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FRANKREICH: Kein Land in Sicht

«Camp de la honte» (Lager der Schande) wird das Flüchtlingscamp in Grande-Synthe im Norden Frankreichs genannt. Hier leben rund 3'000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Die Basler Gruppe «Rastplatz» kocht für sie und lebt mit ihnen im Camp.
Seit Jahren existieren rund um Calais (Frankreich) kleine Camps, in denen Menschen auf der Flucht Halt machen, bevor sie auf Lastwagen versteckt die illegale Einreise nach England wagen. Letzten Sommer haben sich die Lebensbedingungen in den Camps zugespitzt, da auch hier immer mehr Menschen ankommen. Während die Medien über das grösste Camp, den «Jungle» von Calais ausgiebig berichten, wurde das zweite grosse Camp im 40 Kilometer entfernten Grande-Synthe bisher wenig beachtet – trotz der prekären Bedingungen, unter denen die Menschen hier leben. Im Frühling 2015 zählte das Camp noch rund 80 Personen, im Januar 2016 waren es schon 3'000, darunter 250 Familien, zum Teil mit Babys und Kleinkindern. Täglich kommen ca. 50 neue Personen an, überwiegend sind es junge kurdische Männer, die vor den Kämpfen im Nordirak geflohen sind. Die Unterstützung für die Geflüchteten kommt bisher vor allem von privaten Initiativen. Die Gemeinde Grande-Synthe musste monatelang mit dem Innenministerium verhandeln, um die Erlaubnis für Verbesserungen zu erhalten. Nun plant sie ein neues Camp mit guter Infrastruktur. Bis dahin müssen die Menschen den Winter im aktuellen Camp aushalten.
Leben im Provisorium
Das Flüchtlingscamp liegt am Rande der Gemeinde Grande-Synthe in einem kleinen Wäldchen. Das nasse Wetter hat den Boden schon längst in Schlamm verwandelt. Mitte Januar ist der Boden an manchen Tagen gefroren, weil es nachts bis zu minus sechs Grad kalt wird. An anderen Tagen regnet es und man weiss nicht, wie sich gegen den allgegenwärtigen Dreck wehren. Wo es das Terrain zulässt, sind dünne Campingzelte eng nebeneinander aufgestellt. Wer Glück oder Beziehungen hat, ergattert Paletten, um sein Zelt etwas aus dem Schlamm zu heben. Im Camp existiert nur eine improvisierte, unzulängliche Infrastruktur: Sauberes Wasser zum Trinken und Waschen ist nur am Eingang zu finden. Hier stehen auch zwei Container mit Toiletten, die täglich geputzt werden. Die rund 15 toitoi-Toiletten etwas weiter hinten im Camp werden nur einmal wöchentlich gereinigt. Médecins sans Frontières betreibt einige Duschen, die es täglich ca. 250 Menschen ermöglichen, sich zu waschen. Ein neuralgischer Ort ist die Ladestation für Handys. Die meisten Menschen hier besitzen ein Smartphone, um mit ihrer Familie und ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. Die schwache Stromleitung im Camp ist allerdings oft stundenlang unterbrochen. Diese Infrastruktur ist völlig unzureichend und der französische Staat möchte diese katastrophalen Zustände offensichtlich nicht verbessern. Während die Gemeinde Grande-Synthe sich bemüht, wenigstens mehrmals wöchentlich den Abfall zu entsorgen und die Rattenepidemie mit Gift zu bekämpfen, verweigert die am Eingang postierte Polizei die Lieferung von dringend benötigten Zelten und Baumaterialien.
Traum England

Die Menschen im Camp nehmen die Situation bisher in Kauf, weil sie nach England weiterreisen möchten. Dass Frankreich sich nicht um das Camp kümmert, bietet ihnen auf fatalistische Weise eine Art Sicherheit, nicht hier registriert zu werden und in Grossbritannien Asyl beantragen zu können.
Abends herrscht jeweils Betriebsamkeit im Camp. Viele junge Männer machen sich mit Turnschuhen und Schlafsack auf den Weg nach Calais und anderen Häfen, um mit den Fähren die illegale Einreise nach Grossbritannien zu versuchen. Sie verstecken sich auf Lastwagen und hoffen, bei den Kontrollen der Grenzwache nicht entdeckt zu werden. Oft steigen sie auch in Kühl- und Gefriercontainer, weil diese anscheinend seltener kontrolliert werden. Damit riskieren sie aber ihr Leben. Ein Kurde erzählt, dass er mit vier anderen jungen Männern mehrere Stunden in einem Container bei minus 20 Grad ausgeharrt hatte, bis sie Angst bekamen zu erfrieren und ihr Klopfen an der Tür glücklicherweise gehört wurde. Immer wieder gibt es Unfälle oder Übergriffe von Polizei und Grenzwache. Morgens kommen die Menschen müde, manchmal durchnässt oder verletzt ins Camp zurück. Es wird jedoch erzählt, dass es täglich mehrere Personen schaffen, unentdeckt bis auf die britischen Inseln zu gelangen. Das motiviert die jungen Männer, jede Nacht wieder loszuziehen. Einer berichtet, er sei schon dreissig Mal in einem Lastwagen versteckt gewesen, aber nur einmal hätte er es bis zur letzten Grenzkontrolle geschafft. So harren die Leute mittlerweile monatelang im Camp aus. Manche sind erschöpft, aber sie wollen ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Oft sagen sie, dass in England Familienangehörige auf sie warten. Wahrscheinlich hat es auch mit dem Geld zu tun, dass sie an die Schlepper gezahlt haben, die fast alle Zugangsorte zu den Lastwagen kontrollieren. Es wird davon gesprochen, dass eine Einzelperson um die 6'000 Euro an die Schlepper zahlen muss.
Es scheint unvorstellbar, dass auch Familien die Überfahrt versuchen. Eine Frau erzählt, dass sie es gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter in einem nach oben offenen Lastwagen versucht habe. Nachher beurteilten sie es aber als zu gefährlich für ihre Tochter und der Mann habe es von da an allein versucht. Im Dezember hat er die Einreise nach England geschafft. Die Frau ist mit ihrer Tochter allein im Camp zurückgeblieben. Nun hofft sie, dass ihr Mann eine Möglichkeit findet, sie nachzuholen. Die Familie kommt aus dem umkämpften kurdischen Nordirak. Die Frau berichtet, dass auch ihre Eltern im Dezember aus ihrem Haus flüchten mussten, weil Daech und Peschmerga sich unweit davon bekämpften. Die Beweggründe für ihre Flucht sind einfach. Sie sagt: «Ich habe mein ganzes Leben Krieg erlebt. Für meine Tochter möchte ich etwas anderes.» Viele Menschen im Camp haben allen Besitz verkauft, um für die grossen Reisekosten nach Europa aufkommen zu können. Zurück in ihre zerstörte Heimat möchten sie nicht mehr. Und sie sind enttäuscht, dass sie in Frankreich festsitzen und die Chancen nach Grossbritannien zu gelangen, so gering sind. Manche sind auch in ihrer Würde verletzt durch die miserablen Bedingungen im Camp. Eine junge Frau sagt aufgebracht: «Wir werden hier schlimmer behandelt als Tiere.»
Private Initiativen
Tatsächlich sind die Zustände chaotisch. Die vielen privaten Initiativen reichen für die Versorgung der 3'000 Menschen nicht aus und sind zu wenig untereinander koordiniert, um das wirklich Wichtige verlässlich zur Verfügung zu stellen. In den letzten Jahren kümmerten sich regionale Organisationen um die Menschen. Seit die Anzahl der Geflüchteten aber so drastisch angestiegen ist, sind sie überfordert. Im Herbst sind Einzelpersonen und kleine Vereine aus Belgien und England eingesprungen. Mittlerweile gibt es ein grosses unübersichtliches Netz mit Helfenden aus verschiedenen europäischen Ländern, die in Eigeninitiative versuchen, die Menschen im Camp mit dem Nötigsten zu versorgen. Médecins sans Frontières (MSF) ist die einzige grosse Organisation, die vor Ort ist. Täglich untersucht ein Arzt Kranke und mehrere MSF-Teams besuchen die Menschen in ihren Zelten, um zu schauen, wie es ihnen geht. MSF sind übrigens empört über die Haltung des französischen Staates, wie sie auf ihrer Internetseite schreiben: «Die Menschen im Camp sind in Gefahr, leben unter prekären Zuständen und sind Minustemperaturen ausgesetzt. (...) Der Gemeindepräsident hat uns um Hilfe gebeten, als der Staat seine Unterstützung verweigerte, um die schlimmen Zustände im Camp zu verbessern. Wir sind nun gezwungen, für die Nachlässigkeit des Staats zu kompensieren».1 Neben dieser Organisation gibt es eine kleine englische Gruppe, die Notpakete ausgibt. Sie heisst Aid Box Convoi und kümmert sich auch um die Ausgabe von Decken, Zelten und Kleidern. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Ir_innen und Belgier_innen hilft den Flüchtlingen beim Aufbau der Zelte und der feuersicheren Installation von Öfen. Ein Engländer hat sich am Camp-Eingang mit einem alten Schulbus eingerichtet, den er in eine mobile Küche umgebaut hat. Er kocht dort täglich ca. 2'000 Portionen Reis mit Linsen oder Bohnen, sowie Porrigde. Er war Anfang Januar unverhofft aufgetaucht und unterstützt mit seiner Initiative die Küche der Schweizer Gruppe Rastplatz, die in der Mitte des Camps steht. In einer Hütte ist eine Schule eingerichtet, in der zwei Freiwillige aus Frankreich und England die Kinder betreuen. Zeitweise wird dort auch Englischunterricht für Erwachsene angeboten. Vor allem an den Wochenenden kommt jeweils sehr viel Hilfe ins Camp. Dann wird gebaut sowie Essen und Material gebracht. Gruppen aus Belgien und London kochen Fleischmahlzeiten. Diese individuelle Solidarität ist beeindruckend.
EBF unterstützt Rastplatz
Aktivist_innen vom EBF haben die Basler Gruppe Rastplatz2 im Januar und Februar unterstützt. Rastplatz hat seine mobile Küche in einem grossen Zelt eingerichtet. Schweizer Freiwillige kochen hier rund 1'500 warme Mahlzeiten pro Tag und geben Tee sowie heisse Milch aus. Hinter der Aktion Rastplatz stehen ein Dutzend Menschen aus Basel und Bern, die im Herbst beschlossen hatten, dort für die Flüchtlinge zu kochen, wo es am dringendsten nötig ist. Zunächst war die Gruppe einen Monat in Serbien und Kroatien unterwegs, um an der Flüchtlingsroute Essen auszugeben. Ihr Stand wurde anschliessend von anderen Gruppen weitergeführt. Einem dringenden Aufruf folgend, sind die Schweizer_innen am 7. Dezember ins Flüchtlingscamp Grande-Synthe gekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es hier keine zuverlässige, tägliche funktionierende Küche. Die Gruppe muss mit einfachster Infrastruktur auskommen - ohne fliessendes Wasser und mit einer unzuverlässigen Stromleitung. Die Küche ist auch ein sozialer Ort. Hier treffen sich hauptsächlich die jungen irakischen Kurden gerne. Es ist immerhin trocken und einige Grad wärmer als draussen. Hier können alle Campbewohner_in-nen Decken und Kleidung beziehen. Und nicht zuletzt ist es einer der wenigen Orte im Camp, wo Feuerlöscher sowie Verbandsmaterial vorhanden sind. Dass die Schweizer Freiwilligen nachts im Küchenzelt schlafen, rechnen ihnen die Menschen im Camp hoch an. Dennoch ist die nicht endende Notsituation emotional schwierig auszuhalten. Etwa wenn es in der Nacht sehr kalt wird und der Vorrat an Wolldecken bereits seit Mittag vergeben ist.
Neues Camp - gute Nachricht?
Anfang Januar hat die Gemeinde Grande-Synthe mit Médecins sans Frontières (MSF) beschlossen, ein neues provisorisches Camp für die Flüchtlinge zu bauen. Das französische Innenministerium hat zugesagt, das neue Camp zu tolerieren. Hier sollen beheizbare Zelte und eine Infrastruktur für 2'500 Menschen bereitgestellt werden. MSF möchte, dass die Flüchtlinge freiwillig in das neue Camp umziehen und dass es keine Zwangsräumung des aktuellen Orts gibt. Die Flüchtlinge haben allerdings Angst, im neuen Camp registriert zu werden und sprechen sich zurzeit gegen einen Umzug aus. Diese Angst ist berechtigt, da der französische Staat vor Kurzem im benachbarten Calais ein Camp mit biometrischer Kontrolle eröffnet hat, das von einem hohen Zaun umgeben ist.3 Zudem wird das neue Camp in Grande-Synthe erst am Ende des Winters bereitstehen, bis dahin möchte Frankreich verhindern, dass noch mehr Flüchtlinge nach Grande-Synthe kommen. Das bedeutet, dass der Staat die Bedingungen im aktuellen Camp absichtlich auf katastrophal tiefem Niveau hält. Doch diese perfide Strategie ändert nichts an der Tatsache, dass der Flüchtlingsstrom nach Europa anhält und in Grande-Synthe weiterhin Menschen ankommen werden. Grossbritannien schickt derweil seine Grenzwache ins Camp, um die Flüchtenden von ihrem Ziel abzubringen. Den Menschen auf der Flucht bleibt so nur die gefährliche illegale Einreise übrig.

 

1. Bericht von MSF zu ihrer Arbeit im Camp: www.msf.org/article/france-frequently-asked-questions-about-msfs-work-grande-synthe-camp.
2. https://www.facebook.com/rastplatz/  Rastplatz sammelt für seine Tätigkeit im Camp auch Spenden.
3. Ein guter französischer Artikel dazu auf dem Blog von mediapart: https://blogs.mediapart.fr/la-parisienne-liberee/blog/140116/les-containers-de-la-honte.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 246 (03/2016)

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