die Präfektur, besprengte McDonalds seine Terrasse - während am Stadtrand die Kinder im Staub spielten: Nicht ein Wasserspritzer war übrig für ein Stadtviertel mit mehr als 2200 Einwohnern.


Dieser Wahnsinn, diese Schizophrenie charakterisierte die Beziehung, die wir zum Wasser hatten. Man hätte natürlich auch von einer einfacheren und stilleren Beziehung träumen können. Mich verblüffte damals, wie schwierig es war, darüber mit anderen zu reden. Ich hatte Gelegenheit, während der Reise in einem klimatisierten Allrad-Geländewagen über die Klimaveränderungen zu diskutieren oder über die Dürreperiode am Rande eines mit Brom gereinigten Swimmingpools. Jedesmal waren meine Gesprächspartner sehr besorgt und aufgeschlossen.


Eng ineinander verkeilt saßen wir in der Tinte, und die war grau.


Jean-Philippe Joseph


Alès, 15.8.05


 


1. Die bedeutendsten Begründer dieser Stiftung waren EDF, L’Oreal, Marque Repère und TF 1


2. Zitat von Anne de Maupeou, Direktorin für Entwicklung bei CLM BBDO. Aus den Präsentationsunterlagen der Kampagne „Herausforderung für die Erde“ der Nicolas-Hulot-Stiftung


3. Que choisir? brandmarkt die Absurditäten bei den Wasserpreisen für Bewässerung, 9. August 2005 (AFP)


4. Auszug aus „Eléphant bleu - Signet der Nachhaltigkeit“, Pressemitteilung, Mai 2004


5. „Ufer der Rhône“, ein gemeinsames Projekt


http://www.grandlyon.com

verfasst von Jean-Philippe Joseph,  12.09.2005, eingestellt von ute
Thema im Archipel 130 (09/2005)
Tags: FRANKREICH
Kommentare zu diesem Artikel
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 130 (09/2005)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Home - Themen - Archipel - Über das forumcivique - Shop - Mitmachen - Spenden

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo