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FRANKREICH: Rettet den Acker!

Bei einer Demonstration am 28. März 2010 haben verschiedene Kollektive*, StädterInnen mit Spaten in der Hand, künftige Gärtner- oder GemüsebäuerInnen, Land in Dijon befreit. Obwohl das Wetter an diesem Tag schlecht, die Mondphase zur Bodenbearbeitung nicht die richtige war und die Umstellung der Uhrzeit anstand – alles Faktoren, um die potentiellen TeilnehmerInnen am Picknick zu entmutigen – kamen rund 200 Personen zu diesem Treffen.

In seiner Profitgier erfordert das dominante Landwirtschaftsmodell, das auf einer industriellen und produktivistischen Logik basiert, die massive Nutzung von Erdöl, Pestiziden, Düngemitteln und Verpackungsmaterial. Nahrungsmittel werden dafür über Tausende Kilometer transportiert. Bodenerosion und Verschmutzung des Wassers sind die Folgen. Und es führt zum Zerfall der sozialen Bindungen auf dem Lande und zur Landflucht, zu Ausbeutung und Misere von Millionen Papier- und Landlosen – in Europa und der ganzen Welt.
Diese weltweite Entwicklung verschärft nicht nur die soziale Ungleichheit, sie zerstört Umwelt und alles Lebendige – von den Feldern über die Samen bis zum Dünger, zum Vorteil der weltweiten Agroindustrie und ihrer Konzerne.
Die industrielle Landwirtschaft ist ein verheerender Teufelskreis: Die Fortschrittsmythen mit einer konservativen Mentalität, die staatlich in Gang gesetzte ökonomische Dampfwalze – ihr Angriff ist immer unerbittlich, selbst mit einem Öko-Mäntelchen. Überall auf der Welt kämpfen Millionen Kleinbauern darum, die Kontrolle über ihre Ressourcen zu behalten, ihre Familien ernähren zu können und nicht in den Slums der Megastädte zu landen. In Europa ist es der Landwirtschaftspolitik fast gelungen, die bäuerliche Landwirtschaft verschwinden zu lassen. Für Kleinbauern ist es fast unmöglich, von ihrer Landarbeit zu überleben sowie für die jungen Leute, sich als Bauern niederzulassen. Diese Politik hat es geschafft, die meisten von uns komplett abhängig zu machen, abzuschneiden vom nötige Wissen, den Räumen und Praktiken, die mit der Produktion unserer Nahrungsmittel verbunden sind.

In Dijon

GemüsebäuerInnen, BäuerInnen und städtische Vereine rund um Dijon prangern die Dominanz der konventionellen Landwirtschaft an und leisten Widerstand. Unterschiedliche Initiativen befassen sich mit verschiedenen institutionellen und politischen Hemmnissen,die sich vor allem negativ auf die Bioprojekte mit Direktvermarktung oder den Zugriff auf Land für Vereine auswirken. Schon mehr als 800 Personen sind auf der Warteliste der sechs AMAP-Vereine1 für Gemüsekisten erfasst, aber neue Strukturen nach diesem Modell können sich nicht entwickeln, wenn junge Gemüsebauern fehlen.
Täglich werden weltweit fruchtbare Böden betoniert, und die Gemüsegürtel rund um die Städte verschwinden zugunsten von Gewerbegebieten, Parkplätzen und Wohnhäusern. Dijon macht da keine Ausnahme: Die Ländereien rund um die Stadt gehören den Großproduzenten, der Gemüsegürtel liegt brach oder ist asphaltiert; die Kleingärten, Orte von sozialen Gemeinschaften und sinnvoller Beschäftigung, sind dabei zu verschwinden, obwohl sie sehr begehrt sind. Wir wollen heute wieder Gemüseanbaugebiete inmitten und an der Peripherie der Städte erstehen lassen. Man redet  ständig von Öko-Quartieren, doch hinter dem hohlen Geschwätz für ein grünes Image verbirgt sich eine klinisch reine, sterile «Öko-Realität». Wir wollen Land, auf dem sich landwirtschaftliche Projekte für die Bauern, die sich niederlassen wollen, entwickeln können sowie für Gärten, die es den Städtern ermöglichen, einen Teil ihrer Nahrung anzubauen.
Die Initiativen, die brachliegendes oder betoniertes Land retten und an ihrer Stelle kollektive Gärten errichten wollen, schaffen damit die Basis für eine andere Landwirtschaft – lokal, direkt, bio. Sie hinterfragen die Produktionsweise und die Trennung in Produzent und Konsument. Da die Nahrung ein Grundbedürfnis ist; da es eine Voraussetzung für emanzipatorische, soziale Projekte ist, der Agroindustrie die Nahrungsmittelproduktion zu entreißen. Wir wollen den Boden retten, da wir unsere Ideen in die Praxis umsetzen und die lokalen Aktionen mit den globalen verbinden wollen.Die Ablehnung der industriellen Nahrung soll weder zur Akzeptanz von Biofutter, erzeugt unter Plastik führen, noch zu den unerschwinglichen Preisen im High-Tech- Bereich der Supermärkte.

Die Aktion vom 28. März

Zunächst gab es einige einführende Redebeiträge. Ein Vertreter von AMAP aus Plombières hob die steigende Nachfrage nach Gemüsekisten hervor sowie die Notwendigkeit, dass Boden für die Projekte der lokalen Bauern zur Verfügung gestellt werde. Ein Gemüsebauer, Mitglied der Confédération Paysanne2, erinnerte an die Kämpfe, die seine Gewerkschaft zu dieser Problematik geführt hat und erzählte tief bewegt, dass er und seine Lebensgefährtin vor 10 Jahren sehr gute Parzellen verlassen mussten, die bis heute durch ein fragliches städtebauliches Projekt blockiert sind und seither brachliegen. Eine Aktivistin von Terre de Liens3 hat über Initiativen kollektiver Hilfe gesprochen, die ihr Verein entwickelt hat, um an Land zu kommen; während die Landwirte des Netzes Reclaim the Fields4 aus Mayenne, dem Ardèche oder aus Morbihan die Richtigkeit einer solchen Aktion in der Stadt und auf dem Lande bekräftigt haben. Sie wiesen darauf hin, dass es notwendig ist, eine neue Bauernschaft zu entwickeln, um aus der Sackgasse der industriellen Landwirtschaft herauszukommen.
Zum Sound einer internationalistischen Batucada5 führte die Demo durch die Parkalleen und wandte sich direkt dem (geheimen) Ziel zu – mit Schubkarren voller kleiner Pflanzen und einigen Dutzend Spaten, Hacken, Sensen und schwenkenden Heugabeln, die sie wie einen städtischen Bauernaufstand erscheinen ließ. Nach der Ankunft an der Ecke zur Phillipe Guignard-Straße stürzten sich alle DemonstrantInnen direkt auf die erste brachliegende Parzelle neben der Straße, um Meter für Meter das Feld, bedeckt mit Brombeerhecken, vorzubereiten. Nach einigen Stunden intensiver kollektiver Aufregung, dank der Verpflegung durch Food Not Bombs6, und unter den heißen Rhythmen der Batucada war ein guter Teil des Feldes bearbeitet und zur Einsaat bereit. Die wenigen Polizisten, die da waren, gaben sich erstaunlicherweise zufrieden mit Beobachten und Nörgeln.
Eine erste Gartenversammlung steckte weitere Termine ab, beriet die Verbreitung der Informationen, organisierte das Anlegen der Kulturen und die weitere Besetzung. Eine gute Anzahl Nachbarn kamen, um sich begeistert nach der Aktion zu erkundigen. Als sie gingen, versprachen sie, mit dem Spaten wieder zu kommen oder einige Prospekte zur Information im Quartier zu verteilen.
Vom nächsten Tag an machten der regionale Sender und die lokale Gerüchteküche die Besetzung bekannt. Die Nachricht breitete sich so schnell in der Stadt aus, dass einige Eigentümer, der Sachbearbeiter für Stadtplanung vom Rathaus, begleitet von der Polizei, schon am gleichen Morgen zum Ort des Geschehens kamen, um die Untat festzustellen.
Diese kleinen Unannehmlichkeiten haben die LandbereiterInnen und Gartenlehrlinge nicht entmutigen können, und wir rechnen sehr damit, das Land zu behalten. Nur das Wetter – eine ganze Woche Regen nach der Besetzung – bremste die Begeisterung vorläufig etwas, es zwang uns, die Umpflanzung der 2000 Pflanzen, die wir einige Wochen vor der Demonstration vorbereitet hatten, später vorzunehmen. Glücklicherweise zeigt sich das Wetter seither milder, und wir stürzen uns mit Kopf, Herz und Hand in unsere Gartenutopie! Die Umpflanzungen laufen, und zahlreiche Samen von Tomaten, Auberginen, Kürbissen, Salat, Zucchini und anderem Gemüse waren vorbereitet. Sie keimten in der «Gewächshaus-Garage» der «Villa», der Garten-Festung, ein seit Februar besetztes und repariertes Haus.
Der Frühling streckt seine Nasenspitze heraus, und mit ihm nimmt das Leben seinen Lauf, die Vegetation schlägt aus und die Larven schlüpfen: lauter Gründe, um weiter zu kämpfen und zu gärtnern. In Erwartung eines juristischen oder politischen Angriffs nimmt sich das Gemüse sein Recht, wieder im ehemaligen Gemüseanbau-Quartier zu wachsen. An diesem Tag wurde folgendes Flugblatt verteilt, das seither in Dijon den Kontext und die Ziele der Aktion «Rettet den Acker» erklärt und andeutet, welche Form die Aktion weiterhin annehmen kann, besonders durch das Errichten kollektiver Gärten:

Das Flugblatt

Diese schöne, verschlafene Parzelle ist ein Teil von mehreren Hektaren ehemaligem Land für Gemüseanbau mit einem großen landwirtschaftlichen Potential («schwarze, tiefgründige Erde, Schlickboden, sandig, voll Humus, perfekt für Gemüseanbau», sagen die Kenner).
Diese Hektaren wurden schrittweise während dutzenden von Jahren der Verwilderung überlassen. Dieses Land, gelegen im Schlachthof-Quartier, entlang der Philippe Guignard-Straße, ist Objekt eines Stadtplanungsprojektes unter der Verantwortung des Rathauses von Dijon. Auf mehr als 20 Hektaren soll ein neues Wohnquartier entstehen. Einige Hektaren wurden vom Rathaus schon gekauft, andere, auf denen es das Vorkaufsrecht hat, sind in Erwartung eines Käufers «eingefroren». Sie können noch Jahre brachliegen. Der lokale Plan des Stadtentwicklungsamtes weist einen Teil dieses Bodens für lokalen Gemüseanbau in der Randzone oder für Gärten aus. In Wirklichkeit scheint man dem Beton den Vorrang zu lassen. Jenseits offizieller Versprechen, die sich oft als Lügen herausstellen, wollten wir zeigen, dass es möglich ist, von jetzt an einen Teil dieses Bodens zu kultivieren.
Mit dieser Besetzung wollen wir zeigen, dass es schönen, guten und verfügbaren Boden in den Randzonen gibt für lokalen Biogemüseanbau – ob auf diesem oder anderen Böden - und dass die Nachfrage danach groß ist.
Wir schlagen vor, nach der Besetzung an diesem Sonntag, auf diesen Parzellen kollektive Gartenprojekte einzurichten, breit und offen für alle, die sich ein Stück Garten in der Stadt wünschen, um einen Teil ihrer Nahrung zu produzieren und zu lernen. Sie sollen auch offen sein für Bauern, die zwar noch kein Land haben, aber Nägel mit Köpfen machen wollen. Sie können von der Unterstützung durch die anderen profitieren und ihr Wissen mit ihnen teilen. Wir wollen es so einrichten, dass eine breite Zone des in Frage kommenden Terrains wirklich eine Gemüseanbau- und Gartenzone bleibt und nicht zubetoniert wird.
Die heutige Besetzung ist der Beginn eines Abenteuers: Seine Dynamik und seine Organisationsformen sind kollektiv zu erforschen, zu experimentieren und unsere Erfahrungen sind im Laufe der Zeit an alle interessierten Personen weiter zu geben.
Vorschläge zu Werkstätten, Erfahrungsaustausch, Spielen, Diskussionen, Mahlzeiten und anderen gemeinsamen Momenten vor Ort sind willkommen.
Für den Zugriff auf Land und Nahrungsautonomie!
Für das gemeinsame Schaffen einer Basis für eine Bio-Landwirtschaft, lokal und direkt!
Für die kollektive Emanzipation vom produktivistischen Industriemodell!
Für den Zugang zu Land in den ländlichen Gebieten und Randzonen: Retten wir den Acker!

2. Französische Kleinbauerngewerkschaft, Mitglied der Coordination paysanne européenne und von Via Campesina (confederationpaysanne.fr).
3. Französischer Verein, der unter anderem zum Ziel hat, die Landwirte beim Erwerb von Boden zu unterstützen. Terre de Liens schlägt vor, die Beziehung zur Erde, zur Landwirtschaft, zur Nahrung und zur Natur zu ändern, in dem man das Verhältnis zum Landbesitz ändert (www.terredeliens.org).
4. Das Ziel des Netzes ist es, Leute zu ermutigen, im ländlichen Raum zu bleiben oder zurückzukehren (www.reclaimthefields.org). Der Name ist inspiriert von einer Gruppe der direkten Aktion (Reclaim the streets), die in den 1990er Jahren gegen die Privatisierung des öffentlichen Raumes kämpften, in dem sie Straßenfeste mit überraschenden Aktionen, überschäumend von Fantasie und Humor, organisierten.
5. Trommelensembles, ursprünglich aus Brasilien, werden seit den 1990er Jahren bei Demonstrationen und Gegengipfeln eingesetzt.
6. «Nahrung statt Bomben» ist eine Basisorganisation, die Nahrung autonom und gratis umverteilt. Heute existieren Hunderte Kollektive auf der ganzen Welt.
1. Die AMAP-Vereine sind für den Fortbestand einer bäuerlichen Landwirtschaft. Das Prinzip ist der direkte Kontakt zwischen einem Bauern und mehreren Konsumenten, die Produkte zu einem gerechten Preis kaufen und vorab bezahlen (www.reseau-amap.org).
* Confédération Paysanne  (lokaler Kleinbauernverband), junge Landwirte der Region, das europäische Netzwerk Reclaim The Fields, der Umweltverein von Plombières, der Verein KIR, die selbstverwalteten «Tanneries», die Freiwilligen Schnitter, Nahrung Statt Bomben Dijon, Anarchogruppe Dijon.


 07.06.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 182 (05/2010)

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