FRANKREICH: ITER oder die Fabrik des Absoluten
ute

Am 28. Juni 2005 beschlossen die Großmächte (Europäische Union, USA, Japan, Südkorea, Russische Föderation, China und Indien), dass das Projekt ITER 1 in Cadarache in Südfrankreich angesiedelt würde.



Am 26. Januar 2006 störten Atomkraftgegner die erste einer Reihe von öffentlichen Debatten zu diesem Thema in Aix-en-Provence. Dem Sprecher der Vereinigung «Sortir du nucléaire» (in etwa: «Weg von der Atomkraft!») zufolge ist die öffentliche Debatte über ITER eine Farce, weil alle wichtigen Entscheidungen bereits getroffen sind. Wir beginnen in dieser Nummer eine Reihe von Artikeln über dieses Projekt.


Während langer Zeit haben Wissenschaftler versucht, ein Perpetuum mobile zu bauen, das heisst eine Maschine, die sich bewegt, ohne dafür Energie zu verbrauchen. Manche glaubten sogar, diese könne aus dem Nichts heraus Energie produzieren. Im 19. Jahrhundert, nach der Erfindung der Dampfmaschine, entdeckte Sadi Carnot das Prinzip der Thermodynamik. Er bewies, dass jede Dauerbewegung eine physikalische Unmöglichkeit ist. Erstes Prinzip: Innerhalb jedes Systems oder jeder Maschine wird Energie konserviert, ihre Menge bleibt konstant, das heisst, dass nicht mehr Energie produziert als verbraucht werden kann. Zweites Prinzip: Innerhalb jedes Systems oder jeder Maschine wird Energie umgewandelt, ein Teil geht dabei verloren. Sie geht spontan von konzentrierten Formen in diffusere, unorganisiertere Formen über (Reibung, Lecks, Hitzeverlust etc.). Der Wirkungsgrad ist das Verhältnis zwischen dem Energieaufwand und der tatsächlich geleisteten Arbeit. Die Entropie misst die Tendenz der nützlichen Energie, in verlorene Energie überzugehen. Albert Einstein zeigte im 20. Jahrhundert die Beziehung zwischen Materie und Energie auf (die berühmte Formel E=mc2). Seither glauben die Physiker wieder, sie könnten aus dem Nichts oder fast Nichts heraus Energie produzieren. Diese Wissenschaftler haben offenbar immer noch nicht begriffen, was Entropie bedeutet. Letztere hat jedoch gewisse Wirkungen, und eben nicht nur im abstrakten und konzeptuellen Bereich der Physik.


Energie ohne Ende?


Die Forschung über die Atombombe stellt zweifellos den Ursprung der Atomindustrie dar und letztere wiederum ermöglicht die Herstellung und den Unterhalt von Atomwaffen. Während des Zweiten Weltkriegs führte die Existenz von totalitären Regimes und der Kampf gegen deren Hegemonie zu einem zügellosen Machtkampf zwischen den grossen Industrienationen. Von politischer Macht, welche durch die Mobilisierung der Massen für gewisse, sehr fragwürdige Ideologien erreicht wurde, gingen die Staaten zu einer unbestimmten Akkumulierung von wirtschaftlicher und technologischer Macht über. Dies führte sofort zu Terror, Auslöschung ganzer Bevölkerungen und zu intensiver Ausbeutung von Mensch und Natur. So beendeten die Nationen der «freien Welt», welche sich zuvor über die Zerstörung von Guernica durch die deutsche Luftwaffe entsetzt hatten, den Krieg, indem sie ganze Städte in Deutschland und in Japan von der Landkarte fegten. Von da an wurden politische Fragen und soziale Probleme immer mehr von der technischen Seite und im Hinblick auf wirtschaftliche Effizienz angegangen. Sofort nach den Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki versprach die auf Kernspaltung beruhende Nuklearindustrie einen billigen und völlig ungefährlichen Überfluss an Energie. Die Erfinder der Wasserstoffbombe - vielleicht, um die Abscheulichkeit ihres Tuns vergessen zu machen - sagten das Gelingen der thermonuklearen Fusion für in 50 Jahren voraus, also für heute, und Energie in uneingeschränkter Menge, kostenlos, sauber und noch ungefährlicher. Die Menschheit würde also von Fortschritt zu Fortschritt eilen, hinein in eine strahlende Zukunft. Man kann sich heute nur noch schwer den technologisch-wissenschaftlichen Enthusiasmus vorstellen, der nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte und der vom Beginn des Kalten Krieges nur ganz wenig gedämpft wurde. Man muss nur die Ausgaben einer Zeitschrift wie Sciences & Vie (Wissenschaft und Leben) aus den 1950er Jahren durchblättern, um sich davon zu überzeugen. Die Nummer 486 aus dem Jahre 1958 zum Beispiel macht ihren Lesern die wahnwitzigsten Perspektiven einer Klimaveränderung oder die Terrassierung von Bergen mit Hilfe von Atombomben schmackhaft, ohne den geringsten Ansatz von Kritik und mit einer unglaublichen Geringschätzung gegenüber dem Leben. In derselben Nummer kann man von einem Unfall in dem englischen Atomkraftwerk Windscale lesen, (das vor 20 Jahren in Sellafield umbenannt wurde, um die Erinnerung daran auszulöschen), bei dem die radioaktiven Emissionen die Bevölkerung und die Tiere der Umgebung kontaminiert hatten. Doch der Journalist geht über diese Details hinweg, um sofort vom Versuch zu schwärmen, Tritium für die Nuklearfusion herzustellen, welche uns Überfluss und Glückseligkeit bringen würde.


Radioaktive Abfälle


Nach über 50 Jahren sehen wir nun die Ergebnisse der Verheissungen von damals. Wie konnte man nur glauben, dass man alles für nichts haben könnte? Jeder Energieverbrauch führt zu Entropie, das heisst, dass sich ein Teil der für einen bestimmten Zweck produzierten Energie auf unkrontrollierbare Weise verflüchtigt. So gibt es neben der für positive Zwecke eingesetzten Energie – wie für die Produktion von Elektrizität – einen proportional wohl geringeren, aber in absoluten Werten ebenso bedeutenden Teil, der negative Folgen hat und Schaden anrichtet. Auf Grund welchen Wunders oder welcher übernatürlichen Kräfte sollte ausgerechnet die Atomindustrie sich dem zweiten Prinzip der Thermodynamik entziehen können? Nach 50 Jahren Atomversuchen in der Atmosphäre, verschiedenen Unfällen «ohne schwerwiegende Folgen», der Ansammlung von radioaktiven Abfällen und einer Katastrophe wie derjenigen von Tschernobyl, ist die Radioaktivität doppelt so hoch wie die natürliche Radioaktivität vor der Nuklearära. In 50 Jahren hat sich langlebiger Atommüll akkumuliert. Die Befürworter der Atomenergie relativieren die Gefahren mit dem Argument, dass es weit mehr Todesopfer aufgrund von Autounfällen gäbe und dass das Auto dennoch nicht mehr Angst oder Kritik bei der Bevölkerung hervorriefe. Um solche Argumente unserer-seits zu relativieren, erinnern wir daran, dass das Plutonium, von dem ein Atomreaktor etwa 3 kg pro Jahr produziert und das zur Herstellung der Wasserstoffbombe dient, eines der gefährlichsten Elemente ist, die es gibt, und dass sein halbes Leben (die Zeit, die es braucht, um die Hälfte seiner Radioaktivität zu verlieren) 24.000 Jahre beträgt. Die zukünftigen Generationen werden mit dieser Radioaktivität umgehen und die Krebsarten bekämpfen müssen, die durch sie verursacht werden. Noch nie war eine Zivilisation imstande, die Zukunft derart mit Hypotheken zu belasten und in so kurzer Zeit: Nur ca. 50 Jahre Produktion von Elektrizität gegen eine Ewigkeit radioaktiver Abfälle. Offenbar ist die Entropie schlussend-lich das Hauptprodukt dieser Industrie! Trotz alledem geistert das Gespenst vom nuklearen Perpetuum mobile weiterhin in den Köpfen der Wissenschaftler herum; Beweis dafür ist das Projekt ITER.


Die Quadratur des Kreises


Wie die gesamte Nuklearindustrie ist auch ITER eine Maschine zur Herstellung des Absoluten. Die Forscher und Techniker arbeiten an absoluten physikalischen Konzepten, die theoretisch alles möglich machen. Dieses Streben nach operationellem Wissen ist die neueste Ausdrucksform des Strebens nach Allmacht. Sie wollen die Grundlagen der Funktionsweise des Universums beherrschen, um mit seinen Gesetzen nach Belieben umzugehen und endlich die Stelle des Schöpfers und Beherrschers dieses Universums einzunehmen. Mit Hilfe dieser Maschinen suchen die Ingenieure nach dem Stein der Weisen der Physik, um Materie in pure Energie zu verwandeln. Wir kennen bereits die Folgen der Kernspaltung. Mit der Fusion geht es um nichts weniger, als auf der Erde die Bedingungen herzustellen, welche die nuklearen Reaktionen auf der Sonne auslösen.Es müssen intensive Magnetfelder geschaffen werden, um das Plasma zu fixieren, das heisst die Erhitzung des Tritiums auf extreme Temperaturen unter Hochdruck und gleichzeitig im Vakuum. Die starken Magneten, welche diese Fixierung ermöglichen, müssen selbst durch Flüssigkeiten nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Extreme, gegensätzliche Bedingungen aufrechtzuerhalten in Bezug auf Temperatur, Druck und elektrischer Polarisierung und noch dazu unter einem Neutronenregen, erfordert viel Energie. Diese Konzentrierung von Widersprüchen erinnert an die Suche nach der Quadratur des Kreises. Unglücklicherweise findet diese mystisch-technologische Forschung auf der Erde und nicht nur im Himmel der physikalischen Abstraktionen statt. Die Situation auf der Erde ist eine für die Physiker unbedeutende Quelle der Entropie, denn sie kennen nur ihren Himmel und leben nur dort - außer vielleicht zu den Mahlzeiten oder am Zahltag. Bewegungen wie «Sauvons la recherche!» (Rettet die Forschung!) unterstützen sie dabei, weil sie keinen Augenblick lang nach den reellen Folgen dieser Forschung auf die Gesellschaft fragen. Stellen wir uns einmal vor, ITER würde funktionieren, und wir hätten tatsächlich Energie im Überfluss für fast nichts und beinahe keine Abfälle, dass also alle Verheissungen der technologisch-wissenschaftlichen Propaganda in Erfüllung gingen. Dies wäre wohl die größte Katastrophe aller Zeiten. Es gäbe nichts Schlimmeres für die Zukunft der Menschen und das Leben auf der Erde.


Bertrand Louart*


Paris



* Autor und Herausgeber wissenschaftskritischer Schriften: «Notes et Morceaux choisis, bulletin critique des sciences, des technologies et de la société industrielle »,



1. ITER: Internationaler Thermonuklearer Experimentalreaktor. Dieser soll die Kernfusion ermöglichen - ein pharaonisches Projekt  für vorläufig


zwanzig  Jahre. Kostenpunkt: mindestens  zehn  Milliarden Euro. 



 


 


 

verfasst von Bertrand Louart* (Paris),  20.03.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 136 (03/2006)
Tags: FRANKREICH
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